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Full text of "Der Brief and Diognetos: Nebst Beiträgen zur Geschichte des Lebens und der Schriften des ..."

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DEK 



BRIEF AN DIOGNETO^ 



NEBST 



BEITRÄGEN ZUR GESCHICHTE DES LEBENS UND 

DEE SCHRIFTEN DES 

GREöOBIOjS VON NEOCAESAREA. 



VON 



Db. JOHANNES DRÄSEIKE. 




yEBI/A<^ 



LEIPZIG 

VON JOHANN AMBBOSIUS BARTH. 
1881. 



Verlag von Joh. Ambr. Barth in Leipzig. 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. 



J 



ahrbücher für protestantische Theologie herausgegeben von 
D. Hase, D. Lipsius, D. Pfleiderer, D. Schrader. Seit 1875 
erscheinend. Jährlich ein Band von ca. 750 Seiten, ixi 
4 Heften. Preis 15 M. 

Ein vollständiges Verzeichniss des reichen Inhalts der ersten 6 ^Bäncie 
wird auf Wunsch gratis mitgetheilt; auch kann der VI. Band (Jahrgl 1880) 
zur Ansicht bezogen werden. 

S0^ Neu eintretende Abonnenten erhalten die Bände I — VI zixsairL- 
men zur Hälfte des gewöhnlichen Preises, also zu 45 Mark Baarzahlung bis 
zur Erschöpfung eines bestimmten Vorraths. — Einzelne Bände nur ^ 
15 Mark. 



L 



I PS I U S, B. A., Die Quellen der ältesten Ketzergeschichte 

neu untersucht. 258 Seiten. 8. 1875. Preis 5 M. 60 Pf. 



RÖSCH, G., Die Königin von Saba als Königin Bilqis. :Bine 
Studie. 52 Seiten. 8. 1880. Preis 2 M. 

Aus den Jahrb. f. prot. Theol. in kiemer Anzahl besonders abgedruckt. 



WIEDEMANN, Dr. A, Geschichte Aegyptens vonPsamme- 
tich I. bis auf Alexander den Grossen. Nebst eingehender 
Kritik der Quellen zur ägyptischen Geschichte. 320 Seiten. 
8. 1880. Preis 6 M. 



BIRCH, Andr.y Auctarium codicis Apocryphi Novi Test. 
Fabriciani continens plura inedita, alia ad fid. codd. mss. 
emendatius expressa. Fase. I (unicus). 8^\ LXX 307 na«'. 



Havniae 1804. M. 4. 50. 



SCHÖLTEN, J. A., Der Apostel Johannes in Kleinasien 
historisch-kiitische Untersuchung. Aus d. Holland über- 
setzt von B. Spiegel. 8^. 135 Seit. 1872. M 1 80 



TZSCHIRNER, HG., Der Fall des Heidenthums heraus^ 
V. C. W. Niednep. Erster (einziger) bS Su4Tf 
fto 1Q9Q /.^o4-+ Q M ßO^ MA^^ **'^^^- t>18 beiten. 



8». 1829. (statt 9 M. 60) M. 4 



FRÄNKEL, Z., Ueber den Einfluss der Dalä«»tin!„„u c«« 
gase auf die alexandrinlsche HermenSSttk '^chen t f,' 

254 S. 1851. (statt M. 4. 50) M. 3. --L '^" 8"^- ^- ^''- 



DER 



BRIEF ANDIOGNETOS. 



DEK 



BRIEF AN DIOGNETOS. 



BEITRÄGEN ZDE GESCHICHTE DES LEBENS UND 
DEI SCHRIFTEN DES 



GREGOEIOS VON NEOCAESAEEA. 



Ol. JOHANNES DBASEKE. 




LEIPZIG, 

VEELAG VON JOHANN AMBEOSIUS BARTH. 



110 . 'h ■&i> 



Sepaxatabdruck aus den Jahrbüchern für protestantische Theologie. 



Dniok von Metzger & Wittig in Leipzig. 



MEINEN VEEEMTEN LEHREEN 



DEN HERREN 



Dr. WILHELM HOLLENBEßG 

IiICE^TIATEN DEB THEOLOGIE UND DIBECTOR DES GYMNASIUMS 

ZU SAABBBÜGKBN 

UND 

Dr HEßMANN WEINGARTEN 

PBOFBSSOÄ DEB KIBCHENGESCHICHTE AN DEB KÖNIGLICHEN 

UNIVEBSrrÄT ZU BBESLAU 



IN HOCHACHTUNG UND DANKBARKEIT 



ZUGEEIGNET. 



Inhaltsangabe. 



Der ßrlef an Biogrnetos. 

Einleitung. Seite 

Zurückweisung der Ansichten Donaldson's und Overbeck's 1 

a. Donaldson's sprachliche Bedenken und seine Hypo- 
these über die Entstehungszeit des Briefes .... 2— 7 

b. Das Fundament der Kritik Overbeck's: „Die That- 

sache des Mangels an Tradition über den Brief* . . 8—15 

Untersuchung 

<^er handschriftlichen Ueberlieferung sowie des Inhalts des 
Briefes an Diognetos zum Zweck der Emittelung der 

Abfassungszeit 15—141 

A. Die Ueberschrift 15— 19 

B. Die inneren Indicien 19 — 130 

1. Die Stellen, welche sich auf Verfolgungen der 
Christen und sonstige zeitgeschichtlich wich- 
tige Ereignisse beziehen 19 — 41 

2. Die Ausführungen des Briefes über das Hei- 
denthum , . . . 41 — 48 

3. Die Anschauung des Verfassers über das Ju- 
denthum 48— 53 

4. Das Fehlen des Weissagungsbeweises. Arno- 

bius 54— 71 

5. Die Aeusserungen des Verfassers über das 
Christenthum 71— 99 

6. Die Benutzung der heiligen Schriften der Chri- 
sten von Seiten der Apologeten 99—116 

7. Das Verhältniss des Verfassers des Briefes zu 
besonderen christlichen Lehrgestaltungen . . 116—130 

a. Zum Paulinismus 116—122 

b. Zum Gnosticismus 122—130 



— vm 

C. Rückkehr zur Frage nach den äusseren Zeug- Seite 

nissen (A) 130—141 

1. Die Person des Diognetos 130 — 132 

2. Das Verhältniss des Tertullianus zum Briefe 

an Diognetos 132 — 140 

3. Muthmasslicher Ort der Abfassung .... 140 — 141 



Der Brief des Origenes an Gregorios von Xeocäsarea . 142—166 
Der kanonische Brief des Oregorios von NeocSisarea . . 167 — 199 
Zu Victor Ryssel's ^^Gregrorius Thaumaturgrus'' .... 200—207 



Der Brief an Diognetos. 



£inleitimg. 

Zurückweisung der Ansichten Donaldson's und Overbeck's. 

In seiner im Jahre 1873 ursprünglich als XJniversitäts- 
Programm erschienenen, dann in seinen „Studien zur Ge- 
schichte der alten Kirche" (Schloss-Cheinnitz, E. Schmeitz- 
Der, 1875) I, S. 1 — 74 in überarbeiteter und erweiterter Ge- 
stalt wieder abgedruckten Abhandlung /,XJ eher den pseu- 
dojustinischen Brief an Diognet" hat Overbeck 
im Gegensatz zu allen bisherigen Ansichten über die Ab- 
fassungszeit der kleinen apologetischen Schrift den Nach- 
weis zu führen gesucht (S. 73), „dass der Brief an Diognet 
eine Piction der nachconstantinischen Zeit der Kirche ist, 
in welcher ein Unbekannter seinen Gedanken über christ- 
liches Wesen die Form eines Sendschreibens des Apologe- 
ten Justin an den Lehrer Marc Aureis Diognet gegeben 
hat." In einem Nachtrag zu dieser Arbeit (a. a. 0. S. 
75—92) erwähnt Overbeck zunächst eines englischen Be- 
arbeiters der ältesten christlichen Literatur als Vorgänger 
in den von ihm selbst in Deutschland zuerst ausgesproche- 
nen Zweifeln an dem hohen Alter des Briefes an Diognetos 
und wendet sich darauf gegen die kritischen Bedenken der 
Becensenten seiner Abhandlung, Hilgenfeld, Keim und 
Lipsius. Mit einigen der Ausführungen dieses Nach- 
trags verlohnt es sich, zunächst zum Zwecke einer kriti- 
schen Grundlegung für die folgende Untersuchung, zu be- 
ginnen. 

1 



a. Donaldson's sprachliche Bedenken und seine 
Hypothese über die Entstehungszeit des Briefes. 

Was üverbeck's englischen Gesinnungsgenossen P. 
Donaldson betrifft, so sagt derselbe in den aus seinem 
Werke „A critical history of Christian literature and doc- 
trine from the death of the apostles to the Nicene Council," 
Vol. II (London 1866), p. 126 ff. von Overbeck auszüglich mit- 
getheilten, auf den Brief an Diognetos bezüglichen Partieen, 
nach einem ziemlich leicht hingeworfenen Versuch einer Cha- 
rakteristik des Verfassers des Briefes, den wir auf sich be- 
ruhen lassen, (a. a. 0. S. 78) Folgendes: „Ausser diesem 
Allen kommen mehrere Ausdrücke vor, welche mindestens 
wie fragwürdiges Griechisch aussehen : xtjv ^eoaeßeiav rm 
XQiGTLCcvmv fAa&eiv^ vneQogäv xoaiiovj yivog aiarjk&ev eig 
TÖv ßiov, xaivog äv&QcoTtos, ein besonderer Gebrauch \on 
(pQOvriaiq und von kgiojy y^gaigeiv, evdaifiovelv,^^ 

Worin die Fragwürdigkeit des Grie<;hischen 
in den drei aus dem 1. Capitel des Briefes angeführten 
Stellen bestehen soll, ist in der That schwer einzusehen. 
Denn &eo(Tißeiav fjLccv&aveiv ist doch mindestens ebenso cor- 
rect griechisch gedacht und ausgedrückt wie ktJtayyelXsa&cci 
^eoaißaiccv 1 Tim. 2,xlO, wozu Xenoph. ^^o^t/i;jiA. I, 2, 7 
ügeryv knayyMofjLBVog klassische Parallele ist, alle diese Re- 
dewendungen auf Grund der alten Vorstellung, dass Tugend, 
Religion zunächst Wissen, daher lehrhaft sind: dement- 
sprechend denn auch die christliche Religion im 5. Capitel 
des Briefes als ^d&rifia bezeichnet wird. Dasselbe ist zu 
sagen von vnsgogäv, welches in der gleichen Bedeutung 
wie hier, d. h. „gering achten, verachten", bei Thukydides 
(IV, 62: a x&V (Txsifjccfxivovg fiij zovg kfiovg koyovg VTisgiSeiv), 
Xenophon (JSvfinoaiov 8, 3) und Demosthenes (XXIV, 9: 
Tifioxgdrtjg oiroal to(tov&' VTiegsldev anavta rd TtgfxyfAOta^ 
wate rl&tjai tovtovI tov yoixov) vorkommt. Die Verbin- 
dung mit xoofiog aber kann nicht im inindesten auffallen, 
da einem mit dem paulinischen und johanneischen Sprach- 
gebrauch offenbar so vertrauten christlichen Schriftsteller, 
wie der Verfasser des Briefes an Diognetos ist, die in der 



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beanstandeten Stelle zu Grunde liegende, specifisch christ- 
liche Bedeutung von xoauog durchaus geläufig sein musste 
(ygl. Cap. 6, 3 : X^iartavoi iv xoöpim olxm>6iVy ova bIüI 8i 
h xov xoofiov und ebendaselbst fiiöBl xul ÜQiariavovg 6 
xöafjLog fjD^Siv ddixovfievog mit Joh. 15, 18. 19: El 6 xoofiog 
v(ioig lAiael, yivciaxers ori if4i tiqwtov vuOjv usfiiaijxav, el 
ix Toi; xotTfAOV yte, 6 xoa/jLog &v tö XSiov i(ptkBi * on Si ix 
Tov xocfiov ovx iari, äkV iy(ä h^eXB^üfAr^v viiäg hx tov 
xiofiov, Sia TovTo fiiaBi iffiäg 6 xoafiog). Auch an ßiog 
darf nicht gerüttelt werden, da es im Sinne von „die Leben- 
den, Welt und Menschen** — der ganze Ausdruck er- 
innernd an das Paulinische slaiQx^^"^^^ ^^^ ^^^ xoafjbov 
Rom, 5, 12 (vgl. 1 Tim. 1, 15), oder das besonders dem Jo- 
hannes-Evangelium eigenthümliche igxBG&ai üg röv xoajiov 
Joh. 1,9; 6, 14; 11, 27 — schon durch des Aristoteles und 
des Dionysios von Halikarnass Auctorität gedeckt ist, dann 
aher am Ende des zweiten Jahrhunderts n. Chr. bei Atti- 
cisten wie Lucianus (Tifitov 4, 25: TvcpXov ovxa eldcjg 'intfi' 
^sv dvccCr^r^aovra dvaevQezov ovita XQV^^ ^^'^ ^Q^ noXXov 
hthlomög kx xov ßiovy otcbq ov8^ 6 AvyxBvg &v k^BVQOi 
gtjfSitag) und dessen Freunde Celsus (bei Origenes xcßtcc 
Küaov III, 65: ol S^ ävccficcQTfjTOL ßskriovg xoiviovoi ßiov. 
VHI, 45: fisavdg tovrav 6 nag kart ßiog. VIII, 55: äno- 
Soteov Ö7j rdg '^ ngoarjxovaag rolg xavx' hnixBTQaixpLkvoig 
Tifiäg xal xw ßitp Xeixovgyi]xiov xot TtgsTtovra), sowie in 
des Heliodoros, Bischofs von Trikka (um 390) Ald-iontx&v 
I, 6 (wo es von einem schilfumrahmten, den Räubern zum 
Schlupfwinkel dienenden Weiher [Ufxvi^) heisst: Sto xccl 
(rvQQBi in uixi/v 6 xoiovxog 'ßiog, xq (xiv vSaxv Ttävxsg oaa 
ni/ei xQ^f^^'vot, xov Sk noXijv xaxä xo %Xog xcckctfiov dvxl 
XctQccxcuiicctog ngoßeßhjfiivoi) sich findet. Der xaivog äv- 
^QGunog im 2. Capitel endlich hätte um so weniger be- 
anstandet werden sollen, als der Verfasser sich hier offen- 
bar an den Sprachgebrauch des Paulus anlehnt, der das 
Wort xaivog überall in dem durch das Christenthum aus- 
gebildeten sittlich-religiösen Sinne — wie er unstreitig auch 
im 2. Capitel erfordert wird — verwendet (vgl. 2 Cor. 5, 

17; Gal. 4, 27; 6, 14; 5, 6); überdies musste ihm das Wort 

1* 



speciell aus der ganz gleichen, im Brief an die Epheser 
2, 15 und 4, 24 sich findenden Verbindung (slg hfu xaivov 
csv&QODJiov und ckvaävacctr&ai rdv xaivAv &v&Q(anov) bekannt 
sein. Eher könnte man im 2. Capitel einen besonderen 
Grebrauch von (pQovf^ais zugestehen, wenn nicht das Wort 
schon bei Euripides in der hier durch den Gegensatz zu 
6(p&alfAoiQ Th oQÜv bedingten Bedeutung „das Denken, der 
Verstand*' vorkäme. Mehr als an dieser Stelle durch den 
poetischen Ausdruck beeihflusst dürfte die Verwendung 
von kgio) in demselben Satze sein {ovq igBlre xal vofii^ets 
&€ovg)\ doch ist an sich, wie schon Stephanus urtheüte 
(vgl Lud. Dindorf in Steph. Thes. Gr. ling. ed. Hase Vol. 
111(1835) S. 283), gegen eineii solchen, durch zahlreiche 
andere analoge Beispiele im späteren Griechisch entschul- 
digten Gebrauch von Homerischem Sprachgut nichts. zu 
sagen, wenn nicht — was bei der sehr verderbten Ueber- 
lieferung anzunehmen nicht verwehrt ist — der Verfasser 
vielleicht alveite (so Lachmann) oder xuXbitb schrieb, 
das in detnselben Capitel {ravrcc &6ovg xaXeitB) vorkommt, 
oder auch 'ix^re (vgl. Athenag. Ilgsaß, nagl Xqktt. 12: 
"Otcev ^;^oi'r€g rdv är^fjLiovgydv &b6v, . . . knaigcofiev oaiovg 
X^iQccs ccvT^, noiag 'in XQ^^^^ ixaTOfjißfjg '^x^i'^, indem ja 
erst das folgende vo/aICbts das Moment des Anerkennens 
und Verehrens hinzubringt (vgl. Xenoph. Mem. Soor. I, 1: 
dSixel 2. ovg fiiv rj noXig vofii^ei &Bovg ov vofii^wv). Da- 
gegen durften y^Quigtn Gap. 3, 5 und avdaifioveJv Cap. 10, 5 
nicht als in besonderem Sinne gebraucht aufgeführt wer- 
den, weil an beiden Stellen beide Worte in den bei den 
klassischen Schriftstellern auch sonst üblichen Bedeutungen 
(vgl. u. A. besonders, weil unserer Stelle Cap. 3, 5 genau 
entsprechend, Xenoph. Kvqov naiS. VIII, I, 39: xovrovg 
xal Scigoig xal agxalg xal ^Sgaig xal ndaaig xifiaig kyi- 
QacQBv) verwendet sind. 

Aus sprachlichen Gründen den Brief zu verdäch- 
tigen ist ebensowenig möglich, als wenn man z. B. Celsus, 
der nach der sprachlichen Seite den Vergleich mit den 
besten Atticisten des zweiten Jahrhunderts, Plutarchos 
und Lucianus, aushalten kann, um einiger später erst in 



weiterem Umfange vorkommender Ausdrücke willen, — 
wie ßiog, Welt, dessen schon Erwähnung geschah, SoyfAce, 
Lehre (Orig. c. Gels. I, 8; II, 4; VIII, 49), ävccraaig (VI, 1), 
mv&oipia (Vni, 24), xa&oltxog (IV, 84), naQoiaxQog (II, 
55; Vni, 9), avT*Äo|«<» (VI, 42), ^xiSeueTiTmvTsg (IV, 6), nor- 
viäouai (II, 24) — etwa um ein halbes Jahrhundert herab- 
rücken und mit Volkmar (Ursprung der .Evangelien 80. 
164. 165) zu des Origenes Zeitgenossen, der erst 240 sei- 
nen !Aki^^i^g Xoyog geschrieben, machen wollte; am aller- 
wenigsten, wenn dies, wie Donaldson thut, in einigen hin- 
geworfenen, völlig unerwiesenen Behauptungen geschieht, 
die freilich in seiner Beurtheilung der ganzen Frage ihren 
Zweck erfüllen. Hiermit jedoch begnügt sich der englische 
Kritiker nicht Nachdem er die verschiedenen über die 
Person des Verfassers aufgestellten Hypothesen kurz be- 
rührt und sie alle, namentlich die Justinus- und die Mar- 
cion-Hypothese zurückgewiesen hat, bespricht er die ein- 
ige damals noch vorhandene Strassburger Handschrift, 
sowie das Verhältniss des ersten Herausgebers Henricus 
Stephanus zu derselben und das sogenannte Apographon 
ßeureri, wie Beurers Abschrift genannt wird. Aus den 
von ihm gemachten, a. a. O. S. 78 und 79 mitgetheilten 
Textesbeobachtungen, auf die kein verständiger Philologe 
wird Gewicht legen können, „da", — wie Overbeck S. 80 
mit Eecht dagegen bemerkt — „wenn man, — die That- 
sache vorausgesetz't, dass Stephanus und Beurer dieselbe 
Handschrift benutzten, — von den Fällen, die Donaldson 
anfahrt, alle abzieht, in welchen Beurer gegen Stephanus 
zeugt, und den Text der Strassburger Handschrift nach 
Otto's genaueren Angaben undeutlich ist, nur der erste 
als räthselhaft zurückbleibt und an der einfachen Voraus- 
setzung, dass Stephanus und Beurer beide die Strassburger 
Handschrift benutzten, irre macht", — ergiebt sich für 
Donaldson in seinem hyperkritischen Argwohn das Re- 
sultat (a. a. O. S. 79), dass über diesem Brief und seinen 
HandschriftenjedenfallseinGeheimnisszu schweben scheint. 
Ja „die seltsamen Verschiedenheiten der Lesearten und 
der Umstand, dass Robertus Stephanus, ^- welcher, wie 



sein Sohn sagt, die Handschrift hatte, den Brief an Diog- 
net nicht veröflFentlichte", führen ihn auf den 'Verdacht, 
,,dass der Brief an Diognet möglicherweise ein Erzeugniss 
des Henricus Stephanus selbst sein möchte." Aber recht- 
fertigt denn Alles, was man bis jetzt über den Brief und 
seine handschriftliche Ueberlieferung geurtheilt und er- 
forscht hat, irgendwie einen so schweren Verdacht? „Wenn 
der Strassburger Codex" — fährt Donaldson fort — „so 
alt ist, wie man behauptet, so würde diese v Ansicht voll- 
ständig widerlegt sein.^^ Das ist es ja aber gerade; Otto 
hai^ unwiderleglich erwiesen, dass die Grundlage unseres 
Textes, die Strassburger Papierhandschrift, die mit der 
alten Bibliothek der Stadt durch das deutsche Bombarde- 
ment im August des ewig denkwürdigen Jahres 1870 zu 
Grunde gegangen ist, dem 13. Jahrhundert angehörte,^) 
eine Datirung, vor der auch Overbeck, der, wie er selbst 
gesteht (a. a. O. S. 80), 'bei der ersten Ausarbeitung seiner 
Abhandlung nicht übel Lust hatte, „dQU Brief hypothetisch 
für ein Erzeugniss des ältesten Humanismus zu 
erklären," sich gebeugt hat. Aber wozu denn überhaupt 
dieses nutzlose Spielen mit luftigen Hypothesen, welche 
nichts erklären und nur ehrenhafte Männer zu verdächtigen 
geeignet sind? Donaldson fühlt das selbst, wenn er, auch 
den Eall angenommen, der Strassburger Codex wäre nicht 
so alt, wie er es wirklich ist, die richtige, von ihm leider 
nur nicht mit der nöthigen Selbstübe'rwindung befolgte 
Maxime ausspricht, man solle „vorsichtig sein, wenn man 
irgend jemandem eine Fälschung zuschreibt." Dennoch 
ist er geneigt es für wahrscheinlicher zu halten, „dass 
einige von den Griechen, welche nach Italien herüber- 
kamen, als sie die Türken bedrohten, diese Abhandlung 
geschrieben haben mögen, nicht sowohl in der Ab- 
sicht ein Werk des Justin nachzubilden, als um eine 
gute Declamation im alten Stile zu schreiben". 



1) Vgl. Otto in dem von ihm herausgegebenen Corpus apolog. 
Christ, saec. 11. Tom. II. Opera lustini addubitata. Editio tertia. lenae, 
G. Fischer. 1879. Proleg. S. XIVflP. 



__ 7 - - 

Aber wie? War denn irgend einer jener vor der wachsen- 
den Türkengefahr und zur Zeit der Eroberung Constanti- 
nopels nach Italien oder Frankreich flüchtenden Griechen 
zu einer so respectablen, besonders auch hinsichtlich der 
Form so anmuthigen Leistung, wie der Brief an Diognetos 
unzweifelhaft ist, überhaupt noch im Stande? Diese Frage 
muss unbedingt verneint werden. Was für horrendes, bar- 
barisches Griechisch schreiben die späteren Byzantiner 
überhaupt und die Zeugen der unglücklichen Katastrophe 
vom Jahre 1453 insbesondere! Es seien Beispiels halber 
nur die Historiker Laonikos Chalkokondylas und 
Johannes Dukas hervorgehoben. Wie vergeblich müht 
sich der erstere ab, in seiner nebelhaften und barbarischen, 
mit Wörtern der gemeinsten und dunkelsten Art trüb ge- 
mischten Sprache, des kaum von ihm begriffenen, mensch- 
lich so ergreifenden Stoffes stilistisch Herr zu werden! Nur 
Dukas noch überbietet ihn hierin, dessen Geschichte von 
Bjzsaiz durch einen Alles hinter sich lassenden ünge- 
scimack,. durch beispiellose Nachlässigkeit und die völlige 
in der Unwissenheit hinsichtlich der Flexion, Structur und 
Wortbedeutung offen zu Tage tretende Barbarei ein an 
schöne Form gewöhntes Gefühl, nach Nicolai's (Gesch. 
der griech. Literatur S, 634) durchaus zutreffendem Urtheil, 
geradezu erschrecken und: beleidigen kann. Und mit der 
grossen Menge der um jene Zeit flüchtenden griechischen 
Gelehrten sollte es besser gestanden haben? Mag man 
ihre unbestreitbaren Verdienste als Lehrer der Elemente 
der Grammatik, als Ausleger der Alten, als Vermittler 
und Förderer des Studiums der platonischen und aristote- 
lischen Philosophie, als Abschreiber von Handschriften, 
Recensenten und Correctoren unserer ersten griechischen 
Drucke noch so hoch anschlagen: von einer tieferen Kennt- 
aiss der Sprache und Philosophie ihrer Vorfahren und 
vor Allem von deren schriftstellerischer Kunst waren sie 
sämmtlich so weit entfernt, dass kein Einziger, was Do- 
nalds on uns will glauben machen, zu einer nach Form 
und Lihalt so achtbaren schriftstellerischen Leistung, wie 
der Brief an Diognetos ist, damals fähig war. 



8 



b. Das Fundament der Kritik Overbeck's: „Die 
Thatsache des Mangels an Tradition über 

den Brief." 

Neben dem von Ot erb eck selbstverständlich freudig 
begrüssten „unerwarteten Beistand/' den seine Abhandlung 
an Donaldson gefunden, und den ich durch die vorstehen- 
den AusfQhrungen wenigstens in einigen Punkten entkräftet 
zu haben glaube, hat es derselben an Widerspruch nicht ge- 
fehlt. Schpn zuvor nannte ich Hilgenfeld, Reim und 
Lipsius, deren Widerlegungsversuchen Overbeck haupt- 
sächlich in dem oben erwähnten Nachtrag zu seiner Ab- 
handlung entgegengetreten ist. Dort rechnet er (a. a. 
S. 81) es seiner Arbeit zum Verdienst an, dass sie die 
genannten Forscher genöthigt habe, die gewöhnliche An- 
sicht, welche den Brief an Diognetos an den Anfang des 
zweiten Jahrhunderts verlegte, aufzugeben und an dem Zeit- 
alter des Kaisers Marcus Aurelius als der am meisten wahr- 
scheinlichen Abfassungszeit festzuhalten. Gleichwohl erach- 
tet Overbeck durch sie die ganze Frage kaum irgendwie 
gefördert; ja ihm scheint die Vertheidigung der Entstehung 
dieses Briefes in dem eben bezeichneten Zeitalter eine ver- 
zweifelte zu sein, wenn man — so leitet er die Begründung 
jener Behauptung ein — „nur eine vollkommen helle That- 
sache, welche ich zum Fundament meiner Kritik gemacht 
habe und ohne welche ich die Zuversicht zu derselben gar 
nicht gefunden hätte, wie Hilgenfeld und Keim, voll- 
kommen übersieht, oder wie Lipsius, unvollkommen wür- 
digt: die Thatsache des Mangels an Tradition über 
den Brief an Diognet." Aber ist denn eine solche That- 
sache in der Geschichte der literarischen Hinterlassenschaft 
des Alterthums so völlig unerhört? Und wenn nicht, wie 
war es dann — so fragen wir mit Recht — möglich, dass 
die im vorliegenden Falle vorhandene Thatsache des Man- 
gels jeder directen Tradition einen Forscher wie Overbeck 
mit einer so hohen, siegesgewissen Zuversicht zu einer Kri- 
tik erfüllen könnte, die alle Gelehrte, welche bisher sich 
mit dem Briefe an Diognetos beschäftigt, eines fundamen- 






talen Irrthums zeiht, zu einer Kritik, der es schliesslich 
(a. a. 0. 8. 82) „mit der Möglichkeit diesen Brief zu dati- 
ren, so lange es mit seiner Bezeugung sich so verhält, wie 
es zur Zeit noch der Fall ist," so schwach zu stehen scheint, 
„dass seine Entstehung in irgend einem der auf das zweite 
folgenden, für unsem Blick helleren Jahrhunderte, vielleicht 
noch nachweisbar ist, niemals aber in dem hierzu viel zu 
dunklen zweiten, sollte der Brief selbst thatsächlich hin- 
eingehören und wollte man auch die Indicien eines späte- 
ren Ursprungs noch so niedrig schätzen." Was hat es 
denn nun mit jener angeblich so schwer wiegenden That- 
sache, aus deren Vernachlässigung den genannten hochver- 
dienten Gelehrten von Oberbeck ein so harter Vorwurf ge- 
macht wird, für eine Bewandtniss? „In der uns bekannten 
Litteratur der alten Kirche und des Mittelalters" — hcfisst 
es a. a. O. S. 4 — „geschieht des Briefes an Diognet nir- 
gends Erwähnung, — auch nicht bei Photius, von welchem 
Möhler in seiner Patrologie (S. 170) Worte, die von Justin 
gesagt sind, durchaus irreführend ohne Weiteres auf den 
Brief an Diognet bezieht, — und da sich die Spuren sei- 
ner Existenz überhaupt nicht über seine handschriftliche 
üeberlieferung hinauf verfolgen lassen, diese aber nur einen 
Zweig hat, hängt unsere ganze Kunde von diesem Briefe am 
dünnen Faden einer einzigen Handschrift, die wir überdies 
gar nicht n^ehr besitzen." Was die letzteren beiden That- 
sachen angeht, so kann zunächst der Verlust der Strassbur- 
ger Handschrift heutzutage kaum noch schmerzlich sein, 
da dieselbe durch Otto uns so genau bekannt geworden 
und von ihm so sorgfältig^) ausgenutzt ist, dass wir sie gern 

1) An » der in der vorhergehenden Anmerkg. genauer bezeichneten 
Stelle (p. XVII) sagt Otto hinsichtlich der kritischen Grundlage der 
3. Aufl. des Corpus apolog. u. A.: „lam vero Reussius, quod opta- 
veram, Epistulam ad Diognetuxn secandam alteram editionem meam 
(a. 1849 publici iuris factam) iterum cum codice Argentoratensi anno 
1861 in commodum huius editionjs tertiae accuratissime contulit. Quam 
novam codicis (post flamma deleti) collationem, a Reussio passim ani- 
madversionibus palaeographicis de quibusdam codicis lectionibus instruc- 
tam (mihi in notis *= E) et per literas d. 27. m. lulii 1861 mihi adlatam, 
nunc equidem in lucem profero." 



— 10 - 

entbehren können; und durch die andre Thatsache, dass 
eben nur eine Handschrift die Stütze der üeberlieferung 
bildet, dürfen wir uns hier nicht beunruhigen und irre- 
leiten lassen; theilen ja doch auch andere litter arische Er- 
zeugnisse des AlterthumSy wie das historische Werk des 
Granius Licinianus aus der Zeit der Antonine, Arno- 
bius sammt dem „Octayius'' des M. Minucius Felix 
und des jüngeren Plinius Epistulae ad Traianum 
ganz dasselbe Schicksal: auf den gänzlichen Mangel 
einer Tradition über den Brief an Diognetos kommt 
es hier an. Und in dieser Hinsicht steht derselbe eben 
nicht allein da. 

Gleichfalls der Tradition ermangelnd und in der allein 
in Betracht kommenden Epitome, ähnlich wie der Brief an 
Diognetos, nur in zwei Handschriften, einem Cod. Palatinus 
und Cod. Parisinus, erhalten ist das hauptsächlich für die 
Geschichte der attischen Beredsamkeit so wichtige Werk 
des Alexandrinischen Bhetors und Lexikographen Vale- 
rius Harpokration Ai^Btq tmv dixct QrßOQwv^ dessen 
Kenntniss uns erst Suidas (etwa ums Jahr 960) vermittelt 
hat. Aus gleichem Grunde ist deshalb Harpokration bald 
in die Zeiten des Tiberius, bald unter Hadrianus, bald in 
die zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts, aus inneren 
Gründen aber mit grösster Wahrscheinlichkeit in die letz- 
ten Decennien des zweiten oder in die ersten des dritten 
Jahrhunderts gesetzt worden. 

Noch genauer als Harpokration entspricht dem vor- 
liegenden Falle ein anderes Beispiel aus dem griechischen 
Alterthum, ich meine den Grammatiker Hesychios. Gleich 
dem Briefe an Diognetos ist dessen Ae^ixovj eine Samm- 
lung von Glossen und Namenerklärungen der griechischen 
Sprache, nur in einer einzigen und zwar aus dem fünf- 
zehnten Jahrhundert stammenden, in der Marcusbibliothek 
zu Venedig aufbewahrten Handschrift erhalten. Hesychios 
selbst, von Suidas sowie dem sicherlich dem elften Jahr- 
hundert angehörenden Verfasser des Etymologicum magnum 
und anderen Berichterstattern weder genannt noch gekannt, 
hat daher mit seinem Werk, ebenso wie der Brief an Dio- 



— 11 — 

gnetos, die yerschiedensten Datirungen sich gefallen lassen 
müssen, so von Welcker, der ihn vor dem Jahre 389 gelebt 
haben lässt, von H. Weber, welcher ihn zwischen das vierte 
und fünfte Jahrhundert setzt, von M. Schmidt, der die Jahre 
530—642 als Abfassungszeit fixirt und von Yalckenaer, 
velcher Hesychios gar als einen Graeculus ultimi aevi be- 
zeichnet. 

Auch aufStrabo's re(oypa<pixa aus der Zeit des Ti- 
berias könnte man hier verweisen und in Hinblick auf die 
merkwürdigen Schicksale derselben eine ähnliche Kritik 
treiben, wie sie die zuvor genannten Schriften und der 
Brief an Diognetos durch Overbeck erfahren. Keiner näm- 
lich der Nachfolger Ötrabo's nennt oder kennt das Werk, 
von keinem der späteren Schriftsteller, wie Plinius, Pau- 
sanias, Claudius Ptolemaeus U.A., wird es benutzt; fast 
500 Jahre später hat Stephanos von Byzanz (um 472), nach 
ihm der gelehrte Erzbischof von Thessalonike Eustathios 
(1160) u. A. — worauf der um Strabo hochverdiente A. 
Meineke (Yind. Sj^rab. p. IX) mit Becht aufmerksam machte, 
— uns von demselben die erste Kunde gebracht, während 
die editio princeps, welcher 1470 schon eine lateinische 
Uebersetzung voraufging, erst 1516 erschien. 

Sollten diese Beispiele den Bewunderern des Funda- 
mentes der Overbeck'schen Kritik nicht schon Mancherlei 
zu denken geben? Ich führe aber noch ein viertes Beispiel 
an, das, dem römischen Alterthum entlehnt, Overbeck's kri- 
tisches Axiom völlig zu erschüttern geeignet sein dürfte, 
nämhch das Geschichtswerk des Q. Curtius Rufus „Hi- 
storiae Alexandri Magni Macedonis." Keiner der auf uns 
gekommenen Schriftsteller des Alterthums und des. frühe- 
ren Mittelalters bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts 
erwähnt eines Geschichtsschreibers, ja überhaupt nur eines 
Schriftstellers Q. Ourtius Bufus, oder führt auch nur die 
kleinste Stelle aus dem unter seinem Namen uns überlie- 
ferten historischen Werke an, und ebensowenig ist es bis 
jetzt gelungen, irgendwelche versteckte Bezugnahme auf 
dasselbe oder auch nur die geringste Spur einer Benutzung 
bei irgend einem Schriftsteller innerhalb der eben umgrenz- 



— 12 — 

ten . Zeit überzeugend nächzuweisen. Die einzige Hand- 
schrift des Briefes an Diognetos ist von Otto auf das drei- 
zehnte Jahrhundert zurückgeführt; die ältesten Handschrif- 
ten der Historiae des Q. Curtius Bufus stammen aus dem 
neunten bis elften Jahrhundert, und erst im späteren Mit- 
telalter wurde das Werk des G-eschichtschreibers hier und 
da in den Klosterschulen gelesen. Beide Schriftwerke tre- 
ten somit im eigentlichsten Sinne erst durch ihre editio 
princeps, und zwar der apologetische Brief des Griechen 
im Jahre 1592, die Historiae des Römers um das Jahr 1471 
aus dem Dunkel einer auch nicht durch das unscheinbarste 
Licht irgend welcher Tradition erhellten Vergangenheit 
plötzlich in die Kreise der theologischen und philologischen 
Forschung. Ist es deshalb etwa irgend Jemandem einge- 
fallen, analog dem von Donaldson ganz ernst genommenen 
Versuche, den Verfasser des Briefes an Diognetos unter 
den vor den Türken nach Italien geflüchteten griechischen 
Gelehrten zu suchen oder, wie Overbeck anfänglich gewillt 
war, die Schrift „hypothetisch für ein Erzeugniss des älte- 
sten Humanismus zu erklären,^^ — die Historiae Alexandri 
Magni, welche des Curtius Namen tragen, für ein Werk 
irgend eines Humanisten' zu erklären, was doch mit Rück- 
sicht auf die seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts 
zahlreichen Namen der glänzendsten Lateiner mit ganz un- 
vergleichlich triftigeren Gründen hätte behauptet werden 
können, als dies je von einem mittelalterlichen Griechen als 
Verfasser des Briefes an Diognetos erwiesen werden kann? 
Dennoch aber hat die Geschichte der Versuche, beiden 
Schriftwerken chronologisch ihren Platz anzuweisen, un- 
gemein viel Aehnlichkeit, die eben eine Folge des beiden 
gemeinsamen Mangels einer — hinsichtlich des Briefes an 
Diognetos von Overbeck so gewaltig als des fast allein in 
Betracht kommenden Entscheidungsmomentes betonten — 
Tradition ist. Die kleine Apologie, bis in die neueste Zeit 
in zahlreichen Ausgaben und Uebersetzungen verbreitet und 
von vornherein mit dem Vorurtheil eines ehrwürdigen Al- 
ters bekleidet, ist von theologischen Forschern (a. a. O. S. 2) 
„bisweilen im Neuen Testament vermisst und von älteren 



_ 13 -- 

Hypothesen in die Zeit der Apostel versetzt und mit dem 
und jenem aus dem Dunkel der christlichen Urzeit leuch- 
tenden Namen in Verbindung gebracht worden;'* Andere 
dachten an die Zeiten des Trajanus (98 — 117) oder Hadria- 
nus (117 — 138), Dorner glaubt in dem unter Hadrianus 
lebenden Apologeten Quadratus, Bunsen in dem um das 
Jahr 150 in Rom weilenden Gnostiker Marcion den Ver- 
fasser vermuthen zu dürfen; wieder Andere, wie Hilgen- 
feld (Ztschr. f. wiss. Theologie XVI, S. 285) und Hase 
(Kirchengeschichte, 10. Aufl. Leipzig 1877. S, 58) bleiben 
bei den Kegierungsjahren des M. Aurelius als Abfassungs- 
zeit stehen; Harnack geht (Patr. -apost. Opp. Fase. I. P: 
n. ed. 2. p. 152) vom Jahre 170 bis 310, Th. Zahn auf den 
Zeitraum von 250 — 310 herunter, während Overbeck end- 
lich, unter der Annahme, der Brief sei eine Fiction, uns 
über die Zeiten des Oonstantinus hinausweist. Die Frage 
nach dem Zeitalter des Curtius hat einen ganz ana- 
logen Verlauf genommen. In hauptsächlichem Anschluss 
an eine kurz vor dem Schlüsse des Werkes eingeschaltete 
Episode, 'in welcher der Verfasser offenbar aus innerstem 
Herzen heraus sich über Ereignisse der römischen Kaiser- 
geschichte seiner Zeit ausspricht — X, 9, 3— 5: iure me- 
ritoque populus Romanus salutem se principi suo debere 
profitetur, qui noctis, quam paene supremam habuimus, no- 
Yuin sidus inluzit. Huius, hercule, non solis ortus lucem 
caliganti reddidit mundo, cum sine suo capite discordia 
membra trepidarent. Quot ille tum extinxit faces! quot 
condidit gladios! quantam tempestatem subita serenitate 
discussit! Non ergo revirescit solum', sed etiam floret Im- 
perium — haben die Ausleger eine stattliche Reihe von 
Hypothesen zu Tage gefördert, wobei kaum irgend eine 
bedeutende Phase in der Entwickelung des Imperium un- 
berücksichtigt geblieben ist. Aldus Manutius, Her- 
war th, Hirt, Zumpt fanden den Princeps des Curtius 
in Augustus, Rader, Perizonius, F. A. Wolf in Tibe- 
rius, Andere wie Buttmann, Pinzger, Bahr, Baum- 
stark in Vespasianus; Pontanus entschied sich für Tra- 
janus, Niebuhr für Septimius Severus (193—211); Job. 



: . 14 -- 

V. Müller dachte an Alexander Severus (222—235), Gib- 
bon an Grordianus (237); Bagnolo endlich, dem Cunze 
beistimmt, gerieth auf Constantinus (323 — 9i37), und C. Bar th 
sogar auf Theodosiuß (379—395): während gegenwärtig die 
von J. Mützell nach dem Vorgänge von Brissonius, 
Lipsius, Tellier, StCroix gründlich und scharfsinnig 
(in der Vorrede zu seiner grösseren Ausgabe des Curtius, 
p. LXI-LXIX) erwiesene Ansicht, die Nacht, von wel- 
cher Curtius sagt: „qulam paene supremam habuimus,^' sei 
als die auf den Todestag des C. Caligula folgende zu deu- 
ten, und die ganze Stelle beziehe sich auf die Thronbestei- 
gung des Kaisers Claudius am 24. Januar des Jahres 41, 
als Verfasser aber sei mit höchster 'Wahrscheinlichkeit 
der von Suetonius erwähnte, unter Claudius lebende Bhe- 
tor Q. Curtius Rufus zu bezeichnen (a. a. O. p. LXXXI 
bis LXXXV) — sich' unbestrittener Anerkennung erfreut, 
zumal da der sprachliche Stoff bei Curtius in etymologi- 
scher, lexikalischer und syntaktischer Hinsicht noch ent- 
schieden den Charakter der Klassicität trägt und gerade 
dadurch jenem auf historisch-kritischem Wege gewonnenen 
Resultat eine werthvoUe Stütze ist. 

Durch die im Vorhergehenden ausgeführten literarhi- 
storischen Beispiele und den Nachweis der in ihnen gege- 
benen Vergleichsmomente mit dem Briefe an Diognetos 
glaube ich hinlänglich gezeigt zu haben, dass Overbeck 
wissenschaftlich nicht berechtigt war, den Man- 
gel an Tradition für die Beurtheilung und Dati- 
rung des Briefes an Diognetos zum Fundamente 
seiner Kritik zu machen und die Vertheidigung der 
Entstehung der Schrift im zweiten Jahrhundert für eine 
so verzweifelte zu erklären, dass er Hilgenfeld's und 
Keim's chronologische Versuche, jener „Schrift ohne jede 
Stütze in der Tradition^^ in dem genannten Zeitraum ihren 
Platz anzuweisen, gar keiner Widerlegung werth hält (a, a. 
O. S. 83). Um aber das Beispiel des Curtius und der histo- 
risch-kritischen Behandlung der Frage nach der Abfassungs- 
zeit seines Werkes für jenes unser so wichtiges Problem der 
urchristlichen apologetischen Literatur noch weiter nutzbar 



-- 15 — 

zu machen, dürfte die nächste Frage die sein, ob es nicht 
wie dort möglich sein sollte, aus äusseren und inneren 
Indicien einen Rückschluss auf die Entstehungszeit des 
Briefes an Diognetos zu machen, und dann einmal ernst- 
lich die Frage zu prüfen, ob wir denn thatsächlich, wie 
Oyerbeck behauptet, von der Tradition so gänzlich im Stich 
gelassen sind. 

Untersuchung 

der handschriftlichen üeberlieferung sowie des 

Inhalts des Briefes an Diognetos zum Zweck der 

Ermittelung der Abfassungszeit. 

. A. Die Uebersehrift. 

Zunächst das Alleräusserlichste, was die Strassburger 
Handschrift uns bietet, die üeberschrift. Der Codex 
enthielt, und zwar von der Hand des dreizehnten Jahr- 
hunderts geschrieben, zuerst fünf Schriften unter folgenden 
TJteJu: 1. Tov äylov 'lovaxivov (piXoa6<pov xcü fAägrvQog 
ftsgi p^ovuQxictq. 2. Tot; ayiov lovativov (piXoaoxpov xal 
fiägTvgog Xoyog nccgccivetixog ngog "Ekki^vag. 3. ^lovavivov 
pi.oa6(f/ov xccl fiägrvQOQ 'ix&eaig niateakg Ttegl rtjg OQ&^g 
ojiokoyiag ^roi nagi tgiaSog, 4. Tov ccvrov ngög "EXkrjvag. 
5. Tov airtov %Q6g Aioyvtixofif — denen sich, anscheinend 
von jüngerer Hand, zwei andere anschlössen: 6. Ttjg JSt- 
ßvkXfig 'EQV&Qulag arolzot, 7. XQrjafAoi tcov 'EXhiVixwv 
&i€üv — und endlich von der ersten Hand geschrieben: 
8. A&rpfayopov Tigeaßeiu, negi XQiariavojv. 9. Tov ccvrov 
MQi ävaGxaaboag. Aus dem. unter Nummer 5 aufgeführten 
Titel Tov uvxov itQog Ai&yvrjtov glaubte der erste Heraus- 
geber H. Stephanus, da die vorangehenden Schriften den 
Namen des Justinus tragen, schliessen zu müssen, dass die 
kleine Schrift ein Werk des Justinus sei und gab sie da- 
her auch unter dessen Namen heraus. Nun ist freilich 
durch Semisch (in meinem grundlegenden Werke über Ju- 
stinus den Märtyrer, Breslau, 1840. I. S. 172tf.), Hollen- 
berg (in seiner sorgfältigen Schrift „Der Brief an Diognet", 
Berlin, 18Ö3) u. A. aus sachlichen und sprachlichen Grün- 
den unwiderleglich nachgewiesen, dass Justinus, der im 



^ 16 — 

/ahre 168 unter M. Aurelius den Märtyrertod starb, der 
Verfaeaer des Briefes an Diognetos nicht sein kann; den- 
noch aber wird für Jeden, der nach den Grundsätzen ge- 
sunder philologischer Kritik verfährt, und demnach zunächst 
auf die üeberlieferung gebührenden Werth legt, die TTeber- 
schrift in der Strassburger Handschrift den von besonnenen 
Forschern, wie Tzschirner, Bunsen, Seipisch, Hollen- 
berg, längst gezogenen Schluss rechtfertigen, dass der Brief, 
„wenn auch nicht Justinisch, doch wohl aus dessen Zeit- 
alter herrühre'' (Hollenberg a. a. 0. S. 89 und 90). Es ist 
wichtig, gerade einen Kritiker wie Overbeck, der es mit 
der handschriftlichen Tradition so leicht nimmt, auf ein 
solches Zeugniss der üeberlieferung, das unter allen Um- 
ständen zunächst gewürdigt werden muss, hinzuweisen. Em 
Beispiel aus klassischer Zeit verstärkt vielleicht auch hier 
diesen Hinweis. Der Sammlung Justinischer Schriften sei 
das Corpus Demosthenischer Beden gegenüberge- 
stellt. In demselben befinden sich eine ganze Anzahl von 
Beden, die, sei es von den Verkäufern der Handschriften, 
oder wohl hauptsächlich von dem berühmten, die gesammte 
literarische Verlassenschaft des hellenischen Volkes in der 
Alexandrinischen Bibliothek ordnenden und katalogisiren- 
den Bibliothekar Kallimachos aus Irrthum unter dem 
Namen des Demosthenes eingeschwärzt wurden. Die ZaU 
der politischen Beden dieser Art ist freilich gering, es sind 
nur die n%gl lAkowr^GoVy im Jahre 342 v. Chr. thatsächlich 
von Demosthenes' Zeit- und Gesinnungsgenossen Hegesip- 
posi gehalten, und Ihgi tmv ngoq !Aki^avÖQov (rm&fjictöv, 
gleichfalls von einem, uns allerdings unbekannten, Gesin- 
nungsgenossen des Demosthenes aus dem Jahre 830 oder 
335 V. Chr.: ein ürsprungsverhältniss, das schon die spä- 
tere Kritik der Augusteischen Zeit richtig herausfühlte. 
Aber es kommt sodann eine Beihe von 21 Processreden 
(13 in Sachen Verschiedener, 8 für die Processhändel des 
ApoUodoros) hinzu, welche echt, d. h. in jener (Demosthe- 
nischen) Zeit wirklich gehalten sind, der sie angehören 
wollen, meist schon von Dionysios von Halikarnass 
als nicht von Demosthenes selbst herrührend verurtheilt. 



— 17 — 

Ausser dieser auf Irrthum zurückzuführenden Yergrösserung 
des Corpus Demosthenischer Werke erfuhr dasselbe in der 
Zeit Yon Demosthenes' Tode bis Eallimachos noch einen 
weiteren, nicht unbeträchtlichen Zuwachs durch bewusste, 
Yon eitlen Bhetoren yerübte Fälschungen (3 Demegorien, 
einige Processreden und eine Anzahl eingeschobener Acten- 
stücke), welche Dionysios von Haükarnass bereits kannte 
und grösstentheils als Fälschungen erkannte. Hat nun in 
den beiden angeführten Fällen nur eine sorgfältige Ana- 
lyse des Inhalts und der sprachlichen Form die erstere 
Kategorie der mit des Demosthenes Namen geschmückten 
Beden als nicht von dem grossen Bedner selbst verfasst, 
wohl aber als Demosthenischi d. h. dem Zeitalter des De- 
mosthenes angehörig, die zweite Kategorie dagegen als di- 
recte Fälschung nachgewiesen, so wird auch der im Strass- 
burger Codex Justinischer Schriften mit des Justi- 
ne ifamen versebene Brief an Diognetos inhaltlich und 
fonaeü daraufhin untersucht werden müssen, ob er, wozu 
uns die handschriftliche XJeberlieferung zunächst auffor- 
dert, in das Justinische Zeitalter, d. h. in die zweite 
Hälfte des zweiten Jahrhunderts zu setzen ist oder nicht. 
Wie dort des Demosthenes Name irrthümlich einer Reihe 
Ton Seden vorgesetzt wurde, die thatsächlich der Demo- 
sthenischen Zeit ihren Ursprung verdanken, so wird auch 
bei unserem Briefe die Ueberschrift als die irrige Hypo- 
these eines späteren Schreibers anzusehen sein, dem der 
Brief etwa ohne jede Ueberschrift in die Hände gekommen 
war und der, einen Diognetos als Adressaten aus dem Ein- 
gang der Schrift entnehmend, derselben de suo den Namen 
des Justinus als Verfasser vorsetzte. Auch Overbeck 
bestreitet die allgemeine Möglichkeit dieser för mich noth- 
wendig sich zunächst ergebenden Annahme nicht (S. 21); 
es bleibt mir aber unerklärlich, wie durch dieselbe „die 
handschriftliehe Ueberlieferung unseres Briefes vollständig 
entwerthet^' werden sollte. An diesem Punkte tritt die 
Differenz unserer Standpunkte hinsichtlich der Schätzung 
und Verwerthung der Ueberlieferung klar zu Tage. Aus 
der Thatsache nämlich, dass von den vier in der Strasa- 

2 



-- 18 — 

burger Handschrift dem Briefe an Diogneto8 vorangehen- 
klen Schriften drei {Ilegl fiovocQx^ag, j^oyog naguivixtxhq 
■n^^ ''ElXijvag und n^dg '^EU.f^vag) Justinisch in dem toü 
niir verstandenen Sinne, dv h. ,,wirklich noch aii& der Zeit 
•des Str<eits' det Kirche mit dem griechiBch-^römischen Hei- 
dent£um starttimende apologetische Schriften sind^^ (S« 19), 
die *'Ex&taig ntistttaq n^gl xtjq 6Q&7jg ofwkoyiag ^roi nsgl 
'tQiä9o^ dagegen, sofern sie sdbst für Justinisch gelten 
will und einen für Justinus unmöglichen Zweck yerfolgt, 
-pseüdojustinisch in eigentiichem Sinne, d« h. -directe, auf 
des Justinus Namen verübte Fälschung ist — ergiebt sich 
•für Overbeck ^sofort die grössere Wahrscheinlichkeit der 
anderen Annahme (S; 20)^' „dass die Ueberschrift unseres 
Briefes auf ebenso ursprünglicher Kunde beruhte, wie die 
ätiT*'JSx9'B6ig nitnecogj ihr zufolge also unser Brief als eine 
iäi sirengen Sinne pseudojustinische Schrift zu gelten h&tte.'^ 
Hier hängt demnach, um einen Ausdruck- Overbeck's zu 
'gebrauchen, ein ,, dünner Faden** der Tradition neben dem 
andern. Ich ^üt meine Person halte den zuvor beschrie- 
benen für ebtschiedeh stärker' und Mhle mich auch, in« mei- 
ner Position — tlieselbe gewährt' mir philologisch zunächst 
kräftigeren Trost — „flir die Ermittlung des Ursprunges 
unseres Briefes denn doch nicht so - vollständig von der 
Tradition verlassen." Man könnte bei genauerer Betrach- 
tung der von O verbeck im Nachtrag zu seiner Abhand- 
lung gemachten Mittheilungen versucht sein »zu glauben, 
dass lediglich die Freude am Widerspruch und an der Ver- 
theidigung jener paradox erscheinenden, von Niemandem 
bisher gewählten Stellung zur Frage ihn in erster Linie 
zu seiner Arbeit veranlasst hat; denn weder der Mangel 
an Tradition über den Brief an Diognetos kann, wie wir 
gesehen, als bestimmendes Moment oder als ausreichendes 
Fundament für sein kritisches Verwerfungsurtheil betrachtet 
werden, noch viel weniger aber das subjectivste aller Mo- 
tive, „der stark gelehrtenhafte Eindruck des Briefes" {S.81), 
ein Eindruck, den doch so viele andere Forscher, die wie 
Overbeck mit dem Briefe selbst und der einschlägigen Li- 
teratur sich eingehend beschäftigt haben, auffallender Weise 



— 19 — 

bis jetzt eben nicht erhalten haben. Ich vermag darum, durch 
das Beispiel der Demostheni^che.n Ueberlieferung, dem leicht 
noch mehrere zur Seite gestellt werden könnten, belehrt, 
durchaus nicht einzusehend dass, wie Oy^rbeck (5. 11) be- 
hauptet, „die Verkehrtheit des..G:ebyauchs, welcher hier vom 
handschriftlichen, ^eugnißse über , unseren Brief gemacht 
wird, *uf dßv. Handf! liegt \:ind werde dess^in Behauptung, 
da&s 4ie Meinung» 4er ]3rief an. Qiognetps sei eine a'polo- 
getische Schrift des ^w^iteA, Jahrhunderts, „zum guten Theil 
auf Wiem von d^T. Tradition verschuldeten, aber darauf nur 
sehr übal zu , begründendßn Vorurthßile ruht," (S. 11) zu 
widerlegen .haben, 

B. Di«' inneren Intiden. < 

1. Die Stellen^ welohe» sich auf Yerfolguixgeii. der Christen 
UEd BOD.atig6:i^eitgeschiehtüch, wichtige Ereignisse be- 
ziehen. 

„Die wichtigste Reihe voi;i Argui||ie^ten, welche man 
für die. Entstehung des Briefes a|i piognet im zweiten Jahr- 
iiandertf anfuhrt, ist den Stellen ent^omI^en, welche von den 
Verfolgungen. reden." ^-J^er gerade diese Stellen erklärt 
Overbeck (S. 12) für die in qhronologischer Hinsicht gleich- 
gültigsten, er hJLlt die in den Capit^Ii^ 1, 7, 10 sich findenden 
Anspielungen auf das christliche M|i.rtyrerthum mit Lardner 
nur zur Begründung jd^r Ansicht für ausreichend, „dass der 
Brief .vor Con8ta|iJ;in geschrieben sein müsse." Wie ist es 
denn aber mit diesen Anspielungen bestellt? Wenn der 
Verfasser gleich im Eingang der Schrift von den welt- 
verachtenden , Christen sagt: ß-ctvarov xar u(pQQvovGi und 
sie Cap. 10, 7 bezeichnet als rovq xokcc^ofiivovg knl np fi^ 
d^ÜLELv ccQV^au0^€^f>' &66vj so kann doch das in dieser All- 
gemeinheit vpn irgend Jemand nach der Zeit des Con- 
stantinuj^^. al^ das Kreuz überall herrschte und die Chri- 
sten geehrt, geschützt und bevorzugt waren, unmöglich 
noch gesagt worde^i sein. Es passt aber auch nicht etwa 
auf die Zeit des Decius, da die Wirkungen der Verfolgung 
dieses Kaisers im Jahre 251 für die Christen entschieden 
besdiämend waren. Der von Eusebios (Hist. eccl. VI, 41) 
aufbehaltene Brief, des Dionysios von Alexandria an Fabius 



— 20 — 

von Antiocbia berichtet darüber U.A.: ^^Und schon erschien 
das Edict, in Folge dessen fast jenes Allerschrecklichste^ 
nämlich das von unserem Herrn Vorausgesagte, dass, wenn 
es möglich wäre, auch die Auserwählten abfaUen würden, ge- 
schah. Alle wurden wenigstens von einem gewissen Schrecken 
ergriffen. Und Viele von den Vornehmen gingen aus Furcht 
sogleich hin, Andere, die in öffentlichen Aemtem standen^ 
wurden von ihren Geschäften dahingerufen, wieder Andere 
mussten erst von ihren Angehörigen und Freunden dazu 
genöthigt werden. Namentlich aufgerufen, traten sie hin 
zu den unheiUgen und unreinen Opfern, die Einen blass 
und zitternd, als wenn sie nicht opfern, sondern selbst 
den Götzen zum Schlachtopfer dienen sollten, so dass sie 
von dem herumstehenden, zahlreich versammelten Volke 
Spott und Hohn erdulden mussten, als Leute, die offenbar 
zu Beidem zu feige seien, zum Sterben, wie zum Opfern; 
Andere aber gingen bereitwilliger zu den Altären hin, mit 
grosser Frechheit versichernd, dass sie früher keine Chri- 
sten gewesen seien. Bei ihnen zeigte sich der Ausspruch 
Christi bewährt, dass die Beichen schwer in das Himmel- 
reich kommen. Von den Uebrigen aber folgten Einige 
der einen. Andere der andern Klasse der Genannten, An- 
dere flüchteten sich, noch Andere wurden ergriffen. Von 
den letzteren liessen es einige bis zu Fesseln und Gefäng- 
niss kommen. Andere sich sogar mehrere Tage lang ein- 
kerkern, hernach aber schwuren sie, ehe sie vor Gericht 
geführt wurden. Andere jedoch hielten sogar bis auf einen 
gewissen Grad die Martern aus, bis endlich auch sie ab- 
schwuren." — 

Aber sehen wir uns ferner die anderen auf die Ver- 
folgungen bezüglichen Stellen an. Im 5. Cap. sagt der Ver- 
fasser von den Christen, die ausdrücklich als noch unter 
dem Gesetz des heidnischen Staates stehend bezeichnet 
werden {nd&ovxcci roiq (&Qi(Tiiivovq vofjLOig, xal roig Idiotg 
ßioiq vix&ai rovg vofiovg)^ eine Beihe von Prädikaten ans, 
die, wenn sie auch in dem Zusammenhange, in dem sie sich 
finden, und in der Form, worüber später noch ein Wort 
zu sagen, auf Paulinisches Vorbild zurückzuführen, doch 



— 21 — 

ganz unzweideutig Yon den Leiden und den Todesnöthen 
der Christen in der Verfolgung Zeugniss ablegen, wenn es 
heisst: ino ndvtwv Smxowrm — xcctaxQivovrai — S-etwa" 
Tovvrai — osTtlAOvvTcct — ßXaag)t]uovPTai — vßQl^ovxut. 
Wenn sodann im 6. Cap. der Verfasser sagt: 9. Xgvexia" 
vol xoXa^Qfktvoi xad-' ^fiigcgv Ttliovcc^ovin und im 7. Cap. 
von denselben: 7, [Ovx og^g] nagaßalXop^ovQ ß-rofloiq, 
tva uQVijaiavTm xinß xvgiov, xul fiij vücvüfjiivovg; 8. ovx oq4^ 
0609 nXelovig xokä^ovTCci, rorrovrq} nXeopcc^ovrag äXkovg; 
— ja, wenn ausser den hier genannten Thierkämpfen der 
verfolgten Christen, ihrer dabei bewiesenen Standhaftigkeit 
und dem auch Andere zu gleichem Heldenmuthe begeistern- 
den Charakter derselben, der Schluss des Briefes auch des 
Eeaertodes gedenkt, den die Christen zu erleiden hatten 
[xovq vTtofjiipovrccg vnhg Sixccioavvrjg &avfia(TBig x6 nvQ rö 
"^^wsxds^gov, xal fAaxugiaBig, orav ixBivo ro tcvq hmyv^g): 
«0 haben wir hier augenscheinlich keine leeren Allgemein- 
leiten f denen nichts Wirkliches mehr entspricht, keine 
biAssen Beminiscenzen aus einer Zeit, die, wie Overbeck 
will (S. 58), „schon ausserhalb des Kampfes der Kirche mit 
dem griechisch-römischen Heidenthum steht,^^ sondern ganz 
bestimmte Judicien einer Situation, die uns bei der frappan- 
ten Aehnlichkeit, auch in Fassung und Form mit den in 
anderen Schriftwerken uns aufbehaltenen, mit Nothwendig- 
keit in das zweite Jahrhundert, speciell in die Zeit der 
Verfolgung des Kaisers M. Aurelius weisen. Aus- 
geschlossen freilich muss die Verfolgung von Smyrna im 
Jahre 166 werden, welcher Polykarpos und zwölf Fhiladel- 
phische Christen zum Opfer fielen. Das war ein verein- 
zelter Fall, herrorgerufen durch die entfesselte Volks- 
wuth, und zu Stande gebracht durch die Nachgiebigkeit 
eines schlaffen Statthalters. Anders im Jahre 177. Da 
zuckt zunächst vom Orient her ein gewaltiger, ^egen die 
Christen unternommener Vertilgungsyersuch, ein furchtba* 
rer Vorläufer der letzten unter Kaiser Decius und Diocle- 
tianus wieder aufgenommenen und dann ersterbenden 
Kämpfe^ durch das ganze Eeich, die Katastrophe zu Lug- 
dunum ist wohl nur die von der Tradition am ausführlich- 



— 22 — 

sten überlieiferte. ' Wicht mehr bleibt fttan- bei de» im Öros- 
Ben uüd Qatizen immer ei^olglos ge^e^enen ÜineelaAklageQ 
nach trajanischem Muster stehen^ mi^nsdireitet zu allge- 
meiner Aufsuchung und Verhaftung d«r?€hrMten fort Es 
kann hier hiebt die Absicht söin^'auf die Schilderung der 
Einzelheitißn jener für die CSitisten sö -verbangniösvoUen 
Tage oder auf die ällgemeineii historisthenJ Yörhältnisse, die 
Keim in seinem „Celsus" S.''271ff4^mit ^glänzendem Scharf- 
sinn dargelegt hat, näher einzugeben: es^ kommt yielmelir 
darauf an zu zeigen, dass die Indicien di'eser Ver- 
folgung dem Brief 'an' Diognetoß 'mit Anderen 
gleichzeitigen, nachweislich iaus di'eser Zeit des 
Kaisers M. Aureliils stätamöndeli Schriften ge- 
meinsam sind. Dass die Christenhetze des Jahres IIT 
eine allgemeine war i zeigt zunächst u. A^^eiiie Stelle der 
passio Epipodii 2: „cumper prövincifts »gentilium ftiror 
desaeviret, praecipue in Lugdunensi urbe debacchätus est,** 
und Eusebios knüpft gleichfälle an die Schilderung der 
schauerlichen Vorgänge in jener Stadt (V,'l) die vielsa- 
gende Bemerkung (2^ i)t ä(p Av'xou rä kv rai^ Xdiml; 
inctQx^ctig hvriQyripihaiüxoTi loyiüfidi tfro^a^^ffd-äi 9tccpis&nv. 
Für diese Allgemeinheit ^eügt in «r^ter Linie der Zeitge- 
nosse Celsus^ der^ wie Keini überzeugend and nach mei- 
ner Meinung unwiderleglich nachgewiesen, im Jahre 178 
sein&h ^X7]&^g loyoQ gegen die Christen schrieb. Diese, 
nach Celsus' Aüsdriick, hiebt ohne Grründ heimlich lehrend, 
um der drohenden Todesstrafe zu' entgehen^ (bei Orig. c. 
Oels. I, '3' «ori an ol) (jLdvr^v tofrrö ii&ioikfiv, otb Si6)&oV' 
(iBvot Tjjv knf]0Tfjfihrjv ccirölg Slktjv rbv ^aifoSrov)^ sind 
fort und fort in der Lage, liegen ihrer Lehl-e und' üeber- 
zeugung b^i Menschöti in* Gretahr^zu kbmiheri (I, % Si ccvro 
xivSwBviiv Ha^ äv&Q(^noig), Foltör und 'Strafenittel war- 
ten ihrer (VIH, '58), von Gott und dfer Welt verlassen, 
leiden sie (Vlll, 54), werdefi von Dämonen tibel^ geplagt 
und ain den Pfahl gehängt {VII, 40 xixxoSaifAöifafTe m 
ivcc(FxoXonl^B<T&e) und sterben mit dem Gottessohne (II, 45). 
Drei Stellen insbesondere zeigen, nach Keim's treffendem 
Ausdruck, „den ganz sperifischen furchtbaren Ernst der 



-- 23 — 

Lage^: Di6 GhriBten werden gefesselt y woggefUhrt un4>ftA' 
den Pfahl gehängt (VIII, 39)^ sie, die L&sterer der Götter, 
sterben entweder mit der Buhe und Keckheit der Ver- 
brecher (Vni, 54), oder sie werden auf der Elucht gefan- 
gen und müssen zu Grunde gehen (VIU, 41 ulX omoi 

yaiftcc SnA Totrb kai XQimxofi^vov, fj ar^ccrxd^^fov xa\ unßk", 

Av^eyot'), und wenn noch der < Eine oder .der Ai^dere in Yerr 

borgenheit^ herumirrt^ . so wird ei aufgf^sucht zur Strß.f e de.s. 

Todes (Vni,'69 ^fß^äv^M x ccpjikavävcci xi^ kx% lw&civ(ov,^ 

iiXtJt' ^"f^Tälxc^t ftgd^. &ccpiiTev ^xfjp)» Gs^nz ^i» gleiche Si-^ 

tttation zeigt uns 4er ,|OctaTius'' des Minubcius Felix^ der: 

höchst wahrscheinlich \kurzi^or dem)Jia^e 180 geschrieben 

ist (Keiml, Celsus S. 156). Freilich) wean wir auf Teuf fei 

b5ren wollten, der (Gesch. d. Rom. Literatur. §. 368, 2- 8. 841) 

das %ohd^rbare XJrtheil fällt, die. Schrift .sei, ^nach der Offe^r 

bat d^r -Darlegung.! und .dem.' völUgeoa Fehlen yon Bijbter- 

Irei'V^ j^aus- einer Zeit, wo das Ghristent^hum keine Msse- 

rea Anfechtungen, .zu. erfahren hatte^^: so w&re eq joit AeXi 

Dätirung' nicht bloss dieser, aondern a\ich .mancbj^r wdQ- 

ren Apologie z; B, der. des Athenagoras llb^l bestellt. 

Letzter e<0eichnet. sich gleichfalls^ durch übeixascheAd offene 

Darlegung aus und j es fehlt ihr thateächlieh Jede Bitterkeit; 

und' dennoch kann .nach allen äAissecen und innerei^ lur, 

dicien nicht der. geringste Zweifel obwalten, .da3S sie üb, 

Jahre 177 geschrieben isti und die Reihe der.griechisphejsi 

Schutzschriften, wielche die Gnade lujid Gereohitigkeit; der 

Kaiser M. AureMus und Oammodiis anrufeoi -r- es geh<}ren 

bekanntlich ausser Atheiiago ras dahin Meliton, Mil- 

tiades, Apollinards t^ : eröffnet. Aber bei Minucius^ 

Felix fehlt es- durchaus nicht an Bitterkeit. . Noch rerr 

misst mai^ zwar gänzlich die Anschuldigungen »politisQher^ 

Katui, wie sie zwanzig Jahre später uns Tertulüan < be?. 

richtet^ „namentlich das. Verbrechen, der Majestätsbeleidi-; 

gung und der Verschuldung der öffentlichen Oalamitätea 

durch die Beleidigung der Staatsgötter'^;^) aber die Christen 

1) Ebert, Tertnllians Verhfiltniss zu Minucius Felix. Leipzig, 1868, 

S. 7. 



— 24 — 

erscheinen im ,,Octayius^^ ganz entschieden yerbittert gegen 
Kaiser und Eeich; in excessiver Weise, welche nur die Noth 
erklärt, ^) vergreifen sie sich an allen patriotischen und re- 
ligiösen Erinnerungen Roms (c. 24 f.), ,,den Widerstand 
christlicher Freiheit unter dem Gehorsam des Einen Q-ottes, 
gegen ,die Könige und Fürsten' feiernd/' ho£fen sie zu Gott, 
„der ihre Kämpfe bewundert {c. 37), auf Wiederkunft und 
Weltgericht (c. 12. 37)." Aber mehr noch. Die entsetzli- 
chen drei Anschuldigungen, wie sie zur Zeit des M. Aure- 
lius im Schwange gingen, und wie sie uns Athenagoras 
gleich im Eingange seiner HgtirßBla stegi X^iattavmv c. 4 
aufführt: rgla hm<ffjiilC,ovaiv i^fjLlv iyxlijfiaztx^ ä&eövfjraf 
0vi(rr$ia Selnvcc, OlSvnoS$lovg fil^ag — spielen auch 
belMinucius Felix eine grosse, nicht minder beklagens- 
werthe KoUe, „quasi Christiani monstra colerent, infantes 
vorarent, convivia incesta miscerent'' (c.28, 2cf. c. 9). Ferner 
bezeugt der Heide Caecilius (c. 12, 4) das von den Behörden 
gegen die Christen gehandhabte Verfahren: „ecce vobis minae, 
supplicia, tormenta, et iam non adorandae sed subeundae 
cruces, ignes etiam quos et praedicitis et timetis'' — und Octa- 
vius, der Christ, entgegnet siegesfreudig (c. 37, 5): „pueri et 
mulierculae nostrae cruces et tormenta, feras et omnes sup- 
pliciorum terriculasinspirata patientia doloris inludunt''. Sind 
das nicht Alles — man beachte insbesondere auch im „Octa- 
yius'' des Minucius Felix und im Briefe an Diognetos Cap. 10 
den gerade aus des Kaisers M. Aurelius Verfolgung häufig 
bezeugten Feuertod, wie ihn ja u. A. auch Polykarpos erlitt 
— ganz genau dieselben, zum Theil bis auf den Ausdruck 
gleichen Judicien, und zwar sie alle in völlig gleicher All- 
gemeinheit, wie wir sie im Briefe an Diognetos finden? 
Und wenn sie alle uns auf den einen grossen Verfol- 
gungssturm vom Jahre 177 weisen, warum soUte nicht 
schon aus diesem Grunde geschlossen werden, der Brief 
an Diognetos müsse in eben dieser drangsalsvollen 
Zeit, etwain den Jahren 177 — ISOgeschrieben sein? 
Doch sehen' wir zunächst weiter zu, ob auch andere Erwä- 



1) Keim, Celsus' Wahres Wort. Zürich, 1873. S. 156. 



— 25 — 

gangen zur Stütze dieser im Voraus zunächst auf die äussere 
üeberlieferung und auf jene BeiHe ausgehobener innerer 
Anzeichen gegründeten Ansicht hinzutreten. 

Zu den im 5» Gapitel des Briefes an Diognetos enthal- 
tenen Aussagen, in denen wir bestimmte, auf das Gheschick 
der Christen zur Zeit der Abfassung der Schrift bezügliche 
Beziehungen erkennen mussten, bildet den Schluss die viel 
missdeutete Stelle §.17: 'Yn6 ^lovSaitov ai$ dMfpvXoi nth- 
XtiiovifTai xal vicd ^EXkr^vcov Sieixomm. Unzweifelhaft hat 
Overbeck Recht, wenn er (S. 13) Otto's und Nitzsch's 
Herauf gestützte Datir ung verwirft. Otto nämlich schliesst ^) 
aus des Justinus nach seiner Meinung etwa drei Jahre 
nach dem Barkochba-Eiiege, 138 oder 139 geschriebenen 
gröBseren Apologie Cap. 31: 'lovSc^oi ^i9^pot)$ ^fjiSg xai 
noh^iovg i^yowtat, ofiomg ipuLp (Bomanis) avaigovvreg 
xai xoXo^ovTeg ^fi&g onAvcev Svvmvrai^, c&g T^ai nua&^vcct 
Svvaa&v xccl yäg hf rä vvv (nostro tempore) yeytvrjfjiivtp 
lovStttx^ noXi^fp BuQX^X^ß^^f ^ "^VQ 'lovSalcov änoaräaecnQ 
dpZW^V^} XQiüTiavovg fjiovovg elg rifunplag SBiväg, ei 
firj d^olvro 'Irjaovp rdv JLqujxov xcu ßXcctnptjfAoUv , i«<- 
kvev anäyiG&m: „ünde luce clarius apparet Epistolam ad 
Diognetum circa hoc fere tempus h. e. circa medium quar- 
tum saeculi secundi decennium (a. 133 — 135) scriptam esse.^ 
Nach Nitzsch^ soll der Brief aus einer Zeit sein, „wo 
dem jüdischen Gemeinwesen selbst noch nicht der Todes- 
stoss versetzt war, also vor dem Ende des Kriegs unter 
Barcochba (13&)/< Letztere Ansicht erscheint mir völlig unbe- 
greiflich, da die Stelle des Justinus in ihrem vollen Zusam- 
menhange und somit auch der Schluss des 5. Cap. unseres 
Briefes klar und deutlich über die Zeit des Barkochba- 
Krieges hinausweist. "Wir würden schon über ein Decen- 
nium hinabsteigen müssen, wenn wir uns Overbeck 
anschliessen wollten, der, wie auch Volk mar und Lipsius> 



1) Epistola ad Diognetum lustim phil. et mart. nom. prae se ferens. 
Rec. Otto. Ed. IL Lipsiae, T. 0. Waigel. 1852. S. 47. 

2) Nitzsch, Grondriss der christl. Dogmengeschichte. I. Theü. 
Berlin, 1870. S. 109. 



— 26 — 

des Justinua grössere Apologie um das Jahr 160 geachrie- 
ben sein läfist«^) Jedoch die .Gründe^ toit welchen. Dv er- 
be ck jene Argameiitation für YoIlkoinmen>mcl|tig erklärt, 
kann ich, weil sie jede Wirklichkeit verflüchtigen, .durch- 
aus nicht anerkennen... Er findet (a..a. 0. S. H) die Aus- 
drücke unserer Stelle ,,YDn solcher Allgemeinheit, dass sie 
ein Schriftsteller , der streitenden • Kirche nicht bloss det 
drei ^rst^u/Jalirhunderte, sondern allei: Zeitalter brauchen 
könnte/S Wie. denn? Aller. Zeitalter? Diese Behaiq^tung 
dürftedooh wohl kaum, ernstlich zu nehmen sein, sie achiesst 
zu offenbar weit .über das erstrebt;e Ziel hinaus. .Aber siei 
gerade bildet die Brücke .fiir .den weiter herausgesponnenan 
G-edanken, dass die Stelle eben nichts weiter besa^, als 
„dass Juden und £[eid£n die natürlichen Gregner der Ohri&tQii 
sisttd,f^ eine Erklärung, zu der Overbejck wohlweislich. üe 
Gantel hinzufügt: ^^ wobei aber wieder klar w^rd, dassder Ver- 
fasser an.nichts augenblickliches zu denken braucht, sondern 
aafrin.chs^aktevistiscbeß Merkm^ des christlichen. Wesens 
überhaupt, denken kann*" ..Aber, wiurum. soll .denn der Yer- 
fasser ' nicht ^ ßtwas, Gegenwärtiges, d^kei^? Hat er doch 
mit dem Sqhlußse des Capitela, von. dem vir reden . — wa§ 
QTerbeck mit Unrecht in Abpede stellt -r- die antithetische 
Form deri Bede, > mit der er im zweiten Dritttheil.des Capi- 
teis. begonnen,, augenscheinlich wieder Verlajsaen. Wie sollte 
detin auch — waä Overbeck unmöglich nachweisen km 
— rj.in demicitirten .Satae bei der iSo nahen Verwandt- 
schaft der. gebrauchiteoi Ausdrücke no^fjtHv und \ämmv 
eine: Antithese heoiauskommen? Da.wir.nun. fe;rne^ in^^ei^ 
übrigen aufgeführten Stellen desiBriefes direkte und deutr 
liehe, imit Celsus und Minucius Felix sich eng berührende 
Hinweise' auf. die schweren Drangsale der Verfolgung unter 
M*;Aure}iU^ finden mussten/ warum sollte., der Verfasser ge- 
raide amSchluss des ö-Capitels mit .j.enen. Worte» v^ö 'lov 

daiouv cog äXX6g>vXoi TiokefiovvTai xal vno ^EkXi^vtov Sioixov- 
rat nur deii ganz allge;D[ieinen Satz ausdrücken wollen: ^,Die 
Christen werden, obwohl voi;i den. J!udei;i , als Fremde ange- 



1) Overbeck, Studien zur Geschichte der alten Kirche. S. 13^- 



— 27 — 

feindet, auch Ton den Heiden, diesen natttrlicheii Gegnern 
der Juden, nicht zu den Ihren gerechnet und haben auch 
sie nicht zu Freunden"? wir werden Vielmehr auch 
in diesen Worten den dunklenWiederschein d^r 
traurigen Wirklichkeit zu erkennen haben. Schon 
die zuvor citirte Stelle auö dei* grösseren Apologie des 
Justinus, die nach Overbeck, Völkmar tind Lipsiüs 
150 geschrieben sein soll, in der That' aber,' wie Keiin^) 
erwiesen, erst in den Jahi'en 158 — 160 verfasst sein kann, 
redet klar und bestimmt von deü zu eben dieser Zeit im 
Schwange gehenden Feindseligkeiten gegen die Christen von 
Seiten der Heiden und Juden, und (ier nach Keim's* An- 
sicht (Celsus, 8.-224, Anin. 1) erst nach 161 entstandene Dia- 
logus cum Tryphone bezeugt c' 110.' p. 372 C dasselbe. Ge- 
wiss hat die blutige ]^iederweffüng des ÄuMandes unter 
B«iTkbchba das Ibrige dazu beigetragen, die seit den Ta- 
gen des Paulus befestigte Kluft zwischen Christen und 
Juden immer tiefer aufzureissen, und es ist schon an sich 
iöchst wahrscheinlich und wird durch bestiiiimte Thatsachen 
bestätigt, dass gerade nach dieser letzten Katastrophe die 

r V 

Juden in immer grösserer Wüth und Missgunst gegen die 
Christen zu lästern und zu hetzen begannen. 

Dass in diese Zeit nämlich höchst ' wahi*scheinlieh die 
Entstehung jener Oaricaturnamen Christi „Paiithera^* [it5*''n"iB 
oder- «5'^ü-i5:«n'>02B], „Stada** [«nüb-fk], „Onokotfes'^'[wohi 
ovoxokog, Verzerrung aus ■>?» oder bK*)!! ^ob^] fällt, welche 
Paulus Cassel in seinen „Apologetischen BHefen" (I. Ber- 
lin, 1875) in seiner geistvollen Weise so tiefsinnig und über- 
zeugend gedeutet hat, erscheint nur ihit" ebehdetnsölben 
(ä. a. 0. S; 16) sich hauptsächlich aus dem- Umstände zu 
ergeben, dass die 1[?almudischen iJehrer des dritten und 
vierten. Jahrhunderts die feindseligen Bezeichnungen üicht 
mehr verstanden, ja dass die Juden, den^n Cölsüs die auf 
den ersteren Spottnamen beziiglichefh Erdichtiin^en entlieh, 
wohl noch die Vorstellung gehabt hg^ben, dieser selbst aber 



1) Prot. K.-Ztg. 1873, Nr. 28, vergl. Keim, Aus dem Urchristen* 
thum. Zürich, 1878. S. 154. Anmerkg. 



— 28 — 

die Spitze desselben schon nicht mehr gefasst hat. Dies 
Factum wird um so glaublicher , wenn der Aufstand des 
Barkochba, dessen intellectueller Urheber ja Rabbi Akiba 
war, mit der Zerstörung von Bethar nicht erst, der 
landläufigen Annahme zufolge, im Jahre 135, sondern, wie 
A. Bodek^) aus jüdischen Ueberlieferungen und exactester 
Interpretation der römischen Quellen, besonders des Dio 
Cassius, scharfsinnig nachzuweisen versucht hat, schon im 
Jahre 125 seinen Abschluss fand. Die Geschichte des Ju- 
denthums nach dieser gewaltigen Katastrophe erklärt gar 
Manches in dem Verhalten der Juden gegen die Christen. 
Es war klar, die, Juden hatten damals ihre Bolle auf hei- 
mischem Boden ausgespielt, sie hatten aufgehört, eine po- 
litische Körperschaft zu sein. Ausschliesslicher und reiner 
alsjesahmanbei der drohenden Zerstreuung und Zerstücke- 
lung die Nothwendigkeit ein, das Bewusstsein der nationa- 
len Zusammengehörigkeit im Volke wach zu halten, und 
erkannte nicht minder die Pflicht, (Bodek a. a. 0. 8^109) 
„sich an die Fremden anzuschliessen, mit denen man nun- 
mehr zusammen wohnen, mit denen man Luft und Licht 
theilen sollte, und ebenso auch den fremden Culturelemen- 
ten zugänglich zu sein, so weit sie sich mit den heimischen 
vereinigen Hessen." Besonders ist es das Verdienst des aus- 
gezeichneten, vielseitig gebildeten Rabbi Jehuda (geb. 125, 
gest. 192), dessen heilsamem Einfluss das Volk je länger je 
mehr willig sich unterordnete, dies deutlicher als irgend 
Einer vor ihm und um ihn eingesehen zu haben. Im Ge- 
gensatz zu Rabbi Akiba gab er jeden Gedanken an Wie- 
dererlangung der politischen Selbständigkeit auf. „Er hielt 
(s. Bodek a. a. 0.8. 113) die nationalen Erinnerungen nicht 
nieder, aber er versuchte die Leidenschaften zu beschwich- 
tigen. Die Jahre seines Patriarchats sind nach langer Zeit 
die ersten wieder, in denen die Juden ruhig bleiben und 
keinen Versuch machen, sich gegen die Römer zu erheben. 



1) Marcus Aureliiis Antoninus als Freund und Zeitgenosse des Babbi 
Jehuda ha-Nasi. Ein Beitrag zur Cultuigeschiehte von. Dr. Arnold 
Bodek (Leipzig, 1868). S. 50 ff. 



— 29 — 

Das Interesse wendet sich vielmehr yorwiegend der Ord- 
nung und Verbesserung der inneren Angelegenheiten zu. 
Hierzu wirkte aber ganz wesentlich der Einfluss des Patri- 
archen mit, und sein eigenes Beispiel, mit dem er als Ober- 
haupt der hohen Schule voranging. So weit er es mit sei- 
nem nationalen Gewissen vereinigen konnte, kam er den. 
römischen Behörden freundlich, hilfreich und höflich ent- 
gegen/' Ein freundliches, Yerhältniss zu den Römern war 
die Folge dieses Verhaltens des Patriarchen, und das, was 
nns die Kirchenschriftsteller über das gemeinsame Vor- 
gehen der Heiden und Juden berichten, findet gerade durch 
diese bisher vielleicht nicht genügend gewürdigten Thatsa- 
chen aus der jüdischen Geschichte eine hinlängliche Er- 
IdSirung. 

Helles Licht wirft auf diese Verhältnisse u. A. der 
vonEusebios in seiner Kirchengeschichte (IV, 15) auf- 
behaltene Brief der Gemeinde zu Smyrna an die zu 
Piilomelion über den Märtyrertod des Polykar- 
pos im Jahre 166. Mag man auch dieses Schreiben, dessen 
wesentliche Identität mit dem Bericht der Märtyreracten (ein- 
zelne Zusätze in letzteren nicht ausgeschlossen) Zahn behaup- 
tet und nachgewiesen,^) in seiner jetzigen Fassung frühe- 
stens 180 — 190 geschrieben denken, oder mit Lipsius*) 
und Holtzmann*) die Abfassung etwa zur Zeit der 
Decischen Verfolgung für das Wahrscheinlichste halten, 
oder mit Keim (a. a. 0. S. 130). bis zu dem Jahrzehend des 
Kaisers Gallienus 260 — 268 herabsteigen: das Eine steht 
über allem Zweifel fest, dass die alten Thatsachen darin 
grösstentheils treu und pünktlich erhalten sind, dass vor 
Allem — soviel Einschiebsel und Weiterungen, nach den 
überzeugenden Darlegungen besonders Keim*s (in der er- 
wähnten Abhandlung), der spätere Bearbeiter auch in 
den schlichten, ursprünglichen Text gebracht hat — die 



1) Vergl. Keim, „Die zwölf M^irtyrer von Smyma und der Tod 
des Bischofs Polykarp" in dessen letztem Werk „Aus dem Urchristen- 
thum" S. 94. 

2) In Hilgenfeld's Zeitschr. f. wiss. Theol. XVTI. 1874. S. 199—202. 

3) In Hilgenfeld's Zeitschr. fär wiss. Theol. XX. 1877. S. 214. 



— 30 — 

. tumultuarischen Vorgänge bei der Hinrichtung desFolykar- 
pos bis jetzt noch von Niemandem als spätere Erfindung 
beanßtai^et sind. Der alte Berichterstatter meldet nun 
aber, nachd^pi er erzählt, dass Polykarpos yot den Fro- 
consul geschleppt und sein dort offen abgelegtes Bekennt- 
ni^s, er sei ßui.Cbjist, von dem Herold laut vor versam- 
melter Volksmenge verkündet worden sei, (a. a. 0. §. 26) 
Folgendes: rovrov ksx^ivrog vtio rov x^gvxog näv xo 
Ttl^&og TCüv i&vcüV T« xai 'lovSaioov tcov Xfjv ^iniQvrjv 

övTog iariv q trjg'Aaiaq SiSüaxakog, 6 nar^g rc5v XQiGtui' 
vtav, xr\^ Ü3;id ak de^ schwache Statthalter, welcher dem 
Rufe der tobenden Mepge der beiden und Juden: ad 
leonem! zwar nicht willfahrt, aber deren einhelligem Ge- 
schrei, . man solle, den Polykarpos lebendig verbrennen, 
Folge giebt, heisst es (§. 29) weiter: ruvra ovv ixerä xo- 
Govxov xäxovg kyiv^ro, S-ärrov sy hleyEto, rmv oxi^o^v 51«?^- 
XQVP'^ ovvay6fPxwv kac t^v kQyuGxrtQia^v, ^al äx ro^v ßäk- 
velwv ^vXa xcu (pgvyceva, fAÜkiara 'lövSaifov ngod-virn^, 
(og ü&og cevroTg, slg ravxu vnovQyovvtmv. Abear selbst 
hiermit ist dem Rachedurst der Heiden- und .Juden noch 
nicht Genüge geschehen; als der Märtyrer verschieden 
suchen heidnische Ohrenbläser die voa de» Christen be-, 
.gehrte Verabfolgung des Leichnams zu hintertreiben (§. 41), 
Ms ^wi'^> dipiintg top hcTavQa^jiivov^ rovrov aQ^(ovi^^ 
aeßeiv, xccl rccvra alnov vnoßaXovxmv xai äTtta^vaän^it^v 
tCQV 'Iov^aia)v, ot xai kt^'jQfjaav fA^klovrcav i^fioJv bt rm 
nvQog avTov kafißdraiv. Wenn solch gemeinsaijaes Vor- 
gehen der Heiden und Juden gegen Ende der fünfziger 
und in den sechziger Jahren völlig übereinstimmend be- 
richtet wird, so werden wir uns hinsichtlich des. Briefes 
an Diognetos nicht mit der Ausflucht Overbeck's be- 
ruhigen können, „dass der Verfasser an nichts augenblick- 
liches zu denken braucht,'^ sondern wir werden es als zum 
Verständniss durchaus nothweridig betrachten, dass derselbe 
mit seinen schlichten, aber schwer wiegenden Worten vito 
lovdamv cog akk6(fvloi TtoXafiovvrai xai vTib^EXkijvoiV 
dvojxovrai die gleichen traurigen Vorgänge im Auge hat. 



— 31 — 

Keiiri hat fei^ör'HnMöiiier^Wenduüg des 7. Capiteh 
unseres Briefes einen besonderen chronologischen Halt ge- 
funden. Der Veif&sset sAgt» dort (§i 4) voA Gott, ' der nicht 
irgend einen Diener, -Engel od^r sonsti ein 'Wesen amn 
BeÜe d^r Menschien sandte, sonderli seinen Sohn: . o^g 
ßättiXiti^ n^Hntüif iilo^ ßccatk&x JMsfiyjef. Er delutet diese 
AusdrtrckswelBö^ ä/Uf die -Mitregentscbaft des Commo- 
dus mit seinem kaiÄerlichen Va4e^ Mt Auiielius, 
T^elche inl Jahr6 i*I6'^) begamn und behauptet .(Prot Kohatg. 
1873, S. '288), däss' „auch nicht annähernd: eine ähnlich 
l)asseiQde ^Üöiistellation in der ' römisK^hen Kaiser zeit zweiten 
Jabhtinderts und selbst folgender Jahrhunderte »ich auf- 
zeigen fassen" soll. Sehen' ^r von dem müssigen Spott 
aV, mit weldiem ÖTerbeck (S. 83) dem'hiörigebfauehten 
insdruck „Oonstellation" behandelt, und fragen wir, warum 
er döü Gr'edaiiken R^im's lÄcht» bloss im: Allgemeinen 
verwirft, sondiern sogar die Behauptung »wagt (S. 84)y ,i,dass 
öDte? allen Böf^glichen Verhältnissen, welche bei jenem 
Bilde völ*gescfliwebt haben könnten, an" das- de&> römischen 
Mms des '2. Jahrhunderts • %u seinem mitregieuefrden 
Sohne ain allörwenigsten zu denken ist*. Er weist mit 
Wpsiiis (liit. Gentralbi. 1873, Nr. 40) zur^Erklämingides 
gebratiöhtÖnBildes kuf das Glei^chnisB Jesu Matth.;21, 83fif. 
als das dömGfesichtskreise des Verfassers näher Liegende 
Un. Aber dieser Hinweis ifst unzureichend, und zwar 
ttm deswillen, weil gerade der Ausdjrückt /^aaUsi^gV Von 
6ott und 'von Christus gebraucht, dadurch 'nicht erklärt 
wd. Erwartete man nicht in jenem Falle, daes. der Ver- 
fasser, wie iniGleichiiiss' Jesu, bildlich von -demf. jccv- 
^gmog olkoSeimüTT]!^^ oan^ itp^tsvae^ csfAmkßvcCy und 
einfach von dessen^ohne Tcdete? Wir werden' deshalb 
l^ei K^im's Vermuthung, die Lipsius, freilich ohne 
nähere Angabe von Gründen, für ^,sehr zweifelhaft" erklärt. 



l)Capitolin. M. Ant. Phil. 17, 3: Romae cum Commodo, quem 
lam Caesarem fecerat, filio, utdiximus, suo triumphavit. Vergl. Lam- 
prid. Commod. 2, 4: Venia legis annariae impetrata consul est f actus et 
cum patre imperator est appdlatus V kal. Dec. die Pollione et Apro con- 
sulibus (d. h. 27. Nov. 176) et triumphavit cum patre (am 23. Dec. 176). 



— 32 — 

stehen bleiben müssen , da nur durch sie der 
des Schriftstellers in das Licht des Tollen VerttSdiisses 
gerückt wird« Overbeck macht vor Allem gegenKeim 
geltend (S. 84), dass M. Anreliusi „auch als er seine Herr- 
schaft mit seinem Sohne theilte, seine enÜegensta Feld- 
züge in Person anf&hrte, dass dem Sinn der Ado|iti0&en 
and der Annahme von Mitregenten dnrch die Kaiser ies 
2. Jahrhunderts nichts femer lag, als diese Mitrefenten 
in die Feme auszusenden, und der Mitregent 
solche Sendung durchaus nicht als Statthalter 
sers zu übernehmen im Falle war, welches doch 
Stellung ist, die dem BUde unseres Briefes zuGmde 
liegt'^ Aber um Feldzüge und kriegerische Dinge, ^e 
der unkriegerische Commodus an Stelle und im AnN^ 
seines wackeren Vaters nachweislich nicht ausgeführt kt, 
handelt es sich hier gar nicht Denn der Verfasser ^ 
sein Bild an derselbe Stelle (§. 4) weiter mit den Wortes: 
me aoi^tov biBfAtfffv, dg niid'fov^ ov ßiai6fiL€vog' ßif^W 
ov ngdaiCTi rtp &e^. Dass nun ein ähnlich fnei^M 
auf Rettung und Versöhnung Widerstrebender zielender 
Auftrag, Yon einem Kaiser seinem mitregierenden Sok^ 
gegeben, ,,dem Sinn der Adoptionen und der AnnaluD^ 
von Mitregenten durch die Kaiser des 2. Jahrhunii^^^ 
so durchaus fem lag, dass insbesondere Commodus, ^^' 
nach des Capitolinus Ausdruck,^) erst zur ZeM^ 
M. Aurelius starb (180), angefangen hatte, von den G^^' 
Sätzen des Vaters abzufallen, nicht auch Aehnlicbes^^ 
Stelle und im Auftrage seines Vaters ausgerichtet W»^^ 
kann, — wodurch eben die Ausdrucks weise unseres W- 
fassers im 7. Capitel beeinflusst wäre — soll Oberbeck «^ 
beweisen. Uns aber kann es in diesem Falle nicht ^ 
Vorwurf gereichen, wenn wir bei der notorisch so überaus 
lückenhaften Ueberlieferung gerade der Begierung des Kai- 
sers M. Aurelius, speciell auch jener letzten Jahre ITB-I'^^ 



1) Capitolin. M. Ant. Phil. 27, 9: Dein ad conficiendum 
couversus in administratione eius belli labentibus iam filii moribos i 



instituto suo. 



— 33 — 

nicht im Stande sind, den besonderen hier etwa gemeinten 
Fall historisch nachzuweisen. Wir tragen darum kein Be- 
denken^ auch diese Stelle des 7. Capitels als ein Zeugniss f&r 
diejenige Abfassungszeit des Briefes in Anspruch zu nehmen, 
welche wir schon aus anderen dem Inhalt desselben ent^ 
nommenen Indicien genauer zu bestimmen Gelegenheit 
hatten. 

Da durch alle diese Beweismomente Otto's und 
Nitzsch's Datirungsversuch hinfällig geworden, so dürfte 
es auch überflüssig sein, auf das von Overbeck aus des 
Hippolytos allegorischer Auslegung der G-eschichte von 
Susanna und Daniel entnommene Beispiel näher einzugehen, 
weil er den Schluss derselben nur benutzt, um Beider vor- 
schnelle Art und Weise der historischen Schlussfolgerung 
dtirch den Nachweis, dass dieselbe „für die Datirung der 
clmBtlichen Literatur seltsame Consequenzen haben^^ würde, 
ad absardum zu führen. Jedoch verlohnt es sich aus ande- 
rem Grunde diese Stelle im Vorübergehen zu betrachten. 
Hippolytos deutet^) Susanna ilq ttjv hnacXtjaluv ..., oi Si Svo 
itgeaßvTB^ot elg rvnov Sslxvwrai rdJv 8vo Xa&it inißov* 
lsv6pT€i)V'Tp ixxXf]ffifc, BiQ fxiv 6 hc Tfjq nBQvrof/iijg xal eig 
i| ä&vcov. Nun bemerkt er ferner zu den Worten „x«i 
Siiargeyfav tdv iavtcov vovv^^ioi yäg hnlßovXoi xal (p&OQBlq 
tfjg kxxXrjalag yivofiavoi nc5g Svvavrai Slxaiu xgiveiv ^ xa- 
&aQ^ xagSl^ ocvccßXintiv üg xov ovgavov, r^ äg/ovri rov 
alwvog TovTOv SsSovlcofiivoi', — und zu der Stelle „xal tjaav 
ufKpoxiQOL xaravBvr/yfiivoi negl avt^g^ixai yaQ üartv ähj- 
ß-mg xcetakaßea&ai rö elgtjfiivoVy ort ndvroTe ol Svo Xaol 
xaravvaaofiBVOi vno xov kv avroig hvBgyovvxog ^axava 
ßovXovxai Siwyfiovg xal ß'Xixptig äyeiQBiv xatä xrjg hexlr/ciag, 
CvTovvTBg onoog diatp&BiQOXTiv airnj», iavxoig intj crvfKpo)' 
vovvxBg. Gewiss hat Overbeck vollkommen Recht, wenn 
er Otto's und Nitzsch's Verfahren, auf Grund der oben 
angeführten Stelle aus Justinus (Apol. I, 31) den Brief an 
Diognetos noch in die Zeit des Barkochbakrieges zu setzen, 



1) Bippolyti Bomani quae fernntur omnia graece. E recogn. Pauli 
Antonii de Lagarde. 1S58. S. 146fF. 

3 



„ 34 

durch die einfache Aufstellung des Analogen richtet, das 
Jemand zu Wege bringen könnte , wenn er in je^®^ ^^^ 
Schrift des dritten Jahrhunderts entnommenen, auf das ver- 
halten der Juden und Heiden unter einander bezügli*n 
Worten iccvToZgu^ (tvfjL(pmfov9TBg eine ,4ierrlicheAn8piw^& 
auf den noch gegenwärtig tobenden jüdischen Krieg nn en 
wollte. Aber die Worte des Hippolytos zeigen, dass «• 
selbe Hass und dieselbe Feindseligkeit, der die Jnde^ 8^^^ 
die Christen in den letzten Decennien des zweiten Jahr^^^' 
derts durch allerlei Verfolgung und Bedrängung derselbeß | 
Ausdruck gaben, auch in den beiden ersten Jahö^"^^^ 
des dritten Jahrhunderts noch in unvermindertem 5^*^^® 
andauerten. 

Nur eines Ausdrucks möge noch gedacht werden, i^^ 
Verfasser des Briefes an Diognetos sagt von den Chn««^ 
^Cap. 6, 17), dass sie von den Juden angefeindet, UläW 
würden ds dlXoipvkoi, als fremden Stammes. Nach Ove^' 
beck (a. a. O. S. 1^) giebt er damit „vom Antagonismus der 
Juden gegen die Christen einen Charakterzug an, den er 
zwar immer gehabt hat, aber im ersten und zweitcB«!^' 
hundert gerade noch am wenigsten, wo die Kirche nocß 
nicht so ausschliesslich national heidenchristlich ^^' 
Nun hat doch aber im zweiten Jahrhundert das strcD? 
Judenchristenthum, der Ebionitismus, besonders seitdeoi^^ 
wie in gewissen Partieen der Clementinischen Literata^' 
häretische Züge angenommen, seinen Einfluss und seu^^ 
Bedeutung an den freilich vielfach umgebildeten und wei- 
ter entwickelten Paulinismus völlig verloren. Dem Heito* 
christenthum gehört die Zukunft und wir müssen demse»' 
ben nach dem Befunde der Schriftwerke jener Zeit eo^' 
schieden auch ein Bewusstsein von dieser seiner StelW 
zusprechen: wenigstens zeigt sich in den Werken der her- 
vorragendsten Wortführer der Christen gegen Ende ^^ 
zweiten Jahrhunderts, wie des Minucius Felix ^), Athe* 



1) Cap. 20) 5 sagt der Christ Octavius: ergo deos quoque majorem 
nostri improvidi, creduli radi simplicitate crediderant. 



— 35 — 

nagoras und Meliton^) auch nicht die geringste Spur 
geistiger Abhängigkeit oder irgendwelcher judenchristlicher 
: Bevormundung; jene Männer reden vielmehr im Namen 
ihrer christlichen Volks- und Landesgenossen, und diese 
sind augenscHeinlich sämmtlich Heidenchristen. Der Aus- 
: druck dkX6<pvkoi, im Verhältniss der Juden zu den Chri- 
sten gebraucht, hat somit in jener Zeit seine volle Berech- 
tigung, er entsprach der Natur der Sache. „Das Bewiisst- 
sein der unbedingten Autonomie des Christenthums, diese 
wesentlichste Errungeiischaft des Apostels Paulus, für wel- 
chen sie aus der dogmatischen Antithese von Gesetz und 
Evangelium gefolgt war, kleidet sich" — so verzeichnet 
0. Pfleiderer in seinem „Paulinismus*^ S. 517 dieselbe 
Thatsache — „für das spätere Heidenchristenthum in die 
populäre, aber auch oberflächlichere Form des nationalen 
AntiJudaismus." Den vom Verfasser gewählten Ausdruck 
^^vloi durch Berufung auf eine Stelle des Eusebios^ 
^^ den später nächstliegenden zu bezeichnen, offenbar um 
anch an dieser Stelle eine Perspective in die nachconstan- 
tinische Zeit zu gewinnen, erscheint mir mindestens völlig 
überflüssig, zumal Eusebios dasselbe Epitheton an derselben 
Stelle auch den vorchristlichen Völkern beilegt, indem er von 
den hebräischen, auf Christum weissagenden Propheten aus- 
sägt: ot xccl XvTQiavfjv xal ßaaiXia 'lovSaioav ^^et/if avröv, 
oifjfi Sh räv aXXocpvXtdv ä&vcov xaTrjyyedccv. 

Jedoch jene Stelle, von der wir zuletzt gehandelt, hat 
noch einen bemerkenswerthen, von Overbeck beanstandeten 
Schlass, sie lautet (Gap. 5, 17) vollständig: vnd ^lovdccicov 
0^5 dkloqyvXoi noksfioiwai xäi vn6 ^EXlijvofv diwxovrar xal 
^v ulrlcev xrjq ix'^Quq elnetv ol fXitTovvreg ovx 'i^ovaiv. Auch 



1) MeÜton bei Euseb. Hist. eccl. IV, 26, 7: jJ fdg xaS-' rjfiag q)i 
^o(roq)ia ngoregov fiev eV ßaqßdqoig — d. h. unter den Juden — 

2) Euseb. Praep. evangel. I, 2, 5 (ed. Dindorf ) : 'JSm^ifAVfaivto d* 
^^ Vt^'tv xttl 'SJßQaitav naideg, et örj dXX6q>vXoi ovieg Ttal dXXofeveig 
tttig avTci})' ßlßXoig dnoxQfofiB'd-a ^fiiv ngoaTjxoviraig — die zweite 
Stelle XV, 62 (nicht, wie Overbeck irrthümlich citirt, 65), 18 ist wört- 
lich gleichlautend. 

3* 



— 36 — 

von diesen Schlussworten behauptet Overbeck (S. 16), dass 
für den Verfasser der Streit der Juden mit den Christen 
gerade nicht mehr die Gegenwärtigkeit hatte, die man aus 
seinen Worten gewöhnlich herausliest. ,J)enn von den 
Heiden zwar konnte ein christlicher Apologet auch mitten 
in der Verfolgung so schreiben, da ihr Hass gegen die Chri- 
sten immer ein im letzten Grunde instinctiver gewesen ist 
und seine Gründe nicht leicht zur Deutlichkeit kamen, wo- 
gegen der Streit der Juden mit den Christen' von vornherein 
und so lange er lebendig war, den Charakter eines theolo- 
gischen Lehrstreits gehabt hat und sich zumal im zweiten 
Jahrhundert, wie keinem Christen dieses Zeitalters unbekannt 
sein konnte, insbesondere um die ganz bestimmten Fragen der 
Messianität Jesu und der. Auslegung des Alten Testaments 
drehte, also an Helligkeit nichts zu wünschen übrig liesa." 
In diesen Worten Overbeck's erscheint mir der von dem 
Hass der Heiden gegen die Christen gebrauchte Ausdruck, 
als „ein im letzten Grunde instinctiver,^^ höchst misslich; 
deswegen nämlich, weil die Gründe und Ursachen des heid- 
nischen Hasses gerade von den Apologeten ja genügend 
angegeben werden, die Heiden selbst waren sich darüber, 
um was es sich im Streite mit den Christen drehte, wie 
die Geschichte der Verfolgungen, besonders auch im zwei- 
ten Jahrhundert, mit hinreichender Deutlichkeit bestätigt, 
vollkommen klar. Davon ist auch der Verfasser unseres 
Briefes überzeugt, wie seine an die Heiden gerichteten 
Worte unzweideutig beweisen (Cap. 2, 6): 8iä tovto fAiam^ 
^QiGTUCvovq, oTi TovTovg ov/ ^yovvtcii &Bovg — und ebenso 
(Cap. 6, 5): ^laü xal XQusxiuvovq 6 xoafAog fxt^ähf ddixov- 
fiBvog^ oTi xalq fjöovalg avrirdcaovTUi. Das sind doch ganz 
bestimmte, über die Unklarheit des blossen Instinctes hin- 
ausgehobene Momente, derep Reihe aus Minucius Felix und 
Athenagoras noch vermehrt werden könnte. Aber davon 
ist, wie Hilgenfeld^) mit Recht hervorgehoben, gar nicht 
die Rede. „Hier handelt es sich darum, weshalb unter so 



1) Hilgenfeld, „Der Brief an Diognetos^^ in s. Ztschr. f. wissensch. 
Theologie XVI. 1873. S. 272. 



- 37 — 

vielen anerkannten ödel» wenigstens geduldeten Religionen 
des römischen Reichs nur das Christenthum allgemein ge- 
hasst und verfolgt wurde. Die Hassenden sind auch keines- 
wegs bloss die Juden, sondern ebenso sehr die Heiden.** 
Der Gedanke also, dem der Verfasser des Briefes an Dio- 
gnetos in jenen Worten Ausdruck gegeben, ist die Ueber- 
zeugung, dass es Heiden wie Juden zu jenem Hasse gegen 
die Christen — der Ausdruck in der aus Cap. 6, 6 ange- 
ftthrten Stelle offenbar, wie ich schon im Eingang dieser 
Abhandlung' hervorhob, durch Johanneisches Vorbild (Job. 
15, 18. 19 und 25 mit den hier zu Grunde liegenden Psalm- 
stellen ori ifxifffjcTccv f^B S(OQeuv 36, 19 und 69, 5) beeinflusst 
— an jedem berechtigenden Grunde fehlt. Das ist 
der Sinn der von Overbeck hinwegdisputirten Worte: Ä«i 
trjv uIticcv rrjq 'i^^gceg elTtetv ol fiiffovvteg oix 'ixovaiv, 
M sehe nur nicht ein, warum derselbe nicht gerade hier, 
wo es darauf /ankommt, der von Meliton (bei Euseb. IV, 
26^9] im Jahre 177 an Kaiser M. Aurelius und seinen 
Mtregenten Commodus gerichteten — von ihm selbst in sei- 
nen „Studien zur Geschichte der a^ien Kirche" S. 145 in an*- 
derem Zusammenhange citirten — Worte sich erinnert hat: 
i(p mv (d. h. seit den Zeiten des Nero und Domitianus) 
ml xo rijg avxofpavriceg dXoyw awrj&Bl^ tibqI rovg roi- 
(wrovs (Christen) Qvijvai övußißtjxe yjevdog. Sie besagen 
offenbar genau dasselbe, wie die Worte unseres Briefes. 
In gleichem Sinne variirt Athenagoras im 1. Capitel sei- 
ner ÜQ^aßela nsgi XQiariavmv denselben Gedanken, wenn 
er den Kaisem M. Aurelius und Commodus sagt: ^}i€ig Si 
ol XsyofjLtvoc XQKTtiavolj ort fi^ ngovBvoriG&Bj Gvyx^Q^^'^^ ^^> 
fitjSäv dSixovvrag .... kkcevvBff&ai xai (piQBG&cci xal dioixe^ 
c&ui. Und im 27. Capitel antwortet er auf die furchtbaren 
Beschuldigungen der rgotpcci und der fii^sig, die gegen die 
Christen von den Heiden erdichtet werden, ivcc re fjuasTv 
vofAi^oiBv fABTct X6yov. Ja nach genau zwanzig Jahren — 
Herbst 197^) — drückt noch Tertullianus denselben Ge- 



1) Vergl. Bonwetsch, Die Schriften Tertalliaus nach der Zeit ihrer 
Abfassung. Bonn, Marcus. 1878, S. 16. 



— 88 — 

danken in ähnlicher Weise aus , indem er Apolog. 1 u. A. 
sagt: ;,Cum ergo propterea oderint homines, quia ignorant, 
quäle sit quod oderunt, cur non liceat eiusmodi illud esse^ 
quöd non debeant odisse?^' — und in der wahrscheinlich 
in demselben Jahre geschriebenen Schrift ad nationes I^ 1: 
,,Amati8 ignorarp, quod alii gaudeant invenisse; maTultis 
nescire, quia iam odistis, quasi certe non odituros tos scia- 
tis. Atquin, si nulluni erit odii, reperietur Optimum utique 
abiniustitiapriore discedere, sin vero causa constiterit, nihil 
odio detrahetur, quod adeo amplius iustitiae scientia cumu- 
labitur, nisi si emendari pudet aut excusari piget^' Alle 
diese Stellen zeigen, dass, wie der Verfasser unseres Brie- 
fes sich ausdrückt, der Hass gegen die Christen {jihthxcu 
XQierivoifß 6 xocfioq) wohl einen Grund hat, dass die heid- 
nische Welt aber, wie besonders aus Tertullianus henoi- 
geht, denselben weder sich selbst noch Andern eingestehen 
wird. „Warum soll," so fragen wir in Bezug auf die Worte 
unseres Briefes nach den Yorstehenden Darlegungen mit 
Hilgenfeld (a. a. O. S. 273), „das erst in der nachconstan- 
tinischen Zeit geschrieben sein können?" 

^ um der falschen Schlussfolgerungen willen, die an das 
vom Verfasser bei der im 3. Capitel gegebenen Schilderung 
des jüdischen Opfercultus gebrauchte Präsens bis in die 
neueste Zeit^) geknüpft worden sind, möge endlich aach 
auf dieses Beweismoment hier eingegangen werden, obgleich 
man gegenwärtig wohl ziemlich allgemein darin überein- 
stimmt (Overbeck, S. 17), „dass. dieses Argument, da^ der 
jüdische Opfercultus mit der Zerstörung des Tempels auf- 
hörte, zu viel beweist und uns mit unserem Brief über das 
Jahr 70 hinaufzusteigen und damit zu Annahmen nöthigt, 
welche der Ejitik nur in ihren ersten Anfängen möglich 
waren." Auch dem FlaviusJosephus, dem Augenzeugen 
der furchtbaren Katastrophe vom Jahre 70 ist gleichwohl 
nach Jerusalems Fall, nach welchem er ja erst als Günst- 



1) So noch von Ewald, der (Gesch. des Volkes Israel III, 252) 
daraus mindestens die Zeit vor dem Kriege des Hadrianus und der 
Gründung der heidnischen und den Juden verbotenen Aelia Capitolina 
auf der Stätte Jerusalems (138) erscUoss. 



— 39 — 

ling des Kaiserhauses in Born seine reiche literarische Th&* 
tigkeit entfaltete, der väterliche Oultus so lebhaft gegen- 
wärtig, dass er unter Anderm z. B. in seiner berühmten 
Schrift Kcerä !dni(ovoQ, nachdem er im I. Buche, Cap. 7 
die Ehevorschriften für die Priester erörtert hat, ebenda- 
selbst fortfährt: nokipLog 3* ü xccrdaxoi, »a^un^Q ijSfi yfyoPB 
noUxixigj !AvriQXov tc tov *Eniq>avovq eig r^v x^9^^ ^M-' 
ßakoffTog xdi nounrßov Mayvov xccl KvivtiXiov Ovagov, 
\iakuTta 8h xal hv rolg xc^* ^fAÜg XQ^otg, ol n^QiXHnofxmfoi 
x&v Ugicav xaivu naXi/v he x&v äQxai(ov ygccfAfAdraiV awi' 
OTovrai, xul doxifiaCovai^ rctg vnoXBttp&üaag ywaixag. Ob- 
wohl der Priesterstand und das Hochpriesterthum thatsäch- 
lich ein Ende gefunden haben, führt er im Tempus der Gegen- 
wart ebendort als r&cfA^giov fiByiarov xrjg uxQißüag an: 
Ol yoQ dgxiBQüg oi nag i^fiiv äno SiaxMfov itmv 6vofACc<nol 
nalSsg ix nccTQog slaiv kv ralg uvayQag^alg. olg Si räv 
ilQrjfihtüv ÖTiovv yivoixo cl^ nagäßaaiVj ctnrjyoQBVTCci fA^XB 
rolg ßtojAOig ncegiaxaa&ai fi^xB fABxi/BiV trjg äXkrjg ayi» 
Giüag. Noch anschaulicher endlich redet zu uns nach des 
Tempels Zerstörung vom Jehovahcultus als gesetzlich noch 
immer bestehendem das 28. Cap. des IL Buches: üg vaog 
ivoQ &BOV {(pilov yäg ccbI navxl x6 ofAoiov), xoivog dnävxtov 
xoivov ß'Bov änävxcQV xovxov ß-BganBvovai uh dicc navxdg 
Ol UgBig, ^yBixai Sk xovxtav 6 ngcjxog aBi xcexcc yivog. oi- 
zog fABxA XCQV GwiBgioav ß'vCBi x^ &b^, ipvXd^Bi xovg vo- 
fJi'Ovg, SueäaBi nBgixcav apLcpiaßrixovukvtav, xoläaBixotfg ÜiByX" 
d^hxag knccäixq). ö 3k yB xovxq) firj TtBi&ofiBVog vq)B^Bi Slxijv 
cjg Big xov &b6v avxov ccoBß&v. &vofABv xctg &vaiag ovx 
üg 7tXi}g(a<Tiv iavxcav xccl (ik&f^v {äßovXrjxa yäg xm '&Bip 
xuSbj xal ngocpaatg av vßgBmg ykvoixo xal noXvxBXiBlag)^ 
ukXä acjtpgovag kvxdxxoig BifaxcckBig, osttag fAcckicxa öooipgo- 
väJfiBV. Und steht nun etwa Josephus mit dieser seiner 
Ausdrucksweise allein da? Ich meine nicht. Freilich wür- 
den mir auch an dem Hebräerbriefe mit seiner Schil- 
derung des noch in voller Wirksamkeit befindlichen Prie- 
sterthums des Tempels eine durchaus zutreffende Parallele 
zu der Darstellung des 3. Cap. des Briefes an Diognetos 
haben, wenn eben Holtzmann, der den Brief in der nach- 



— 40 — 

fiten Zeit nach der Christenverfolgung des Domitiam^e ge- 
schrieben sein lässt, oder Yolkmar und Keim, welche 
die Abfassung des Briefes bis in die Jahre 116 — 118 hin- 
abrücken, mit ihren Datirungen wirklich Becht hätten. 
Aber was wir soeben bei Josephus gesehen, ist doch ge- 
wiss genau dasselbe, wie wenn der sogenannte erste Brief 
des römischen Clemens, welcher das heilige Mahl der 
Christen als das gesetzliche Opfer betrachtet, auch nach der 
Vernichtung des Tempels und der heiligen Stadt nocli ge- 
rade so redet (Cap. 41), als ob immer noch wie vordem die 
vom Gesetz vorgeschriebenen Opfer verrichtet würden, oder 
wenn Mischna und Talmud^), unbekümmert um den EalJ 
des H^iligthums und um die Thatsache, dass auch für die 
Zeit zwischen 70 und 138 von einem wirklichen, d. h. an 
den Tempel gebundenen Opfercultus gar keine Bede sein 
kann, von den Opfern und den levitischen Verrichtungen 
fort und fort im Tempus der Gegenwart zu sprechen he- 
ben. Ja, sogar noch um das Jahr 178 sagt Celsus in seinem 
IdXri^fjg Xoyoq (bei Orig. contra Cels. V, 25), in dieser Hin- 
sicht mit dem Verfasser unseres Briefes völlig überein- 
stimmend, von den Juden: lovöatoi fiiv ovv ä&vog iSiov 
yevofAevoi, xalxutäTo kni^mgiov vofiovg &ifiwoiy xal tov- 
Tovq hv atpiöiv Hri vw nsgiariklopreg, xccl ü'QfiexUav 6%- 
oiav 8i^y noTQiov d'avv, tpvXdffaovTBgj ofioiu roTg alkms 
w&Qcinotg äQÜaiv ort hcaaroi tä ftdvQia, onti nox ov 
"tvxVi ^^Qi^ovai. Dass aber die Opferhandlungen der Ju- 
den durch die traurige Zerstörung des Beiches suspendirt 
waren, konnte für den Verfasser des Briefes an Diognetos, 
wie schon Hollenberg 2) treffend bemerkte und auch Ov er- 
be ck (S. 17) zugiebt, „von keiner Bedeutung sein. Sie waren 
nun einmal ein wesentlicher Theil der jüdischen Beligion 
und blieben Gegenstand der Hoffnung für jeden jüdischen 
Frommen. Daher konnte sie der Verfasser unseres Brie- 
fes, wenn er die jüdische Beligion charakterisiren wollte, 
ohne irgend ein Bedenken auch dann brauchen, wenn durch 



1) Vergl. Friedmann und Grätz in d. theol. Jahrb. 1848. S.370. 

2) Hollenberg, Der Brief an Diognet, S. 51. 



— 41 — 

die bekannte GaJamität ihre Vollziehung unmöglich ge- 
macht war." 

Endlich möge noch bemerkt werden ^ dass Snoeck's 
übereilter Versuch^) aus der im 7. Capitel ausgesprochenen 
Nähe der Wiederkehr Christi auf Abfassung des Briefes 
Yor dem Jahre 150 zu schliessen, von Ov erb eck (S. 18) 
mit vollem Bechte durch die Bemerkung zurückgewiesen 
ist, dassy wie zahlreiche Beispiele beweisen, ,,diese Erwar- 
tung noch lange nach 150 fortbesteht, und namentlich in 
Zeiten der Verfolgung auch noch viel später auftaucht." 
Besonders ist Snoeck's Argumentation durch den von 
Overbeck (8. 7 — 9) mit glänzendem Scharfsinn erbrachten 
Beweis zumeist völlig hinfällig geworden, dass das Wort 
nuQovaicc in den beiden, durch eine ziemlich bedeutende 
Lücke getrennten Stellen des 7. Capitels einen ganz verschie- 
ienen Sinn hat, dass es das erste Mal in xccl rig avrov 
nagovaiav vnoarfjairar, in bekannter Weise die Wieder- 
hhr Christi bezeichnet, dagegen in der zweiten Stelle vcevtcc 
T^g jmgovalaq ccvtov Sdyfiaxa die eigentliche und allge- 
meine Bedeutung „Gegenwart" fordert. 

2. Die Ausführungen des Briefes über das 

Heidenthum. 

Nachdem ich somit Overbeck's gegen die von ande- 
ren Forschern zur Bestimmung der Abfassungszeit des 
Briefes an Diognetos aus der Schrift selbst entnommenen 
und verwertheten Hinweisungen auf die Verfolgungen der 
Christen erhobenen Einwendungen zurückgewiesen habe 
und weit entfernt, in jenen Stellen etwa eine Piction der 
nachconstantinischen Zeit zu finden, schon im Verlauf die- 
ser meiner Nachweisungen zu dem positiven Bicsultat ge- 
langt bin, dass der Brief dem Justinischen Zeitalter in 
weiterem Sinne angehöre, so zwar, dass er mit den andern 
oben genannten Apologieen aus der Zeit des Kaisers M. 



1) Snoeck, Spec. theol. exhib. introduet. in epist. ad Diognetum. 
Lugd. Bat 1861. S. 104. 



— 42 — 

Aurelins etwa den drangsalsvollen Verfolgungsjahren 177 
bis 180 zuzuweisen sei: wird es jetzt darauf ankommen, 
OYerbeck's weitere, gegen den sonstigen Inhalt der Schrift 
geltend gemachten Bedenken zu prüfen. 

,,In das zweite Jahrhundert passen nicht,'' — so hebt 
Overbeck S. 21 an — „und überhaupt nicht in die Reihe 
der wirklich an griechisch-römische Heiden gerichteten 
Apologieen des Christenthums, die Ausführungen unseres 
Briefes über das Hei den thum.'^ Warum nicht? Einmal, 
weil der Verfasser im 2. Capitel die heidnische Beligion allein 
in roher Anbetung von Holz, Stein und Metall bestehend 
schildere, und sodann wegen seines Urtheils über die heid- 
nische Philosophie im 8. Capitel. Tlg y&g okwg ävß'Qckm 
— sagt dort §. 1 — 5 der Verfasser — ^niarccro ti mnkaxi 
ß-Boq, nQiv airtov hXd'Blv^ (d. h. in Christus erschien) \md 
fährt dann fort: 2. 7; xovq xevovg xal XtigciSeig äxBivtav koywq 
anoSixv ^<^^ d^ioniartov q>iKo(T6<ptav', Sv ol fxiv riveg nvQ 
ütpaaav ävai rov &e6v {oi fiiklovai, x^gijaew ainoi, rovro 
xaXovGi &66v), ol Si vSa)Q, ol 8'äXko vi rc5v aro^xd^oitv xm 
ixTiafievwv vnö &%ov. 3. xairoi ye et xig tovrwv x&v X&ym 
ccTioSexxcg haxi, dvvatx av xal xcav komcov xxia^droDv iv 
^xaaxov ofjLoiwg unotpalvead-ai &b6v, 4. dlkä xavxa fikv 
xegctxela xal nXdvrj xmv yo^xwv haxiv 6. dp&Qwutwv Si 
ovSeig ovx€ elSev ovxb äyvoigiaev, a'ördg di iavxöv kTtiöei^ev- 
Nur im Vorbeigehen sei darauf hingewiesen, dass die von 
Overbeck vor der Analyse dieser Aussagen (S. 22) con- 
statirte, „für die Beurtheilung unseres Briefes sehr wichtige 
Thatsache der glatten und gebildeten Form," „welche schon 
für sich ein charakteristisches Unterscheidungszeichen un- 
serer Schrift in der uns erhaltenen kirchlichen Literatur 
des zweiten Jahrhunderts ist," — mir völlig bedeutungslos 
erscheint, da dieses Unterscheidungszeichen f actisch zu 
entdecken und im Sinne Overbeck's zu verwerthen für je- 
den Anderen die grössten Schwierigkeiten haben dürfte. 
Denn was die glatte, gebildete Form anlangt, so muss 
Athenagoras unserem unbekannten Verfasser darin als min- 
destens ebenbürtig, wenn nicht in vielen Stücken überlegen 
bezeichnet werden, ähnlich wie hinsichtlich der Form voll- 



— 43 — 

endang und stilistischen Gewandtheit der ttber Sokrates 
so auffallend viel schroffer als TertuUianus artheilende 
Minucius Felix letzteren unstreitig übertrifft. Overbeck 
also behauptet Yon den vorstehenden Worten des 8. Capitels, 
„dass eine so flache^ ja rohe Beurtheilung des Heidenthums 
in der apologetischen Literatur des zweiten Jahrhunderts 
unerhört ist und darin in der That eine Unmöglichkeit 
war/' Nicht die an sich durchaus nicht unerhörten Be- 
hauptungen erscheinen Overbeck bedenklich, sondern die 
Thatsache, ,,dass ein Christ, der nicht' ohne alle weltliche 
Bildung ist, einem gebildeten Heiden gegenüber sich so 
wohlfeil mit dem Heidenthum abfinden zu können glaubt.^ 
Bei der im zweiten Jahrhundert noch so sichtbar vorhande- 
nen Lebendigkeit des Heidenthums, aus dessen Bekennem ja 
die Apologeten hervorgingen, erklärt er diesen Umstand für 
unmöglich, das zur Bekämpfung des mächtigen Feindes von 
den wirklichen Apologeten herbeigeschleppte Rüstzeug für 
nsreigleichlich viel wuchtiger und schneidiger. Aber sehen 
wir doch ja zu, ob wir mit diesen Verdächtigungen, mit 
allem Forschen und Fragen nach dem, was Overbeck hier 
vermisst — sei es den Kampf gegen die rohe Idololatrie 
oder die euhemeristische Menschenvergötterung, sei es das 
von moralischem Standpunkt gefällte Yerwerfangsurtheil 
über den sittlichen Schmutz vieler heidnischer Mythen und 
Culte — dem Verfasser unseres Briefes nicht Unrecht thun. 
Warum soll er denn in seinem kleinen Schriftchen durch- 
aas die landläufigen Bahnen der anderen Apologeten ziehen? 
Wo in aller Welt ist von einem Vorhaben der Art, das 
Heidenthum etwa von Capitel 2 an erschöpfend zu widerle^ 
gen, irgend etwas bei ihm zu lesen? Einem eifrigst sich für 
die Christen interessirenden Heiden, Namens Diognetos, will 
er seine auf diese und ihre Gottesverehrung bezügliche Fra- 
gen beantworten, tivi tb &e^ nsnoi^oreg xal n&g ß-Qtj' 
(TxevovTBQ airov ts xocfAOv vneQogco<Ti ndvreg xal &avuTOv 
xaraffQovovai, und nebenher ihm zeigen, — denn das liegt 
in dem verknüpfenden xal — warum die Christen ovre toi)s 
vofAi^of/iivovg V7i6 rwv ^EXki^voav ^eovg Xoyi^ovrai ovt6 trjv 
'lovSaiiav SnaiöaifAOvlav (pvXäaaovöu Nun finden wir frei- 



— 44 — 

lieh nichts Yon den Sehern und Wundem des Heidenthums 
deren auch Oelsus in seinem !dh]&^g loyog und, wahr- 
scheinlich Ton ihm abhängig, ^) Caecilius im ,,0ctaYiu8^^ des 
Minucius Felix gedenken, nichts Yon der Bekämpfung des 
Dämonendienstes, worin die meisten Apologeten wie z. B. 
Athenagoras und Minucius Felix den mysteriösen Best des 
Heidenthums erblicken, nichts von dem dämonischea Cha- 
rakter des Heidenthums überhaupt, dem fast alle Apolo- 
geten gebührend Bechnung getragen haben: der Verfasser 
hält sich mit seiner' Antwort ausschliesslich an die äussere, 
man könnte sagen Yolksthümliche Seite des Heidenthums und 
erklärt am Schluss des 2. Capitels §.10 ausdrücklich: sapi 
fAiv ovv Tov pifj äBSovkSa&cci Xgiazuxvtydg ro€Ovrotg &6olg 
nollu fiiv &v xal äXXa dniiv ü^^ovfAi' el Sitivi ju^ S0XO119 
x&v xaitu ixava, TiBQgiaaov ^yovfAcci xal ro nXeloa Ikfiiv* 
In ganz ähnlicher Weise schliesst auch Celsus denjenigen 
Abschnitt seiner Schrift, in welchem er die Christen auffor- 
dert, statt Jesu, „der das Yerrufenste Leben und den jämmer- 
lichsten Tod gehabt hat" (Orig. contra Cels. VII, 53), andere 
Führer auf dem Lebenswege zu wählen, sei es die ,^ott- 
vollen Dichter und Weisen und Philosophen" (a. a. O. VII, 41), 
oder „irgend einen andern der edel Gestorbenen und zur 
Uebernahme einer göttlichen Heldensage Befähigten" (a. 
a. 0. VII, 53): 'AXkä roiv 8i fxiv Ttigi^ xal rtSv äXkcav, oüa 
nagatp&BiQovaiv (d. h. die Christen), uQxÜTta rä elgrjfAha* 
xai OT^ ipiXov inl %Xü6v xi cevrwv ^fizsiv, siaBtat — wobei 
in dem Yorliegenden Zusammenhange auffallender Weise 
kein Wort darüber gesagt wird, worin denn die Fälschung 
der Christen besteht. — Mit jener Erklärung ist Oy er- 
beck nicht zufrieden; das gerade erscheint ihm höchst 
seltsam (S. 23), „dass der Verfasser dieser Ansicht sein 
kann, dass er für überflüssig hält, was kein kirchUcher 
Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts in seinem Fall für 
überflüssig gehalten hat," dass er durch das Herausgreifen 



1) Vergl. Keim; Celsus S. 157; Dombart in der Einleitung zu 
seiner vortrefflichen üebersetzung des „Octavius" von Minucius Felix 
im Prc^. der Königl. bayer. Studien- Anstalt zu Erlangen. 1875, S. 6. 



— 45 — 

eines einzigen Punktes, der Idololatrie, ,,einem nicht ganz 
urtheilslosen Heiden gegenüber seinen Zweck zu erreichen 
glaubt'^ Gegen diese Einwendungen hat schon Hilgen- 
feld (a. a. O. S. 274) mit Fug und Becht geltend gemacht, 
dass ja in ganz gleicher Weise in dem 'mit unserem Briefe 
in mehrfacher Beziehung — worüber später noch Genaueres 
^ yerwandten Johannes-Erangelium die Dämonenlehre zu« 
rücktritt, wie sie bekanntlich in den synoptischen Eyangelien 
und auch sonst im Neuen Testament hervortritt. Ferner würde 
auch hier d6r Schluss ex silentio zu wunderlichen chronologi- 
schen Consequenzen führen. Sollte etwa, so fragen wir mit 
Hilgenfeld, der apokryphische Brief des Jeremias^ welcher 
das Heidenthum ebenso darstellt, auch erst der nachcon- 
Btantinischen Zeit angehören? Ueberdies steht der Brief 
an Diognetos mit dieser von Overbeck so hart getadelten 
Einseitigkeit durchaus nicht so gänzlich allein. Hilgen» 
feld fährt aus dem christlichen, der Mitte des zweiten 
Jahrhunderts entstammenden K^^vy/ia IlkxQov (s. dess. 
J^OY. Test, extra can. rec. lY. p. 58, 23 sq.) an, dass die 
Hellenen fiog(poiacivx6g §vka xccl ki&ovg, xaXxdv xal al* 
SijQov, XQ^<^^ ^^^ äpyvgoVf rijq vktjg avx&v xai xQV^^^^j 
rd SovXcc rijQ indg^Brnq ävccar^aocvreg aißovtai. Athena- 
goras femer bezeugt, dass die grosse Menge des heidni- 
schen Volkes eben Holz, Stein und Metall der äyaXfjLccTcc 
yerehrte (Oap. 13): kmi ol noXkol 8iaytQivui ov Swauevoi 
Ti fiiv vktj, ri 8i &B6g, noaov 8i to 8iä piiaov avr&v^ ngoa- 
iuai xdig änb xfjg vXrig ü8oiXotg, und richtet befremdet 
an den philosophischen Kaiser die Frage: 8i kxüvovg xal 
VMiQi ol 8iaxQivovTeg xal x^Q^Cp^'^^Q ^o äykwrjxov xal t6 
yeinjtovj ro 6v xal rd (yöx 6v, rö voritbv xal rh ala&fjtov, 
xal ixatnq) avrwv td iiQoa^xov ovofia a7to8i86vT€g, ngotr^ 
ekevaö/ie&a xal nQoaxwfjcofiBV rä ayaXfjLata] — Athena* 
goras weiss, dass es mit 'der Idololatrie nicht immer so 
war, wie zu seiner Zeit, denn die elxdvegj fAixQi^ (Ai^noa 
nXaaxix^ xal ygatpix^ xal dvSgiavroTWiTiTiXf) ^aav, ov8i 
ivofjLi^ovto (Cap. 14): Und in dem Bewusstsein, ein wie heik- 
les Thema er anrührt, wenn er die Bilderanbetung seiner 
heidnischen Zeitgenossen von christlichem Standpunkt zu- 



— 46 — 

rückweist, hält er es für nöthig, M. Aurelius und Gommodus 
um gnädiges Gehör zu bitten und ausdrücklich zu ver- 
sichern: ov yuQ ngoxeifievov fAOi kXiyx^tv vä BYSmla (Cap. 15). 
Auch Celsus kommt auf dasselbe Thema zu sprechen und 
fasst das Urtheil der Christen über die heidnische Grottes- 
Verehrung ebenso kurz, wie es der Verfasser unseres Brie- 
fes am Schluss des 2. Gap. gethan, dahin zusammen (Orig. 
contra Cels. YII, 62): ol Si ävnxgvg rä dyccXfAara dtrifia- 
^ovaiv. bI fikv — fährt er fort — ori li&og i) ^vkov 4] ;^aA- 
xog V XQ^^OQj hv d SsTva, fj 6 SeZvcc slgyccaaroj ovx &v etfj 
&s6g, yekoicc tj (Toq>la^ rig yocQ xal äXXog, bI purj novrij 
v^niog — und das ist bekanntlich die, grosse Masse des 
Volkes immer gewesen, weswegen auch Herakleitos, wie 
Celsus an derselben Stelle bezeugt, gegen die Yerehrong 
der Bildsäulen vergeblich angekämpft hat -^ rccvra iiyü- 
Tai &6ovgj aU.ä &6c5v ava&riiiaxa xal äydXficcra; — Und 
nun gar Minucius Felix! Wie deutlich und klar redet 
er (Cap. 23, 9) von den Menschen, „deren geweihte Bild- 
nisse das Volk anbetet und öffentlich verehrt, indem der 
Sinn der Unverständigen durch die künstlerische Yollen- 
dung getäuscht, durch das Blitzen des Groldes geblendet, 
durch den Glanz des Silbers und die strahlende Weisse 
des Elfenbeins bethört wird!" „Aber vielleicht" — wirft er 
§.13 ein — „ist eben der Stein, das Holz, das Silber noch 
kein Gott." Er antwortet mit der Gegenfrage: „quando 
igitur hie nascitur? ecce funditur, fabricatur, sculpitur: 
nondum deus est: ecce plumbatur, construitur, erigitur: 
nee adhuc deus est: ecce ornatur, consecratur, oratur: tunc 
postremo deus est, cum homo illum voluit et dedicavit." Aus 
den angeführten Stellen geht das Eine, denke ich, zur Ge- 
nüge deutlich hervor, dass der Verfasser des Briefes an 
Diognetos nur von jener einen grossen, dem Christenthum 
feindlich gegenüberstehenden, Bilder verehrenden religiösen 
Partei der Heiden so, wie er es gethan, zu reden für seinen 
nächsten Zweck, nämlich den einer allgemeinen Charakteri- 
stik, durchaus berechtigt war. 

„Fast noch auffälliger aber** — urtheilt Overbeck 
(S. 24) — „a\s das Urtheil des Verfassers über die heid- 



— 47 — 

nische B.eligion würden in einer apologetischen Schrift des 
zweiten Jahrhunderts seine Worte über die alte Philosophie 
sein.'^ Ich habe die hierauf bezüglichen, dem 8. Capitel des 
Briefes angehörigen Worte oben bereits ausgehoben. Wenn 
wir nun die betreffende Stelle, in welcher der Verfasser bei- 
läufig/ über „die leeren und läppischen Lehren jener sehr 
glaubwürdigen Philosophen^' redet, „von denen die Einen 
sagten, Gott sei Feuer," „die Anderen Wasser oder ein 
anderes der von Gott geschaffenen Elemente," das alles aber 
für „Lüge und Betrug von Gauklern" erklärt, auf ihren 
Sinn und Zusammenhang hin genauer prüfen, und dann 
von Overbeck den ganz allgemeinen Grundsatz aufgestellt 
sehen, dass „in dieser Schärfe" sich „kein einziger Apolo- 
get des zweiten Jahrhunderts über die griechische Philo- 
fiopUe^^ ausspricht, sie alle vielmehr ihr einen Wahrheitsge- 
balt zuerkennen: so werden wir darin gewiss nicht mit diesem 
ein ^yGesammturtheil über die griechische Philosophie" fin- 
den können, sondern nichts weiter als eine kurze und bün- 
dige' Antwort auf die rhetorisch vorangestellte Frage: Tig 
/»p oXwg äv&Qconcov i^nlaxaxo^ vi nox hcxX ß-tog^ nglv 
(diQp kXß'etv; — und wir werden, in vollem Bewusstsein, 
keine „falsche Harmonistik" zu treiben, die wir eben nur 
in dem unablässig wiederholten Hinweis auf einen angeb- 
lich bei allen Apologeten nachweisbaren gewissen Schema- 
tismus in der Behandlung der apologetischen Fragen er- 
blicken müssen, auf den Satz besonders zu achten haben, 
mit welchem der Verfasser jene oben citirte Stelle schliesst 
(§.5): äv&Qmnoav Sk ovSiig ovxe elSev ovtb kyvcigKTSV' av- 
rbg 3i iccvxov kniSei^Bv. Von einer „unbegreiflichen Schrofi- 
beit" kann, wie mir scheint, in dem richtig beachteten Zu- 
sammenhange der Stelle gar keine Eede sein, um so weniger, 
als der Schlusssatz sich formell und inhaltlich mit dem 
Prolog-Schlüsse des Johannes- Evangeliums (1, 18) auf das 
engste berührt: 0edv ovSäg imgaxsv ndnoxB* fiovoysv^g 
viog 6 cSv elg x6v xoXnov xov Ttaxgog, kxeivog i^fjyijaaro. 
Ich vermag es nicht einzusehen, warum die Art und Weise 
des in dem dargelegten Zusammenhange vom Verfasser aus- 
gesprochenen TJrtheils „leichtfertig" und „beschränkt** (S. 60) 



— 48 — 

genannt werden und ans welchem Grunde wir die religions- 
philosophische Betrachtungsweise des Verfassers, zu wel- 
cher wir eine völlig analoge Parallelstelle in der tiefsinni- 
gen Evangelienschrift des zweiten Jahrhunderts haben^ aus 
dem christlichen Byzantinismus des fünften oder gar noch 
späterer Jahrhunderte zu erklären genöthigt sein sollten. 

3. Die Anschauung des Verfassers über das 

Judenthum. 

Als fast noch schwerer im zweiten Jahrhundert unter- 
zubringen erscheint Overbeck (S. 26ff.) die Anschauung 
des Verfassers über das Judenthum. Heben wir, am 
über dieselbe ein Urtheil zu gewinnen, die bezeichnendsten 
Stellen aus den in Betracht kommenden Capiteln 3 und 4 
hervor. Zunächst giebt der Verfasser den Juden, sofern 
sie sich von dem im 2. Capitel beschriebenen heidnischen Cul- 
tus fernhalten und es vorziehen, Einen Gott als den Herrn 
über alle Dinge zu verehren, entschieden Becht, bI Si — 
fährt er (§. 2) fort — roi j ngougf^pLivoig ofwiOTQonfog rtjv 
id'QTiaxeiccv ngoadyovaiv avrtp Tcevitiv, Siufictgravovtnv. 
Gott bedarf nichts von dem, was er selbst den Menschen 
gegeben. Deshalb urtheilt der Yerfasser von den Juden 
(§. 5): ol 3i ye &v<rlag avx^ Si atfiatog xou xviatjq xai 
ökoxc^vTWfjiaTcov kTtneXBiJf olofievoi xai ravtaig ratg rifiuig 
ccvTov yepcuQBiv, ovdiv fioi doxovffi Siatpigeiv r£v elg rä 
xoüKpd Tfjv ccvTfiv hvSuTCVViikvwv q>ikotifAicev' rcav fih fi^ 
Swccfiivotg Xfjg xifAfjg fiercAafißäveiff , reov di Soxovvtav 
nccgixiiv r^ fitiSsvog ngoaSeofiivo), Die Aengstlichkeit der 
Juden in der Haltung ihrer Speisegebote, ihren Aberglau- 
ben in der Sabbathfeier, ihren Stolz auf die Beschneidnng, 
ihre Scheinheiligkeit in der Beobachtung von Festen und 
Neumonden erklärt der Verfasser für lächerliche Dinge, 
über die kein Wort zu verlieren sei. Er kann in alledem 
keinen Beweis von Gottesfurcht, sondern nichts als Unver- 
stand sehen und schliesst diese Darlegung mit den Wor- 
ten (4, 6): T^g fiiv ovv xoivfjg elxaiorfitog xai dnäri^g xai 
Xfjg *IovSaicov noXvngayiioavvrig xai aXatfivdag tog ogä^g 



— 49 — 

ufü^o^itcai XguTU9tPaif Aqxq^vtw^ an vofU^co fiifia&t^^at. 
Dass hier der Yerfusaer die Nebenordnung des Judenthoms 
zam Heidenthum yöUig ernst genommen, schliesat Ov er- 
beck mit Snoeck aus der vom Verfasser im 8. Cap. u. ff. 
auf die dritte Frage des Diognetos (r/ S^notB Tcaivbv rot;* 
ro ykißoq ^ knitiiSwua üa^X&ev üg tov ßlav wv xcel ai 
ngote^op) ertheilten Antwort, welche ihm auf der in Ca- 
pitel 2 — 4 begründeten Voraussetzung zu ruhen scheint, 
„dass es yor dem Christenthume gar keine Religion gege- 
ben habe/' Aber es ist, wie schon Hilgenfeld (a. a. O. 
S. 275) hervorhob, zuviel behauptet, dass hier das Juden- 
thum dem Heidenthume ganz gleichgestellt werde. Der Ver« 
fasser hat doch die Verehrung des Einen Gottes seitens 
der Juden mit directen Worten als einen Vorzug dersel- 
ben vor den Heiden anerkannt, die Gleichstellung dei* 
Heiden und Juden kann sich daher nur auf die Art und 
Wme der Gottesverehrung beziehen. Auch Overbeck's 
aQ6 dem Briefe erschlossene Voraussetzung, deren eben 
Erwähnung geschah, „dass es vor dem Christenthum gar 
keine Beligion gegeben habe,'' ist nach meiner, auch 
Fon Hilgenfeld (a. a. O. S. 275) getheilten Ueberzeugung 
eine irrige. Die Ausführungen des Verfassers in Cap. 8 ff. 
beruhen vielmehr auf der Ansicht, dass die vorchristliche 
Srehgion und Philosophie zu keiner wahren Gnosis, zu kei- 
nem "Wissen vom Wesen Gottes hindurchgedrungen, ti 
nox^ larl ß-toq^ nglv uinov ik&eiv> Mit Becht weist auch 
in diesem Punkte Hilgenfeld auf die analogen Ausführ- 
ungen des von ihm (Nov. Test. extr. can. recept. IV, 57 ff.) 
herausgegebenen Ki^qvy(aci IKtqov hin, das (p. 58, 22), genau 
wie unser Brief, „im Gegensatze gegen Hellenen und Ju- 
den erst dem Christenthum die vollkommene Gnosis zu- 
schreibt." Dass hiermit durchaus noch nicht „die völlige 
Bestreitung alles Offenbarungscharakters sowohl des Hei- 
denthums wie des Judenthums" (Overbeck, S. 28) aus- 
gesprochen ist, vielmehr für die Annahme einer unvoll- 
kommenen Gottesoffenbarung in vorchristlicher Zeit, von 
welcher ja der Hebräerbrief und besonders der Barnabas- 
brief reden, sehr wotl Baum bleibt, sollte nicht in Abrede 

4 



— 60 — 

gestellt werden, und wird auch ans weiteren, in anderem 
Znsammenhange anzustellenden Erwägungen ersicbtlich 
werden. . Die von Snoeck bejahte Frage, ob der Verfasser 
das Alte Testament verworfen habe, ist meiner Ansicht 
nach überhaupt schief gestellt. Denn mag der Verfasser, 
wie Ov erb eck will, jeden Offenbarungscharakter der vor- 
christlichen Beligion leugnen, oder mit dem Johannes- 
evangelium die' Mangelhaftigkeit der Gotteserkenntniss vor 
dem Erscheinen Jesu Christi behaupten: in keinem Falle 
war er verhindert, zwei relativ völlig unbedeutende Stellen, 
wie Genesis 1, 27 und Psalm 115, 8 zu benutzen. „Denn 
in Cap. 10" — so zeigt schon Hollenberg a. a. O. 8.61 
— „ist der Satz ovg kx xrjq iSiaq Blxovog ^7ti.a(T6 dem In- 
halte nach auch im N. T. nachzuweisen, der wörtliche Aus- 
•druck aber führt bestimmt auf Genesis 1,27. Endlich weist 
die Drohung in Cap. 2 T^Aßov S'ccvtoTq i^ofioiova&e auf die 
Verwünschung in Psalm 113 (115), 8 hin: opioioi avroiq 
yhoiVTO ol TtoiovvTsg avrä xul ncivtsg ol jteTtoi&oreg kii 
fxindig. Das Zusammentreffen in ein^Bm so ähnlichen Ge- 
danken origineller Art ist keineswegs zufällig und die 
Wendungen und Versuche, diese Uebereinstimmung auch 
ohne die Annahme der Entlehnung zu begreifen, verrathen 
sich selbst als Tendenzmacherei." Für die in Cap. 9 ge- 
fundene Anspielung auf Jesaias "53, 4, 11 — „von Otto 
mit Unrecht aus dem Text entfernt** (s. Ov erb eck 
a. a. O. S. 29) — dürfte vielleicht eher auf 1. Petri 2, 24 
zurückzugehen sein. Unter diesen Umständen fragen wir 
mit Hilgenfeld (a. a. O., S. 276): Was ist denn nun in 
unserem Briefe so befremdlich? verbeck selbst ver- 
schmäht die scheinbar zunächst liegenden Argumente, in- 
dem er ausdrücklich erklärt (S. 29): „Der schroffe Anti- 
judaismus des Verfassers hätte, soweit er national ist, in 
dieser Zeit nichts Auffälliges. Denn der nationale Bruch 
der alten Kirche mit dem Judenthum hat sich mit äusser- 
ster Schärfe sehr rasch vollzogen." „Es ist auch nicht zu 
läugnen, dass der nationale Antijudaismus der Kirche des 
zweiten Jahrhunderts eine Tendenz erzeugt hat zu entspre- 
chenden Urtheilen über die jüdische Religion. Dennoch 



— öl — . 

treffen alle in unserem Falle angeführten Analogien nicht 
zu." Wir fragen erstaunt: Warum nicht? Lassen wir des 
Justinns Ansichten, sowie die der Ignatianischen Briefe 
völlig auf sich beruhen und halten wir uns an die hervor- 
ragendsten Parallelen. In erster Linie steht hier der 
Barnabasbrief, jene wichtige, wahrscheinlich aus der 
Gemeinde zu Alexandria stammende, unter Kaiser Trajanus, 
spätestens im Jahre 110 geschriebene Schrift, die gleich 
unserem Briefe auf ein freies, geistiges Ohristenthum ge- 
richtet ist und mit dem Judenthum völlig gebrochen hat. 
Im 16. Capitel zeigt der Verfasser in Bezug auf den Tempel, 
wie die Juden, jene unseligen, ihre Hoffnung auf das G-e- 
bäude gesetzt, xccl ovx knl xöv &b6v avt&v rdv noiijaavtcc 
«tJTovg, cbg ovxa olxov &bov, öxbSov yuQ — wirft er ihnen 
TTOT — coQ rä H&vrj ätfikgmauv ccvrdv hf rc3 vcc0, Ist das 
nicht ganz dieselbe Anschauung, wie diejenige, welche der 
Yer&sser des Briefes an Diognetos in der oben citirten 
Stelle bekundet? „Allein der vorsichtige und sehr absicht- 
lich vorsichtige Ausdruck dieser Stelle'* — entgegnet 
Overbeck (S. 30) — „hebt die hier bestehende Analogie 
im Grunde wieder auf." Absichtlich vorsichtigen Ausdruck 
vermag ich jedoch hier nirgends zu entdecken. Im Gegen- 
theil bewegt sich die an jene Stelle sich anschliessende 
Erörterung des Barnabasbriefes in Gedanken, welche sich 
mit denen unseres Briefes auf das engste berühren. Denn 
der Verfasser widerlegt jene jüdische Meinung durch das 
Wort, welches Gott schon durch den Mund des Prophe- 
ten Jesaias (66, 1) gesprochen: „Der Himmel ist mein 
Thron und die Erde der Schemel meiner Füsse; welches 
Haus wollt ihr mir bauen und welches ist der Ort meiner 
Ruhe?" Auch die geweissagte Zerstörung des Tempels sei 
eingetroffen: Sid yäg xh TtolsfieZv avtovg xcc&rjQi&i^ vno 
Twv hxd'QWV, vvv xal avtol xccl oi .rwv hx^Q^v vnrjgircct^ 
uvoixoSofjLijaovat.v avröv. Von den Opfern gilt dem Ver- 
fasser das Gleiche wie vom Tempel: necpavigoDxev yug ripCiv 
Siä ndvTODV tcjv ngogir^rmv ort ovte &vaidiv ovtb okoxuv" 
TcofjLarwv ovte ngoaq)ogwv XQV^^^ (Cap. 2) — und zum Be- 
weise beruft er sich auf Jesaias 1,11 — 13, an welche Stelle 



. — 62 — 

^r die foeachtenswerthen Worte kuüfift: twrtt ovv xctviig^ 
ytjaeVy ivu 6 xecivig POfiog tov xvgiov ^pmv 'Iiiöov Xgtatavy 
äviv ^vyoij iv^xfjg &Vy fiif dp&QmftonotTjrov ü^p t^v 
TCQoatpOQÜ». „Um keinen Zweifel darüber tsa lassen,^' — 
80 erläutert 0. Pfleiderer (,,Paulinkmfi8'' S. 895 und 396) 
die hier besonders in Betracht kommenden Capitel 4 und & 
— „dass ihm das Jüdische in seiner, geschichtlichen Form, 
sofern es eben durch sein sinnliches Bitualwesen vom Chri- 
stenthum sich unterscheidet, eine durchaus und schon von 
Anfang nichtige Beligionsform zu sein scheint, spricht er 
geradezu den Juden das Bundesverhältniss mit Gott ab.^ 
„Verworfen waren sie, ehe noch überhaupt der Bund ge- 
schlossen war, am Sinai schon; durch ihre stete Yerfolgimg 
der Propheten, in welchen Christus redete, häuften sie die 
Schuld, deren Mass durch die Tödtung Christi voll ward) 
daher sie jetzt durch die furchtbarsten Zeichen und Wun- 
der als völlig Gottverlassene gekennzeichnet sind.^ — Aber 
auch jene andere alte heidenchristliche Schrift, das K^- 
Qvyficc nixQoVy an welches sich Hilgenfeld mit vollem 
Grunde wiederholt erinnert fählt, führt uns in ganz ähnliche 
Gedankenkreise, wie sie unser Brief aufweist. Ganz mit der- 
selben Schärfe, wie letzterer Heiden und Juden coordinirt, 
die Christen als ein in Bezug auf die Gt>ttesverehrung neues 
Geschlecht beiden gegenübergestellt (Cap. 1 : rc dfjutotB xai- 
v6v rovto yivog fj inir^Sev^cc elüfjX&iv eig röv ßiov\ sagt 
das K^gvy^a IltxQov (p. 59, 6. 7) von den Heiden und 
Juden : rd yäg *Ekl^V(ov xal 'lovSaicav Tt^cXaid — anderer- 
seits dagegen von den Christen: ifABtg Si ol xaiv&g avvov 
tgirtp yivu tnßofiaivot KgitniccvoL Darauf folgt dann, nach 
Verwerfung der Idololatrie der Heiden, eine gleiche War- 
nung in Bezug auf den Cultus der Juden {pLi]di xaxä 'lov- 
Suiovg aiß6<T&B)j von denen es in der Begründung heisst 
(p. 59, 32 ff.): xai yäg. hcetvoi ^ovoi olofispoi rov &edv yi" 
voiaxBiv ovx kniarccvTcci, kargBiiowsg ccyyiXoig xai dgx^yyB" 
koig, fitjvl xai OBhjvy' xai häv fAij cbI^vtj tpavp^ aäßßatov 
ovx ayovffi rd kByofiBVov Ttgcorov, ovSk VBoyLfjvlav ayoveiv 
ov8h ä^vfMX ovSk iiByakrjv ^fiigccv. Erinnern diese Worte 
nicht an die aus ganz gleichen Anschauungen hervorge« 



— 53 — 

gangenen unseres Briefes (Cap. 4, 5): t6 Si nageSgevaprag 
avTOvg äargoig xal a^Xi^vy t^v nccQccv^Qtjcriv räv fitjvSv 
ml tc5v ^fXBQ&v noiüad'aiy xai rag olxovofiiag &eov xal 
Tctg tdkf xaigSv dUayäg TccetaSiai^ttv ngog rag cevtcav 6q' 
fiüg, &Q fiiv üg iogrdg, S^g ii $lg niv&tj' xig itv ^toa^ßtiag 
ml ovx Äq>QoavifTtq ntAi) nUov ^yi^caito 8üyfm\ — ? Wenn 
Overbeck (S.-31) nun hier als Unterschied constatirt, ^dass 
selbst diese Stelle (aus dem K^gv/fm Üirgov) Juden und 
Heiden in Bezug auf die Art ihrer Gottesverehrung kei- 
neswegs mit derselben Schärfe auf eine Linie stellt, wie 
unser Briefe': so muss ich ungeachtet des Schweigens jener 
Schrift vom alttestamentlichen Opferdienst und unseres 
Briefes vom Engeldienst, dem widersprechen und, indem ich 
an die fängangs dieses Abschnitts erwähnte, Ton dem Yer- 
iasaer (Cap. 3, 2) ausgesprochene Anerkennung (lovSatoi 
Tocvw^ ei fiiv dni^ovrcci raikrjg r^g TtgoBigfjfihftig Xa- 
tptiag xal r&g &b6v %va rdSv ndvtoav ifißtad-at Secit4rr^v 
^imaiy q>govovaiv) erinnere, umgekehrt behaupten, dass 
die grössere SchrofiFheit entschieden im KtigvyfAU IHrgov 
nnd im Barnabasbrief sich findet. tJnd doch sollen nach 
Overbeck diese beiden Parallelen nichts gelten und nichts 
beweisen, aus dem G-runde, weil sie Schriften entnommen 
sind, „die sich ausschliesslich oder doch in erster Linie 
an christliche Leser wenden und ihnen gegenüber das Ju- 
denthum im Ghristenthum oder (wie der Dialog mit Trypho) 
direct bekämpfen, unsere Schrift dagegen wendet sich an 
einen Heiden, und dieser unterschied ist hier ganz ent- 
scheidend." Zugegeben, jene beiden über die zum Vergleich 
herangezogenen Schriften hier ausgesprochenen Behauptun- 
gen wären richtig, was ich durchaus in Abrede stelle, wie 
in aller "Welt sollte der Umstand, dass sich der Verfasser 
unseres Briefes an einen Heiden wendet, einen fundamen- 
talen Unterschied begründen, wenn es sich um nichts weiter 
als um die einfache Beantwortung der Frage handelt, warum 
die Christen ovre tovg vofii^ofAivovg vnö tcjv ^Ekki^oav &eobg 
Xoyl^ovTUi ovTB rriv 'lovdcclcov SeicriSmfuovtav tpvXäaöovai? 
Ich wenigstens vermag die behauptete Nothwendigkeit in 
keiner "Weise einzusehen. 



54 



4. Das Fehlen des Weissagungsbeweises. 

Arnobius. 

Ov erb eck wundert sich ferner (S. 34) darüber, „wie 
wenig Eindruck auf die Bearbeiter des Briefes an Diognet 
die Thatsache gemacht hat, dass der Verfasser auf den 
Weissagungsbeweis des Christenthums verzichtet^ 
d. h. auf den einzigen theoretischen Beweis des Christen- 
thums, welchen es fär die kirchlichen Apologeten des zwei- 
ten Jahrhunderts den Heiden gegenüber giebt.^^ Er meint 
den Weissagungsbeweis im engeren Sinne, den von Justinas 
(Apol. I^ 14. p. 61D) xcn:\ k^oxrjv änoäu^tg genannten, dL 
den „Nachweis der Typen und Yoraussägungen, welche yoü 
Grott im Alten Testament- auf das Christenthum hin nieder- 
gelegt sind,^^ und behauptet von diesem, dass „er nie feUt/^ 
weil die älteren Apologeten (S. 35) „für den Heiden zunächst 
keine andere Eingangspforte zum Christenthum kennen, als 
die durch das Judenthum.'* Dieses sein TJrtheil dehnt Over- 
beck auf die Apologeten von Justinus, dem ein neutesta- 
mentlicher Kanon noch unbekannt ist, bis auf die ,;Ange- 
hörigen der fertigen katholischen Kirche, wie z. B. Tertul- 
lian'^ aus und behauptet ganz allgemein: „Alle diese Schrift- 
steller tragen, was sie nur beschaffen können, zusammen^ 
um die alttestamentliche Religion den Heiden zu empfeh- 
len," und „hüten sich wohl vor Allem, was die Religion 
des alttestamentlichen Volkes unmittelbar in den Augen 
der Heiden discreditiren könnte." Wir fragen zunächst: 
Wer soll mit „allen diesen Schriftstellern" gemeint sein? 
Erwähnt finden wir nur Justinus und Tertullianus, 
einen Nachweis aber nur in Bezug auf ersteren. Und da 
ist die Sache ganz ausser Zweifel. Aus des Justinus, 
des inmitten des jüdischen Volkes Geborenen, Entwicke- 
lungsgange ist ja bekannt, wie er, schon in den Schulen 
verschiedener Philosophen umgetrieben, bei einem Spazier- 
gange am Meere von einem Greise, der ihm gezeigt, wie 
wenig die blosse Philosophie zur Seligkeit führe, auf die 
sogenannten (hebräischen) Propheten hingewiesen wird, wie 
er in seiner grösseren Apologie Piatons und anderer heid- 



— 55 — 

nischer Weisen richtige Anschauungen auf deren Kennt«- 
niss des Alten Testaments zurückführt — jener wunder- 
liehe, sicherlich nicht Ton dem nach der landläufigen Mei- 
nung um 160 Y. Chr. angesetzten jüdischen Philosophen 
Aristobulos^) aufgestellte, noch von Ambrosius^ fest* 
gehaltene Satz — , wie er endlich den Grlauben an Ohrifittum 
aus den prophetischen Yerheissungen des Alten Testaments 
rechtfertigt. Aber wie steht es denn mit den anderen Apo^ 
logeten des zweiten Jahrhunderts, die von Oyerbeck einfach 
über denselben Kamm geschoren werden? Halten wir uns 
da zunächst an jene beiden, deren Schriften, schon mehr- 
fach zum Vergleich herangezogen, uns manche Einzelheit 
im Briefe an Diognetos erklilLrt haben, Athenagoras und 
Minucius Felix. 

Athenagoras weist die beiden Kiaifier M. Aurelitts 
und Commodus im Eingange seiner auf Platonischer Phl- 

1) In einem seiner sehr beachtanswerthen Schrift „BHcke in die 
Eeligionsgeschichte zu Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts^' 
(Breslau und Leipzig, S. Schottländer, 1880) angehängten Excurs über 
Aristobulos, den sogen. Peripatetiker (S. 77—100), hat M. Jo6l über- 
zeugend den Nachweis geföhrt, „dass es Zeit sei, den Aristobul aus 
der Beihe der Autoren, von denen foaohstäcke auf uns gekommen 
sind, zu streichen, und dem zweiten Jahrhundert, dem in Fälschungen 
80 überaus fruchtbaren^ auch die Erzeugung der Aristobulea nicht zu 
nehmen." 

2) Vergl. meine Schrift „M. Tullii Ciceronis et Ambrosii episc. Me- 
diolan. de offidis IIb. m inter se comparantur" (Augustae Taurinomm, 
Löscher, 1875) S. 13: (Ambrosius) „de fontiibus, exquibus veteresphi- 
losophi hauserint, sententiam protulit iam pridem ezplosam. Namque 
ex eorum scriptis adeo non manasse cum antiquissimis scriptoribus Chri- 
stianis putat morum disciplinam Christianam, ut ex veteris testamenti 
libris quidquid apud ipsos inveniatur yerihonestique repetiverint. „Num- 
quid enim prior," inquit (Off. I, 10, 31), „Panaetius, numquid Aristo- 
teles, qui et ipse disputavit de officio, quam David, cum et ipse F.yik&' 
goras, qui legitur Socr^te antiquior, prophetam secutus Da\id, legem 
silentii dederit suis?", Falli igitur eos, qui (Off. 11, 2, 6) quid in evan- 
gelio praedicaretur, id iam prius a philosophis tractatum putarent (an- 
teriores enim evangelio philosophos, id est, Aristotelem et Theophrastum 
vel Zenonem atque Hieronymum, sed posteriores prophetis), longe igi- 
tur antequam philosophorum nomen audiretur, per os saneti David quae- 
cumque bene sensissent philosophi aperte videri expressa.'^ 



-- 56 — 

lotophie ruhenden Schrift darauf hin, wie die Christen 
(Cap. 1) sehuldlos, ohne Kecht und Gericht, nur um ihres 
Namens willen gemis'shandelt, geplündert und verfolgt wer- 
den, er verlangt (Gap. 2) Befreiung von jener in ^en nur 
um ihres Namens willen verhängten Leiden liegenden Be- 
schimpfung, gleiches Recht für Alle, und widerlegt dann die 
bekannten r^la kyxXtjfjLccrec (Cap. 4): und zwar den Vorwurf 
der ä&iOTfjg von Cap. 5 — 26, den der tgotpal xal fiiisig 
a&eoi von Cap. 27 — 30. Kaum it^end ein anderer Apo- 
loget redet so tiefsinnig über das innerste Wesen der christ- 
lichen Gk)ttesverehrung, im Gegensatz zur heidnischen, schil- 
dert so ergreifend aus dem Bewusstsein der gekränkten 
und verfemten Unschuld heraus die urchristliche Frömmig- 
keit und die von der Zügellosigkeit und Zuchtlosigkeit des 
Hcidenthums voll Scham und Abscheu sich abwendende 
Sittenstrenge und reihe, makellose Tugend der Christen. 
Aber so wenig ist dem Athenagoras das Judenthum die 
„Eingangspforte zum Cbristenthum,** so sehr kann er — um 
einen von Overbeck (S. 61) in Bezug auf den Brief an Dio- 
gnetos gebrauchten Ausdruck hier zu wiederholen — „das 
Alte Testament nicht sowohl verworfen, als es in seiner Con- 
struction der Religionsgeschichte der Menschheit rein ver- 
gessen'' zu haben scheinen, dass er nur an drei Stellen die 
Propheten überhaupt erwähnt, aber, w^s wohl zu beachten, 
in ganz anderem Zusammenhange, als wir nach Overbeck's 
oben gegebener, ganz allgemeiner Charakteristik ^warten 
sollten. Im 6. Capitel fragt Athenagoras, nachdem er eine 
ganze Reihe Aussprüche von Dichtem und Philosophen 
gemustert, die alle mehr oder weniger klar und direct von 
der Einheit Gottes geredet: Warum dürfen jene über Gott 
reden und schreiben, was sie wollen, uns dagegen verwehrt 
es das Gesetz? Jene, auf ihres eigenen Geistes Kraft an- 
gewiesen {(6g ov TiaQU &bov. d^i^maccvteg fia&Biv, äXXä nag 
ccivov ^xaaTog)j sind doch mehr oder weniger irre gegangen, 
der Eine hat so, der Andere anders über Gott gelehrt: 
^jW€<s Si — hält er von christlichem Standpunkt entgegen 
— Sv voov^sv xccl nemOTBvxufABV, Hxofiev ngatpv'^ccg fAagTv- 
gag, ot nvsvuccri hv&icp ixTtecpcjv^xccai xccl TtBgl &6ov ymI 



— 67 — 

nsgl twv rov r^'sov. Wohl also ist von dem Zeugniss der 
Propheten die Rede, die von göttlichem Greiste beseelt Zu- 
yerlässiges über Gott und göttliche Dinge geredet haben, 
nicht aber von Typen und Weissagungen auf Christum. 
Denselben Sinn hat auch das 8. Capitel, in welchem Athena* 
goras weiter ausführt, dass die Christen mit der im 7. Capitel 
gegebenen, rein rationellen, menschlichen Begründung der 
Einheit Gottes sich nicht begnügen, sondern sich auf gött- 
liche Autorität, auf die Aussprüche der Propheten, wie 
Moses, Jesaias, Jeremias, berufen, ot xcet* äx(rra4fiv tc5v 
h avTotg XayitffAC^v, xiv^aavrog ccvtov rov &Biov nvsvfjLittog, 
& hnjoyovvTo k^eg^dvfjaav, avyxQ'K^^cciuivov rov nvBVfMXxoq^ 
mt\ xal ctifKrir^q ce^kdv ifjLnvsvam, deren Aussprüche von 
der Einheit Gottes angeführt werden. Im 10. Capitel endlich 
beruft sich Athenagoras auf ro nQ0(p7jTixdv nvevfia wieder 
in ganz anderem Zusammenhange. Im 9. Capitel hat er in 
Platonischer und zugleich Aristotelischer Terminologie den 
8obn Gottes bezeichnet als ito^^o^ rov ncctgdg kv ISi^ xttl 
ingyeitf: „Yon ihm und durch ihn ist Alles gescha£Pen, da 
Vater und Sohn eins sind. Da aber der Sohn im Vater und 
der Vater im Sohn ist durch die Einheit und Kraft des 
Geistes, so ist der Sohn Gottes vovg tcocI Xoyog rov ncC" 
TQoq.^ Diese Lehre vom Sohne nun erörtert Athenagoras 
im 10. Capitel weiter auf Grund Hatonischer, besonders dem 
Timäos (51, A; 30, A u. a. v. a. O.) entlehnter Philosopheme und 
fährt dann fort: (tw^Sbi Si t« X6y(p xal ro ngotpiirt^dv 
nvBVfice* KvQtog yceg, q>f](Tiv, äxrtai fiB AqxV'^ ddc^v avrov 
üg igya ccvrov. Dies Wort ist jedoch keins der gewöhn- 
lichen Propheten -Worte, die auf Christum gedeutet wur- 
den, sondern dem berühmten 8. Capitel der Proverbia nach 
der Uebersetzung der LXX entnommen, das die erste reli- 
gionsphilosophische Speculation über die Weisheit Gottes 
enthält, wie sie dann in den späteren apokryphischen Bü- 
chern Jesus Sirach (Gap. 1 und 24) und Weisheit Salomo's 
(Cap. 7) weiter ausgebildet wurde. Denn die Weisheit Gottes 
ist in dem Object fis zu verstehen. Sie erscheint dort als 
das teleologische Princip der Schöpfung, wie das Wort 
Gottes als Causalprincip; allerdings in poetischer Rede- 



— 58 — 

form wird sie unterschieden von Q-ott, ^fj^v^ — sagt sie 
8, 30 — 9U»q' €evT^ ägfLo^ovau' fytb VM'V^ V ^QOöix^^Q^f 
xcc&'^fiiQttP 3i ev(ppaiv6(ibfjp iv ngoacinq^ avtov äif navtl 
MatQ^: ja in jener Stelle, welcher Athenagoras sein Citat 
entnahm, schliesst die aoq>{u den mit Y. 22 angeschlagenen 
Gedanken V. 25 mit den Worten: tiqo tqv oqij i8Q(i(T&^- 
VCCI, TiQo Si nävtwv ßovpäv ytvv^ fxe. Weisheit Gottes 
und Wort Gottes [p^fia), durch welches schon nach Gene- 
sis 1 die Welt zu Stande kommt und das in der Folge als 
schöpferisches Princip behandelt wird (Psalm 107, 20: m^ 
ctuXe xov hoyov avrov xul läcccTO avxovq, xcel iQQvaato 
avToifg ix twv Siaq>ß^oQ6ov uvtcjv vergl. mit Sap. Sal. 16, 12: 
xal yäg ovttßoxuvrj ovrs fiälccyfm h&^anivaiv airovg, düä 
6 cos 7C1JQU XoyoQ 6 ndvta loipLBVoQ) wurde dann später com- 
binirt und durch Philons aus demselben alttestamenüichen 
Boden sowie aus der Philosophie der Griechen, besonders 
derjenigen Piatons erwachsene Adyog-Speculation der christ- 
lichen Trinitätslehre, wie sie schon bei Athenagoras er- 
scheint, der Weg gewiesen. Der Terminus koyog nämlich, 
das Wort, das Gesprochene, ist, insofern er, welcher Fall 
ja am häufigsten zu sein pflegt, das bis zur sinnlichen Er- 
scheinung Objectivirte bezeichnet, identisch mit qtj^u. In- 
sofern aber das Denken als ein inneres Beden vorgestellt zu 
werden pflegt (vgl. besonders das Hebräische ISib^b? ns* 
oder iab U$ oder iabsi, wie Psalm 15, 2 'ölbSi nü» nai), 
kann Xoyoq das innerliche Wort den Gedanken bedeuten. 
Da der Geist femer, besonders nach hellenischer Anschauung, 
denkend ist, da der Gedanke selbst Vernunft, objectivirte 
Vernunft ist, nichts anderes als eine Bestimmtheit der Seele 
in ihrer Actualität selber, so ist Xoyoq gleichbedeutend mit 
vovq: welche beiden Bezeichnungen ja, wie wir oben gesehen, 
von Athenagoras im 9. Oapitel seiner Schrift vom vloq 
&BOV gebraucht werden. Den Geist der Propheten endlich 
bezeichnet Athenagoras an jener Stelle des 10. Capitels, 
das zu dieser ganzen Erörterung den Anlass gab, durchaus 
in der Weise, wie auch ein frommer Hellene der alten Zeit 
von seinen gotterfüllten Sehern und Propheten reden konnte, 
als heiligen, nur dass er, an dieser Stelle seine Trinitäts- 



— 59 — 

lehre abschliessend, diesen heiligen Geist eine Emanation 
Gottes nennt, dao^goiay &aov, änoggiov xal knav^aqt&Qo^ 

Von einem ^^Nachweis der Typen und Yoraussagungen^ 
also; „welche von Gott im Alten Testament auf das Christen- 
thum hin niedergelegt worden sind,'' jenemNachweis, der nach 
Overbeck bei den Apologeten des zweiten Jahrhunderts 
„nie fehlt" (S. 34), ist, wie die vorstehenden Erörterungen 
gezeigt haben dürften, bei Athen agoras keine Eede. 

Das Gleiche gilt aber auch von dem „Octavius" des 
Minucius Felix. Nur an einer Stelle (Cap. 35) werden 
Weissagungen der Propheten erwähnt, aber wiederum nicht 
zum Zwecke der Einleitung des „einzigen theoretischen 
Beweises, welchen es für die kirchlichen Apologeten des 



1) Wie sehr diese Ansichten damals noch der dogmatischen Be- 
stimmthat entbehrten, ja wie weit man von derselben selbst im klas- 
sisclieii theologischen Jahrhundert entfernt war, zeigt am deutlichsten 
Gregorios von Nazianz, dessen trinitarische Lehren ich in mei- 
ner Programm -Abhandlung ,,Quaestionam Nazianzenarum specimen^^ 
(Wandsbeck, Fr. Puvogel, 1876) ausführlich dargelegt habe. Nam cum 
varias — heisst es dort S. 16 ff. von Grregorios — variorum persequa- 
tur opiniones (Orat. XXXVII. p. 595), reiectis Sadducaeis, quod spi- 
ritum sanctum omnino non esse censuerint, itemque philosophis Graecis, 
qai quidem theologiae laude floruerint C^XXyvcjv et •&8oXoYix(ategot), 
cum animum quendam per naturam omnem intentum ac pertinentem 
(vovv Tov navTog) statuerint, „nostrae aetatis," inquit, „sapientes par- 
tim yim quandam et facultatem {ivdQYsinv) spiritum sanctum existi- 
märunt, partim creaturam (xx/cr^a), partim Deum, partim utro potius 
nomine vocandus esset minime certum et exploratum habuerunt, ea, ut 
aiunt, ratione ducti, quod scriptura sacra neutrum horum plane aper- 
teque demonstrasset. Ob eamque causam eum nee venerantur neque 
contemnunt, sed media quasi quadam via incedunt. Ex his porro qui 
Deum ipsiun credunt, alii animo tenus pii atque orthodoxi sunt (oc fiev 
n^qi diavolag etaiv evaeßetg), alii labiis tantum pietatem profiteri non 
verentur. Alios etiam quosdam sapientiores audivi, qui diyinitatem me- 
tiuntur, ac tria quidem perinde ac nos intellegi confitentur, sed ea ita 
inter se disiungunt, ut.unum eorum et essentia et potestate infinitum 
statuant, alterum potestate, non item essentia, postremum utroque cir- 
cumscriptum: sie alio quodam modo eos imitantur, qui opificem et co- 
operarium et ministrum nominant {rovg dijfjuovQydv xai gvvbqyov xal 
leaovQYov ovofidl^ovTag) atque ordinem et gratiam, quae nominibus 
inest, rerum quoque seriem esse arbitrantur.^^ 



/ 



— 60 — 

zweiten Jahrhunderts den Heiden gegenüber giebt." „Et 
tarnen^' — heisst es n&mlich dort — „admonentur homines 
doctissimorum libris et carminibus poetarum ülius ignei 
fluminis et de Stygia palude saepius ambientis ardoris, 
quae cruciatibus aetemis praeparata et daemonum in- 
diciis et de oraculis profetarum cognita tradiderunt.^' Da 
der Verfasser hier offenbar Piaton (Phaed. p. 112, Dff.) und 
Vergilius (Aen. VI, 438 f.) im Auge hat, so brauchen unter 
den oraculis profetarum gar nicht einmal die der hebräi- 
schen Propheten gemeint sein, man müsste denn, wozu 
doch gar kein Grund vorliegt, dem Minucius Felix Kennt- 
niss und Glauben an jenes zuvor schon erwähnte, unter den 
Apologeten besonders von Justinus vertretene Dogptia Yom 
Diebstahl der griechischen Weisen am Alten Testament 
zutrauen. Zur Erklärung des Ausdrucks dürften die ora- 
cula Sibyllina, auf die sich Minucius Felix zwar niemals 
ausdrücklich beruft, mit denen er aber an einigen Stellen 
{vergL besonders 21, 12 mit orac. Sibyll. prooem. 36—38 
und 28, 8 mit prooem. 65f.) fast wörtlich tibereinstimmt, 
wohl ausreichend sein. Für den Weissagungsbeweis des 
Justinus hat Minucius Felix aber keine Stelle» Ohne bei 
seinen Lesern etwas Anderes vorauszusetzen als Vernunft, 
Wahrheitsliebe und Kenntniss der heidnischen Literatur, 
sucht er — wie Dom hart (Progr. der Königl. bayer. Stn- 
dienanstalt zu Erlangen. 1875, S. 6) vortrefflich den Inhalt 
des „Octavius" zusammenfasst — vor Allem drei Dinge si- 
cher zu stellen: Die Existenz Eines Gottes, die Kegierung 
der Welt durch dessen allwaltende Fürsorge und die sitt- 
liche Beinheit der christlichen Glaubensgenossenschafk 
(40, 2). Und zwar beweist er die ersten beiden Punkte 
durch historische und philosophische Argumente, für die 
er bei den gebildeten Heiden, an die seine Schrift sich 
wendet, volles Verständniss voraussetzen durfte, während 
von der Wahrheit seines Zeugnisses f&r den sittlich reinen 
Wandel der geschmähten und verfolgten Christen jeder 
seiner Leser bei redlichem Willen durch den Augenschein 
selbst sich zu überzeugen im Stande war. 

Ich glaube somit nachgewiesen zu haben, dass Ovar- 



— 61 — 

beck's Bedenken wegen des Fehlens des Weis- 
sagungsbeweises im Briefe an Diognetos grund- 
los sind, dass letzterer vielmehr mit dieser Eigenthümlich- 
keit nicht allein steht. Nor eine aus Stellen des Minucius 
Felix gezogene Schlussfolgerung Overbeck's, die näm- 
lich, dass (S. 36) „im ernsten Streit der Qhristen mit den 
Heiden der Standpunkt, welchen unser Brief einnimmt, ge- 
rade der heidnische^' ist, möge noch beleuchtet werden. 
Der Heide Caecilius hält 10, 4 den Christen u. A. entge- 
gen: „ludaeorum sola etmisera gentilitas unumet ipsideum, 
sed palam, sed templis, aris, victimis caerimoniisque co- 
henmt, cuius adeo nulla vis nee potestas est, ut sit Roma- 
nis numinibus cum sua sibi natione captivus.^^ jyDer Christ 
Octavius,*' sagt nun Overbeck, „ist in seiner Antwort 
(c.%2. 33) natürlich ausser Stande, die Art der jüdischen 
Gottesverehrung unbedingt zu vertreten, aber eben so we- 
nig lässt er dem Heiden die Bezeichnung der jüdischen 
Grottesverehrung als eines starken und' für die Juden selbst 
nutzlosen Aberglaubens hingehen.^' Diese Darstellung, be- 
iiaupte ich, entspricht nicht dem wahren Sinn und Zu- 
sammenbange der citirten Stellen. Denn wenn Octavius 
mit Bezug auf die von den Römern vollzogene Unter- 
jochung der Juden jene in Cap. 10, 4 sich findenden Worte 
des Caecilius Cap. 33, 2 in der Fassung: „Sed ludaeis nihil 
profuit, quod unum et ipsi Deum aris atque templis ma- 
xima superstitione coluerunt" — wiedergiebt, so meint er 
unzweifelhaft dasselbe wie dieser. Denn dass nicht die Art 
der jüdischen 'Gottesverehrung als solche von Octavius ver- 
worfen, dass insbesondere der von ihm gebrauchte Ausdruck 
superstitio nicht den von Overbe«ck ausgedrückten tadeln- 
den Sinn hat, zeigt das Folgende. , J)u irrst aus ünkennt- 
niss,'< — so widerlegt Octavius da (Cap. 30, 2) den Einwand 
des Gegners — „indem du der früheren Ereignisse unein- 
gedenk oder unkundig nur der späteren dich erinnerst. 
Denn auch sie haben unsern Gott — er ist ja derselbe 
Gott für Alle — aus der Erfahn^ng kennen gelernt. So 
lange sie ihn rein, schuldlos und fromm (caste, innoxie re- 
ligioseque) verehrten, so lange sie seinen heilsamen Geboten 



— 62 — 

gehorchten, wurden sie aus Wenigen eine zahllose Menge, 

aus Armen zu Reichen, aus Knechten zu Herrschern 

Lies nur ihre Urkunden, oder solltest du die römische 
Literatur vorziehen, so schlage, um ältere Schriftsteller zu 
übergehen, den Antonius Julianus über die Juden nach, und 
du wirst finden, dass sie sich ihr Schicksal durch ihre Ver- 
worfenheit zugezogen haben" u. s. w. In dieser Ausführung 
umschreiben offenbar die Worte „caste, innoxie religiose- 
que" den vorher gebrauchten Ausdruck „maxima super- 
stitione^': beide Stellen sagen unstreitig etwas Löbliches 
aus. "Von einem „nutzlosen Aberglauben" ist also keine 
Rede, sondern, was ja Octavius mit besonderem Nachdrnck 
hervorhebt, von der Verworfenheit des jüdischen Voltes, 
durch welche dasselbe sich den Untergang zuzog. Zu ver- 
werfen ist somit Overbeck's Schlussfolgerung^ „dass 
der Christ hier gerade den Ausdruck (superstitio = Sbiüi- 
Satfiovicc) von der Religion der Juden perhorrescirt, gegen 
welchen der Verfasser unseres Briefes nichts einzuwenden 
hat." Das Wort superstitio ist ebenso wie Seia^- 
Saifiovla eine vox media, die, je nach den Um- 
ständen, bald im guten Sinne als „Gottesfurcht,*^ 
bald in tadelndem Sinne in der Bedeutung „Aber- 
glaube" gebraucht wird. Dass letzterer der Stelle des 
Minucius Felix fernliegt, glaube ich erwiesen zu haben. 
Klar aber ist, dass auch im Briefe an Diognetos der 
Ausdruck *IovSccia)v SuaiSaiiiovia in Cap. 1, welchem im 
3. Capitel, wo der Verfasser zur Sache übergeht, negl rov 
/ijy xaTu rä avva 'lovdaloiQ ^soGeßelv entspricht, während 
der Verfasser im 4. Capitel {t'^v Ttegl rct adßßara davaiSai- 
IJLovlav) das Wort entschieden in tadelndem Sinne (Aber- 
glauben) gebraucht, denselben guten Sinn hat, wie dort 
superstitio bei Minucius Felix, und wie das Wort Seiai- 
daificjv in der bekannten Stelle der Apostelgeschichte 
17, 22, wo Paulus auf dem Areopag, Athens unbestrittenes 
Lob der Religiosität anerkennend, ss^gt: ^vdgeg H&ipfaToi^ 
xaxä nävTcc wg dsiöiSaifiovearegovg v^äg -d-eiogw. Denselben 
Sinn hat, um noch weitere Belege anzuführen, Seiaidai- 
fiovtcc ebenfalls in der Apostelgeschichte 25, 19, wo 



— 63 — 

Festus dem Könige Agvippa des Paulus Handel vorlegend, 
von dessen jüdischen Gegnern sagt: ol xcctfjyogoi oiSniiiav 
ttlxiav Hipe^öv Sv kycS vntvoow ytovrjQwVy ^t^ijiiiecTa Si rivu 
UQi Tfjq iSlccq dBi0i8ccifioviag sixov ngog ccivop. Auch Jo- 
sephus braucht SetfftSccifjtovla im Sinne von Frömmigkeit, 
indem er -Antiqu. X, 3, 2 von dem aus Babylon heim- 
gekehrten jüdischen Könige Manasse auf Grund von Chron. 
II, 33, 12 ff. berichtet: yekfouwog S* elg'rä'lBgoaoXvficc rmv 
fikv TtgoriQCJV ccfiagTi^fAdrfov nsgl rov &€6p xctl rrjv fAvi}" 
uTjf» l(T7üovSa^£V^ bI Svvccriv a'&r^ yivoiro, rijg 'ipvxvQ ^** 

ßuXtiV, Sv fJL€TCCßovkaVBlV &Qfl7](3B XCCi TtdüfJ ;f(>^(ri9'Cfl nBQi 

cevrov dBiaiSaifjiovl^. Schon bei Xenophon findet sich 
das Wort SBiaiSalfjLwv in der Bedeutung, welche die be- 
rühmte Stelle der Apostelgeschichte zeigt: Kyros stimmt 
(Cyrop. III, 3, 58) vor der Schlacht den Paian an, seine 
Leute aber, ol Sh &B0(3Bßwg nuvxBg owBnijxv^^^^ ptBydXij 
t^ (pwvfj ' ' kv Tq5 Toiovtfp yäg drj ol SBiaiSai/jLovBg ^trov 
tovg dv&QciTiovg (poßovvrai. Des Agesilaos Frömmigkeit 
bezeichnet Xenophon (Agesil. 11, 8) mit den Worten: äbI 
Si dei(TiSalfi(iDV fjv, vofjbi^oDV ro'ög ^iv xaXtSg ^wvrccg ovna) 
ivSai^ovag, rovg Sh eifxXBCjg TBTBkBVTt^xotag rjSri fiaxa- 
giovg. Wenn endlich Polybios über die römische Staats- 
relijgion urtheilt (VI, 56, 7): Kai fjtoi. Soxal ro nagä rolg 
älloig dv&Qcinoig ovBiSi^ofABVov , rovvo awi/uv rä 'Pw- 
ualtöv ftgar/uctTa, Xiyw 8i rijv ÖBiaiSaifAoviav — so könnte 
man an die ernste, gewissenhafte Frömmigkeit der alten 
Bömer denken; aber die folgenden Ausführungen zeigen, 
dass der scharf beobachtende Grieche den Volksaberglauben 
der Römer seiner Zeit im Auge hat. Doch kehren wir zum 
Briefe an Diognetos zurück. 

Wie sehr derselbe „mit seiner Art, das Judenthum zu 
betrachten und mit seinem Verzicht auf den Weissagungs- 
beweis hier auf den heidnischen Standpunkt hinübergetreten 
ist, zeigt sich*' — nach Overbeck's Meinung S. 38 — „noch 
an einem anderen Punkte seines Gedankenganges." Der 
Verfasser beantwortet, jenem Verzicht entsprechend, des 
Diognetos Frage ri Si^noTB xaivov tovto yivog fj hmxi^' 
devfia Bla^k&BV Big rov ßiov vvv xal ov Ttgongov ohne alle 



— 64 — 

Bücksicht auf die Weissagungen der atttestamentUchen Pro- 
pheten mit dem Hinweis auf die Unerforschlichkeit des 
göttlichen Bathschlusses Cap. 8, 10: *£v oaq> fih olif mn- 
Eix^v kv fivatvQ^V ^^ Suxi^QH x^v cofffjv avtov ßovhjf, 
älAtküv ijpL&v xal aq>Qoviaxtlv iSoxBi' 11. iftü Si a«exa- 
IvipB Sui Tov ayanr^Tov nuidog xal iffaviganaB rä k^ dQXV^ 
yvoifjLaafiivay ndv&' äfia nuQi^x^v vf^iP, wkI fMta&x^iv tm 
^vsQy^avcjv avtov xccl I8üv xal vo^tra^ a xlq &v nmoxi 
ngoaeSox^civ ^ficjv, y,Nun ist im Streit der Christen mit 
den Heiden" — fährt Overbeck fort — „die Neuheit des 
Christenthums ein heidnischer Sats, gegen welchen es 
das, soviel mir bekannt, constante Verhalten der älteren 
Apologeten ist, ihn einfach nicht zuzugegeben, vielmelir 
ihn eben mit dem Hinweis besonders auf die alttestament- 
liehe Vorbereitung des Christenthums zu bestreiten.^^ In 
diesem Satze ist Wahres und Irrthlimliches wunderbar ge- 
mischt; gehen wir seine Aufstellungen einzeln durch. Kicht 
richtig zunächst ist die aus der behaupteten Neuheit der 
christlichen Offenbarung gezogene Folgerung, dass dem 
Judenthum jeder Offenbarungscharakter abgestritten werde, 
da jener Gedanke, wie Lipsius (Literar. Centralbl. 1873, 
Nr. 40) richtig hervorhob, „vom ßriefschreiber mit seinem 
Urtheile über das Judenthum gar nicht combinirt ist^' 
nichtig dagegen ist die Bezeichnung der Neuheit des Cliri- 
stenthums als eines heidnischen Satzes. Gerade im zwei- 
ten und dritten Jahrhundert ist die Bezeichnung der Chri- 
sten als eines „neuen Geschlechts^^ (xatvdv tovro yivo^ 
Cap. 1) häufig und zwar zunächst im Munde der Heiden. 
Schon Suetonius nennt im Jahre 120 (Nero 16) die Chri- 
sten „genus hominum superstitionis novae ac maleficae/* 
Celsus, bei dessen bewunderungswürdiger Literatur-Kennt- 
niss es. nicht auffallen kann, dass er von der prophetischen 
Vorausverkündigung, „es werde der Sohn Gottes zu den 
Menschen ankommen" (Orig. c. Cels. 11, 4) unmittelbar aus 
alttestamentlichen Quellen weiss, sagt von Jesus, der ihm 
(Orig. c. Cels. VI, 10) als x^^<S xal npmtjv gekreuzigt gilt» 
(Orig. c. Cels. I, 26) er habe vor ganz wenigen Jahren diese 
Lehre eingeführt, avrov ngo nävv oXiyaov kx^v x^g ^'^^' 



— 65 — 

(fxaUccQ tavtf^Q xa&r]y^<raü&ci$. Auch TertuUianus zeugt 
daftr, weim er Ad nationes I, 8 als heidBischen Yorwurf 
erwähnt: yßed de suj^erstitione tertium geaus deputamür, 
non de ratione, ut sint Bomani^ ludaei, dehinc Christiani.f' 
Ab^ nicht bloss im Munde von Heiden, sondern auch bei 
Christen des zweiten Jahrhunderts findet sich die gleiche 
Bezeichnung} wie die zuTor aus dem Kiigvypiu IlkxQov 
(Hilg. N. T. e. c. r, IV, 69) nüt^etheüten Worte ergeben. 
Nicht richtig ist femer die allgemeine, über „das constante 
Verhalten der älteren Apologeten'^ aufgestellte Behauptung. 
Wir haben hier ein ganz gleiches Beispiel Yon der verkehr« 
ten Anwendung einer allgemeinen Schablone wie zuvor, wo 
wir über den Weissagungsbeweis handelten, der nach Over- 
beck in den Schriften der Apologeten des zweiten Jahr- 
liunäerts „nie fehlt.'^ Ov er heck beruft sich in der An- 
m^kimg auf Justinus (Apol. I, 46 vergL c. 28, p. 71 B), 
Theophilos (ad Autol. III, 4, 16ff.) und Origenes (c. 
Oßk IV, 7, 8). Kun gehören doch zu den „älteren Apo- 
logeten'^ ganz gewiss auch Athenagoras und Minucius 
Felix. In Beider unzweifelhaft auf Heiden berechneten 
apologetischen Schriften aber ist ebensowenig — wie oben 
gezeigt wurde — vom Weissagungsbeweise, wie auch nur 
mit einem einzigen Worte von der Widerlegung der von 
Heiden behaupteten Neuheit der christlichen Religion die 
ßede. Was sollen wir also von Overbeck's Behauptung 
halten, dass die von ihm bei dem Verfasser des Briefes 
an Diognetos vermissten Rücksichten auf Heidenthum und 
Judenthum (S. 41) „nicht blos thatsächlich in keiner 
auf Heiden berechneten Apologie des zweiten Jahrhunderts 
fehlen, sondern auch in keiner wohl fehlen können^'? Die 
Schablone passt eben nicht Die Schriften der Apologeten 
des zweiten Jahrhunderts mit der Mannichfaltigkeit ihres 
Inhalts und in der Verschiedenartigkeit ihrer Behandlungs- 
weise spotten derartigen Uniformirungsversuchen. 

Nur Arnobius, über den Overbeck S. 39 handelt, 
bildet zu unserem Briefe an Diognetos, was einmal das 
völlige Fehlen des Weissagungsbeweises und sodann ins- 
besondere die Behandlung der behaupteten Neuheit des 



— « — 

ObristeBthuins betrifft, die beste Parallele, wenngleich Over- 
beck auch hier das Bedenken äussert, dass Amobius, der 
um das Jahr 295 schrieb, als „ein Spätling der altchrist- 
lichen Apologetik'^ --*- gleichwohl wird beiOverbeck von 
späteren Apologeten noch Augustinus herangezog^s, 
Hieronymus citirt — sich „durch s^n wenig systema- 
tisches Verfahren zur Vergleichung mit der griechischen 
Apologetik überhaupt besonders wenig^eignet." Dies Beden- 
ken zunächst können wir getrost fahren lassen, da es mit der 
Systematik bei anderen Apologeten, wie Justinus, dessen 
Apologieen gegen die ersten Forderungen der Composition 
und des Stiles Verstössen, Theophilos, dessen Werke alle 
Einheit der Composition fehlt, und Athenagoras, aus 
dessen oben mitgetheilter Inhaltsangabe die bedeutende üa- 
gleichmässigkeit der von ihm seinem Gegenstande im Heb- 
rigen mit unverkennbarer stilistischer Gewandtheit gewid^ 
meten Behandlung zur Genüge ersichtlich ist, nicht b^onders 
gut bestellt ist. Einen tiefer greifenden Unterschied, „wel- 
cher'< — nach Overbeck — „selbst da besteht, wodie Aehn- 
lichkeit mit unserem Briefe am meisten in die Augen zu 
springen scheint,'^ habe ich aber nicht entdecken kOnnen. 
Unerheblich scheint mir die Differenz und dem Standpunkt 
des Arnobius, der, früher ein heftiger Gegner des Ohristen- 
thums, unmittelbar nach seinem Uebertritt zum Christen- 
thum seine Streitschrift (adv. nation. lib. YII) verfasste, 
entsprechend, wenn er den II, 69 vorgeführten ^Leidnischen 
Einwand ,,8ed novellum nomen est nostmm et ante dies 
paucos religio est nata quam sequimur^' mit der Ausfüh- 
rung (Cap. 70) widerlegt, dass auch alle römischen Culte 
einen bestimmten, zeitlich verschiedenen Anfang genommen, 
viele von ihnen also relativ neu seien; er schliesst dieselbe 
mit den Worten: „Quod cum ita se habeat, cum de novi-^ 
täte loquimini religionum nostrarum, veetrae vobis in men- 
tem non veniunt, nee curatis inspicere, quando sint exorti 
dii vestri, quas origines habeant, quas causas, vel ex qui- 
bus proruperint emicuerintque radicibus?'^ Doch die Zeit 
scheint ihm in dieser Frage überhaupt keine Bolle zu spie- 
len, im Grunde kann doch der Allmächtige, dessen Ver- 



— 67 — 

ehruDg die Christe» sich beäeisBigea, nkbt etwas Neues 
genannt wierden (Cap* 72) t ,,iie causam tarn longa prodere 
dissimnlatioae videamur, nisi molestum est, dicite, omnipo- 
tens et primusdeusnovellatobisTideturTes eeae^ et qui eum 
Tenerautes colnst inauditae, incognitas, repeDÜnas agitare 
ätqne induiC^e religimi6&? Estne illo antiquius quicquam, 
äut quod eum praecedat re, tempore, nomin«, potest aliquid 
inveniri?" — „Et quid, inquit/' — so fährt er in der wei. 
teren Ausführung jenes Einwände Cap. 74 fort — ,,est Vi- 
sum dea regi ao principi, ut ante horas, quemadmodum di- 
citur^ pauculas sospitator ad vos Christus caeli ex arcibus 
mitteretur?^^ — ,;!R&^i<)i^^3(i aiiquam fuisse dicetis,'' lässt 
er im Folgenden seinen heidnischen Gegner sagen und 
antwortet: „Ratio ergo et hie fuit, cur non nuper sed hodie 
sospitator nostri generis adTeniret. Quaenam igitur ratio 
est? liloii imus infitias nescire nos. Neque enim promp- 
tum est cuiqiiam dei mentem videre, aut quibus media or- 
(Kuarerit res suas." Nach Overbeck's AuflFassung würde 
hier nun aber gerade der charakteristische Unterschied von 
unserem Briefe zu suchen sein, der nämlich, ,)das6 Arnobius 
sich mit der Unerforschlichkeit der letzten Gründe aller 
Dinge schützt, sich aber wohl hütet, gerade auf die ün^- 
forschlichkeit des christlichen oder des Erldsungsrath* 
Schlusses Gottes sich zu berufen." Dieser Unterschied je- 
doch ist, nach meiner Auffassung des Zusammenhanges 
bei Arnobius, überhaupt nicht Torhanden. In den Wortein 
„neque enim promptum est cuiquam dei mentem yidere^' 
haben wir nämlich, da es höchst sweifelhaft ist, dass Arnobind, 
als er sein Werk schrieb, die Schriften des Neuen Testa- 
ments selbst schon gelesen, unzweifelhaft eine von oftma* 
ligem Hören hei;stammende Keminiscenz an das Wort des 
Apostels Paulus (ad Korn. 11, 34) rlg yäg Hypct) vwiß xv* 
Qiov zu sehen, das ja gerade von der Unerforsdilicfakeit 
des göttlichen Erlösungsrathschlusses, von dem Reichthum 
an Hülfsmitteln, seinen Heilsplan durchzufuhren, redet. Wir 
müssten, wenn Overbeck's Darlegung richtig wäre, geradezu 
auch Paulus jenen von ihm in Arnobius gefundenen Ge- 
danken unterschißben. Aber dies wird doch im Ernst Nie- 

5* 



— 68 — 

mand wollen. Aach Arnobius eigene Worte widersprechen 
dem. Er hat thatsäcblich den Erlösnngsrathschlns» 
Gottes im Auge, wenn er im 75. Oap. anf das ,,Car tam 
sero emissus est sospitator?" antwortet: ,,Potestergo fieri^ 
ut tum demum emiserit Christum deus omnipotens, deus 
Bolus, postquam gens hominum fractior et infirmior coepit 
nostra esse natura. Si quod hodie factum est, ante miUa 
fieri potuisset annorum, fecisset istud rex summus, aut si 
post totidem milia id quod hodie factum est, debuisset 
impleri, nihil deum cogebat necessarias temporum non ez- 
spectare mensuras.^' Ja weit mehr noch rechtfertigen den 
späten Eintritt des Christenthums in die Welt die Schkss- 
worte von Cap. 78: „K^l^S^o nostra nunc nata est: nmc 
enim missus advenit qui eam nobis ostenderet, qui in eixis 
induceret veritatem, qui deus monstraret quid sit, qui ad 
eius nos cultum ab rebus opinabilibus avocaret.'^ Da ist 
eine so genaue Wiedergabe der im 8. Capitel des Briefes 
an Diognetos ausgesprochenen (vergl., auch was den Aus- 
druck anlangt, jenes ,,qtti deus monstraret quid sit^ mit 
Ti noT iari &66gy sowie die Worte „qui ad eius nos cul- 
tum ab rebus opinabilibus avocaret/^ welche an ro^^ xevovq 
xal XfjgwSeig bceivwv koyovg oder an die nXävt] tcov yoi^raif 
erinnern), dass es mir durchaus wahrscheinlich ist^ 
dass Arnobius, so gut wie er den ngorge^meog de's 
Clemens Alexandrinus ziemlich stark und flüchtig benutzte,^) 
auch Stellen aus dem Briefe an Diognetos, in der 
ihm eignen, zumeist rhetorisch übertreibenden 
Weise, mitgehen hiess, wo sie ihm gerade behag- 
ten. Auch seine Stellung zum Judenthum ist eine ganz 
gleiche wie die des Verfassers unseres Briefes, denn nicht 
bloss bleibt „in dem ganzen in Bede stehenden Abschnitte 
des Arnobius das A. T. ganz ausserhalb des Gesichtskrei- 
ses,** sondern — wie die Stelle III, 12 zeigt, wo Arnobius, 
die jüdischen und sadducäischen Fabeln betreffs der anthro- 



1) Vergl. Dr. G. Kettner, Cornelius Labeo. Ein Beitrag zur 
Quellenkritik des Arnobius. Programm von Pforta, 1877. Nr. 199, II. 
S. 4—7. 



— 69 — 

pomorphisti&chen Vorstellnngen von Gott verwerfend, Ton 
diesen sagt: „quae aut nihil ad nos attinent nee ex aliqua 
portione qnioquam habent commune nobiscum, aut si sunt 
iit creditur, sociae, quaerendi sunt vobis altioris intellegen- 
tiae doctores, per quos possitis addiscere, quibus modis con- 
Teniat litterarum illarum nubes atque involucra relaxare^' 
{vergl. Oehler, Prdeg. zu seiner Ausg. des Amobius 
p. XIV und XVI) — er kennt das Alte Testament über- 
haupt gar nicht, und wenn Overbeck nichts darauf zu 
führen scheint, „dass Amobius auch der Eeligion der Ju- 
den gegenüber die christliche als eine so durchaus neue 
den Heiden erscheinen liess, wie es unser Brief thut,'' so 
^dersprechen dem, yon der eben angeführten Stelle abge- 
sehen, insbesondere die Darlegungen im VII. Buch, Oap. 1 ff., 
^on denen schon Oehler (Proleg. p. XVII) richtig urtheilte: 
jjOrmB (enim) iila disputatio, quam contra sacrificia insti- 
tuit^ ita est comparata, ut quaecunque in sacra ethnicorum 
teJa iaculatur, eadem in ritus in Vetere Testamente prae- 
scriptos et librorum, qui ea praecipiant, auctoritatem ad- 
lersarii facili negotiö retorquere potuerint.'^ 

Doch um mit der Frage nach dem Fehlen des Weis- 
«agungsbeweises zum Abschluss zu kommen, so hoffe 
ich durch die vorstehenden, hierauf bezüglichen Auseinander- 
setzungen nachgewiesen zu haben, dass das von Overbeck 
allen Apologeten des zweiten Jahrhunderts zugeschriebene 
gemeinsame, nothwendig übereinstimmende Verfahren in 
dieser Frage, wie auch in anderen, thatsächlich nicht yor- 
handen ist. Der Verfasser des Briefes an Diognetos nimmt 
— worauf ich schon Torher in anderem Zusammenhange 
hingewiesen — eine besondere Stellung ein, er zieht, was 
auch Hilgenfeld (a. a. O. S. 277) betont, eben nicht die 
von Overbeck behauptete gewöhnliche Heerstrasse der christ- 
lichen Apologetik, sondern vertritt in der berühmten, oben 
ausgehobenen Stelle des 8. Oapitels die tiefsinnige Ansicht 
vom Christenthum, dass Gott seinen in der Vorzeit verbor- 
genen Bathschluss in seinem Sohne enthüllt habe: n(iv&* 
upLu — sagt er — nagiax^v Vf^^^} ^^^^ fiera^x^Zv rSv evep- 
yicitüV uittov xul ISüv xccl vo^aui & xig &v noinort ngoaB* 



— 70 — 

Smvse%^ ^(^m»\ — Dass diese GedaBken zur Erbauang glükubi- 
ger Christen y^vi einer cluriatUcbeB Homilie ganz am Platze^' 
wären, aber „für einen OeidAfi, so aller Stutze dnrch eine 
religiöse AutaritILt bar, wie sie in unserem Briefe hingestellt 
sind^ ohne alle Beweiskraft, ja sehr verdächtig sein'^ würden, 
kann ich durchaus nicht zugeben, es müsste denn in der 
religiösen Cntwickelung der Menschheit jeder originelle 
Gedanke für verdächtig erklärt werden. Auch mir erscheint 
jene geistvolle Anschauung unseres Verfassers von der un- 
vermittelten Offenbarung Gottes, d^ in seinem Sohne Alles 
auf einmal der Welt zum Heile erschloss, mit Hilgenf eld 
(a. a. 0. S. 278) als „eine der Anfangszeit des Christen- 
thums, seinem arischen Kampf mit den alten Beligionra 
ganz entsprechende Grundansicht.^^ Dass der Verfasser 
des Briefes noch in dem Stadium des erbitterten Kampfes 
steht, dass er die blutigen Greuel der Verfolgungen leben- 
dig vor Augen hat, ist früher bereits gezeigt worden. Wie 
hätte ein Spätgeborener der nachconstantinischen Zeit die 
.Christen noch xc^ivov rovro yivois nennen können? Dass 
der Verfasser das Alte Testament ganz wohl gekannt, ha- 
ben wir ebenf 0,11s vorher zu sehen Gelegenheit gehabt. Er 
hat aber nicht, wie Qverbeck sich ausdrückt (S. 61) das 
Alte Testament „in seiner Construction der Beligionsge- 
schichte der Menschheit rein vergessen ,^^ sondern, wozu 
sich ein christlicher Schriftstellet* der nachconstantinischen 
Zeit, in Folge der veränderten Stellung und dogmatischen 
Geltung, welche die alttestamentlidien Schriften nunmehr 
in der christlichen Kirche gewonnen, niemals verstanden 
haben würde, durch jenes sein mivff äfMt na^kax^v vf'^'^. 
den Weissagungsbeweis mit voller Absichtlich- 
keit ausgeschlossen. Wenn endlich Qverbeck (S. 64) 
erst in der nachconstantinischen Kirche das Christenthum, 
wenigstens in der Dogmatik, als „so weit wie über das 
Heidenthum, so auch über das Judenthum gehoben und 
das Gefühl einer Gemeinsamkeit zwischen ihnen so weit 
erstorben^' bezeichnet, „dass uns auch eine Unvorsichtig- 
keit, wie die unseres Briefes in seiner Behandlung des Ju- 
denthums begreiflich wird, zumal bei einer Betrachtunfg, die 



— 71 — 

.80 fidhr .bei tiheneinpläteea blribt, wie die seine^^: so fragen 
wir -^ denn, jede Fietioii.mufis doch einen Sinn haben — 
fflit Hilgenfelii: ^Wer koauite zu dieser Zeit nur neeh. 
.darauf ktmimen, sn Ounsten des herrechenden Christen- 
tbnms gegen das 2nrO.<^gesefc8te Heidenthum nnd , gegen ^ 
das ohnmächtige Judenthnm solch' ein Exercltinm zu schrei* 
ben und dab^ den gangbaren Weissagungsbeweis rein. zu 
vergessen ?^^ 



5. Die Aeüsserungen des Verfassers über das 

Christenthum. 

Von besonderer Wichtigkeit zur Bestimmung der Ab- 
fessungszeit unseres Briefes sind die Aeusserungen des 
Terfassers über das Christenthum. Diese genau in 
ihrem Zusammenhange kennen zu lernen , erscheint um so 
nothwendiger, als gegen sie insbesondere von Overbeck 
Widerspruch erhoben worden ist. Nachdem nämlich der 
Verfasser in Cap. 2 — 4 die Fragen des Diognetos beant- 
wortet hat, warum die Christen ovrs roig vofJu^ofAivovg ind 
Tcov '£XXrjvot)v &6oi;g loyi^ovrai ovre r^v 'lovöaiiov Seim- 
daifAOviav q>vld(r(rov(Ti, fährt er am Scbluss des 4. Capitels 
also fort: ro 8^ frjq ISiag avrwv &soaeßeiag fipar^giov fiij 
TiQoaSoTci^iSrjg Svvaa&ai nagä dv&Qconov ficc&eiv, 

T. XQKTTiavol ydg ovtb tpttivp ovts ü&Bcr^ Siaxsxgi^ 
fih^oi TÖr Xoin65v üctv av&goinoDV, 2. ovre ydg nov no- 
Xng ISiug xavoixovaiv ovtc StaXbixtp ttvl naQfjXkccyfjbivjj 
XQcovtai. OVTB ßiov Ttagdarjfjbov daxovüiv, 3. oi pi^ hmvoi^ 
Tivl Ttäi (pQo/vriSi Ttokvngayfiovtav dvd'Qoinav fjid&t]fJLcc rovovx 
ccvTöig ^(Ttlv BigtjiiivoVy ov8i Soyfiarog dv&gcjnlvov ngoB- 
(TtäfTiV &anBg hfioi. 4. xccrotxovvtBg Si TtoXsig ^EXktjvlSag 
TB xal ßagßdgovg dg thcaaTog hektjgci&tj, xal xolg iyxot>gloig 
i&Bcriv dxoXofV&ovvteg %v tb iad^vi xal Sialxtj xal t0 Xoitz^ 
ßlm, &avfjLa<n^v xal ofjioXoyovfXivoog fcagdSo^oP' ivSBixvwtai 
T^v xardataaiv rifg iavreov noXiTBiag. 5. nargiSag olxov- 
fft/if I8iag, dXX^ (hg ndgoixot' fiBtixovai ndvroav dg noXlrat, 
xal ndv^' vnofxivovciv dg ^ivor n&ffa ^ivt] nargig jkaxhv 



— 72 — 

MütmVf xul n&au ntttgi^^hßf^. 6. yatiwffiv dg nAfteg, 
TexPCfyo9ova$v* äXV ov pinravai va ^Bwcipsvct. l.TQ€m9^m 
xoip^p 'xaQcttlß'wrmj &XV ei icoitruv. 8. h» mxQxi tvYx^' 
vovaiVy äiX oi xcetä trccQxcc ^(dciv. 9. inl y^g Sinet^ißovaiVy 
€iUl* h ovQHCV^ utohTBVofftm. 10. nni&ovxai totg Aqu!' 
Iikiftiig vöfioigy xcd xoig Idioig ßlöig ifixtSei roifg vifiovq. 
11. uyust&tfi nAvtag, xecl ino nmfrwv SitAxomau 12. äyv(y- 
. ovvTcciy xal xccxaxQlvovtuv &avon:&vvtaij xal' ^(ooTtoionV' 
tau 18. 7tTü)XBvov(Ti>, xal nXovxl^ovöi nolXovg' ndsvxiav var^ 
QovvTUiy xal hv naai neQiaasvovaiv, 14. dri^ovvtaij xai 
kv rcCtg ätifjLlaig So^d^ovrär ßlaafpfjfiovvTaty xal dtxaiovV' 
rai. 15. XoidoQovvrai f xal evXoyovaiv* ißgl^w^ai^ xai 
T^limaiv. 16. dya&onoiovvTBg (og xaxol.xoXat/ovtat' xoht' 
^ofievot ;^a/()ov<rtv tog ^foonoiovfjLevoi. 17. vnö *IovSalm 
dg äll6q)vXoc nolsfiovvTai xal vno 'ElX^vwv 8icixovTa$, xal 
rtjv cdricev xrjg Hx^Q^i ü^tlv ol fnaovvrag ovx M^ovaiof. 

VL ^Anläg Si elnelVy on^g iarlv kv acifiati, yfvxvt 
V TOVT üalv iv xoafifp XQiatiavoL Diesen Vergleich fuhrt 
der Verfasser im 6. Capitel geistvoll durch und schliesst 
daran im 7. Capitel den Nachweis des himmlischen Ursprungs 
des Christenthums, Gott selbst (§. 2) an ovgaväv rvvdk^&eiav 
xal töv Xoyov rdv ayiov xal antQivorixov dv&Q(moig%viSgvaB 
xal fyxavsaT^Qi^s rc^g xa^Slaig avrdäv, und zwar durch 
die Sendung seines Sohnes. 

Hinsichtlich dieses ganzen Abschnitts bedauert Over- 
beck (S. 43), dass die bisherigen Forscher wohl yor Bewun- 
derung desselben nicht dazu gekonomen seien wahrzunehmen, 
wie fremdartig sich namentlich die Schilderung des 5. Capiteb 
in der altchristlichen Apologetik ausnimmt. „Parallelen/ 
. — behauptet er — „welche einzelne ihrer Wendungen in 
dieser Litteratur finden und bei welchen man sich nur allzu- 
leicht beruhigt hat, können den Eindruck der Fremdartig- 
keit des Ganzen und der Hauptgedanken nicht aufheben.^ 
Da Niemand bisher von diesen Ausfuhrungen des Ver&ssers 
einen gleichen Eindruck empfangen, wie Overbeck, so wer- 
den wir dessen Bedenken im Einzehien zu prüfen haben. 
„Für's Erste" — beginnt er — „kann kaum etwas gedacht 



— 78 — 

w^den, das der Apologetik des zweiten J&hrhuBderts femer 
gelten hätte, als der Scbluss von der Unsichtbarkeit der 
Wirkungen des ChristenthBms auf die üebematürlichkeit 
seines Wesens, welcher dem ganzen Abschnitt, C. 5 — 7, zu 
Grunde liegt« Denn damals ist das Christenthum etwas, 
wenn es überhaupt beachtet wurde, in der Welt höchst Sicht- 
bares gewesen, und zwar gerade wegen der Klarheit seines 
Widerspruchs gegen sie, und eben um dieses Sichtbare da- 
ran hat sich eiu Streit gedreht, yon welchem in den uns 
Yorliegenden Worten so gut wie gar nichts yemehmUch wird.^^ 
Schon hier muss ich widersf»:echen, ich kann den von 
Oy erb eck als dem ganzen Abschnitt, C. 5 — 7, zu Grunde 
liegend behaupteten „Schluss von der Unsichtbarkeit der 
Wirkungen des Christenthums auf die üebematürlichkeit 
Beanes Wesens^' nicht zugeben, weil er mir den eigenen Dar- 
legm^en des Verfassers zu widersprechen scheint. Derselbe 
redet, soviel ich sehe, gar nicht von eiuer „Unsichtbarkeit 
der Wirkungen des Christenthums,^^ sondern am Schluss des 
4. Capitels von dem tiefinnersten, nicht in die äussere Sicht- 
barkeit fallenden Wesen, dem eigentlichen Geheimniss der 
christlichen B^ligion« Gerade das meint er auch im 6. Capitel, 
wenn er §. 4 von den Christen sagt: 'XQiamxvol y$p(6axavt€U 
fiiv ovTBg iv r^ noapifp, dann aber sofort hinzufügt: doQoszoq 
Sk avrmv ij &to<Tißua fjiiva. Ein „Schluss^' von der so 
richtig verstandenen Meinung des YerÜBissers über die Un- 
sichtbarkeit des eigentlichen Geheimnisses der christlichen 
Gottesverehrung auf die. „Üebematürlichkeit^^ ihres Wesens 
scheint mir nirgendwo in dem ganzen Abschnitte zu Grunde 
zu liegen, ja derselbe ist, dünkt mich, völlig überflüssig und 
durch die Worte des Verfassers geradezu ausgeschlossen. 
Derselbe redet in den Capiteln 6 imd 7 offenbar von dem 
in der Welt sichtbaren Leben und Treiben der Christen; 
dass aber von dem um dieses Sichtbare geführten Streite 
^,in den uns vorliegenden Worten so gut wie gar nichts ver- 
nehmlich wird,'' wird in dem Falle nicht mehr auffällig ge- 
nannt werden können, wenn sich ein Grund aufzeigen lässt, 
warum eben nicht mehr von dem, was verbeck vermisst, 
zu Tage tritt. 



— 74 — 

,^e flteheoden Yorwürfe der Heiden ho. zweite Jidur- 
hundert" — so fährt Overbeck (S. 44) fort — ^^gegexi die 
Ohrifiten: sie seien ein Uchtschenes Volk, das sich menschen- 
feindlich von allem fernhalte und alles veiiästere, was An- 
deren heiUg nnd theuer sei oder als erlaubt gelte, atheistisch 
die Götter des Staates zu verehren sich weigere , sich über- 
haupt den Pflichten des Bürgers entziehe , alle öffentlichen 
Freuden meidend ein düsteres und abgeschiedenes Dasein 
führe und sich überdies aus dem niedersten Haufen, den es 
durch vorgebliche Wunderthaten täusche und durch Mähr- 
chen von Weltende und "Weltgericht in Schrecken jage , zu- 
sammensetze, — alle diese Vorwürfe, wobei wir von den phan- 
tastischen Ungeheuerlichkeiten, welche sich der blinde Hass 
der Heiden wenigstens in der zweiten Hälfte des zweiten Jahr- 
hunderts über Cultus und Sitten der Christen erzählte, hier 
absehen wollen, erscheinen der Schilderung unseres Briefes 
gegenüber geradezu unbegreiflich." Ja wohl, geradezu unbe- 
greiflich, müsste auch ich sagen, wenn ich die von Overbeck 
in Vorstehendem beUebte Zusanmienfassung so ziemlich aller 
im Laufe der Zeiten des Kampfes von den Heiden gegen 
die Christen erhobenen Vorwürfe als richtig und zutreffend 
anerkennen könnte. Auch an dieser Stelle, meine ich, lässt 
sich deutlich zeigen, wie wenig das bei Overbeck bereits 
mehrfach beobachtete imd zurückgewiesene Verfahren, mit- 
telst einer allgemeinen und verallgemeinernden Schablone zu 
festen Resultaten zu gelangen, dem vorliegenden Schrift- 
werk des Alterthums gerecht wird. Es ist nämlich wohl zu 
unterscheiden zwischen den einzelnen Gruppen von Vor- 
würfen sowie zwischen Ort und Zeit, in denen sie erhoben 
werden. 

Gehen wir auf die älteste heidnische Urkunde, den Brief 
(XCVI) des Plinius an Kaiser Trajanus zurück, so ist 
darin von jener Menge heidnischer Vorwürfe, die wir soeben 
gehört haben, keine Rede. Die Zahl der Christen in Bithy- 
nien ist bereits sehr gross, „neque civitates tantum" — be- 
richtet Plinius — „sed vicos etiam atque agros superstitionis 
istius contagio pervagata est." Christenprocesse haben be- 
reits stattgefimden, der Statthalter selbst aber, der in den 



75 



\ 



Jahren 111 — IIS jaie Provinz verwaltet, ist niemals dabei 
zugegen gewesen. Er klagt dem kaiserlichen Freunde seine 
peinliche Verlegenheit, ,,sitne aliqnod discrimen aetatam an 
qnamlibet teneri nihil a robnstioribus differant, detur paeni- 
tentiae venia an ei qtii omnino Christianns fiiit desisse non 
prosit, nomen ipsom, si flagitiis careat, an flagitia cohaerentia 
nomini pnniantur.'^ Nach angestellter Untersuchnng erfährt 
er nichts weiter, als dass die Christen sich zu einem durch- 
aus sittlichen Leben verpflichten, gemeinsame Mahlzeiten 
halten, einen nach römischem Begriff schwärmerischen Glau- 
ben (sapertitionem pravam immodicam) hegen und Christus 
in Lobliedern wie einen Gott preisen (carmenque Christo 
quasi deo dicere). Gerade die letztere Notiz giebt uns den 
Schlüssel des Verständnisses für das Ganze. Sie ist, wie 
Wittichen^) richtig hervorhebt, „von römischem Stand- 
punkte zu beurtheilen und ist mit Bttcksicht darauf, dass 
Püniiis die Christen zwingt, dem Kaiser religiöse Verehrung 
darzubringen, so zu verstehen, dass fiir das Bewusstsein der 
Christen Christus dieselbe Stellung einnahm, wie für die 
Römer der Kaiser. Wie dem Römer der Kaiser als der 
von den Göttern gesetzte Träger der römischen Staatsidee 
und daher geradezu als Gott (Göttersohn) erschien, so war 
für die Christen Christus nicht blos der Stifter des Christen- 
thums, sondern auch der zu Gott in eminenter Beziehung 
stehende unsichtbare Träger der christlichen Idee und daher 
das Haupt der christlichen Gemeinde, so dass er Gegenstand 
religiöser Verehrung wnrde.^' Es ist also der Gegensatz des 
Christentbums gegen die römische Staatsreligion; dass die 
Christen sich fem halten vom heidnischen Cultus, dass die 
Tempel veröden, die Feste von ihnien nicht mehr besucht 
und gefeiert werden; diese Gottlosigkeit, wie das Ver- 
halten der Christen in der Folge dann wohl genannt wird, 
nöthigt die römische Behörde zum Einschreiten, das ist der 
einzige Vorwurf, der in dieser ältesten heidnischen Urkunde 
zum Ausdruck kommt Bestätigt wird derselbe durch des 



- 1) Wittichen, Leben Jesu in urkundlicher Darstellung, Jena 
1876. S. 8. 



^ - - 76 _ 

Kaisers Antwort (Epist. XGVII): ,,Oonquirendi non sünt: 
si deferantur et arguantur, piiniendi sunt, ita tarnen ut qui 
negayerit se Christianum esse idque re ipsa raanifeBtum 
fecerit, id est supplicando diis nostris, quamyis suspectus 
in praeteritum, veniam ex paenitentia impetret.^' Das war 
im zweiten Decennium des zweiten Jahrhunderts. 

Um dieser durchaus ablehnenden Haltung wiUen, welche 
die Christen zur römischen Staatsreligion einnahmen ^ blieb 
der religiöse Parteiname Christ verhasst, wie femer Justinus 
(fiovoif fAiaovfAB&cc St opofACß rov Xqiotov) und besonders 
im Jahre der grossen Verfolgung des Kaisers M. Aurelius, 
177 Athenagoras beweist. Bei ihm gerade ist der Hass 
um des blossen Namens willen (Cap. 1: änl fwvw 
opofjtari xgoGnoXejAovvTCDv ^(aIv tSv moXicov) mit jenem 
oben erwähnten Vorwurf der G-ottlosigkeit {d&€6rf]g\ 
dessen gründlicher Widerlegung er den grössten TheU seiner 
Schrift, von deren 31 Capiteln 22 (Cap. 5—26) widmet, auf 
das engste verknüpft. Zu ihm hinzu kommen bei Athenagoras 
(Cap. 4) als reelle, sehr ernst genommene Beschuldigungen 
jene von Ov erb eck bei Seite geschobenen „phantastischen 
Ungeheuerlichkeiten, welche sich der blinde B^ss der Heiden 
wenigstens in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts 
über Oultus und Sitten der Christen erzählte," die auch im 
•Schreiben der Gemeinden von Lugdunum und 
Vienna, neben dem GroU wegen Verachtung der römischen 
Staatsreligion als dem einzigen Vorwurf (bei Euseb. Hist. 
eccL V, 1, 14), erwähnten Oviarsia Silnva und Oidi- 
noäsioi fii^siQ, von denen Athenagoras am Sch|uss seiner 
Apologie redet, und die nach dem Zeugniss des 'Minucius 
Felix (Cap. 9) schon M. Cornelius Fronto (Consul 148, 
^est. um 168) in seiner feindseligen Bede g^en die Christen 
.behandelt hatte. D^s es eben nur diese drei Beschuldigungen 
der Heiden sind, welche in jenem Verfolgungssturm unter 
Kaiser M. Aurelius im Osten des Beiches — deim aus dem 
Orient stammt wahrscheinlich des Athenagoras Schutzschrift 
— das Feldgeschrei bilden, zeigt deutlich der Anfang des 
4. Capitels bei Athenagoras: Tgia knupt^filCovaiv ijiuv fyxXij' 
fiaru, ä&BOTrjTci y Oviareicc Stmva, OlSinodeiovg (li^Big. 






— 77 — 

Von den anderen oben von Ovei:beck angeführten Vorwürfen 
ist bei Athenagoras noch keine Bede: wir werden daraus 
also schhessen dürfen, dass die Christen damals im Orient 
noch nicht so weltflüchtig gewesen, wie das in jenen weite- 
ren Vorwürfen hegt und Oyerbeck uns will glauben machen. 
Der Brief an Diognetos wenigstens stimmt mit Athena- 
goras' Apologie ganz wohl zusammen, nur dass, was hier 
ausführlich, mit Aufbietung nicht geringer Gelehrsamkeit 
behandelt wird, dort^ dem Charakter und dem Umfange des 
Briefes entsprechend, gleichsam in perspectivischer Verkleine- 
rung, oft nur in Andeutungen erscheint Die Abwendung 
der Christen von dem Göttercultus der Hellenen rechtfertigt 
der Verfasser des Briefes an Diognetos relativ mit der 
gleichen Ausführlichkeit wie Athenagoras, und dass er in 
seinen Anschauungen gerade in diesem Punkte sich mit 
Athenagoras nahe berührt, ist früher schon nachgewiesen 
Forden. Jene beiden anderen von Athenagoras zurückge- 
wiesenen Vorwürfe der Heiden aber erwähnt unser Verfasser 
nicht minder deutUch in demselben Zusammenhange. 



Man vergleiche folgende Stellen: 



Athenagoras Cap, 28. 

ywaixa (liv fhcaarog ^fißv, 
i}v ^yccysto xatä roijq vtp 
f^ficjvxatUTB&eifjihfovgvopLOvgj 
vofMt^cov, xal tavrtjv (liXQ^ 
rov jtaiSonoiijaaa&cct — und 
Cap. 30: xccl ot tag xöig ccfA- 
ßkwTQidioigxQtofAivag, ärSgo- 
(povüv re xal Xoyov vtpi^Biv 
Tfjg k^afißXcoaswg rtp &s(p 
^afieif, xarä nolov äpSgocpO" 
vovfiev Xoyov; ov yccQ rov 
ccvtov vofil^siv fjtiv xal ro 
xccrä yaatgog ^mov elvai, 
xal Sißä xovto avtov fiiXeiv tgS 
'd'B^, xal naQBkr^Xv&orta Big 



Brief an Diognetos Cap. 5. 

6. yafio^öiv cog Ttdvrsg, rex- 
voyovovaiv* äXX ov pinrovai 
rä yew(6fA6va, 7. rgähs^av 
xoivfjv naQaxl&tvxai^ äXX ov 
xoitfjv, 8. kv aagxl xvyxa" 
vovaiv, akX ov «o^rci adgxa 



— 78 — 

mg tmv bni&hrtiv t9X¥oHTo- 
vovvTiav^ ndlip Si rd tffufpbf 

Die weiteren Vorwürfe, die Christen „seien ein licht- 
scheues Volk, das sich menschenfeindlich von allem fernhalte 
und alles verlästere, was Anderen heilig und theuer sei 
oder als erlaubt gelte," „sich überhaupt den Pflichten des 
Bürgers entziehe und alle öflfentlichen Freuden meidend ein 
düsteres und abgeschiedenes Dasein führe", \ tauchen erst 
jetzt auf und stehen in offenbarem Zusammenhange 
mit den Zeitereignissen. Vergegenwärtigen wir uns 
kurz dieselben. 

Die Begierungszeit des Kaisers M. Aureüus war von 
den schwersten und erschütterndsten Ereigmssen, der fast 
ununterbrochen wüthenden Pest, dem Aufstand des Avidius 
Cassius und den gewaltigsten Stürmen der Germanen, die 
damals zuerst mit eiserner Faust an die Thore des Reiches 
pochten, heimgesucht, und durch sie wesentlich erscheinen 
die Verfolgungen der Christen bedingt. Dass hier zwei 
Perioden zu unterscheiden sind, die Verfolgung von Smyma 
im Jahre 166 und die allgemeinere vom Jahre 177, darauf 
ist früher bereits hingewiesen worden. Das Bauschen des 
heranziehenden Sturmes ist schon bei Justinus und Tatianus 
zu spüren. „Aller Orten — so etwa sagt dieser (Cap. 4 
vgl. mit Cap. 27) — suchen die Griechen wie im Wettkampf 
die Obrigkeit gegen die Christen zu treiben: die Gottlosesten 
der Menschen müsse man aus dem Lande jagen." M. AureKus 
befand sich an der Donau im Kampfe mit den Markomannen 
und deren Verbündeten; schon stand er im Begriff das Marko- 
mannenland und Sarmatien zu römischen Provinzen zu machen 
(Capitolin. M. Ant. Phil. 24, 5. 6), als im Jahre 175 Avidius 
Cassius im Oriente sich empörte und zum Kaiser aufwarf. 
Sofort verhess M. AureUus den gefährdeten Posten an der 
Donau und wandte sich gegen Cassius (Capitolin. 25), der 
aber eher getödtet wurde, als der Kaiser nach Syrien ge-> 



— 79 — 

gelangte. Die Müde, welche er hier im Orient walten liess^ 
kam gerade allen denj^gen rebellischen Städten und Land- 
schaften zu Gute, ^) in denen die christliche Bevölkerung seit 
100 Jaihren am dichteste war^ während die Juden unter 
dem Einfluss des klingen, einsichtsvollen Patriarchen Jehuda 
ha-Nasi sich von jeder politischen Action femgehalten hatten.^) 
^Nachdem M. AureUus darauf die Verhältnisse im Orient 
geordnet hatte, begab er sich im Jahre 176 nach Athen 
(Capitolin. 27, 1). Hie^ war es, wo die Griechen, deren Wuth 
uns Tatiaaus bezeugt, die Gelegenheit benutzten, den philo- 
sophischen Kaiser gegen die Christen zu hetzen, „und die 
Nothlage des Reichs schob der Pöbel (s. Keim, Celsus S. 
271) wie die Kegierung um so mehr auf die Christen, weil 
diese vielfach dem Eeicbe den Beistand versagten und sogar 
in Born und unter den Augen des Kaisers den Feuerunter- 
gang der Welt und dann ihr Reich ersehnten" (vgl Ckpi- 
tolia, M. Ant. PhU. 13y 6: ignem de caelo lapsurum finemque 
mundi affore). Da erfolgte 177 jenes kaiserliche Edikt, t6 
xaiffov rovxo Sidjwyfia, wie es Meliton (bei Euseb. Hast, 
eccl. lY, 26, €) nennt , o ißojSi xa^ci ßagßügmv ngknu ^oAc- 
lAiwv* „Was sonst niemals geschehen ist^ — klagt derselbe 
Meliton (a. a. O.) den beiden Kaisern M. Aurelius und 
Commodus — geschieht jetzt; die Schaar d^ Gottesverehrer 
wird verfolgt und in Asieä durch neue Verordnungen hart 
bedrängt. Denn die schamlosen Angeber und die nach 
fremdem Eigentibiun Lüsternen rauben und plündern jetzt, 
da sie die Veranlassung dazu in den Edikten finden, offen 
bei Tag und bei Nacht die Unschuldigen." Jenes Treiben 
der Sykophanten schuf unsägliches Elend, für die Christen 
schien völUge Rechtlosigkeit zqm Gesetz erhoben zu sein: 
was, wie mir scheint, auch in den Worten des Briefes an 
Diognetos Qap. 5, 5: fAtxix^vai Ttüvrwv <og naUtai, kuX 



1) Capitolin. M. Ant. Phil. 25, 8: Ignovit et civitatibus quae 
Cassio consenseraut, ignovit et Antiochensibus , qui multa in Marcum 
pro Cassio dixerant. 

2) A. Bodek, M. Aurelias Antoninus als Freund und Zeitgenosse 
4es Rabbi Jehuda ha-Nafli. B. 102. 137 ff. 



— 80 — 

ndvd-' vnofiivovüiv dg ^ivoi angedeutet sein dürfte, denn die 
^ivoi, hostes oder peregnni waren ja nach römischer An- 
schauung an sich rechtlos, seit Alters hart und feindselig,, 
bis in die späteren Zeiten sehr willkürlich behandelt. Da- 
rum bittet und fleht Athenagoras (Cap. 1): ds6u€&u itfM.&v 
xal nBQi '^fjLcov ri cxiyjaa&ai, intog ncevaoifis&d itorn vno 
T&v avxocpuvxwv (npatrofjLetfoi. ovSi yäg üg XQVf^^''^^ V 
nagä x&v Sküxövtcov ^rjpdaf ovSi üg hnitifAiccv r/ cclcxvm^ 
fj dg äXXo ri x&v fAu^ovwv ^ ßWßri . . . akX üg eaofjiaxa 
xcci t/zr/ag, orav ccTteincjfiBv xolg XQVP^^^^^i hntßovXtvovaiv 
yfAlv. Es erfolgte der Befehl der Aufeuchung (Euseb. V, 
1, 14: Srjfioai^ kxiXevaev d ^yefKov csva^f^tBla&cci navxaq 
vuäg), welche Trajanus ausdrücklich verboten hatte, und der 
Kaiser selbst schärfte, wie der Bericht der Gemeinden von 
Lugdunum und Vienna uns meldet (bei Euseb. V, 1 , 47), 

, durch Verordnungen ein: tovg fihv aTtotvfiTictVia&^vai., u 
Si Xivsg ägvoivxoy xovrovg änoXv&?/vcci. Es war dies der 
Anlauf zu einem Yemichtungskamt>fe, wie ihn Decius und 
Diocletianus später vergeblich untemahm^i: der des Jahre& 
177, durch das ganze Beich zuckend, dtoerte zum G-lück nicht 
lange, der im Jahre 1 78 neu ausbrechende Krieg gegen die Bar- 
baren an der Nordgrenze des Reiches, welcher den Kaiser 
nöthigte, persönlich und von seinem Sohne begleitet, aber- 
mals zu Felde zu ziehen, verwehte schnell die Spuren des^ 
furchtbaren Verfolgungssturmes. 

Jetzt erst werden die von Ov erb eck oben erwähnten 
Vorwürfe gegen die Christen mit besonderem Nachdruck 
erhoben worden sein. Es lag in der Natur der Sache, dass 
die Christen, durch die Greuel der Verfolgung verschüchtert 

* und verbittert, immer ostentativer vom öffentlichen Leben 
sich zurückzogen und gegen Kaiser imd Beich ein Verhalten 
zeigten, das ihnen den Vorwurf, unrömisch, unpatriotisch zu 
sein, zuzog. Hatten noch im letzten Markomannenkriege so 
zahlreiche Christen in den römischen Heeren gegen die 
Feinde des Vaterlandes gefochten, dass die Sage entstehen 
konnte, auf das Gebet einer ganz aus Christen bestehenden 
Legion sei der Kaiser imd das Heer durch ein von Gott 
gesandtes Gewitter vom Tode des Verdurstens errettet wer- 



— 81 — 

den (Euseb. Hisi eccL V, 5),^) so sehen wir jetzt die Chri- 
sten mehr und mehr dem Kriegsdienste, ^^überhaupt den 
Pflichten des Bürgers" sich entziehen imd durch die erdul- 



1) Die Wahrheit der Begebenheit, wie sie Eusebios erzlihlty ist 
sehpn längst in Zweifel gezogen worden. Abgesehen davon, dass des 
Eusebios eigene Ausdrücke darauf hinweisen, dass er sie selbst nicht 
für zweifelsfrei gehalten, „so ist schon der Umstand," wie A. Closs, 
der verdienstvolle üebersetzer des Eusebios zu V, 5, ausfährt, „dass 
schon damals eine ganze Legion aus Christen bestanden haben 
sollte, im höchsten Grade unwahrscheinlich. Ueberdies ist die An- 
gabe ein historischer Irrthum, dass die sogenannte Donnerlegion von 
dieser Geschichte ihren Namen erhalten habe, da nach Dio Cassius 
55, 23 die zwölfte Legion schon unter Augustus oder wenn je Zweifel- 
sucht behaupten sollte, Dio habe derselben den Namen beigelegt,. den 
«ie zu seinerzeit führte, wenigstens, wie eine von Scaliger angeführte 
Inschrift beweist, doch unter Nerva, wohl von den auf ihren Schilden 
abgebildeten Donnerkeilen, diesen Namen führte. Sie hatte ihre Stand- 
quartiere in Kappadocien oder wohl in der früher zu diesem Lande, 
später zu Armenien gerechneten Landschaft Melitene, wo wir sie in 
der notitia dignitatum utriusque imperii, noch als legio fulminea, sta- 
tionirt finden. Was die Begebenheit selbst betrifft, so wissen zwar 
auch heidnische Schriftsteller von derselben und zwar auch als von 
einem Wunder zu erzählen, gedenken aber bei Darstellimg derselben 
im geringsten nicht eines Gebetes der Christen, sondern sie schreiben 
das Wunder theils dem Gebete des Kaisers selbst zu, wie Capitolinus 
M. Ant. Phil. 24 und Themistios in seiner 15. Eede, theils, wie Dio 
Oassius 71, 8, der unmittelbaren Einwirkung der G^Hter, namentlich des 
Loftgottes Mercurius', welche ein in des Kaisers Gefolge befindlicher 
ägyptischer GU)et, Namens Amuphis, durch magische Formeln zur 
Herabgiessung des Schlagregens bewogen haben sollte. Dass auch der 
Kaiser Antoninus selbst, sowie Senat und Volk ebenso weit entfernt waren, 
die jenem gewordene Hülfe dem Gebete der Christen zuzuschreiben, 
dies beweisen zur Genüge Denkmäler von Erz und Marmor, kaiserUche 
Denkmünzen (auf einer derselben wird Jupiter seinen Blitz auf die zu 
Boden gestreckten Barbaren schleudernd dargestellt) und die noch zu 
Eom stehende Antoninische Säule,- auf welcher unter anderen bildlichen 
Darstellungen Soldaten sich befinden, wie sie den Regen in ihren Hel- 
men auffangen. Auch ein Gemälde, das Themistios sah, stellte nur 
den Kaiser dar, wie er zu den Göttern flehte, seine Soldaten aber, wie 
sie den Regen in ihren Helmen auffiussten und daraus das vom Him- 
mel herab sich ergiessende Wasser tranken. Dass diesen verschiedenen 
Angaben eine wirkliche Thatsache zu Grunde liegt, ist nicht zu be- 
-zweifeln und wir dürfen uns den Vorgang wohl so denken, dass, als 
^ie Römer von der Sonne verbrannt und von Durst gequält, von den 

6 



— 82 — 

cleten Leiden gebeugt, immer mehr ;,alle offeutlicben Preu- 
den meidend, ein düsteres und abgesciiiedenies Dasein'^ f&hrea. 
Keinen besseren Zeugen hierfür haben wir als Cetsus, 
dessen !äXfi&ijg koyog vom Jahre 178 die wesentliche Voll- 
endung des Sturmes voraussetzt Er zeigt uns (Orig. c. Geis. 
Vill, 71), wie die Christen ihrerseits den Kaiser mit den 
"Wünschen, ihn nimmer wieder daheim, vielmehr draussen in 
der Fremde von den Barbaren gefangen m sehen, in den 
ernsten, gefahrdrohenden Feldzug des Jahres 178 beglei- 
ten; daher seine im Angesicht der neuen Quadennoth ebensa 
eifiige wie wirkungslos verhallte Mahnung, an den vielleicht 
doch etwas mürber gewordenen ßest der Christen (Orig. c. 
Cels. VIII, 73), dgijyBi.v r^ ßaaUel nuvxl cß-ivu^ xal avfi' 
noveZv ccvr^ xä dixauc, xal vnegfAncxBiv o^irroi;^ xecl Gvarqtir 
Tiiuv avtm, Av imiyfj, xal av<TtQuxi]yBtv, und (VUl, 75) 
ägx^^^ "^VS ncnglSoqy iäv Sirjy xccl tovto itoutv Sv&<€V aoortr 
Qiag vofioov xal s'üasßstag. Nicht mit Unrecht hat zuerst Keim 
(Celsus' Wahres Wort, S. 274), von anderen Indicien abgesehen, 
aus diesen Stellen des Celsus, aus seinem tiefen Einblick in die 
Nothstände des Keichs und des Kaisers, aus seinem patriotischen 
Kummer und seiner patriotischenMahnung an die Christen „auf 
einen lebendigen Augenzeugen der mühsamen Selbsterhaltung 
Bom's gegenüber den nördlichen Barbaren und der auch 
durch die schärfsten Mittel M. Aureis ungebrochenen B«ni- 
tenz des abendländischen Christenthums'^ geschlossen und 
aus diesem römischen Ursprung auf die frühzeitige Benutzung 
des Celsusbuches von Seiten des Minucius Felix und Tertul- 
lianus sowie Origenes' verspätete Kunde desselben erklärlich 
gemacht. Für den Zusammenhang imd die Ueberlieferung 
der gegen die Christen von den Heiden erhobenen Vorwürfe 
ist die von Keim (a. a. O. S. 152 — 156) scharfsinnig nach- 

Germanen eingeschlossen waren, Alles , was im römischen Heere war, 
Heiden wie Christen, jene zu ihren Göttern, diese zu ihrem Gott, um 
Hülfe flehten. Da erfolgte ein Gewitter; die Römer wurden dadurch 
erquickt und neugestärkt und brachten den bestürzten Barbaren eine 
vollständige Niederlage bei. Alles betrachtete diese so unverhoffte 
Eettung als ein Wunder, und Heiden und Christen schrieben jeder 
->^ Theil insbesondere für sich diesen glücklichen Erfolg den Wirkungea 

ihres Gebetes zu," 



— 88 — 

get^sesoe Thatfiache yoB grosser Wichtigkeit, dase in des 
Mmucins VeUx Dialog „Oetayius'S welcher, als die erste 
chnstliehe Antwort auf Cclsus' uilrj&^g koyog anzusehoi isty 
der die heidnische Partei vertretende CaeciliuB, auf Grand 
des Gelsusfouches und mit diesem überaus häufig, vielfach 
worüieh ^usammeiKtreffend, in geschickter Zusammenfassung 
(Cap. 5 — 13) alle sjuvor im Wesentlichen mit Overbeck's 
Worten erwähnte, besonders auf den christlichen Rückzug 
Yom Cult der Völker und vom (^entliehen Leben bezüglichen 
heidnischen Einwoodungen i^producirt, wie sie eben in jener 
Zeit gang urnid gäbe waren. Charakteristisch für diese der 
Zeit nach sicherlich spätere Schrift (etwa 180) ist es, dass, 
während die Ohnsten sich gana verlüttert gegen Kaiser und 
Keich zeigen und in einer ezeessiven, nur aus der bitteren 
Noth erklärbar^i Weise sich an allen patriotischen und 
religiösen Erinnerungen Boms vergreifen (Gap. 24 ff.), jene 
bel^rnnt^i tgi€e fy^lijfiata nach Cäcilius' drastischer Schil- 
derung (Oap. 9) zwar im Volke noch lebendig, bei den. Ge- 
bildeten hingegen (Cap. 28) schon eriieblich ihres Gewichts 
beraubt erscheinen, dass endlich die politischen Vorwürfe, 
die wir etwa zwanzig Jahre später (197) bei Tertullianus 
finden, im „Octavius^^ noch ziemlich zurücktreten. 

Diese verschiedeneaa, deutUch nachweisbaren Stadien 
im Hervortretaä der gegen die Christen von heidnischer 
Seite erhobenen Beschuldigaagen müssen, wie ich im Gegen- 
satz zu Overbeck's verallgemeinemdein, die zeitliche Auf- 
einanderfolge verwischendem Verfahren gezeigt zu haben 
glaube, genau unterschieden werden. Doch gehen wir nun- 
mehr, von den Fesseln der Overbeck'schen Schablone be- 
freit, zu den im 5. Capitel des Briefes an Diognetos enthal- 
tenen Einzelheiten über. 

Von den Worten, dass sich die Christen „in Beeidung, 
Nahrung und im sonstigen Leben den Sitten des Landes 
anschlössen", das sie gerade bewohnen (5, 4 toig hyx^^oig 
i&aCüP äxokov&ovvng Üv re had-rjxi xal SiulTfj xal r^ 
lom^ ßi(p)j meint Ov erb eck (S.45), dass daran „im stren- 
gen Sinne nicht zu denken" sei. Celsus dagegen, der un- 
verwerflichste Gewährsmann, bezeugt wörtlich, dass die Chri- 



— 84 — 

sten (Orig. c. Gels. VHI, 28) „Getreide essen und Wein 
trinken und Baumfiüchte kosten**, dass sie (VHE, 55) gleich 
den Heiden „Weiber nehmen und Ejnder zeugen und Früchte 
gemessen und an den Gütern der Welt theünehmen und die 
allen Menschen auferlegten Uebel tragen". Und wemi 
Overbeck die Behauptung aufstellt: „Es ist im zweiten 
Jahrhundert einfach nicht wahr, dass sich die Christen durch 
ihre Sitten {i&fj) von anderen Menschen nicht unterscheiden, 
kein irgendwie sich auszeichnendes Leben in der Welt 
fiihren": so verweise ich auf Tertullianus Apologet. 42, 
wo derselbe, zu dessen Zeit ja gerade die pohtischen Vor- 
würfe gegen die Christen mehr in den Vordergrund treten, 
betreflfs des bürgerhchen Lebens der Christen von diesen 
kühnlich aussagen darf, sie seien „homines vobiscum (den 
Heiden) degentes, eiusdem victus, habitus, instructus, eiusdem 
ad vitam necessitatis^ .... non sine foro, non sine macello, 
non sine balneis — auf die vor der Verfolgung Allen ge- 
meiQsam gewesenen Bäder und öffentUchen Plätze weist auch 
der mehrfach citirte Bericht der Gemeinden von Lugdunum 
und Vienna vom Jahre 177 (bei Euseb. Hist. eccl. V, 1, 5) 
hin — , tabemis, officinis, stabulis, nundinis vestris, ceterisque 
commerciis cohabitamus in hoc seculo. Navigamus et nos 
vobiscum et mihtamus, et rusticamur, et mercamur, proinde 
miscemus artes, operas nostras publicamus usui vestro." 
Jene Worte des Celsus stimmen aber auch mit der schon 
in anderem Zusammenhange zuvor behandelten Stelle des 
5. Capitels unseres Briefes §. 6 yafjLovaiv (6g nävrsQ, rexvo- 
yovovaiv fast wörtlich überein, und ich halte es dem gegenüber 
für recht überflüssig, wenn Overbeck als ein unsem Brief 
verdächtigendes Moment glaubt hervorheben zu müssen, dass 
die Apologeten (S. 45) mehr von ihrer Weltflucht sehen 
lassen, als der Verfasser in den citirten Worten thut, indem 
sie „nicht blos ausdrücklich die EigenthümUchkeit der 
christHchen Ehesitte und ihren Widerspruch mit der welt- 
lichen Gesetzgebimg, wenigstens in Bezug auf die zweite 
Ehe hervorheben, sondern oft auch der unter den Christen 
häufigen Ehelosigkeit sich rühmen". Von der Hervorhebung 
eines „Widerspruchs mit der welthchen Gesetzgebung, wenig- 



— 85 — 

stens in Bezug aiif die zweite Ehe^S habe ich bei den Apo- 
logeten, wie Oy erb eck wieder ganz allgemein sagt, nichts 
finden können, auch nicht, dass sie „oft^^ der unter den 
Christen häufigen Ehelosigkeit ,,sich röhmen^S sondern in einem 
Falle gerade das Q-egentheil thim. Athen ago ras nämlieh 
sagt in Bezug auf ersteren Punkt Gap. 28 : ov yicg fjteUtp 

^ olog Tis irix^Vi i*^^iVy ^ kfp ivl yäf^qf' ö yccQ SsvrsQog 
nfitQtn^q iari fioixeia. Zur Begründung des letzteren 
Wortes citirt er den Ausspruch Jesu Marc. 10, 11, ohne 
auch nur mit einer Silbe des Widerspruchs gegen die welt- 
liche Gesetzgebung zu gedenken. Wie es scheint, direct 
von Athenagoras, und nicht bloss an dieser Stelle, in der 
ihm eigenen, die schriftstellerische Selbständigkeit wöit mehr 
als Andere, z. B. Tertullianus, wahrenden Weise abhängig 
istMinuciuB Felix in der jenen Worten entsprechenden 
Stelle 31, 5: „at nospudorem non facie, sed mente praesta- 
mus: unius matrimonii vinculo libenter inhaeremus, cupidi- 
tatem procreandi aut unam scimus aut nullam.^^ Derselbe 
Athenagoras ferner redet an demselben Orte von der 
Ehelosigkeit: avgoig 9&v noXkovg rwv nuQ ^filv xal ävSgag 
xal ywatxceSf xarayrjgaüxovruq dyäfiovg, kXniSi xov fiäkXov 
üwia^G&ui r0 &e0. Er hebt also die GottwohlgefäUigkeit 
der Ehelosigkeit hervor, während Minucius Felix ander ent- 
sprechenden Stelle 31, 5 sagt: „casto sermone, corpore castiore 
plerique inviolati corporis virginitate perpetua jfruuntur 
potius quam gloriantur." — Ich sehe gar nicht ein, 
warum man sich darüber wundem soll, dass einer oder der 
andere der Apologeten in seiner umfangreicheren Schrift 
beiläufig auch der christlichen Sitte und Anschauung in 
Bezug auf die zweite Ehe und auch der Ehelosigkeit Erwäh- 
nung thut — auch der spätere Tertullianus streift nur 
beiläufig die Frage der Ehelosigkeit und zwar in abge- 
schwächter Form (Apologet. Cap. 9: Quid am multo 
securiores totam vim huius erroris virgine continentia depel- 
lunt, senes pueri) — : während eine ungleich kleinere apolo- 
getische Schrift wie der Brief an Diognetos, auch in diesem 
Punkte in ähnlicher Weise, wie wir zuvor schon gesehen. 



— 86 — 

weniger ausffthrlich als jene gröBseren Werbe, einfach in 
üebereinsthnmung mit Celsns die Thatsaohen hervorhebt, 
welche die allgemeine Uebereinstimmiing mtü den Heiden 
bezeugen. Dass andere Apologeten damit ^^rnehr von ihrer 
Weltflucht sehen lassen" als «nser Verfewser, kann ich 
nicht einsehen, um so weniger, als z. B. der hier besonders 
in Betracht kommende und auch von Overbeck citirte 
Athenagoras, der die bekannten rgtix fyxh^ata zurück- 
weist, durchaus kein so weMüchtiges Christenthum zeigt, 
als man aus Overbeck's Darstellung schliessen könnte. 
£bensowenig aber auch vermag ich die andere Behauptung 
Overbeck's als zutreffend anzuerkennen, dass die Apologe- 
ten „weniger" von ihrer Weltflucht sehen lassen, „als der 
Verfasser für gut hält in den Sätzen, welche zugleich mit 
dem Eingehen der Christen in das politische Leben auch ihre 
Entfremdung davon aufdecken." Wenn nämlich der Ver- 
fasser von den Christen sagt §. 5: narglSag olytovaiv iSiaq^ 
ä}X dq %aQOiMoi .... %a(Ta ^ivt] ntngiq h<nw ccvtcov, xcU 
7tS<Tcc nccTQig ^ivfj — „so sind,*' sagt Overbeck, „in diesen 
Sätzen Betrachtungsweisen verbunden, welche in der alt- 
christlichen Litteratur sehr charakteristisch auseinander zu 
fallen pflegen." Ich kann in dieser Behauptung von einem 
zweiten Leben, das sie neben dem Allen sichtbaren fähren 
und von dem sie allein etwas wissen, nichts anders finden, 
als eben altchristliche 6-edanken, wie sie schon der Apostel 
Paulus ausspricht, wenn er Gal. 4, 26 das obere, himmlische 
Jerusalem, die wahre Gemeinschaft der Jünger Jesu Christi, 
die Mutter Aller nennt, oder wenn er Phil. 3, 20 im Gegen- 
satz zu epikureisch gesinnten Christen {ol r& iTtfy^a (fQo- 
vovvreg V. 19) nachdrücklich hervorhebt: ^fio5v yäg ro noXl' 
Tev/ia äv ovQuvolg inuQx^i, unser Staatswesen, d. h. der 
Staat, welchem wir angehören, ist iih Himmel vorhanden, 
damit auf das noch nicht erschienene Messiasreich deutend, 
in Bezug worauf er sofort hinzufügt: ^| oi xai <r(ät^Qc^ 
änexSexofjts&oc xvgiov *Ir^aovv jfptcyrov. Dasselbe sagt der 
Hebräerbrief aus in den Worten (18, 14): ov yäg ix^f*^^ 
iSS6 iiivovaav noXiv, äXXä tf/v fiikXovaccv kni^ritovfiBv, tmo 
dasselbe drückt mit fkst wörtlichem Anklänge an PhiL 3, 20 



— 87 — 

unser Verfasser in einer der folgenden Zeilen aus §. 9 : knl 
y^g SictTQißowTiv , JciX kv ovQUvm nohtB^ovrai, Eines 
Hifiweises auf Justinua (s. Oyerbeck S. 46) bedarf es 
hier gar nicht, denn die von demselben an der angeführten 
Stelle (ApoL I, 1 ff.) erörterten Gedanken sind auch in un- 
serexQ Briefe entweder direct behandelt oder doch berührt. 
Aujch unser Yerfaster lässt deutlich erkennen, dass die 
Ohristen kein irdisches Reich mehr erwarten, dass sie un- 
tadelhafite Bürger sind, aber wenn Overbeck nun behauptet, 
Justinus habe gar kein Interesse, „wenn er auch keineswegs 
Yerhehlt, dass er einen höheren Herrn kennt als den Kaiser, 
noch etwa selbst hervorzuheben, wie sehr ihn dieses höhere 
Unterihanenverhältniss dem irdisch-politischen entfremdet'^: 
so schiebt er dem Verfasser unseres Briefes einen Gedanken 
unter, gegen welchen derselbe mit seinen eigenen Worten 
protestiren mag. Jenes höhere Unterthanenverhältniss näm- 
hch zu dem unsichtbaren Lenker des christlichen froXlxBVfia 
ist soweit entfernt, die Christen dem irdisch - politischen 
Unterthanenverhältniss, dem sie angehören, zu entfremden, 
^lass der YerfGisser ausdrücklich sagt §. 10: nel&ovrm rotg 
(»guffiivoig vofioig, icccl xoig iSloig vofAoig vixcoai rovg vofjiovg. 
Die weitere Berufiing Overbeck's auf Tertullianus scheint 
mir aber noch viel weniger am Orte zu sein, da dieser Apo- 
loget. 38 die gegen die Christen erhobenen politischen Vor- ' 
virürfe behandelt, welche, höchst gefährlich zu einer Zeit, wo 
Kaiser Septimius Severus nach der Besiegnng des Clodius 
Albinus und Pescennius Niger im Jahre 197 furchtbar gegen 
die offenen und besonders gegen die geheimen Anhänger 
seiner gestürzten Nebenbuhler wüthete,^) energisch zurück- 
zuweisen Tertullianus ein besonderes Interesse hatte. Auch 
die Verdächtigung von Apolog. 42, einer Stelle, die oben 
bereits gegen Overbeck citirt ist, scheint mir unstatthaft, 
imd zwar aus dem Grunde, weil TertuUianus das Apotogeti- 
cum immittelbar im Beginn der Christenverfolgung geschrieben 
und da natürlich die während einer fast zwanzigjährigen Zeit der 
Buhe und ungestörten Entwickelung entstandenen, wesentlich 

1) Bonwetsch, Die Schriften Tertullians nach der Zeit ihrer Ab- 
fassung. Bonn 1878. S. 18—17. 



— 88 — 

freuDdlicheQ Yerhaltiusse zwischen Christen und Heiden int 
Grossen und Ganzen einfach constatirt hat, während derselbe 
die Schriften „de spectaoulis" und „de idololatria," welche 
von Overbeck gleichfalls herangezogen werden, um ein „Bei- 
spiel des Auseinandertretens der esoterischen und der esoteri- 
schen Betrachtungsweise des Staatslebens unter den christ- 
lichen Apologeten'^ zu geben, nach Bonwetsch (a. a. O. 
S. 33 — 36) höchst wahrscheinlich nach der Verfolgung de& 
Jahres 197 yerüasst hat Denn dass durch die Leiden der 
Verfolgung das ürtheil der Christen über Schauspiel und 
Kriegsdienst — darum handelt es sich hier zunächst — ge- 
schärft ¥mrde, ist ganz natürlich. Jede Verfolgung hatte^ 
worauf ich oben bereits aufinerksam gemacht habe, zur 
Folge, dass die Verbitterung der Christen gegen heidnisches 
Wesen gesteigert, ihre Abwendung von demselben immer 
allgemeiner und augenfälliger wurde. Dass gerade in Frie- 
denszeiten Neigung zum Schauspielbesuch bei den Christen 
vorhanden war, zeigt TertuDianus' Schrift De spectaculis, 
charakteristisch ist u. A. die Stelle Cap. 27: „illic (in den 
Schauspielen) nomen Dei blasphematur, iUic quotidiani in 
nos leones expostulantur, inde persecutiones .decemuntury 
inde temptationes emittuntur. Quid facies in illo suffragio- 
rum impiorum aestuario deprehensus? Non quasi aliquid 
^ illic pati possis ab hominibus (nemo te cognoscit Christianum)^ 
sed recogita quid de te fiat in coelo." — Wenn Overbeck 
nun (S. 48) durch die ganze Schilderung des 5. Capitels 
mehr den Eindruck eines Christenthums erhält, „das sich 
selbst bespiegelt, als eines solchen, das mit einem feindseligen 
Standpunkt ernstlich ringt und sich zum Theil verbirgt, um 
für ihn fasslich zu werden;" wenn er findet, dass „von diesem 
Sichverbergen, ohne welches auch sonst die altchristliche 
apologetische Literatur nicht zu begreifen ist," „in unserm 
Brief überhaupt wenig zu merken" ist; und insbeson- 
dere von der uns vorliegenden Stelle behauptet, dass sie 
„durch eine gewisse! ünverhüUtheit und auch durch ihre 
spielende Bhetorik wiederum eher wie eine christUche Ho- 
milie als wie eine Apologie" wirkt: so laufen aUe seine be- 
sonders auf den zuletzt besprochenen Theil des Briefes be- 



— 80 — 

züglichen Urtheile und Bedenken zuletzt, wie schon Lipsius 
(Literar. Centralbl. 1873, Nr, 40) bemerkte, „auf subjective 
Geschmaoksurtheile hinaus ,^^ die, wie ich nachgewies^i zu 
habea glaube, manchen durchaus klaren Thatsachen nicht 
gerecht werden, mit anderen in directen Widerspruch treten. 
Ich meinerseits erhalte mit Hilgenfeld (a. a. O. S. 280) hier 
yielmehr „den Eindruck eines nicht so weltscheuen Christen- 
thums, welches sich bei aller Feindschaft der Welt seiner 
inneren Erhabenheit über dieselbe vollkommen bewusst ist** 

Das Bild endlich, in welchem der Verfasser schliess- 
lich seine Vorstellung zusammenfasst, der im Beginn des 
6. Capitels angehobene Vergleich des Daseins der Christen 
in der Welt mit dem der Seele im Leibe, beweist f&r 
Overbeck am greifbarsten (S. 49), j^dass dem Ver&aser 
em ganz anderes Dasein der Christen in der Welt vor- 
schwebte, als das des zweiten Jahrhunderts.** Doch wir müssen 
den Verfasser völlig ausreden lassen, um für oder gegen die 
Angemessenheit seiner Darstellung uns zu entscheiden. 

I^5iAö3ff S' Blnsiv, — damit nehmen wir das oben ab- 
gebrochene Citat aus dem 6. Capitel wieder auf — ojtcß 
iazlv kv aaijAUTi \pvxVi xovr' üclv kv x6afi(p KgiavtcevoL 
2. äanuQTUi xcciA Ttdvtoav rcov xov aoifjLwtog fiekäv ri y^vx^i, 
xccl XgiaTiavol xarcc tag tov xotffjiov noleig. 3. olxsi fikv 
iv T^ aoificeri '^v^v* ovx Üati Si ix zov acifiarog' xal 
X^QiiJXiee^ol kv xoüfitp olxovai/Vy oix dal Sk ix rov xoiTfiov. 
4. düQccrog rj 'ifjvxv iv oQax0 apQOVQBixai x^ acifjtaxi' xal 
XgiöXiccvol yivoiaxovxtci» /ihf ovxsg iv x^ xoafAq), uogaxog 
Si ccvxcQV ri ^ioaißua fiivsi. 5. fjiiöii x^v xpvxv'^ ^ a^Q^ 
xal noknfAeZ fAfjdiv äSixovfjiivj], Sioxi xccig ^Sovaig x&ii,v$xai 
XQ^a&ai' fAiaü xal X.QiiJxianmg 6 xoafjLog fifidh ädtxoV" 
uevog, oxi xaig rjdovaZg dvxixacifovxai. 6. fj tpvxv ^^^ 
inaovaav dyan^ adgxa xal xä fiiia^* xal XQiffxiavol xovg 
/uiiaovvxag dyanwaiv. 7. iyxixXeiaxai pbiv ^ y^vxv ^^ 
(TWfAaxi, <fwix6i> Si avxr/ x6 (FiSfAa' xal XjQ^axiavol xaxixov^ 
tcc$ fxiv (og iv tpQovQ^ x^ x6afAq>, avxol Si awixovat xov 
xoafiov, 8. d&dvccxog ^ y^vxv ^^ ^v^^ axijvcSfAOxi xax" 
01X61' xal Xgiifxiavol nagotxovaiv iv q)&agxoig, xijv iv 
ovgavolg a^&agalav ngoad^xopLevoi. 9. xaxovQyovfiivi] aixioig 



— 90 — 

Kul noTotg ii ^pvxv ß^kriovrm* xal XgttniMvoi xoXa^OfUvot 
MU&* ijfÜQctv nXMva^ovtri fi&Kkow. 10. Elg toöuvtijv avtovg 
tcc^iv H&ivo 6 &e6g, rjv ov ^«jitiror ccirtoTq ncc^mrr^oaü&aL 
Das ist also jene mit Becht bertQimte^ Stelle Toa den 
Christen als der Seele der Welt, von derOverbeck^ — wie 
ym oben gesehen — bedauert, dass rae den Blick der Forscher 
für den befremdlichen Zusammenhang der ganzen damit in 
Verbindung stehenden Darstellung getrübt habe. „Allein wie 
konnte" — fragt Ov erb eck (S. 60) — „sich nur dieses Da- 
seiQ einem' Christen im zweiten Jahrhundert unter diesem 
Bilde darstellen, zu einer Zeit, da die „Welt" noch ein viel 
zu selbständiges Dasein neben dem Christenthum hatte, mn 
als sein Leib angeschaut zu werden?" „Welt und Christen- 
thum stehen sich im zweiten Jahrhundert noch viel zu fern, 
um auch nur den zweideutigen platonischen Bund von Lei\) 
und Seele eingegangen zu sein, welchen der Verfasser hier 
im Sinne hat. Im Grunde ist jede Eirchengeschichte des 
' zweiten Jahrhunderts die unwillkürliche Widerlegung seiner 
Worte." Gewiss, die treffliche Baur'sohe Kirchengeschichte 
leistet sofort diese Widerlegung. Wenn Baur (das Christen- 
thum der drei ersten Jahrh. S. 373 ff.) in den vorstehenden 
Worten des 6. Capitels den schönsten und energischsten Aus- 
druck des erhabensten, den alten Christen des zweiten Jahr- 
hunderts innewohnenden Weltbewusstseins gefunden und von 
ihnen den Ausspruch gethan hat: „Wer so sich als die Seele 
der Welt weiss^ dem müssen unstreitig zu seiner Zeit die 
Zügel der Weltherrschaft von selbst in die Hände fallen;^' 
wenn Lipsius (a. a. 0.) urtheilt, dass wir durch nichts be- 
rechtigt sind, die vom Ver&Äser geschilderte Situation der 
Christen mit ihrem Siegesbewusstsein und der weltüberwin- 
denden Kraft ihres Duldens, Leidens und Liebens „fbr fingirt 
zu erklären und ia dem Ganzen nichts als die rhetorische 
Stilübung einer weit späteren Zeit zu sehen;" so frage ich: 
Soll denn jeder grosse, in originelles Gewand gekleidete Ge- 
danke, den ein Apologet ausspricht, allein aus dem Grunde 
verdachtig sein, weil er nicht auch schon von Anderen, Zeit- 
genossen oder Mitstrebenden, so und so oft breitgetreten ist? 
Aber hier liegt ja doch die Sache gar nidit so. Gerade in 



— 91 — 

der Yerfolgnng des Kaisers M. AureUus 177 sprach Meliton 
einen, nach meinem Dafürhalten, ganz ähnlichen G^danhen 
aus. Hatte Justinns schon die römischen Kaiser darauf 
aofinerksam gemacht, dass des jüdischen Yolkes dnroh die 
Bömer herbeigeftüirter Untergang mit Ghri^ Gebnrt zn- 
samnien&lle, so stellte Meliton, offenbar in dem ihm durch 
die Umstände aufgezwungenen Zusammenhange, die „gott- 
losen^ Christen nämUch gegen die damals auftauchende Be- 
schuldigung, sie seien an der furchtbaren Noih des Seiches, 
der Pest und den Barbareneinfällen, schuld, in Schutz zu 
nehmen, den grossartigen Gedanken eines providentiellen Auf- 
wachsens des Christenthums mit dem römischen Kaiserthum 
auf. „Unsere Philosophie" — führt er (bei Euseb. Hist. eccl. 
IV, 26, 7) dem Philosophen auf dem römischen Kaiserthrone 
zu Gemüthe — „hat früher unter Barbaren (d. h. unter den 
Jaden) geblüht. Sodann verbreitete sich dieselbe unter deines 
Yorgängers Augustns gewaltiger Herrschaft auch unter deine 
Völker und wurde deioem Beiche vorzüglich zu einer glück- 
lichen Yorbedeutung. Denn seit dieser Zeit hat die Macht 
der Römer immer mehr an Grösse und Glanz gewonnen. 
Du nimmst nun zur allgemeinen Freude seinen Thron ein 
und wirst es noch femer mit deinem Sohne, wenn du deinen 
Schutz einer Philosophie zuwendest, welche mit dem Kaiser- 
reiche des Augustos herangewachsen ist und begonnen hat 
und welche von deinen Vorgängern neben den anderen B«li- 
gion^i in Ehren gehalten worden ist Und zum stärksten 
Beweise, dass unsere Beligion mit der so glücklich begonne- 
nen Monarchie zum Wohle derselben aufgeblüht ist, dient der 
Umstand, dass dieselbe seit der Regierung des Augustus von 
keinem Unglüdc betroffen worden ist, sondern dass im Ge- 
genthdüi überall nach den allgemeinen Wünschen Glanz und 
Ruhm sich verbreitet haben/^ Das sind doch gewiss prin- 
zipiell bedeutende Gedanken, die durch das Hervorheben der 
Stammverwandtschaft; des römischen Kaiserthums und des 
Christenthums sowie durch die innige Verknüpfung beider 
Mächte, so zwar, dass die ungestörte Entwickehmg des Chri- 
stenthums dem Reiche bisher Macht, Glanz und Blüthe ein- 
getragen und alles dies demselben auch ftb: die Zukunft ver- 



— 92 — 

bürgt, mit den Ausführungen unseres Verfassers wohl in 
Vergleich gestellt werden dürfen. Wenngleich wir daher 
auch die von Lipsius (a. a. 0.) zum Vergleich und zur Be> 
stätiguDg herangezogene Stelle des so viel späteren Clemens 
Alexandrinusy das 36. Capitel aus dessen Schrift „Tig 
d am^ofievo^ nXovaioQ;^^ völlig auf sich beruhen lassen und 
Overbeck unbedenklich zugestehen, .dass er mit seiner Cha- 
rakteristik der Stelle als einer mystischen Kede eiües Chri- 
sten zu Christen (S. 51), die „auf der gnostischen Idee eines 
in die Welt gerathenen geistigen Samens, dessen Ausschei- 
dung den Gegenstand der Weltgeschichte bildet," beruht, im 
Wesentlichen das Bichtige getroffen: so drängt sich doch hier 
die Frage auf, ob nicht gerade durch des Clemens Worte, 
in welchen er den kdyog die Auserwählten das Licht der 
Welt und das Salz der Erde nennen lässt, uns derjenige Ge- 
danke an die Hand gegeben wird, welcher unserem Verfasser 
bei seiner ganzen Ausführung am nächsten gelegen haben 
muss. Ist denn das von Overbeck so hart angefochtene 
herrliche sechste Capitel unseres Briefes etwas wesentlich 
Anderes, als eine geistvolle, auch stilistisch« meisteriiafbe Aus- 
führung dessen, was Jesus Matth. 5, 13 und 14 von den Jün- 
gern sagt: 'Yfieig krri tö äXag r^g yijq und vfiug i(nk to 
{pc^g Tov xoafiov? Ja, wir brauchen gar nicht einmal hierbei 
stehen zu bleiben. Wird die !Ekklärung des 6. Capitels nicht 
noch viel einfacher, wenn wir uns an das andere Wort Jesu 
(Mattiu 13, 33) erinnern, in welchem er das Himmelreich, das 
er den Menschen auf Erden bringt, einem Sauerteige ver- 
gleicht, „welchen ein Weib nahm und vermengete ihn unter 
drei Scheffel Mehls, bis dass es ganz durchsäuert ward^^? 
Schreibt der Meister also, in seiner mehr auf die Fassungskraft 
schlichter, einfacher Menschen berechneten Ausdrucksweise 
seiner Lehre, dem Christenthum, sauerteigartige, d. h. Alles, die 
gesammte Menschenwelt mit allen ihren Verhälinissen und Ein- 
richtungen unsichtbar, allmählich, abermit sicheremErfolge und 
unaufhaltsam durchdringende und zusammenhaltende Kraft zu: 
warum soll nicht ein Jünger des zweiten Jahrhunderts, seiner 
hellenischen Individualität gemäss, den gleichen G-edanken ii^ 
mehr philosophischer Form einem philosophisch gebildeten 



— »8 — 

Heiden gegenüber so, wie wir es in^ 6. Capitel lesen, an- 
schaulich zu machen versucht haben? ,,Das dürfte man doch/^ 
wie Hilgenfeld (a. a. O. S. 281) geltend macht, ,,niir dann 
behaupten, wenn es im zweiten Jahrhundert überhaupt nur 
ein ganz weltscheuee und engherziges Christenihum gegeben 
hätte.'' Aber schon im Yorherg^enden sind ja diejenigen 
Stellen aus unserem Briefe hervorgehoben und behandelt wor- 
den, welche, bei aller gerade in unseren letzt^i Ausftihrungen 
betonten beziehungsweisen Befreundung des Ohristenthums mit 
der Welt, dem Charakter der den Christen feindseligen vor- 
ccmstantinischen Zeit völlig gemäss, diese EeindseUgkeit der 
heidmschen Welt gegen das Christenthum zum Ausdruck brin- 
gen. Wie in aller Welt will man denn diese Stellen, in wel- 
chen die fröhliche Hoffiiung der Christen des 2. Jahrhunderts 
axif den endlichen Sieg ihrer guten Sache, neben der fort- 
wahrend über sie verhängten Verfolgung durch Alle, so ener- 
gisch sich ausspricht, im 4. oder 5. Jahrhundert, auf welches 
uns ja Overbeck (S. 74) verweist, unterbringen oder er- 
klären? Overbeck antwortet (S. 64): „Als die Christen in 
weltlidien Dingen einfach das Erbe der Heiden angetreten 
hatten, und das Christenthum sich in die gegebenen Ver- 
hältnisse des irdischen Daseins so tief hatte verflechten lassen, 
dass es z. B. die dviUsatorischen Aufgaben und Erfolge des 
römischen Beichs ohne Weiteres zu den seinen machte, er- 
gab sich ganz natürlich für den, der die Grundgesetze heid- 
nischer und christlicher Lebensweise äusserhch vergUch, die 
ünunterscheidbarkeit, welche unser Ver&sser behauptet, und 
auch gerade die abstracto Ueberweltlichkeit, welche er allein 
dem Christenthum zu geben weiss." Aber wie? Würde es 
ein Angehöriger der nunmehr obsiegenden, von den Kaisem 
geehrten und bevorzugten Partei sich versagt haben, die grol- 
lend aus der herrschenden Stellung zurücktretenden Heiden 
gerade in ihrem jetzt um so bewusster sich äussernden G^- 
iensate zur chJüchen Sitte und Lebeusweise zu schüderu? 
Konnte ein christlicher Schriftsteller jenes an gewaltigen 
politischen Stürmen und Unruhen so reichen Zeitalters die 
aus diesen Umständen und dem Gegensatz gegen den Luxus 
und die Uebercultur einer untergehenden Bildung besonders 



5r4 — — 

edKladicfae, 6o charaktenstiaehe BradheiiMmg des Monchtlinme^ 
das doch mit seiner Askese olme HeHchelei und Uebertirei- 
bimg bmptsächlich für die griechisclieii Theologen eine natnr- 
gemäisse Eona der Ethik war, TÖlUg mit Stillsckweigen über- 
gehen? Hätten nichts währaetd uns doch der Yer&sser in den 
in fiede stehenden Capitehi und besonders in dem schönen 
SchkuBscapitel (10) des Briefes einen tiefen, hera^rfreuenden 
Blick in das innerste Heiligthum des Christentfaums mit seinem 
aufrichtigen Streben, durch demüthige Nachfolge Jesu Christi 
Qott ähnlich zu ^werden, thun lässt, die das Sinnen und For- 
scluen, das Dichten und Trachten aller christlichen Schriflr 
steiler jener Zeiten in erster Linie beherrschenden specifisch 
theologischen Streitigkeiten, d.L dieiVagen nach der Wesens- 
gleichheit des Sohnes und des Vaters und nach der Gottheit 
des heiligen Geistes, auch in unseren Brief ihre Schattea 
werfen müssen? und doch findet sich Ton alledem keine Spur. 
Die behauptete „abstracte üeberweltUchkeit^^ . aber ist ^cht 
etwas, was unser Yerfisusser „allein dem Ghristenthum zu geben 
weiss," sondern, wie Hilgenfeld (a. a. O. S. 282) hervor- 
gehoben, etwas, das „immer noch besser zu dem Vorgänge 
des Hebräerbriefs (8, 5; 9, IL 23) und zu der 2ieit des Jo- 
hannes -Eyangeiiums (18, 36), au der Zeit der gnostischen 
Speculation eines überweltlicha:! G-eisterreichs, als zu den 
hitzigen trinitarischen Streitigkeiten des 4. Jahrhunderts^^ 
stimmt* 

Die' genauere Betrachtung einiger Einzelhdten dürfte 
das auch von dieser Seite gewonnene Resultat noch weiter 
zu stützen geeignet sein. „Was der Verfasser vom Einge» 
sohfossensein der Seele in den Leib lehrt, führt vielm^/* 
nach Overbeck's Ansicht (S. 52), „wenn der Qnosticismus 
— auf den ich S. 122 ff. noch zu sprechen komme — 
wieder aus dem Spiele bleiben soll, auf eine Zeit, in welcher 
sich die christlichen Lehren mit neuplatonischen zu verqui- 
cken begannen, und ganz dasselbe gilt auch von den Vor- 
stellungen über Askese, welche die Worte durchblicken lassen, 
die Seele werde durch Entzidiung von Speise und Trank besser, 
und welche auf dem theoretischen G-egensatz von Geist und 
Materie beruhen, den specifischen Charakter der altdirist- 



.j 



' — »5 — 

ItcbeB Askeae aber^ deren GnukcUsge die wUgß&se Erwar*- 
toBg der WiÄäffgkeibx Ckmü ist^ gax^ aji^astreift zu iutben 
scheinen,^ 

Behaadeln w im Letetere agierst) so kaon ich zimächst 
schon m dan Worten des 6* Oapitels^ welche gemeint sind 
§. 9 : xux^vfyfHffnkffi atjioi^ Mcel notoig ^ y^vxv ßüirtovtcer 

— die Beaiehmitg «of eine besondere Askese im Christen^ 
thom nicht finden^ sodann aber auch die dort ganz allgemein 
ausgesprodi^Bäe Behauptung , dass die Grundlage der alt- 
christlichen Askese die religiöse Erwartung der Wieder^ 
kehr Gboristi sei, nicht zugeben. Denn die Askese, d. h. die 
Enthaitang von Speise und Trank und sonstigen Genüssen, 
ist, wie bei Johannes dem Täufer, entweder Ausdruck des 
ganz der religiösen Idee zugewai^ten Lebens oder sie hat 
den Zweck, die religiöse Stimmung und Empfänglichkeit zu 
steigern, wie letzteres besonders aus Act 10, 30; 13, 3 und 
1. Cor. 7, 5; 2. Cor. 6, 5 hervorgeht; während Jesus selbst 
(Marc. 2, 18 — 22) in den Gleichnissreden von den Hochzeits- 
leuten, den alten und neuen Schläuchen sowie von dem alten 
und dem jungen, ^Lhrenden Most das Christenthum als die 
Religion der freudigen Erhebung des Geistes und der ethi- 
schen Gerechtigkeit darstellt und die Unvereinbarkeit des von 
den Pharisäern und Johannesjüngem beobachteten religiös- 
asketischen Fastens, jener weltflüchtigen Askese, wie sie später 
erst wieder dem Mönchthum eignete, mit dem Christentham 
den ihn Befragenden zum Bewusstsein bringt. Wo Paulus 
die Wiederkehr Jesu als sittlich-religiöses Motiv verwendet, 
geschieht dies durchaus nicht in Bezug auf irgendwelche welt- 
flüchtige Askese, sondern im Hinblick auf den sittlichen 
Wandel der Christen. Das zeigt deutlich die berühmte Stelle 
des Römerbriefes 13, 11 — 14, sowie Phil. 4, 5. Denn wenn in 
letzterer Stelle PaiQus den Philippem zuruft: T6 knuixig 
vfAwv yvwG^xen n&e^v dv&Qoino^g, 6 xvQiog iyyvg -^ so 
liegt dem Apostel in dem Hinweis auf die Nähe der Parusie 
Jesu Christi und damit auf die Nähe der Ueberwindung und 
'Beseligung (3, 20) ein kräftiges Motiv für die Gläubigen, die 
Ermutiiigung zur christlichen inulxeicc. In derselben Weise 



— &6 — 

verwendet Apollos im Briefe an die Hebräer die erwartete 
Parusie des Herrn, wenn er 10, 24. 25 schreibt: xccl xara- 
vocjfiev äU.^XQvg slg TtccQo^vafiöv äyÜTtrjg xccl xaXcjv ägyoiv, 
fAfj fyxarccXsinovTsg xtjv kmawayrny^v iavrwv, xa&cifg H&oq 
Tiisiv, äXkSt nccQUXdcXovvTtg xccl roaovtm fjiäXXov 6<Kq) ßXh- 
"KttB kyyi^ovmxv t^v i^fiigccv. Auch wo in unserem Briefe der 
Verfasser der Wiederkehr Jesu Erwähnung thut (Cap. 7, 6, 
wo von der Sendung des Sohnes zum Gericht die Rede ist: 
Ttefitpei yäg avrdv xQivovtay xctl rig airov rt/v nagovciav 
vTtoarfjaerccr^), kann nur die miangelhafte sittUche Beschaffen- 
heit der Christen als das den Verfasser zu jener von Be- 
sorgniss zeugenden Frage Veranlassende gemeint sein. 

Beiläufig möge auch an dieser Stelle (vgl. S. 43) bemerkt 
werden, dass Ov e r b e c k (S. 6 — 9) mit glänzendem Scharfsinn die 
Verschiedenheit der Bedeutung des in der eben citirten Stelle 
erwähnten Wortes nccQovffla von der des folgenden, durch 
eine ziemlich bedeutende Lücke von dem ersteren getreimteii 
(9. xavta rrjg naQovcreag (Gegenwart) ccirov Sstyiiara), nach- 
gewiesen hat. Eine andere Lücke — ich trage das hier gleich- 
falls nach — ist die am Schlüsse von Oap. 10, „bei welcher 
aber auch die Hau!ptfrage als durch die bisherigen Verhand- 
lungen erledigt gelten kann." Betreffs der dann in unseren 
Ausgaben deö Briefes gewöhnlich folgenden Oapitel 11 und 12 
ist man gegenwärtig darüber einverstanden, dass dieser An- 
hang ursprünglich nicht zu unserem Brief gehört haben kann, 
und sein Ldialt ist theils so verworren, theils so gleichgültig, 
dass ich — ich schliesse mich in diesem Punkte völlig an 
Overbeck's TJrtheil (S. 9) an — das Literesse der weiteren 
Verhandlungen darüber, ob dieses Anhängsel eine Beziehung 
auf den Brief habe oder nur zufällig dabei stehe und einem 
ganz anderen Zusammenhange angehöre, auch abgesehen von 
der Möglichkeit des Erfolges, nicht einsehe. — Doch zurück 
zu den Motiven für die urchristliche Sittlichkeit. 

Dass die Beziehung auf die sittliche Beschaffenheit der 
Christen in der oben aus dem 6. Capitel angeflihrten Stelle 
nur eine schwache, recht allgemeine ist, wird man gewiss 
zugeben; der Hinweis auf die nccgovaicc Christi aber 
verschwindet im 2. Jahrhundert mehr und mehr, 



— 97 — 

wie denn bereits die jüngste der neutestamentliohen Schriften, 
der in der späteren gnostischen Zeit, frühestens um die 
Mitte des 2. Jahrhunderts verfasste 2. Petrusbrief die Wie- 
derkunft Christi in eine ganz unbestimmte Zukunft versetzt. 
Ich finde in der Zeit der Verfolgung des Jahres 177 als 
Motiv für das sittliche, stille und so Hebereiche Leben der 
Christen, wie es auch unser Brief schildert, den Gedanken 
der Verantwortlichkeit vor Gott, dem höchsten Rich- 
ter, angegeben. So lesen wir bei Athenagoras Cap. 11: 
kei nmaiafMd'a ifpi^uv ncevrog rov kvxav&a ßiov koym^ 
T^ nmoi^fjHorci, xul fjfi&g xal xbv xöcfnov, &iqi^ rinf fikxQiov 
xai (pihiv&Qionov xcel B'AnuxxafpQovf^Qv ßiov algovfjie&a — 
und Cap. 80: inl rot^roeg ovx üxdg ^ftäg i&sloxaxBiv, oif8* 
(tiinoijg rqS fAsyäkq} nuQuSidovuh xokcca&fjtrofiivovg Saeatnfj. 
In den Worten 6, 7: fyxixXsiarcci pihf rj ^pvxv t<? ö'öJ- 
/ian, awhxBtf 8i aircrj xo aäfjLce und in den folgenden, we- 
sentlich denselben Gedanken wiedergebenden 6,8: dd-üwxxog 
V fvxv iv ^tjr^ iSXfivcipLccti xatotXBV xal XQKniccvoi 
^Qoixovaiv hf (p&aQTolg, xijv hv avgccvöig ätp&agaiccv 
^oaS^oyLBvoi — mit Overbeck eine Verquiokung 
christlicher und neuplatonischer Gedanken zu sehen, 
ist man, nach meiner Ueberzeugung, in keiner Weise berech- 
tigt. Ja es ist mir sogar zweifelhaft, ob wir nöthig haben 
auf Piaton und die Platoniker, denen die Bezeichnung des 
menschlichen Körpers als eines \5x7jvog oder einer axtjfVfjj 
der Behausung der Seele, geläufig war, zurückzugehen, ob- 
wohl gerade auch Celsus (bei Orig. c. Cels. Vm, 53. 55; 
V, 14), in Anlehnung an Platonische Philosopheme, die Seelen 
IQ den schmutzigen Leib, in's Fleisch eingeschlossen sein 
lässt, um Strafen der Sünden zu zahlen oder in geordneten 
Perioden von den Leidenschaften ausgereinigt und endUch 
aus diesem Gefängniss befreit und ewigen Lebens theilhafüg 
zu werden. Berührung mit Alexandrinischer Weisheit^ 
^ie ja doch auf die Fassung und Gestaltung mancher christ- 
lichen Lehren nachweishch grossen Einfiuss geübt hat, scheint 
öur hier näher zu liegen. Wenn es in der Sapientia 
8al6monis9, 15 heisst: tp&agxov yäg a&fiu ßugvvu yjvxv'^, 
y.ccl ßgid'ii xQ yeäSeg axijvog vovv noXvtpgovTiSu , und 

7 



— 98 — 

wenn Philon^) den menschlichen Körper rd v^g t^iyg 
Ayystov ikenlit: so haben wir damit bereits die Yorbe- 
dingtmgai des neutestamentlichen Sprachgebrauchs. Und 
wenn endlich Paulus an die Eorinther I, 6, 19 schreibt: 
^ oüe oXSutB, bv$ rb awfxa vfimf vao^ xov iv vfiiv äytov 
nvBvfAccta^ äetiPj oder I, 15, 53: dei ydg rd fp&agtdv tovro 
ivSÜcaödtct dcq>&€iQ&icep xul t6 &ifrjftdv rovxo kvSvauir&ai 
u&uvuaiuv und n, 5, Iff.: oiSa^ev yäg &ti, käv ij knlyttoq 
^fiöjv olxla rov ax^povg (d. i. to kniyBiov ax^pog, kv S 
okxovfiev) xoTHtXv&p, oheoSofi^v hc iS-bov ä^optsv, olxiav 
äx^igonoirjtov cctdviov iv rotq ovQavoZg. tuaI ytcQ hf rot^g) 
GTBwil^opiw i to ohxijTiJQifnf ijficop t6 ^| ovQcePov kTtspd^cao- 
&€U katmo&ovvTBs, tX mg xul hfSvaäfievoi ov yvfivol Bvgi- 
'd'f^iSOfuSa* xal ydg oi ovrsg iv r0 tfxtjvei (wofür der Yer- 
fasser des eben erwähnten zweiten Petrusbriefes , genau ^e 
der Verfasser unseres Briefes, setzt 1, 13: l(p oaov elfu kv 
rovT(p T(p axffvcijuian) trrBvä^ofABv ßccgwofiepoty t<p' ^ ov 
&iXofA€V bcSveuG&Uk ccXX änepdvaccaö-ai, ha xatano&fi 
TÖ &vrtr6v V7t6 r^g ^(orig\ so kann es, bei genauer Betrach- 
tung dieser Stellen und Vergleichung derselben mit den oben 
citirten, von Overbeck aus der Verquickung christliclier 
und neuplatonischer Gredanken erklarten Worten unseres 
Briefes, nach meiaem Dafiirhalten, keinem Zweifel unter- 
liegen, dass letztere nach Inhalt und Form direct von jenen 
abhängig sind. Dasselbe gilt beiläufig auch von dem Ge- 
brauche des Wortes aag^ in der Bedeutung „Leib" 
für die beiden dicht bei einander stehenden Stellen 6,5: 
pLiau r^ ^pvxvv rj acsg^ xal nolaii$i und 6, 6: ^ xpvxv ^^^ 
fiiaovaav dyai^c aägxa xal ta fiiXfi* Jeder wird da zunächt 
an die Worte des von unserm Verfasser so genau gekannten 
Apostels Paulus (Gal. 5, 17) denken: ?) yäg adg^ im&vf^ii 
xccrd rov nve^fiaTog, rö Si nvevfAa xaxä xov aagxig' rai^rtf 
yäg dXktjXoig dvrixeiTai, Iva fiiiy a av ^ihjTa, ravra noi^'^^' 
Ein Bückgang auf den zuerst bei Stoikern und Epikureern, 
dann auch bei Piatonikern, wie Plutarchos, Maximus und 



1) Vgl. Loesneri observationes ad N. T. e Philone Alexandrino 
Lipeiae 1777, p. 379. 



Celstts (bei Ori«. c. Cds. 111,48; V, 14; VI, 34; Vn, 86.42) 
nachweislichen Gebrauch des Wortes tmg^ (caro) fär „Leib" 
scheint mir wiederum nicht nothwendig, obwohl gerade 
Seneca die Gredanken, weiche dort Faulus und der Ver- 
fasser unseres Briefes ausdrücken, in smer „Gonsolatio ad 
Marciam" g. 24 in röllig analoger, durchaus an Pauliniscfae 
Weise gemahnender Ausführung behandelt: „Haec quae 
vides ossa circumvcduta nervis et obductam cutem vultumque 
et ministras manus et cetera quibus inyoluti sumus, vincula 
animorutn tenebraeque sunt« Obruitur his animus, offiiscatur, 
inficitur, arcetur a veris et suis, in falsa coniectus: omne illi 
cum carne grave certamen est, ne abstrahatur et sidat: 
nititur illo, unde dimissus est: ibi illum aetema reqtdes 
manet, e confiisis crassisque pura et liquida visentem." Granz 
ahnlich ist die Stelle Epist. 65: „Maior sum et ad maiora 
geiälus, quam ut mancipium sim mei corporis: quod equi- 
dem non ahter adspicio, quam vinculum ahquod Ubertati 

meae circumdatum in hoc obnoxio domiciHo animus 

über habitat, nunquam me caro ista colnpellet ad metum, 
nunquam ad indignam bono simulationem, nunquam in hono- 
rem huius corpusculi mentiar."^) 

e. Die Benutzung der heiligen Sbhriften der Christen von 

Seiten der Apologeten. 

Aus der Beobachtung der Redeweise unseres Briefes 
endlich entnimmt Ov erb eck (S. 63) noch folgendes Beden- 
ken: „Er enthält kein einziges ausdrucldiches Schriftcitat, 
ist aber, abgesehen von den uns schon bekannteil wenigen 
Anklängen an das Alte Testament, besonders in seinem 
letzten, der Darstellung der höchsten Fragen des Christen- 
thumS gewidmeten Abschnitte (c. 8 ff.) von stillschweigenden 
Anspielungen auf das Neue Testament — namentlich die 
paulinSschen und johanneischen Schriften — durchwoben. 
Das ist nun wieder christlicher Homilienstil; eine solche 
Darstellung ist aber in der altchristlichen Apologetik nicht 



1) L. Amiaei Senecae opera omnia. Lipsiae apüd Thomam: Pi*itsch 
1702. Vol. I. p. 18S; Vol. IL p. 193. 



7* 



— 100 — 

blos ganz gegen die Eegel, sondern wäre daim auch ganz 
widersinnig, wenn doch einem Heiden gegenüber Anspielun- 
gen dieser Art rein yerloren waren/' Ich finde hier wieder- 
um, dass sich Overbeck mit ganz bestimmten Thatsachen 
in Widerspruch setzt. Denn einerseits ist ein solches Ver- 
fahren, stillschweigende Anspielungen auf alttestamentliche) 
besonders aber neutestamentliche Schriften in die Darstellung 
zu verweben, nicht gegen die Begel der altchristlichen Apo- 
logetik, andererseits kann dasselbe durchaus nicht als wider- 
sinnig bezeichnet werden, wenn anders der Schriftsteller es 
versteht, die betreffenden Schrifbstellen sich geistig anzueig- 
nen und sie nach seinem eigenen sprachlichen Yermögen in- 
dividuell gestaltet wiederzugeben und es vermeidet durcli 
wörtliche Citate sich auf eine Autorität zu berufen, die för 
den heidnischen Leser, an dessen Einsicht er sich wendet, 
überhaupt nicht vorhanden ist.^) Das letztere Yerfahren 
erscheint mindestens als von recht zweifelhaftem Werthe, 
von ersterem dagegen ist es, soweit ich die apologetische 
Darstellungsweise beobachtet habe, durchaus nicht richtig, 
dass „einem Heiden gegenüber Anspielungen dieser Art rein 
verloren waren.'^ Es kommt also darauf an, die Frage 
zu beantworten, inwieweit altchristliche Apologe- 
ten neutestamentliche (resp. auch alttestament- 
liche) Stellen zu benutzen für zweckdienlich gehal- 
ten haben. Von dem Umfang solcher Benutzimg oder 
Bezugnahme wird unser Urtheil über den Werth und die 
Bedeutung einer Apologie abhängen, so zwar, dass wir den- 
jenigen Apologeten für den weiter wirkenden und einfluss- 
reicheren halten müssen, der an jene Schrift-Autorität, die 
eben für Heiden keine Autorität ist, möglichst wenig zn 
appeUiren vorzieht, oder doch seine Citate sammt der Form 
ihrer Einführung so wählt, dass denselben durch ihre eigene 
Bedeutung das nöthige Ansehen und die wünschenswertbe 
üeberzeugungskraft innewohnt, auch für Heiden. Schon im 
Voraus muss bemerkt werden, dass auch hier wiederum von 



1) Vgl. B. Dom hart in seiner zuvor schon citirten Uebensetzuiig 
des „Octavius" von M. Minucius Felix, Einltg. S. 7. 



— 101 — 

einer allgemeine«! Regel, wie sie Overbeck (in dem 
obigen Citat t. S. öS seiner Schrift) behauptet, nicht die 
Rede sein kann. 

„Justin," sagt Overbeck, „der für seinen Gebrauch 
noch keinen neutestamentliehen Kanon kennt und nur die 
synoptischen Evangelien, aber diese ausdrücklich, in seiner 
ersten Apologie citirt, von welchem wir auch nur apologe- 
tische Schriften haben, kann uns hier keinen Anhalt zur 
BeobachtUDg der Verschiedenheit der Stilarten bieten." Aber 
warum denn nicht? Um die „Beobachtung der Verschieden- 
heit der Stilarten" in apologetischen Schriften, je nachdem 
sie an Heiden oder zugleich an Christen gerichtet sind, han- 
delt es sich doch hier offenbar nicht, sondern ausschliesslich 
imi solche Schriften, die sich, wie der Brief an Diognetos, 
an heidnische Leser wenden, und da ist unzweifelhaft Justi- 
nus ein gewichtiger Zeuge, der beachtet werden muss. 
Wiarum erw&hnt denn aber Overbeck von ihm nichts 
weiter, als dass er „nur die synoptischen Evangelien, aber 
diese ausdrücklich citirt"? Und doch citirt Justinus die 
alttestamentlichen Schriften fast regelmässig im Einzelnen 
ausdrücklich mit ihrem Buch- und Verfassemamen, citirt von 
neutestamentliehen Büchern einmal die Apokalypse, und zwar 
ausdrücklich als ein Werk des Apostels Johannes, häufiger 
dagegen^ wenngleich* ohne Einzett)enennung, die omofAv^fio- 
vevfiara rcäv änoarohüv aitov d. h. Xgiinov^ unter welchen 
jetzt allgemein nicht blos die synoptischen Evangelien, son- 
dern noch ein unkanonisches viertes Evangelium begriffen 
werden. Ja gerade Justinus ist ein vorzüglich lehrreiches 
Beispiel fükr jene stillschweigende Benutzung neutestament- 
licher Schriften, die Overbeck als völlig gegen die Regel 
der altchristlichen Apologetik verstossend und als Heiden 
gegenüber durchaus wirkungslos bezeichnet. Von der Apo- 
stelgeschichte, dem Hebräerbriefe und vielleicht noch der 
einen oder andern katholischen Epistel abgesehen, sind es 
besonders, wie A. Thoma an zahlreichen Beispielen^) scharf- 



1) Hilgenfeld's Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie XVIII. 
1875. S. 388 ff., 490 ff. 



— 102 — 

«innig naiöbgei^esen, fast aämmtliehe pauliui^che Briefe imd 
djSMs Johannesevangelinm, die van ihm zwar niemals genannt^ 
aber recht oft berührt und benutzt werden. Von Paulus 
insbesondere zeigt A. Thoma überwugend, dass Justinus 
ihn sehr genau kennt und dass er ihn eingehend benutzt 
hat, so zwar, dass (a. a. O. S. 409) er „nichts weniger als den 
Sinn und Geist des Paulus erfasst und refleotirt^ d^se er 
vielmehr die paulinischen Schlagwörter abschwMit, die 
Pointen der Argumente abstumpft; dass er die pauliniache 
Denkweise rationalisirt und pelagiaaisirt, die Sätze der 
Paulus-Schriften oft ganz äusaerlich und wunderlich verschro- 
ben und verdreht wiedergiebt." tJnd zu einem völlig analogen 
Eesultat kommt A. Thoma betreffs der Benutzung des 
Johannesevangeliums seitens des Justinus. Derselbe hat 
kein Citat aus Johannes, nicht einmal eine Einweisimg an! 
ihn. Und dennoch kennt, verwendet und verarbeitet er ilm 
in der Art, dass er, zwar nichts GeschichtUehes, wohl aber 
die vom Evangelisten Jesu in den Mund gelegten und in 
weiterer Ausführung entwickelten Lehren als christliohe Dog- 
matik, beziehungsweise eigene Speculation vorträgt, indem 
er als ein moralisirender Eklektiker (a. a. O. S. 557) die 
Sprüche und Schlagwörter des Evangelisten durch andere 
Ausdrücke ersetzt, die Formen mit anderem Inhalt erfüllt oder 
„die einzelnen Bausteine %U8 dem G^fiige herausnimmt und 
in andern Zusammenhang vermauert^^. 

Weit beschränkteren Gebrauch als Justinus macht von 
den heiligen Schriften dessen Schüler Tatianus ia seinem 
A6yoq ftQÖQ "Ekkr^vag. Sein Entwickelungsgang hat auch in- 
sofern mit dem seines Lehrers einige Aehnlichkeit, als ihm 
wie jenem, zur Zeit des ^össten inneren Zwiespalts, von 
Schriften der Christen, die er (Cap. 29) selbst Schriften der 
Barbaren nennt, wahrscheinlich zunächst das Alte Testament 
in die Hände fiel. Aus demselben citirt er im 5. Capitel 
nait Bezug auf diejenigen, welche den Tod für den Glauben 
litten, den ohne jede nähere Bezeichnung gelassenen Aus- 
sprach: „Sie sind ein wenig unter die Engel erniedrigt" — 
Psalm 8, 5. Von neutestamentlichen Aussprüchen streift er, 
im Ausdrack nur leise anklingend, Rom. 1, 20 (Cap. 4) und 



— 103 — 

Job, 1, 1 (Cap. 5). Seine wörtlichen Anfbhnmgen dagegen 
sind zumeist nicht mit der Bemfang aof irgend eine Autori- 
tät verbunden und erscheinen überall so geschickt eingeftigt, 
dass auch Hellenen diese Sätze aaerkenneii konnten. Das 
ist z. B. im 18. Cäpitel der FalL v,Die Seele an sich^^ — 
fuhrt dort Tatianus aus — „ist Finstemiss und ohne alles 
Licht, und in Beziehung hierauf ist gesagt worden: ,^e 
Finstemiss fasset nicht das Licht'^^^ — wae Joh. 1> 5 sich 
findet. Ganz ebenso schliesst Tatianus an eine Aufforderung 
(Cap. 20] an die Hellenen, den Dämonen zu entsagen und 
dem allein wahren Gotte zu folgen, unmittelbar, ohne nähere 
Bezeichnung, das Wort Joh. 1, 3 an: „Alles ist durdi ihn 
gemacht, und ohne ihn ist nichts gemacht Anspielend auf 
das Gleichniss Jesu Tom Himmelreidl als dem verboigen^i 
Schatz im Acier Matth. 18, 44, sagt Tatianus Gap. 30: 
„Fttr einen gewissen verborgenen Schatz müssen wir Gott 
alle unsere Güter geben; wenn wir nach ihm graben, werden 
wir zwar mit Staub bedeckt, erhalten aber dadurch Yeran* 
lassung, auszuharren; denn wer den ganzen Schatz empfängt, 
bekommt den kostbarsten Beichthum in seine GlBwalt^': er 
fügt aber an dieser Stelle sofort ausdrücklich hinzuc „Dies 
ist indess nur für die XJnserigen gesagt^ Nur einmal oitirt 
Tatianus ein Wort Jesu als „Gk)ttes Ausspruoh'^ „Schön 
wäre es", — ruft er im 32. Oap. den Hellenen zu — „wenn 
eure Beharrlichkeit im Unglauben sich zum Ziele legte; wo 
nichts so bleibt Gottes Ausspruch über euch wahr: „Lachet 
ihr nur, denn ihr werdet auch weinen"^^: womit Jmc. 6, 25 
gemeint ist: Oiai ai yskcivTag v9if, ovi nsv&tjinvB kcu 

In anderer Weise wiederum b^iutzt Athenagoras die 
heiligen Schriften. Wie und zu welchem Zwecke er alt- 
testamemtliche Stellen verwendet, ist oben bereits im 4. Ab- 
schnitt ausgef&hrt worden. Wenn er im 4. Capitel Mgt: 
tl&^ ol fih TOP ßiov TWTOV vofMl^optag, ipciye:>fiev Tcod nloih 

vnpav xßA Xii-drjfif zi&^iußfoi . . .' ni&cBvmrai •d-aocnßelif^ — 
so werden wir darin nicht ein. wortUches, nur mit dem 
Namen des Autors nicht näher bezeichnetes Citat aus Jesaias 



104 



22, 13 sehen dürfen, sondern Worte des Apostels Paalns 
aus dem ersten Eonntherbriefe 15, 32, weil Athenagoras 
gerade das 15. Capitel dieses Briefes in seiner Schnfb IIbqI 
ävccarätysoag v&e^civ ganz besonders eingehend — im 18. 
Capitel beruft er sich ausdrücklich auf den Apostel als Ur- 
heber desselben — behandelt und ebendaselbst Cap. 19 den- 
selben Satz citirt. Im üebhgen erscheinen in seiner Apo- 
logie nur gewisse Herrenworte, und zwax in folgender Weise: 



1. Athenag. c. 1. 

xovToav yccQ xutaqiQovov- 
fievy xav TOiQ TtoXköig anov- 
Saiä ys ovrcc' ov fiovwf xö 
ävrmcckiv, ovSi fiijv Sixä^sa" 
'd'ai xoiq äyavai xcel ccgnä- 
t^ovGiv TjfA&q fi6fia&i]x6reQy 
dlla roig fiiv^ xav xccva 
xoQQTig 7tQ0önrjkaxl^(ü<Ti^ 
x€ci t6 %T6gov naieiv nag- 
iX^^''^ ^^S xBtpak^g jwä- 
gog, Toig äi sl rov x^' 
rd5vc6 a(paiQOivxo, int" 
SiSovai xal xb Ifiaxiov. 

2, Athenag. c. 11, 

xivsg ovv i]fAc5v ol Xoyoi^ olg 
kvxge^öfie&cc*, keyw vfilv' 
ayanäxB xoiig kx&QOvg 
vfAcov, evXoyetxB xovg 
xaxaQOüfjikvovgj ngoaev" 
XB<T&€ vnig xcqv diooxov^ 
xcny ifiäg, onmg yivtja&e 
vlol xov Ttccxgdg ifjiäv 
xov äv ovgccvoig^ &e x6v 
ijXtov aixov dvuxikXei 
inl TioiffjQoifg xal äycc^ 
&oi^g xal ßgix^i ^nl Si* 
xaiövg xal äSixovg. 



Matth. 5, 39. 40. 

kytu äi kiyw ifiiVy fit/ olvxi' 
axfjvaix^ Tidvi^Q^* älX otnig 
06 puTti^ei Big xfjv Se^tdv cm- 
yova cov, atghfjov avxw xal 
XTjv aXXriv. xal x^ &iXovxi 
(TOI xQi&fjffai xal xov x^'^^^ 
aov kaßBiVj atp^g ofüx^ xal 
xö IfjLanov. 



Matth. 5, 44. 45. 

iycu Si ksyco ifilv, dycmare 
xovg hX'd'Qoiig ificäif [svXoyeixE 
xoifgxaxag(Ofiivovg vfAÜg^ xa^ 
Xag noutxB xoig fjnüovaiv 
{xoifg ixusoivxag g) ipLccg G^g] 
xal oigoaBvxBa&e vnig x&y 
Sifüxovxnov irfiäg, Mcog yi- 
vr]ff&B viol xov ^o;r(»d$ ifiwv 
xovhv ovgavotg, oxi xdv^liov 
avxov dvaxeXkBi inl nomj' 
Qovg xal aya&ovg xal ßg^Bi 
knl äixaiovg xcA ädixovg. 



105 — 



3. Athenag. c. 11. 

Ol) yäg Xoyovg diccfivrjiAO' 
vevovaiVj, akkd nga^eig uya- 
^äg iniSeixvvovaiv , naio- 

fiBVOl fllj dvTlTVTtTBlV, 

iea&ai, rolg alrovaiv St- 
Hvai, xal rovg nXtialov 
iyccnav (äg icevrovg. 

4. Athenag. c. 11. • 

mXv Si xul xQÜTTOva tj 
i\nüv loyq) t6v hcdtj^pi^ov 
ßm üdoTBSj idv Tca&uQol 
onsg an6 ncevrog nccgamfi^- 
^(äfi^ dSix^fiOTog, fiixQi' to- 
(fovTov 3i tpiXccv&QmnoTUToi, 
Wö"T« fAij (Aopov <nkQyuv roijg 
(filovg — idv yäg äya- 
^arc, g>72al, zoitg äyu^ 
^^VTccg, xal Savil^rixB 
"^olg Sccval^ovatv ifiZv, 

movToi Si ^fieig ovteg, xal 

Ton TOiWTOV ßlQVVttg ßlWfy 

^va XQgß-^vmi Suufwymfitv^ 
^niarovfia&a ^eotfißetv; 

5. Athenag. c. 28. 

'H^eig Si xocovrov adui' 
(poQoi. ävai ccnixofiev, (bg 
mSi ISeiv ^fiiv 7iQ6g ini&v- 
l^iccv i^Bipai. 6 yäq ßU- 
ntav, fptjai, yvvcctxa 7tg6g 

^^QSld^ ccvTov, 



Matth. 5, 39 vgl oben, femer 
Matth. 5, 42: 

ttp airovvri as Sog, xal 
TOP 'd'iXovta dno aov Savi- 
aaaß-ai firj dnoavgacpyQ — 
und Matth. 22, 39 : c^ untätig 
jinf nktjaiov aov cbg cmvrov. 



Matth. 5, 46. 

iäv yäg dyan^tTtiti rovg 
dyanSvrag ifiSg, riva fiKF- 
&dv ixets; uüd für das Fol- 
gende die eben angeführte 
Stelle Matth. 5, 42. 



Matth. 5, 28. 

fye^ S^ Ifyw ifilVy ort Ttäg 
ö ßUntov ywccixcc itQog rd 
hjtt&VfjLfjaai ccvTfflf {ccit^g 
Gtg)^ ijSt] kfioiz9vaev aix^ 
kv rp xccQdUf iavTov. 



— 106 — 

6. Athenag. c. 28. Marc. 10, 11. 

Von der zweiten Ehe sagt og av änokvay xrjv ywai- 
Athenag. tingin^q kari fioi- xa avrov xcu yccfjLi^ari äXXr^v, 
xda und begründet diesen fAOixSxai hn airi^v. 
Satz mit den Worten: og yctQ 
ctv AnoXvapj (priai , rijv 
yvvaixa ccvtov xal ycc- 
fiijffy uXXrjv j fioix&'^ceh 
ovTB änoXvstv knirgincov ^g 
^navai rig ttjv Ttccgd'Bviav, 
ovte hntyafjieiv. 

Aus dem Vergleich dieser Stellen ergiebt sich Folgendes: 

1. Während in zweien der angeführten Stellen aas 
AtlienagoraB (1 u. 3) Worte Jesu in freierer Wfiise benatzt 
werden, sind die übrigen vier Citate ziemlich wörtlich in der 
uns heute vorliegenden Fassung der evangelischen Deber- 
lieferung wiedergegeben. Beläufig sei hier bemerkt, dass in 
der 2. und 5. ParallelsteUe aus dem Matthäusevangelium die 
Lesarten von Gr (Griesbach) und g (editio Elzeviriana anni 
1624) trotz Cod. Vatican. und Cod. Sinait. nach dem Zeug- 
niss des Athenagoras meines Erachtens wiederhergestellt 
werden müssten, falls es mit Sicherheit ermittelt werden 
könnte, dass die älteste Handschrift des Athenagoras an 
jenen Stellen keine Spur der Interpolation zeigt. 

2. In keiner der angeführten Stellen nennt Athenagoras 
den Titel einer Schrift oder den Namen eines Autors. Den- 
noch aber muss zu dem in dem 4., 5. und 6. Citat sich fin- 
denden (prjal, wie das Xiyo) im 2. Citat und das inirginm 
im 6. Citat zeigt, ein persönliches Subject gedacht werden, 
und dieses kann nur Jesus Christus, der Stifter des Christen- 
thmns, sein. 

Von allen Apologeten des 2. Jahrhunderts ist viel- 
leicht Theophilos von Antiochia derjenige, welcher in 
seinen drei Büchern an dea Heiden Antolykos am tieftsten 
im Alten Testamente steckt. Fast das ganze zweite Buch 
von Capitel 10 — 38 enthält nichts weiter als Erörterungen 
über Ursprung und Entwicklungsgeschichte des Menschenge- 



— 1JQ7 — 

schlechts nach der alten mosaischen Urkunde mit zahlreichen 
wörÜichen Cütaten nicht bloss aus dieser, sondern mit be- 
stimmter Nennxmg der betreffenden Ildamen aus fast allen 
Prapheten (besonders im dritten Buche), aus den Psalmen 
und Sprüchwörtenu Dass der Eindruck und die Beweiskraft 
dieser Argumente f&r Heiden ein sonderlich kräftiger ge- 
wesen, wird man kaum behaupten dürfen, auch wenn Theo- 
philos im Hinblick auf jene seine religions- und culturge- 
schidhtiichen Nachweisungen versichert (Oap. 30) : „Dies Alles 
lehrt uns der heilige G^ist, der durch Moses und die übri- 
gen Propheten spricht, so dass die bei uns, den Verehrern 
Gottes, Yorhandenen Schriften älter sind und dazu auch als 
wahrer sich erweisen als die aller Gesduchtschreiber und 
Dichter/' Verschwindend gering im Verhältniss zu dieser 
ausgiebigen Benutzung des Alten Testaments ist dagegen die 
der neutestamentlichen Söhriften. Da heißst es einmal IQ, 14: 
.fDss Eyangelium aber sagt'' und darauf folgt dann die auch 
Ton Athenagoras dtirte Stelle Matth. 5, 44. 46 und 6, 3; xuotd 
unmittelbar daran sohliessen sich die Worte: „Dassu noch 
befiehlt uns das göttliche Wort'' u. s. w., welche die Stellen 
Tit. 3, 1 und Köm. 13, 7. 8 inhaltlich wiedergeben: das 'ist 
Alles. 

Minucius Felix endlich unterscheidet sich von den 
zuvor behandelten Apologeten hinsichtlich der Schriftbenu- 
tzung wesentlich dadurch, dass er wörtliche Bibelcitate über- 
haupt vermeidet. Das ist gewiss nicht zufällig. Offenbar 
ging der hochgebildete Verfasser des „Octavius" von dem 
richtigen Grundsatze aus, dass derartige Citate ftbr heidnische 
Leser, und zwar sind es die Gebildeten, an die er sich wen* 
det, durchaus keine Beweiskraft haben. Diese Erkenntnis» 
war, wie ein Bückblick auf das Vorhergehende zeigen kann, 
durchaus nicht allgemein unter den christlichen Schriftstdlem 
des zweiten Jahrhunderts verbreitet Am meisten durch- 
drungen Yon derselben erscheint ausser Minucius Felix noch 
Athenagoras, der u. A. im 1. Gapitel seiner Schrift 
IliQl äp§6aTii(F€(os viXQ&v durchaus gesunde apologetische 
Grundsätae entwickelt, indem er eine zwiefache Art wissen* 
schaftücher Besprechung religiöser Gegenstände unterschei- 



— 108 — 

det) die eine für die Walirheit, die andere über die 
Wahrheit, so dass erstere den Ungläubigen und Zweiflern, 
letztere jenen gilt, welche ein gates H^z haben und die 
Wahrheit freundlich aufnehmen. „Deshalb werden Leute," 
— fährt er fort — „welche religiöse Materien behandeln 
wollen, immer den Nutzen in's Auge fitssen, wie er jederzeit 
sich ergiebt und nach ihm die Abhandlung einrichten^ auch 
die Anordnung des Stoffes dem Bedürfnisse anpassen, nicht 
aber, um den Schein einer consequenten Behandlungsweise 
zu retten, die Zweckmässigkeit wie die jeder Gedankenkate- 
gorie zufallende Stelle ausser Acht lassen. Wenn in der 
Beweisführung und natürlichen Qedankenfolge überall die 
Rede vom Wesen der Wahrheit ihrer Vertheidigung 
vorausgeht, so erheischt die Kücksicht auf den grösseren 
Nutzen das umgekehrte Verfahren; man redet zuerst für die 
Wahrheit, dann über dieselbe." Hat Athenagoras, in rich- 
tiger Gonsequenz dieser Grundsätze, möglichst wenig Ge- 
brauch von d«r fiir Heiden in so hohem Grade anfechtbaren 
Autorität der christlichen heiligen Schriften gemacht, so 
erscheint Minucius Felix schon völlig von denjenigen Gesichts- 
punkten geleitet, die später Lactantius klar und bündig als 
massgebend für die christliche Apologetik ausgesprochen hat. 
Er tadelt nämlich (Instit. div. lib. V, 4) Cyprianus wegen 
seines Verfahrens in derjenigen Schrift, „qua Demetrianum, 
sicut ipse ait, oblatrantem atque obstrepentem veritati, redar- 
guere conatur. Qua materia non est usus, ut debuit; non 
enim" — so lautet sein Urtheil — „scripturae testimonüs, 
quam ille utique vanam, fictam, conmienticiam putabat, sed 
argumentis et ratione fiierat refellendus. Nam cum ageret 
contra hominem veritatis ignarum, dilatis paulisper divinis 
lecjionibus, formare hunc a principio tanquam rüdem debuit, 
eique paulatim lucis principia monstrare, ne toto lumine 
obiecto caHgaret." — Fehlt es also aus diesen Gründen bei 
Minucius Felix an wörtlichen Bibelcitaten, so sind die 
still schweigenden Anspielungen und geschickt verwebten 
Beziehungen besonders auf neutestamentliche Schriftstellen 
bei ihm um so zahlreicher. Denn abgesehen von einigen 
Stellen, in denen alttestamentüche Worte und Gedanken ge- 



— 109 — 

streift erscheinen, finden sich Anklänge an mehrere der 
paulinischen Schriften, vielleicht anch an ein Herrenwort, 
sodann an die Apostelgeschichte und besonders deutlich an 
die Petrusbriefe. Betrachten wir diese Beziehungen etwas 
genauer. 

Im 23. Capitel lässt der YerfEtsser Octavius über das 
Thörichte des Götzendienstes reden. „Quodsi in animum 
quis inducat," — fährt er fort — „tormentis quibus et qui- 
bus machinis simulacrum omne formetur, erubescet timere 
se materiem ab artifice, ut deum faceret, inlusam. deus 
enim ligneus, rogi fortasse vel infelicis stipitis portio, suspen- 
ditur, caeditur, dolatur, mncinatur. et deus aereus vel ar- 
genteus de immundo vasculo, ut accepimus factum Aegyptio 
regi, conflatur, tunditur malleis et in incudibus figuratur: et 
lapideus deus caeditur, scalpitur et ab impurato homine leyi- 
gator, nee sentit suae nativitatis ioiuriam, ita ut nee postea 
de yestra yeneratione culturam: nisi forte nondum deus sa- 
xmn est yel lignum vel argentum. quando igitur hie nasci- 
tar? ecce fanditur, fabricatur, sculpitur: nondum deus est: 
ecce plumbatur, construitur, erigitur: nee adhuc deus est: 
ecce omatur, consecratur, oratur: tunc postremo deus est, 
cma homo illum yoluit et dedicarif Erinnert das nicht 
an die klassische Schilderung des grossen alttestamentlichen 
Propheten im Buche Jesaja 44, 12ff.?^) 

12. Der Schmidt -— ein Beil bearbeitet er in der Kohlengluth, 
Und mit Hämmern gestaltet er es. 

Bearbeitet es mit seinem starken Arm. 
£r hungert auch, und die Kraft fehlt, 
Trinkt kein Wasser und wird matt. 

13. Der Zimmermann zieht die Schnur, 
Zeichnet es mit dem Stifte, 
Fertigt es dann mit dem Hobel, 
Und mit dem Zirkel zeichnet er es; 
Macht es gleich eines Mannes Gestalt, 

Gleich einem stattlichen Menschen, ein Haus zu bewohnen. 

14. Cedem haut er sich um, 

Holt sich Steineiche und Eiche, 



1) Ferdinand Hitzig, Der Prophet Jesaja. Heidelberg 1833. 
S. 510 ff. 



— 110 — 

Wählt sich aus unter den Bäumen des Waläe«, 

Er pflanzt eine Esche; und der Regen zieht sie gross. 

15. Es dient den Leuten zum Verbrennen; 
Und er nimmt davon und wärmt sich, 
Er zündet's an, und bäckt Brot; 
Verfertigt auch einen Grott und betet an, 
Macht es zum Grötzen, und huldigt ihm. • 

16. Die Hälfte davon verbrennt er mit Feuer, 
Ueber der Hälfte isst er Fleisch. 

Er brät einen Braten und sättigt sich. 
Wärmt sich auch und spricht: ah! 
Ich erwarme, ich spüre das Feuer. 

17. Und den Best davon macht er zum Grotte, zu seinem Oötzeii, 
Huldigt ihm, betet ihn an und fleht zu ihm: 

Bette mich; denn du bist mein Gott! 

18. Sie sehn nicht ein und begreifen nicht; 
Verklebt, dass sie nicht sehn, sind ihre Augen, 
Vor irgend Verständniss ihre Herzen. 

19. Nicht beherzigt er*s, keine Einsicht da, und kein Verstand: 
Dass er dächte: die Hälfte faab* ich mit Feuer verbrannt, 
Hab' auf den Kohlen Brot gebacken. 

Briet Fleisch und ass; 

Und den Best davon sollf ich zum Greuel machen, 

Nieder&Uen vor einem Holzklotz? 

20. Er jagt der Asche nach; 

Sein bethörtes Herz führt ihn irre. 

So dass er nicht seine Seele rettet und nicht spricht: 

Halte ich nicht Trug in meiner Hand? — 

Wenn Octavius im 32. Capitel fragt r.^^Templum quod ei 
extruam, cum totus hie mundus eins opere fabiicatus eum 
capere non possit?^^ — sa gemahnt uns dies an denselben 
Propheten im Buche Jesaja 66, 1 : notov dlxov olxoöofiijaeii 
fioi; xal nolog ronog r^g xaraTtavGBciQ fiov\ ndvra yäg 
ravra knoltjaev rj x^iq fiov, xai ianv kfjiä nccvra ravraj 
liyei xvQioQ* oder an die Worte in König Salomo's Tem- 
pelweihrede (1. Buch der Könige 8,27): eI akti&eag xtxtoi- 
xijaBi 6 -O-Bog fiBtä äv&Q€in(ov änl t^g y^g; el d ovQovdg 
xal d ovQCCvog tov ovgavov ovx ägxiaovai aoiy n^jv xal ö 
olxog oitog ov (pxoS6fi7](ja r^ ovofiari üov, — Gerade des Aus- 
drucks wegen scheint mir die letztere Stelle noch naher zu 
liegen als jene andere aus Act 17, 24, an die man sonst 
denken könnte: 6 &Bög 6 noiijaag tov xoafiop xal ndvra ti 



— 111 — 

i» avtipj ovTog oifQccvov xai y^g imoQXfov nvQioq ovx hf 
XHQonoi^TOig vccoig xceroixsl, 

Cap. 36, 5, wo von der Armuth der Christen die Kede 
ist, klingt der Satz „aves sine patnmonio yiyunt et in diem 
pascuntur" höchst wahrscheinlich an Jesu Wort an Matth. 
6, 26: ifißkiipccTS alg xä nbxtwä rot; ovgavovy ort ov anti- 
goxHTtv oväi ö-iQi^ovaiv ovSh cvpäyovaiv 6lg ano&v^c&qy xal 
nccv^Q vfACQV 6 ovQÜViog TQi<p6L avxd. 

An echt Paulinische Gedanken und Wendungen 
erinnern uns zunächst. die Worte Cap. 31, 6: „nee &ctiosi 
sumus, si onines unum bonum sapimus eadem congregati 
quiete qua singuU^^ cf. Köm. 12, 16: ro avxo Big äXki^Xovg 
(fgoPovvTsg oder Rom. 15, 5: ro avto tpgoveiv iv aXkfjXoigy 
denselben G-edanken auch Phil. 2, 2: nXfiQciacni fAov r^v 
wivy iva t6 ccvtd (pgov^re, rtjv avr rjv äyünrjv %ovras, 
<7il,u\|;i;;^oi, To y (pgovovvTBg. — Sodann erinnert Cap. 32,4: 
,;immo ex hoc Deum credimus, quod eum sentire possumus, 
Bdere non possumus. in operibus enim eins et in mundi 
Omnibus motibüs virtutem eins semper praesentem aspiciraus" 
— an Köna. 1, 20: rä yäg äogma ainov dno xtiüBcag 
x6api4^v rolg not/r/^iaai/v voovfitvce Ha&og&Tm, ij re itSiog 
ciVToi) SvvafAig xal -d'uorrigy üg ro üvai avtoiig wvctnoXo' 
yvTovg, — Wenn endlich der Verfasser im 34. Capitel bei 
der Ausführung des Gedankens, dass uns zum Tröste die 
ganze Na^ur den Gedanken einer künftigen Auferstehung 
2uia Ausdruck zu bringen sucht, sich des Vergleiches bedient 
§•11: ,,post Senium axbusta frondescunt, semina nonnisi cor- 
nipta revirescunt: ita corpus in sepulcro, ut arbores in hi- 
temo: occultant virorem ariditate mentita": — so streift 
er offenbar damit die Paulinischen Ausspruche im 1. Korin- 
therbriefe 15, 36: äfpgmvy av o CTieigetg, ov ^axmoitlraiy 
iuv fi^ äno&dvrj' und 15, 42: ovtuag xal ^ ävätnccffig twv 
v^gmv. aneigerm iv q>&og^, hyügtrcci iv dtp&ccgai^. 

Zahlreicher noch als die Berührungen mit echt pauli- 
^schen Gedanken und Vorstellungen sind die Anspielun- 
gen auf Stellen nachapostolischer Schriften, welche 
letztere auch noch aus anderen Gründen von Interesse sein 
^ürftea 



— 112 — 

Dahin gehört zunächst die Stelle 30, 6: „nobis homici- 
dium nee videre fas nee audire, tantumque ab humano san- 
guine cavemus, ut nee edulium pecorum in cibis sanguinem 
noverimus" — welche deutlich Bezug nimmt auf das merk- 
würdige Decret Act 15, 29, omixBa&m b18wXo&vtoov xcci 
ccifAuroQ x€cl nviXTo^v nal nogveiccg, — Am Schluss des 
32. Capitels knüpft Octavius an das Beispiel von der mit 
unwiderstehlichem Strahl Alles durchdringenden und beleben- 
den Sonne die Steigerung: „quanto magis Dens auctor om- 
nium acspeculator omnium, aquo nullumpotest esse secretum, 
tenebris interest, interest cogitationibus nostris, quasi alteris 
tenebris! non tantum sub illo agimus, sed et cum illo, ut prope 
dixerim, vivimus.« Die Worte erinnern uns unwillkürKch an 
den Ausspruch, den die Apostelgeschichte (17, 28) den 
Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen thun läsat: h 
avx^ yuQ ^dofiev xeci xivovfie&cc xcci kafiev, (Ag xcci ring 
rSv xa^* ifi&Q itoti^rcav Blg^xatriv Tov yctg xal yhfog kafih. 

Octavius preist (36, 9) die Güte und Macht Gottes, des 
Herrn der Welt, der die Seinen liebt, „sed in adversis" — 
fährt er fort — „unumquemque explorat et examinat, inge- 
nium singulorumpericulispensitat, usque ad extremam mortem 
Yoluntatem hominis sciscitatur, nihil sibi posse perire securus. 
itaque ut aurum ignibus, sie nos discriminibus arguimur." Er- 
imiert das nicht an den ersten Petrusbrief 1, 6, dessen 
Verfasser von den Christen redet als Xvntj&ivrtg iv noixllois 
neiQaafjLOig^ iva rb doxifjbiov vfAwv rrjg nlatsmg TtoXvrifiioreQov 
XQvaov TOV ccTtoXkvfjiivov, Siä nvQÖg Sh Soxifia^ofiivov, evge&ij 
eig 'inatvov xcci So^av xal xifirjvf Auch die Wendung, deren 
sich Octavius im 38. Cap. bedient, nachdem er die christliche 
Todtenbestattung im Gegensatz zur heidnischen erwähnt: „nee 
adnectimus arescentem coronam, sed a Deo aetemis floribas 
vividam sustinemus" — dürfte auf 1. Petr. 5, 4: xal (pave- 
Qco^ivreg rov aQx^^oifjisvog xofiieta&B rbv äuaQccvrivov 
Tfjg So^Tjg aricpavov zurückzuführen sein, eine Stelle, de- 
ren bildlicher Ausdruck wohl schon von 1. Cor. 9, 25: nag 
di 6 äycovi^ofievog ndvra kyxQcevBVBTai' hcBlvoi fikv ovv 
ivcc q>&aQTdv cxitpccvov XdßmöiVy ^fieig Si ätp&ccQrov ab- 
hängig ist. 






— 118 — 

Die Stelle Oap. 35, 4 femer: „eos autem merito tor- 
queri, qui Demn nesciunt, ut impios, ut iniustos, nisi pro- 
fanus nemo deliberat" — berührt sich mit 2. Thess. 1, 8, wo 
68 von dem zum Gericht .wiederkehrenden Christus heisst: 
SiSovrog hxSixtjaiV roig fxij siöoai -d'tov xccl totg fi^ in- 
uxovovaiv T^ evayyeXiq} rov xvqiov ^fiäv Itjaov, ohiveg 
SixTjv rlffovatv oXe&pov celciviov u. s. w. 

An die Pastoralbriefe gemahnt es uns, wenn wir 
Cap. 32, 2 lesen: „hostias et victimas Deo offeram, quas in 
usTun mei protulit, ut reiciam ei suum munus? ingratum est, 
cum sit litabilis hostia bonus animus et pura mens et sincera 
conscientia," — als Originalstellen bieten sich dar: 1. Tim. 4, 3, 
wo von der Forderung der Irrlehrer die Rede ist, anix^^&cci 
jS^wMarcöv, & ö &e6g t^xnaev elg fxeräXfjfiyjiv fierä tvxccQi- 
ffTiag ToTg ütiaröig und 1. Tim. 1, 5: rd Sh reXog rrjg na- 
^myyBXlag kütlv ayäntj kx xa&aQ&g xccgSiag xal aweiS^cBoog 
iyttd'fjg xal nterstag avvnoxgirov. Auch die "Worte des- 
selben Capitels: „at enim quem colimus Deum, nee osten- 
dimus nee videmus. immo ex hoc Deum credimus, quod eum 
sentire possumus, videre non possumus" — sind wohl als ein 
Nachklang zu betrachten der bekannten Bezeichnung Gottes 
(I.Tim. 6, 16): 6 fjiovog üx^av ä-Q'avaaiav, (pcig olxäv ccngoa- 
1X0/»^ ov biSbv ovSelg dv&QmTtoov ovSi löeiv Svvarat. In 
den Worten Cap. 38, 1 : „omne quod nascitur ut inviolabile 
Dei munus nullo opere conrumpitur" — müssen wir eine deut- 
liche Wiedergabe des schönen Ausspruchs 1. Tiüi. 4, 4 sehen: 
ncev xtlüficc &BOV xaki/Vy xal ovdiv dnoßkrjrov fierd ev^cc- 
gifnlag Xcefißavofievov. 

Der Bezeichnung des Christen femer als miles Dei in 
Cap. 37, 3 und der vorangeschickten Frage §. 2: „quis non 
miles sub oculis imperatoris audacius periculum provocet?" 
— mit der Begründung: „nemo enim percipit ante experi- 
mentum" — liegt entschieden die Stelle 2. Tim. 2, 3 ff . 
zu Grunde : avyxaxona&fjaov dg xccXbg argaTLoirrig 
XQKftov 'Irjaov, oiSelg argatBVOfiBvog hfinXixttai rcäg 
Tov ßlov ngaYfiurtlaig, tva to5 orQaroXoYfitTUVTi agiap. 
^äv xal a&Xjj rig, ov cxBtpavovtai , häv fjL^ vofiifioog 
ci&Xijap. 

8 



— 114 — 

Besonders deutUch ersehenen die Beziehungen auf einige 
Stellen des zweiten Petrusbriefes. Wenn Octavius 
(Cap. 37, 7) YOn dem scheinbaren Glück der Gottlosen redat 
und Ton diesen aussagt: „miseri in hoc altius toUuntur, ut 
decidant altius. hi enim ut victimae ad supplicium saginan- 
tur, ut hostiae ad poenam corönantur" — so denken wir da- 
bei specieU an 2. Petr. 2, 12: olroi Si^ dg äkoya ^0€c 
ysyevvi^/iiva q>vaixce elg ScXcoaiv xai (p&oQoVj hv olq äyvo- 
ovai ßi,aaq)fjiAovvT8g, kv rtj (p^ogq avxmv xecTatp&ag^aoV' 
xaiy xofiiOvfAsvoi fii(T&6v äSixiag. Das 34. Capitel hebt an: 
y^Ceterum de incendio mündig aut inproYisum ignem cadere 
aut [dimi illum, wie Halm, dissilire, wie Jacob Gronow far 
das corrupte difficile des codex Parisinus yermuthete] non 
credere vulgaris erroris est.« Offenbar hat der Verfasser 
an dieser Stelle 2. Petr. 3, 7 und 10 im Sinne, wo es hdsst 
ol 3i vvv QVQavol xal ij yij r^ uvt^ X6yq> Tß&ijaavgiO' 
fiivoi elalv nvgly trjQovfiBVoi slg ijfjbigav xgiceoig xccl änm- 
Xüug twv äaeßäv Avd-gwniov, Von diesem Tage, dem Tage 
der Parusie Christi gilt dann femer: di^' rpf oigavol itvgov- 
fisvoi Xv&^aovrai xal aroix^la xccvaofievcc tijxeTai, Dass 
Minucius Felix gerade auf diese Stellen blickte und nicht 
etwa von den Stoikern, Epikureern und Piaton abhängig ist, 
deren Ansichten über den Feueruntergang der Welt er in 
den folgenden Paragraphen referirt, zeigen die Worte, mit 
denen er die Behandlung dieses Gegenstandes abschliesst §. 5: 
„animadvertis philosophos eadem disputare quae dicimus, 
non quod nos simus eorum vestigia subsecuti sed quod 
illi de divinis praedictionibus profetarum umbram inter- 
polatae yeritatis imitati sint« — eine Stelle, die viel- 
leicht wiederum mit 2. Petr. 1, 21 in Beziehung steht: 
ov yäg &€Xfjf4ccTi. ccv&g(6nov rjvix^v ngofpfjreia novij 
uXXä vno nvevfiaTog äylov (pigofiwoi iXdXrjaacv äTto &bov 
äv&g(07toi. 

Diese Nachweisungen haben, wie mir scheint, auch ab- 
gesehen von dem Zusammenhange, in welchem sie als werth- 
volles Beweismittel dienen, ein literarisches Interesse. Dass 
nämUch Minucius Felix in Born gelebt und dort seinen 
„Octavius" geschrieben, ist aus der Schrift selbst (Cap. 2) 



— 115 — 

bekannt und wird aasserdem ron Hieronymus ^) aosdrücklich 
bezeugt Meines Wissens aber hat noch Niemand darauf 
aufmerksam gemacht, dass eine ganze Beihe jener Beziehmigen 
auf gewisse neatestamentliche Schriften diese Thatsache in 
eigenthümücher Weise bestätigt und dieselbe in einem an- 
deren Lichte erscheinen lässt. Es ist gewiss nicht zuMüg, 
dass bei Minucius Felix die Anspielungen atif diejenigen 
neutestamentlichen Briefe am zahlreichsten sind, welche, nach 
den Forsdmngen der kritisch -historischen Schule, wie die 
Apostelgeschichte höchst wahrscheinlich, wie die Hirtenbriefe 
und die beiden Petrusbriefe unzweifelhaft aus den Kreisen 
der römischen Christenheit hervorgegangen sind; auch der 
Umstand dtlrfte beachtenswerth seia, dass die zeitlich dem 
Verfasser am nächsten stehenden Schriften, die Pastoral- 
und die Petrusbriefe, die frühestens um 150 verfasst wurden, 
am stärksten und am deutlichsten benutzt sind. Findet 
flilgenfeld also {Hist,-krit. Einleitung in das Neue Testa- 
ment, Leipzig 1875. S. 764) die ersten sicheren Spuren der 
Hirtenbriefe in dem offenbar unechten Briefe des Polykarpos 
an die Philipper C. 4 (vgl. 1. Tim. 6, 7) und in den gleich- 
falls erst der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts angehören- 
den Testamenten der zwölf Patriarchen (Dan. 6 oitog hart 
fieair^g &60v xccl äv&Qcinov, vgl. 1. Tim. 2, 5), so wird nun- 
mehr, nach meinem Dafürhalten, Minucius Felix als weiterer 
Zeuge hinzugefügt werden können. Und ebenderselbe wird 
künftig in erster Linie als ältester Zeuge für den zweiten 
Petrusbrief betrachtet werden müssen, während sonst erst 
Clemens von Alexandria dafür galt, das Muratorianum, 
Irenäos und Tertullianus aber den Brief überhaupt noch gar 
mcht kennen. 

Doch um zu dem eigentlichen G-egenstand unserer Un- 
tersuchung zurückzukehren, was lehren uns denn die im 
Vorstehenden aus Minucius JFelix angeführten Stellen? Offen- 
bar das £äne, dass dar Bömer es diHt^haus nicht verschmähte, 



1) Hieronym. de ^r. ill. (rec. Herding. Lips. Teubner, 1879) c. 58: 
„Mmucius Felix insignis causidicus, scripsit dialogum Christiani et eth- 
niei disputantis, qui Octavius inscribitur.'' Of. Epist. 70^ 5. 

8* 



— 116 — 

Anspielungen auf Gedanken und Aussprüche der christlidien 
Schriften Alten und Neuen Testaments in seine Darstellung 
zu verweben. Ja gerade die Art und Weise, wie er dies 
thut, ist in keiner Weise verschieden von derjenigen, welcher 
sich der Verfasser des Briefes an Diognetos bedient, nur 
dass die Beziehungen bei letzterem durch den viel&ch mit 
den griechischen Originalbezeichnungen der neutestament- 
lichen Schriftsteller übereinstimmenden Ausdruck noch deut- 
licher erkennbar sind, Beispiele hierfür sind schon, in hin- 
reichender Anzahl zuvor behandelt worden, die folgenden 
Darlegungen werden noch weitere Gelegenheit dazu bieten. 
Das aber dürfte durch diese meine Ausfuhrungen zur Ge- 
nüge erwiesen sein, dass Overbeck's Behauptung (8. 53), 
eine solche von stillschweigenden Anspielungen auf das Neue 
Testament durchwebte Darstellung sei „in der altchrisüicheu 
Apologetik nicht bloss ganz gegen die Begel, sondern wäre 
darin auch ganz Widersinn^, wenn doch einem Heiden gegen- 
über Anspielungen dieser Art rein verloren waren,^* durchaus 
unhaltbar ist, weil sie mit den Thatsachen, d. h. mit der 
von einander abweichenden Praxis der verschiedenen Apo- 
logeten nicht im Einklang steht. 

« 

7. Das Verhältniss des Verfassers des Briefes zu beson- 
deren christlichen Lehrgestaltungen. 

a. Zum Paulinismus. 

Auf die zuvor schon aus anderen Indicien erschlossene 
Abfassungszeit des Briefes an Diognetos fuhrt endlich auch 
das Verhältniss desselben zum Paulinismus. Jeder Leser, 
der den Anfang des 9. Capitels gelesen: Uccvr ovv i}&rj 
nag* iavr^ avv r^ nccidi oixovofitjxoig , fiixQ^ f^^ voi/ 
aQoc&ev xQovov ttaaev i^/xäg mg kßovlofie'd'cc dräxToig (po- 
QC^g (piQB(T&ai>, rjSovaig xal knL&vfiicag änecyofiivovg, oi 
navTiag itpriSofiBVog roig äfiuQT^fjbaaiv ijiimv, &IX avsxo' 
litvog, ov8h x& roze xrig dSixlccg xuigqji avpsvöoxwVy diJiä 
rdv vvv Tfjg Sixaioavvrig dtjfiiovQywv, iva iv t^ tot« xQ^'^^ 
hX^YX^^'^^^ ^^ ^^^ ISiaov t^gycov cevd^ioi ^co^g vvv vno Ttjq 
Tov &BOV XQV(^''^OTf]Tog oc^ioD&wuev xal rb sXa&' iavrovg 
(pavBQmaavxtg ddvvccrov üaaX&uv elg xrjv ßaaikeiav tov 



— 117 — 

&eov tp iwAfUi XQV &eov äwcetol ym^&caijLBv: — hat an 
Pauliis und paulinische G-edanken sicli erinnert fühlen müssen, 
ja dieser Anfang sowie die folgende Ausfühmng tri£Et sogar 
im Ausdruck mit jenen vielfach überein. Betreffs der in 
den angeführten Worten aber verwendeten echt paulinischen 
Idee der Unfähigkeit des Menschen zur Grerechtigkeit vor 
Grott erhebt Overbeck (S. 56) den Einwand, sie sei ,,gerade 
eine solche, die in der nachapostolischen Litteratur selten 
und nur schvrach anklingt (z.B. noch in der Apostelgeschichte] 
and sich im Laufe des zweiten Jahrhunderts vollständig ver- 
liert , namentUch aber in der altchristlichen Apologetik nie 
laut wird.'^ Legen wir auf dieses testimonium ex silentio 
zunächst kein besonderes Gewicht, da dasselbe, wie ich hoffe, 
durch den weiteren Nachweis der specielleren Ursprungsver- 
bütnisse des Briefes entkräftet werden dürfte, sondern ver- 
folgen vnr Overbeck's Begründung. „Diese Idee hängt 
nämlich^' — so fährt er fort — j,bei Paulus unzertrennlich 
mit seiner E[ritik des alttestamentlichen Gesetzes zusammen, 
welcher aber ein Problem zu Grunde liegt, das dem Heiden-* 
christenthum des zweiten Jahrhunderts vollkommen unver- 
ständlich gewesen ist: die Befreiung vom mosaischen Ge- 
setze durch das Evangelium. Für dieses Problem fehlte 
dem Heidenchristetithum von Anfang an die natürliche Vor- 
aussetzung des Gebundenseins an das Gesetz; es hat sich ihm 
daher von Natur ganz anders gelöst als demi Paulus, und 
dessen eigenste Ideen sind darüber zunächst' zu Boden ge- 
fallen. '^ Diese Gedanken, in der nothwendigen Beschränkung, 
nämlich allein in Bezug auf Paulus verstanden, sind un- 
zweifelhaft richtig imd unanfechtbar. Wenn aber Lipsius 
(a. a. 0.) jenen gegen den Brief an Diognetos gekehrten 
Worten Overbeck's zustimmt, so giebt er damit Beweis- 
momente aus der Hand, deren Nichtbeachtung hier offenbar 
den auch in diesem Punkte, wie ich meine, mit Unrecht an- 
gegriffenen Brief ganz unnöthig zu isoliren geeignet ist. 
Nicht beachtet ist nämlich die Entwickelung' und 
Fassung des angeführten echt paulinischen Ge- 
dankens im späteren Paulinismus. Diese nothwendige 
Beziehung verkennt Overbeck, wienn er von dem Satze, Gott 



— 118 — 

habe die Menschheit in yorchristlicher Zeit ihren Trieb^i 
überlassen, behauptet (S. 67), dass er ,,in der Sdiürfe, die 
er in der Argmnentation unseres Briefes hat, vom Stand- 
punkte des Paulus Tollkommen unwahr und unmö^eh isf 
Dies ürtheil ist sicherlich etwas zu schroff, denn auch Paulus 
sagt Yon dem VerhältniBS Gottes zu den Heiden seiner Zeit 
sowohl als der Yorchristlichen Aehnliches aus "SLöm. 1, 18 ff.; 
die sittliche Verworfenheit des Heidenthuma ist ihm yon 
Gk)tt zugelassen als Strafe 1, 24: 8l6 naQiSmxtv avrtyijQ 6 
&ioq hv ratq kTCi&Vfjiiaig x&v xaQÖimv ainäv u. s. w. und 
ebenso 26: Siä rovro nagiSoDxsp avrovg d &8dg tlg nd&ij 
arifUag; ja 1, 28 sagt er: xal xct&wg ovx iSoxlfiaiUxv top 
&aiiV ix^iv kv imiyvciaet, nagiSwxeßf mrtoijg 6 &e6g el^ dio- 
xifiov vovv, nonlv rä fii^ xce&ijxovrcc. ErstderPaulinismnsim 
letzten Stadium seiner Entwickelung, als welches Pfleiderer 
(Pauhnismus , S. 29) die Apostelgeschichte betrachtet» 
spricht jenen Gedanken ebenso nackt und unbedingt wie 
unser Brief aus, iadem er 14, 16 Paulus yon Gott sagen 
lässt: og kv räig nagq^zVf^^^^S y^vBcug sYatrev navra rä 
'ißnfri noQBv%a&ai ratg dSoig uvr&». Schon hiermit sind 
wir in die Mitte des zweiten Jahrhunderts gewiesen, yon 
einer „Isolirtheit unseres Briefes im zweiten Jahrhundert" 
kann somit nicht wohl geredet werden. Mit Schriften der- 
selben Zeit ergeben sich aber noch weitere Berührungen. 
Yon der zwiefachen Zeit, der yor dem Erscheinen Jesu Christi 
(o rore r^g dSsaclccg xaiQog oder 6 7iQ6(F&ef¥ X9^^^) ^^^ ^^^ 
nach seinem Erscheinen {d vvv rijg Stxatoavvfjg xecioog), redet 
in ganz ähnlicher Weise auch der Brief an die Epheser 
2, 1 — 9 und der Titusbrief 8, 3-^7, ja die directe Benutzung 
der in der letzteren Stelle enthaltenen Worte ifiev ydg ston 
xal ypiüg .... SovXivovreg kniö-vfilaig xeti ^Sovalg 
noiM^lXatg dürfte schon in dem Anfeingspassus des 9. Capitels 
fjiiXQ'' f^^ ovv Tov «Qoa&BV xQovov üaaBV tjfiäg dg kßovXir 
fia&a dxdxvoig (po{}aig qigBtr&cci, rjdoifccig xal im&v^ 
liiccig dnayofikvovg zu erkennen sein, währ^id die darauf 
folgende Enthüllung der in der- durch Christum gewirkten 
Gerechtigkeit sich offenbarenden göttlichen Absicht iva kv 
T^ xora XQ^V • • • ^<i xct&^ iavtovg ^apsgeiffcevreg dSwfa^ 



— 119 — 

TOP iUTBl&BiP Slg t^P ßuaiUlctV tOV &BOV Tfj SwdflBl TOÜ 

&$ov dvpcexol yeini&mfjL9P an das johaimeische Wort erinnert 

3, 8: Utv fjtij ri^ yepvij&p äv<a&BV, oi Svvcnm I8tlv r^v 
ßcuriXBlotv xov &$ov oder 8, 6: o6 dvvoncci slasX&stv üg t^v 
ßcunXelcgv rov &$o€. 

Doch was die Frage nach der in unserem Briefe be- 
tonten Glaubensgerechtigkeit im Gegensatz zur Ge- 
setzesgerechtigkeit betrifft, so halte ich Overbeck's 
Vorwurf, jene erscheine im 9. Oapitel unseres Briefes yon 
ihrer historischen Grundlage gelöst, ftb: unzutreffend. Denn 
wenn der Yer&sser im Anfange des Capitels'sagt: ov nav- 
tag lq>fi86fievog röig äfjLagrijficcciv fjfxäv^ alX ävBxSfiavog, 
oiSi T^ roTB. rijg äSixlug xceig^ üvvbvSoxcqv, ccXXcc rdv vvv 
xfjg Sixccioa^vtig Sifmovgywv, tva iv r^ xotb XQOvqt ^b/X' 
d'hvBg be xmv Idlcov Hgyoov avd^iov t,(o^g vvv uno xr^g xov 
d-tw xQV^^oxifroi os^ieo&copbBv — und nach schrifbgemässer 
Darlegung der von Christus f&r uns gewirkten Gerechtigkeit 
(deren im Einzelnen genau nachweisbare Beziehungen auf 
paulinische und nachpaulinische Schriftstellen' Otto mit be- 
kannter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit gesammelt und ver- 
zeichnet hat) bewundernd ausruft §, 3: Ti yäq älXo xäg 
äfiagxlag ^p&p ^Sw^&i] xaXvtpai tj ixBivov Sixaioavvt]] 

4. kv xlvb diataiw&ijvai iwaxöv xovg ävöfiovg rjfi&g xal 
ÄCBßBlg fj iv fi6vfp Tip vift) xov &bov; — : so redet er doch 
thatsäcUich yon tStce Hgyccy die in der yorchristlichen Zeit 
nicht im Stande gewesen seien, die Menschen gerecht zu 
machen, würdig des Lebens und fähig zum Eintritt Big xijv 
ßccatXBiav xov -d'BOv^ und zwar im (pl^egensatz zur Gerechtig-' 
keit des Glaubens an den erschienenen Gottessohn. Woran 
anders soll bei den XSm igya gedacht werden als an Ge- 
setzeswerke und die mittelst ihrer erstrebte Gerechtigkeit 
Tor Gott, da ja auch der Begriff der Gesetzwidrigkeit in 
jenem Zustande {roifg &v6^ovg tiii&g) in der eben angefOhr- 
ten Stelle deutlich hervorgehoben wird? Des Apostels Paulus 
bekannte Begründung an dieser Stelle in extenso zu fordern, 
scheint mir zu viel verlangt. Lij^sius ^) hat mit Becht darauf 

1) VgL Vorbemerkungen zu den paulinischen Briefen in der 
Protestanten-Bibel Neuen Testamentes S. 474. 



— 120 — 

au&ierksam gemacht, dass das Lebenswerk des Paulus, die 
Loslösung des Christenthums als einer neuen Beligion von 
dem mosaischen Gesetze und der jüdischen Yolksgemeiside, 
dauernden Bestand behauptet ■ hat ,,im$ibhängig von seiner 
eigenthümlichen Theologie, die schon von den Zeitgenossen 
nur wenige in ihrem vollen Umfange sich angeeignet und in 
der Folgezeit noch wenigere auch nur verstanden haben". 
Das gilt im Besonderen von seiner Eechtfertigungslehre, 
welche, dem Siegeslaufe des heidenchristUchen Evangeliums 
entsprechend, m der Folge mehr und mehr von der histori- 
schen Grundlage, wie sie ihr Paulus gegeben, sich loslöste. 
!Pie Mittelglieder aber, welche zu der in unserem Briefe 
vorliegenden, für Overbeck so befremdlichen Gestaltung ge- 
jEuhrt haben, sind, wie mir wenigstens scheint, noch klar er- 
kennbar. So zunächst im, Briefe an die Epheser. Las 
2. Capitel redet von dem an Barmherzigkeit reichen Gotte 
(V. 4), der den Menschen, welche „die Neigungen des Flei- 
sches und der Gedanken vollbrachten" (V. 3), ,4n den heran- 
gekommenen Zeiten den überschwenglichen B;eichthum seiner 
Gnade" bewies durch Güte in Christus Jesus: ohne des Ge- 
setzes auch nur mit einer Sübe zu gedenken. Denn der 
A^er&sser fährt im unmittelbaren Anschluss an to vnsgßak- 
kov TtXovTOQ T^g x^Qi'^oq avTOv iv ^gi^axoTrixi i(p* ^fiug iv 
XQKTT^ 'Ifjaov (V. 7) fort (V. 8 und 9): rrj yäg x^Q'-'^i ^öt« 
aeaoofffiivoi Siä niarmQ^ xcci rovro ovx ;§| vfnwvj &6öv t6 
öwQov, ovx i| 'i^ycov, tva (4.i] tig xavxvcriTai, Ebenso 
heisst es im Clemensbriefe (Cap. 32): „Also werden auch 
wir, die nach seinem Willen in Christo Jesu berufen sind, 
nicht durch uns selbst gerechtfertigt, auch nicht durch Un- 
sere Weisheit, Einsicht oder Frömmigkeit, odeif die Werke, 
die wir in Herzensheihgkeit vollbracht haben, sondern durch 
den Glauben, durch welchen der allmächtige Gott von jeher Alle 
gerechtfertigt hat." Noch viel wichtiger erscheint als ver- 
mittelndes Glied, auch wegen der im Briefe an Diognetos 
sich findenden Uebereinstimmung im Ausdruck der Anfang 
des 3. Capitelfl des Titusbriefe s, dessen Benutzung schon 
zuvor nachgewiesen, besonders in V. 4 und 5: on Si v 
i XQV(^'^0T7]g y.ai ^ (filccv&Q(onlu kTiBcpdvYi xov atar^gog 



— 121 — 

i^fiCQv xßBoiy ovx ^1 iQycov täv kv SixuMavvy^ a knotijaafÄSv 
^(jLBiQy oclXA xaxä x6 aireov iX^oQ Hacoasv ^(läg. Offenbar 
klingt diese Stelle wieder in den den Vorgang (bes. tö ccvroi 
Üeog) weiter ausmalenden Worten unseres Briefes 9, 2: ^^62 
di nenhlJQtiiTo fiiv ^ rjiMxkQa ASixia . . • t ^hd'i 8k 6 xaiQog, 
ov -d-sog TiQüid-^o Xoinov q>ccveQC3ifai ra/v icnrrov xQV^^'^o- 
xrira xal Svvccpnv {co tijg inBQßaXko^iStjg ipiXuv&goiniag 
xal ayanijg rov &6ov), ovx kßlar]<Tev ijfjiag ovdi änwcoero 
ovSi äiüLvr]<7ix€ixf}(r€v y dkkä kficcxQO&vfiijaBV. Man ^^erkläre 
es", — wirft Overbeck zum Schluss seiner Kritik des Brie- 
fes (S. 58) ein — „auf welcheiöt Wege ein heidenchristlicher 
Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts, den wir, wie wir 
schon wissen, in die Gnosis nicht einreihen können, gerade 
zu dieser paulinischen Idee in solcher Loslösung von ihrem 
Zusammenhange mit der Frage nach der Bedeutung des 
Gesetzes kommen konnte, — bevor man dies gethan, darf 
man nicht daran denken, imseren Brief in's zweite Jahrhun- 
dert zu setzen.^' Nun, ich denke im Vorhergehenden die 
Wege nachgewiesen zu haben, auf denen der Verfasser zu 
der von ihm dargelegten Bechtfertigungslehre gekommen ist, 
und durch Innehalten dieses genetischen Verfahrens den doch 
immer ziemlich bedeutenden Sprung vermieden zu haben, 
den Overbeck und Lipsius thun, wenn jener (S. 67), zur 
Erklärung des merkwürdigen Geschickes, welches einzelne, 
dem Paulus besonders eigenthümliche Lehren, wie die von 
der Unfälngkeit des Menschen, durch G^setzeswerke Gerech- 
tigkeit zu erlangen, gehabt, auf Irenäos verweist, dieser 
(a. a. 0.) es in Bezug auf Overbeck's Ausführungen als rich- 
tig anerkennt, „dass dem nachpaulinischen Heidenchristen- 
thum diese Idee abhanden gekommen ist'^ Gerade diese 
Verweisung auf Irenäos erscheint bei Lipsius hin&llig, 
wenn er von jener paulinischen Idee sagt: „Aber zu Ende des 
zweiten Jahrhunderts taucht sie ja wirklich bei den katholischen 
Kirchenlehrern, wie die Lehren des Irenäos von Sündenfall 
und Erlösung zeigen, wieder auf, freilich nicht im Zusammen- 
hange mit der Lehre vom Gesetze, auch in Verbindung mit 
der Lehre von der Gefangenschaft der adamitischen Mensch- 
heit imter der Herrschaft des Teufels." 



— 122 — 

b. Das VerhSltniss des Verfassers zum Gnosticismus. 

Gehen wir yon einem ganz allgemein gehaltenen Be- 
denken Overbeck's aus. „Ohne jeden Vorbehalt" — sagt 
er S. 34 — „wendet sich der Heide an den Christen, nm 
sich ganz im Allgemeinen über das Christenthmn zu unter- 
richten und ebenso frei: von jedem Vorbehalt lautet die Ant« 
wort des Christen. Er redet im Namen der ganzen Gem^- 
schaft, ohne im geringsten das Bewusstsein zu yerraäien, in 
irgend einer der hier in Betracht kommenden Lehren Ton 
ihr abzuweichen und eine Antwort zu geben, welche nicht 
AUe anerkennen könnten. Jeder sieht ein, wie nnwahr- 
scheinUch damit die Meinung wird, dass der Verfolger ein 
Grnostiker des zweiten Jahrhunderts wäre." Ich halte dieses 
Bedenken für nicht stichhaltig, weil es auf einer Unterscheidung 
der Bestandtheile innerhalb der christlichen G^meinschafl; 
beruht, die der betreffenden Zeit selbst fremd ist. Um die 
Mitte des zweiten Jahrhunderts bezeugt uns Justinns 
(bei Euseb. Bist. eccl. IV, 11) in einer Stelle, welche von 
jener Lehre Marcions handelt, dass der Schöpfer dieses Alls 
nicht der Vater Christi sei, sondern dass ein anderer, viel 
grösserer dasselbe erschaffen habe, ausdrücklich von jhm und 
seinen Schülern: xai nccvreg oi äno xovtov (AQurjfUvoi^ dg 
Hq>a(iev, XQitmavol xdkovvxai, 6v tqotiov xal ov xoiv&v 
QVtmv Soyfjuxtafv rotg (piko<r6<poig rö imxcckovfieifop ovofui 
rijg (piXoaoiplag xoivav haxi. Dasselbe bestätigt uns der 
genau unterrichtete Gegner der Christen, Celsus, dessen 
Kenntniss des Christenthums zum Theil aus gnostischen 
Quellen stammt (bei Orig. c. Cels. III, 10. 12): aQxofimfot 
ßiiv okiyoi TS tjaccv xal hf itpQovow * Big nk^&og di ünagkuh 
rtg ai&ig rifMfovrcci xccl (F^i^olfrai xal <ndaug lölag M^siv 
hcaatoi, &ii.ov<ri'TovTov yag osqxv^^ ^;fP^?ov. xal vJto 
nXri&ovg .nahv diunaiABvoi, atpäg avtovg kXfyx^^^^^'^^^f 
€og elnsZVj iri xoiVoovovptBgy sfys xoivfavovöiv fttv rov ovo* 
fijOTog. xal TOVTO fjCovov kyxarakineTv ofAcog alaxvvovtarta 
Xoijict Si äkXotg dXXaxp rstäxaTat. 

Overbeck erkennt selbst an (S. 82), dass in der That 
nur in gnostischen Ej-eisen des 2. Jahrhunderts der Satz, 



— 128 — 

Grott habe sich der Meosciiheit zuerst in Christo offeBbwrt^ 
in der Sohirfe, wie am unser Brief zeige, Tozkomme xmd 
im Zusammenhange daiftit Ansiebten üb^r die alttestament« 
liehe Religion, mit welcheaai sich die Schroffheit der im Briefe 
sich findenden wirklich vergleiehen lasse; besonders nahe 
liege der Gedanke an dai Marcionitismus und, wenn man 
auf einen einzelnen Namen ans wäre, an den Mardonüen 
Apelles. Die Andentung dieser Zusammenhänge ist ent- 
schieden rkhtig, nur weist sie Orerbeck, wie sich gleich 
zeigen wird, zu sdiroff von der Hand. 

Wir fragen zunächst: Was lehrte A peil es über die 
eben genam^tep Punkte? Origenes erwähnt darüber (Contra 
Geis, y, 54) Folgendes: 6 Mec^xioavog yv^^p^q An^Xk^q, 
ixlgitredig xivaq yemfjLi^fog rnn^Q xctl fiv&ov iffovfuvoq . . . 
Tff 'lovSeUfDv y.gegfjLficeTee, fpdjalp otv fiovog ovrog (d. h. Jesus) 
kntSedijfitjxe np yh^i rcov onf&gciitiov. Weiteren Aufschluss 
aber giebt uns vor Allem der älteste und zuverlässigste Be- 
richterstatter über Apelles, Bhodon^ ein Schüler des 
TatianuSy der zu Som mit dem greisen — nach Harnack's 
höchst wahrscheinlicher Ansicht^) um das Jahr 180 gestor- 
benen — Apelles in den letzten Jahren des Kaisers M. Aure- 
lius ein von Susebios (Bist eocL Y, 13) uns zum grössten 
Theil aufbehaltenes Gespräch hatte. „'O yuQ yigiav!ä7tBki7/g 
— sagt Bhodon — ävfifü^ag ruiXv noiXu fiiv 9e€txdig Xiycov 

XofyoVy aXÜ hteiatov, (&g nBmtmvHB, Suefi&fsiv. cronS^i^Vc- 
a&ai yäg toi^g knl rbv karavgcofxh^ov fjkmxorag dneipccivnro, 
fAÖPov kuv iv igyotg äyet&oig Bvglaxoopzai. t6 di ndvtcov 
daaqiiaTÜtov kSayficcxi^ero avt^ ngäyfia, xa&d^g ngouQ^^ 
xccfjLSv, to mgi rot; iS'cot;, HXiye fiiv yctg fxicev ägxv^f nu&^g 
xccl ö^fi^iregog Xoyog.^^ elra ngo&üg airov näaav rifv 
So^av knupigu (pdtnewv* yjXiyovrog ö6 fjiov Tugdg €^^, 
y y^no&tif 71 dnoSsi^ig avrt] aoi , fj n&g Svvacr^i Xkyuv 
fiictv ägxv^y (pgcMTov lyjiilff,"" ^iy, xäg fjkh Jtgotptßtlag 
iavt&g kXiyX^vif i Siä rö fitjSkv oXoag dXf^&ig ügipcüfcu' 
AöviKpoivoi yäg vndgxovav xai yjsvdeTg xccl iavtatg dwi- 



1) A.Harnack, DeApellisgnosi monarchica,Lipsiael87$;p.l7.Aiim. 



— 124 — 

xüiAtitui^ t6 Si ncog hart fila ÄQXVi M'V yt^ifdcxEMf HXeytifj 
oUtoo di xiVBia&ai fAovov* elr knofAoaccfAivov fiov Toh^kg 
üneiv, wfAVvev ccXij&Bvafv XfyHP, fk^ kfcicruff&cu 9tßg dg 
htTtiv aykwYiTog &96g, tovto Si nunvjzivJ^ Die in diesen 
Stellen von Apelles ausgesprochenen Ansichten iTürden in 
den Gedankengang unseres Briefes von Capitel 7 an sich 
trefflich fiigen. Ein Widersprach würde sich auch nicht 
ergeben durch die zuvor nachgewiesene Benutzung einiger 
alttestamentHcher Stellen von Seiten des Verfassers des 
Briefes, zumal da, worauf Hilgenf eld ^) mit Becht aufinerk- 
sam gemacht Iiiat, Origenes in den \SvXkoyi(T/jLoig des Apelles, 
der ebenso wie Mardon die allegorische Exegese yerschmähte 
(vgl. Harnack a. a. O. S. 74), sowohl die Verwerfiing der 
mosaischen Schriften als auch eine gewisse Anerkennung von 
Gesetz und Propheten zusanunen gefunden hat Trotz dieser 
ITebereinstimmung und der schon in anderem Zusammen- 
hange besprochenen Schroffheit gegen das Judenthum, die 
unser Brief in auffallender Weise mit Marcion und Apelles 
theüt, hat man „wichtige charakteristische Merkmale des 
Gnosticismus im Briefe vermisst". „Es wäre," — wendet 
Overbeck (S. 33) ein und Hilgenfeld stimmt ihm zu — 
„soUte der Verfasser jm einer gnostischen Sichtung gehören, 
kaum zu erklären, wie er in Bezug auf die Identitöit des 
weltschöpfenschen und . des im Christenthum offenbare 
Gottes nicht die Principien&age einfach,, etwa nach Art 
jenes Apelles, ablehnt, sondern vollkommen katholisch denkt 
(c. 8)." — . . 

Beiläufig gesagt, halte ich die Hineinziehung der Be- 
zeichnimg ^,katholisch", „Katholiker" u. s. w. in diesen Zu« 
^ammenhang nicht für correct. Zwar kennt Celsus im 
Jahre 178 schon (Orig. c. Gels. V, 59) die grosse Kirche 
der Christen im Gegensatz zu den gnostischen Sekt^iconven- 
tikeln; aber der Ausdruck „katholische Kirche" ist, wie 
Keim (Aus dem Urchristenthum, S. 115) bewiesen, mit 
Sicherheit erst aus der Zeit des Oommodus (180—192) nach- 



1) Hilgenfeld, Der Gnostiker Apelles, Ztschr. f. wiss. Theol. 
XVm, 8. 55 und 56. 



— 1^ — 

weisbar, einmal in den Ignatiusbriefen, ^) ^^welche das Ende 
der Marc Aurerschan Verfolgung d. h. das Jahr 180 voraus- 
setzen und von Irenäus selbst schon gelegentlich benutzt sind 
(Vy 28, 4)<< und in der gleich nach dem Tode des Commodus 
im Jahre 193 abgefassten Schrift eines Anonymus gegen 
die Montanisten. — -, 

Nun, jene Uebereinstimmung, die sich aus einem ober- 
flächlichen Vergleich des von Ehodon über Apelles' Grottes- 
lehre Berichteten mit unserem Briefe ergiebt, ist nur eine 
scheinbare, sie verschwindet sofort, sobald die besonderen 
Ausfuhrungen , die Apelles . gleichwohl seiner Grotteslehre 
gegeben, und die in den gründlichen bereits angeführten 
Arbeiten Hamack's und Hilgenfeld's über Apelles aus den 
Quellen dargestellt sind, mit den Aeusserungen imseres Briefes 
verglichen werden. Die Differenzen sind so klar und augen- 
fällig, dass es mir völlig überflüssig erscheint, näher darauf 
einzugehen, um die Parallele zwischen unserem Briefe und 
Apelles scharf zu ziehen, fehlt es uns hauptsächlich 
an sicherer Kenntniss über mehrere Thatsachen 
aus dem Leben und der Lehre des letzteren. So 
z. B. sind wir über den Umfang des von Apelles anerkann- 
ten Schriftkanons nicht genau unterrichtet Wir erfialiren 
darüber von alten Zeugen,^) dass er wie sein Lehrer Marciop 
das Evangelium und den Apostel gelten liess, d. L das von 
diesem nach seinen Principien zugestutzte Lucas-Evangelium 
' und jene Auswahl von 10 Paulus-Briefen: Galater, 1. 2. £o- 
rinther, Römer (ohne C. 15. 16), 1. 2. Thessalonicher, Brief 
an die Epheser als Brief an die Laodicenser (vgl. Kol. 4, 16), 
Kolosser, Philipper, Philemon. Wenn aber Hippolytos Karä 
naawv cdgia^aiv VII, 38 von Apelles berichtet: räv 8i 
Bvayytki(ov rä ägkaxavTCC airt^ aigütcei, so ist nicht bloss 
möglich, dass er das Johannes-Evangelium, sondern auch andere 
als die genannten, mit des Paulus Namen umlaufende Briefe zu 
seinen Zwecken benutzte. Ersteres erscheint direct bestätigt 



1) Vgl. Ad. Smym. 8, 2: onov av iy JCf^iarog 'Iijaovg, ixet rj xo- 
•d-oXix^ ixxXrjaitt, 

2) Vgl. Harnacky a. a. ,0. S. 74, Anm. 2 und Hilgenfeld, 
a. a. 0. S. 73. 



— 126 — 

durch die an dem genannten Orte sich findenden, auf des 
Apelles Lehre bezüglichen Worte: xcd fA$tA xQÜ^^ikBQag fysg- 
&ivta ^cewfjvab xolg fia&fjrecXg, Sü^tivta To^g xvnovq twv 
i'jXoDV xul Tfjg nkiVQ&g mi&cnrra, ori caördg bXti, xai ov (pcev" 
TCCfffAcCj alXä IhaocQxoQ fjVy womit deutlich auf Joh. 20, 25 und 
27 hingewiesen ist. Und dass ApeUes das so stark antijudai- 
stische Johannes-EvangeHum, das sein Meister Marcion, wenn 
er es bei seinem Auftreten gekannt, so leicht für seine Gnosis 
zurechtmachen konnte, sich hätte entgehen lassen sollen, ist 
durchaus unwahrscheinlich. Unser Brief, der, wie wir wiederholt 
gesehen, genaue Kenntniss des vierten E'?BiigeHum8 und der 
paulinischen Briefe mit Einschluss der sogenannten Pasto- 
ralbriefe verräth, würde zu diesen höchst wahrscheioliclien 
Schlussfolgerungen Tortrefflich stimmen. 

Oder nehmen wir noch einen anderen Fall, der uns die 
Unzuverlässigkeit der Ueberüeferung bestätigt. Bhodon (bei 
Euseb. Hist eccl. V, 13, 2) berichtet von ApeUes, er stehe 
seines Wandels und ehrwürdigen Alters wegen in hohem 
Ansehn, Tertullianus dagegen sagt von ihm (de praescr. 
haeret. 30): „lapsus in femina desertor continentiae Marcio- 
nensis ab oculis sanctissimi magistri Alexandriam secessit^^ 
Marcion andererseits wird von Tertullianus als sanctissi- 
mus magister gerühmt, während Epiphanios, Pseudo- 
tertullianus und Esnik die schwersten-sittlichen Vorwürfe 
gegen ihn erheben. Woher dies Schwanken? Harnack 
macht (a. a. 0. S. 14, Anm. 6) mit gutem Grund auf die, wie 
mir scheint, bei weitem nicht sorgfältig genug beobachtete 
Thatsache aufmerksam, dass die orthodoxen Kirchenlehrer 
sehr oft absdchtlich nicht bloss die Lehren und Meinungen 
der Häretiker verdreht und entstellt, sondern ihnen auch die 
sinnlosesten und abgeschmacktesten Dinge zugeschrieben, ja 
Charakter und Wandel dersel))en in der schlimmsten Weise 
zu verdächtigen sich nicht gescheut haben. Demnach erklärt 
Harnack nach dem Vorgange Neander's (Gnostisöhe 
Systeme, S. 280) und Anderer die Entstehung des von den 
genannten Schriftstellern gegen Marcion erhobenen Vor- 
wurfs, er habe eine Jungfrau entehrt, aus der von Zeitge- 
nossen zur Charakteristik seines Wirkens gebrauchten Aus- 



— 127 — 

drucksweise, Maroion habe die Kirche, eine-damals noeh un- 
berührte Jungfrau, geschändet. Hier wird also TertuUianus 
gerettet; denselben jedoch in seinem Berichte über Apelles 
in Schutz zu nehmen wagtHarnack gegenüber Ehodon's 
unanfechtbarer Autorität natürlich nicht Er verwirft mit 
Fug und Becht die scheinbar nächstliegende Erklärung^ des 
Apelles auch von Eusebios erwähnter Un^ang mit der be- 
geisterten Jungfrau Philumene, auf deren Offenbarungen hin 
er (nach Tert. de praescr. haeret. 30) seine (IkievtQtiaeig 
schrieb, habe zu der von TertuUianus berichteten Verleum- 
dung Anlass gegeben: „namque^^ — so begründet Harnack 
diese Zurückweisung weiter a. a. O. S. 15 — „TertuUianus 
Turginem iUam, quam ApeUes stuprasse dicitur, dilucide dis- 
cemit a Phüumene^ in quam non minores calumnias congerit 
quam in ipsum ApeUem (de praescr. haer. 30, ubi eam „im- 
mane prostibulum" dicit)." Warum aber soUen wir hier 
bei ApeUes auf jede Erklärung verzichten? Möller^) hat 
auf jene von Harnack offen gelassene Frage die nach memem 
Dafürhalten vollkommen befriedigende Antwort gegeben: wahr- 
scheinlich seien die von TertuUianus ausgesprochenen Ver- 
dächtigungen des Apelles auf den Umstand zurückzuführen, 
dass er im Gegensatz zu seinem Lehrer Marcion 
die- Ehe und das eheliche Leben der Christen ge- 
stattete. „Sed erravit MoeUerus,^^ entgegnet Harnack, 
wie mir scheint, unvorsichtig: „ApeUem quoque nuptias ve- 
tuisse, TertuUianus de praescr. haer. 33 narrat.^' Warum 
soUen wir an dieser SteUe plötzUch dem TertuUianus un- 
bedingt Glauben schenken, da wir ihn eben erst auf einem 
so schweren Lrthum ertappt haben, und die Thatsache, dass 
den Kirchenlehrern bei der DarsteUung der Lehre imd des 
Wandels von Häretikern oft und zwar nicht bloss zufällig 
die wimderlichsten Dinge passirten, von Harnack selbst un- 
umwunden eingeräumt wird? Steht es aber so, wie MöUer 
in durchaus wahrscheinUcher Weise vermuthet, so dürfte 
auch die SteUe des Briefes an Diognetos 5, 6: yaiiovaiv 



1) Möller, Geschichte der Kosmologie in der griechischen Kirche. 
HftUe 1860. S. 407. 



— 128 — 

dtg TtävTsg, xixvoyovovaiv dadurch in eine neue Beleuchtung 
gerückt sein. 

Doch es würde zu weit führen, noch andere Parallelen 
der Art, wie wir sie bisher gezogen, aufzusuchen und zu 
verfolgen. £[ann es doch bei der unzureichenden Kunde, 
die uns von den geistigen Strömungen und Entwickelungen 
innerhalb der Christenheit des zweiten Jahrhunderts geblieben, 
kaum die Absicht sein, an einem der aus dem allgemeinen 
Dunkel jener Zeiten heryortauchenden Namen bedeutenderer 
Männer festzuhalten und etwa, wozu ja die Versuchung so 
nahe liegt, Apelles als den wahrscheinlichen Verfasser des 
Briefes an Diognetos in Anspruch zu nehmen. Denn mit 
dem wissenschaftlichen Beweise dieser Vermuthung 
würde es, wie wir soeben gesehen, an mindestens einem wich- 
tigen Punkte missHch stehen, man müsste denn Hilgenfeld^s 
Versuch, Harnackin seiner gründlichen und überaus scharf- 
sinnigen Schrift „De ApeUis gnosi monarchica^^ mit ihrem 
Nachweise der genetischen Entstehung und Fortentwickelung 
der Lehren des Apelles zu widerlegen, für verfehlt erachten 
und mit Harnack daran festhalten, dass Apelles, wie 
Shodon bei Eusebios ihn schildert, am Ende seines Lebens 
an der MögHchkeit durcK Speculation die höchsten Probleme 
der BeUgion zu lösen verzweifelnd, -aus dem Schiffbruche 
seiner Gnosis den Grlauben an die Einheit Gottes und das 
durch Glauben an den Gekreuzigten zu erwerbende Heil 
gerettet habe. Von dem am Ende seines Lebens — 
Apelles starb, wie ich zuvor schon erwähnte, höchst wahr- 
scheinlich im Anfange der Begierung des Commodus (180— 192), 
vgl. Harnack a. a. 0. S. 16 und 17 — so gestimmten 
Apelles könnte dann der Brief an Diognetos sehr 
wohl geschrieben sein, wenigstens dürfte es schwer hal- 
ten das Gegentheil zu beweisen. Doch wie man sich auch 
immer zu dieser Vermuthung stellen möge, das Eine muss 
gegen Ov erbeck behauptet werden, dass wir in dem 
Briefe thatsächlich auf gnostischem Boden stehen. 

Wenn Lipsius aus der Thatsache, ,^ass der Brief die 
gnostische Trennung des Demiurgen vom Christengotte nicht 
nur nicht anerkennt, sondern nachdrücklich bekämpft (c. ?• 8)," 



— 12» — 

den Schhiss ideht, „dass sem Verfasser kein Gnostiker im 
herkönimlicben Sione war,^ so hat er damit unzweifelhaft 
Recht) am eyideiitesten natürlich, wenn Apelles wirklich der 
Verfasser ist, von welchem Lipsins^) ja sagt: „Hier ist der 
Punkt, wo der eigentliche GnostLcisnmB sich aufhebt und in 
das katholische Bewusstsein übergeht,^^ Apelles, der von der 
Yv&ai,g sich abwandte, um in der nietig Befriedigung zu 
finden, von der es in uns^em Briefe Cap. 8, 6 heisst: § 
fiovp ^Bov ISbZv ffvyxexci^^cu* Overbeck verwirft die 
Möglichkeit, den Verfasser als Gnostiker zu denken, schlecht- 
hin, obwohl er (S. 38) ganz richtig darauf aufmerksam macht, 
dass man „gewöhnlich von zu scharfen Vorstellungen vom 
Gnosticismus ausgegangen ist und die mancherlei Ueber- 
gaugsgestaltungen, welche er in seinen Anfängen und Aus- 
gängen zeigt, nicht genug beachtet haf Solch eine in 
Sprache imd Anschauunglsiweise gnostisch gefärbte üeber- 
gangsbildung repräsentirt aber unzweifelhaft eben der Brief 
an Diognetos und, mit ihm in vielen Stücken engverwandt^ 
das Johannes-EvangeUumu 

Gn ostische Nachklänge verrathen sich in den Worten, 
(he der Verfasser von Gott, der Christus sandte, im 7. 
Ca^itel gebraucht §.2: ov Ka&dnBQ &v rig ibedaauv av 
d'Qüinoqy inriQhTriy- rivä nifitpaq Jj äyyekov ^ &Qxwru ^ 
xivu rwv Sunovtcav tSc hulyBiu r} xwa x&v nemrrrevfihfwv 
Tccq hf ovQccvolg Stoixijfreiq — wie ja ähnlich schon im 
Kolosserbriefe 1, 16 die gnostischen &p6voiy xvgiorr^eg, äg^ 
xcii imd k^ovair/i sich finden und nach diesem Vorgange 
sodann das Johannes -EvangeHum das auch im Ausdruck 
1, 16 berührte nX^^mfia der Gbiostiker, die zahlreichen 
Aeonen derselben, unter denen in ganz analogen Verbin- 
dungen wie im Evangelium koyof;, f 017, tpdSgy x^Q^Sr oiXaj&eta 
eine KoUe spielen, in dem länen koyog als der einzigen 
Vermittelung Gottes tmd des xoafiog zusammenfasst. 

Gnostisch gefärbt, speciell an die Unveränderlichkeit 
und Affectlosigkeit des guten Gottes der Gnostiker, beson- 



1) Lipsius, Der Gnostidsmus , sein Wesen, Ursprung und Ent- 
wicklungsgang. Leipäg 1860, 8. 171. 

9 



— 130 — 

ders der Marcioniten, gemahnend , erscheinen femer die 
Worte Cap^ 8, 8: äXk* ovrog (d. i. Gott) f^v fiiv del rotovrog^ 
xal ÜOTi, xul iatar XPV^^og xal aya&dg xccl aögyrivog 
xal äXi]&f]g, xccl fidvog dya&6g kativ mit welcher letzteren 
Stelle vielleicht JoL 17, 8 verglichen werden kann: yivciaxuv 
ah rinf fjiovov aXrj&ivdv &b6p. 

G-nos tisch endlich ist die Lehre von dem Zurückhalten 
des vor Christi Erscheinen geheimen Bathschlusses Gt)ttes 
(Cap. 8, 10: xcttslx^''^ ^^ fivarriQlfp xccl Sim^gu r^v aoip^v 
avrov ßovXijv), der dann durch Christum erst der Welt ge- 
offenbart wurde (Cap. 8, 11: änmdhnpt Sicc rov äyccnrixw 
nuidog xccl ktpavigcjae xa k^ igxvs V'^oipictfffiiva): Tlg yig 
bXwg dvif-poinaDv — fragt der Yerfiasser im Anfang des 
8. Capitels — i^nlararo xi nor kaxl &B6g, ngiv avrdv &- 
&eiv; . . . und in demselben Zusammenhange 8, 5: av&pcinm 
Sk oiSslg ovxB elSev ovxe hyvoigiatv^ aixog Si iccvrov hn- 
iSsi^sv — : dies Alles Anschauungen und Ausdrücke, die sich 
auf das engste berühren mit dem Johanneischen (1, 18) id-adv 
ovSiig ioigaxsv jtoinoxe' fAOvoyevijg viög 6 cov elg xov xoXnov 
xov nccxgog, kxslvog k^r^yijaccxo. Jene neue Grotteserkenntniss, 
die der Gnosticismus erst durch Christus gebracht sein liess, 
ist eben einer jener Lehrpunkte, in welchem der Brief an 
Diognetos mit dem Johannes-Evangelium vollkomnaen 
übereinstinmit. Auch dort ist der in Christo fleischgewordene 
Xoyog der Gesandte Gottes an den xocfAog schlechthin (3, 34; 
6, 36. 38; 6, 29; 7, 29; 8, 42; 9, 7; 10, 36; 11, 42; 17, 3. 8. 
18. 21. 23. 25; 20, 21), der einzige Mittler zwischen Gott 
und Welt (14, 6), neben welchem nur noch Johannes der 
Täufer als von Gott gesandt bezeichnet werden kann (1, 6; 
3, 28); er erst enthüUt das verborgenste Wesen der Gottheit, 
indem er den Namen des wahren Gottes offenbart (17, 6. 26). 

C. Rückkehr zu der Frage nach den äiuiseren Zeugnissen (A). 
1. Die Person des Diognetos. 

Nachdem somit alle aus dem Inhalte des Briefes ent- 
nommenen Indicien die zunächst von der UeberUeferung be- 
zeichnete Zeit, das Justiniscbe Zeitalter im Allgemeinen, 
im Besonderen den Ausgang der siebziger Jahre des 2. Jahr- 



— 131 — 

hunderts als Abfassungszeit der Schrift bestätigt haben, er* 
übrigt es noch, ein im Briefe selbst enthaltenes äusseres 
testimonium kurz zu erwähnen. Es ist der Name desjenigen 
Mannes, an welchen das Schreiben gerichtet ist. Von den 
zahlreichen Trägem dieses Namens kann, worüber jetzt fast 
allgemeine Uebereinstimmung unter den Forschem herrscht, 
nur derjenige Diognetos in Betracht kommen, welcher als 
stoischer Philosoph und Lehrer des Kaisers M. 
Aurelius bekamst und, wie schon Gasaubonus und 
Salmasius meinten, wahrscheinlich derselbe ist mit jenem 
Diognetos, der nach des Julius Capitolinus Bericht (Vita 
M. Aur. Antonini c. 4) den jugendlichen M. Aurelius im 
Malen unterrichtete. Der Kaiser rühmt in seiner Schrift 
Eig iavxov I, 6 von ihm: IlaQU Aioyv^rov (SiSccaxakov) 
t6 axepocnovöov y xal rö dniatfjTixov r-olq vnb T(dv tbqu-^ 
Tsvofiivcov xal yoijtwv nsgl äntpScav xal negl Saifiovatv dTto* 
nofinijQ xal r&v xoiovxwv keyofiivoig, xal rd fiij oQxvyo^ 
TQocpHv firjSi tieqI rä toiavta knTorja&ai^ xal x6 äv^x^ad-ai 
naQQfjciag, xal to olxeioi&ijvai. tpikoaotpl^y xal x6 äxovaai 
ngmxov fihv Sax/iov dxa TavSaaiSog xal Maqxiavov, xal 
TO ygdyjai Sialoyovg iv naiSi, xal xb axlfinoSog xal Sopäg 
hniß'Vfifjaav, xal oaa xoiavxa xrjg iXkrjVixrjg äywyrjg k^OfiEva* 
Dass dieser Lehrer des Kaisers Overbeck „eine ganz wahr- 
scheinliche Erklärung der Adresse unseres Briefes an die 
Hand" gegeben hat, darüber dürfen wir uns nach dem Bis* 
herigen nicht mehr wundern. „Auch wenn dem Verfasser,^^ 
sagt Overbeck S. 73, „eine Apologie des Justin selbst nie 
in die Hände gekommen war, so konnte ihm doch schon 
aus der Kirchengeschichte des Eusebius bekannt sein, dass 
€s Justin mit dem Kaiser Marc Aurel zu thun gehabt hatte, 
und ihm daher, wenn er sich auch für den Veranlasser des 
von ihm dem Justin untergelegten Sendschreibens nach einem 
Namen umsah, der eines Lehrers jenes weisen Kaisers nahe 
legen, ^' Otto (Proleg. zu s. Ausgabe Cap. V, p. 48 — 56) 
weiss es sehr wahrscheinlich zu machen', dass er der rechte 
ist und alle im Vorhergehenden berührten zeitgeschichtüchen 
Momente stimmen aufs vortreffichste damit überein. Von 

den, Vermuthungen über den Grund, wodurch I)iognetos zu 

9* 



— 182 — 

seiner Anfrage bei dem Verfasser des Briefes yeranlasst 
worden sei, ist — darin stimme ich Hollenberg (a. a. O. S. 91) 
ToUkommen bei, — nicht -erforderlich ein Näheres zu sagen. 

2. Das Verhältniss des Tertallianus zum Briefe 

an DiognetoB. 

Zum Schluss komme ich auf die im Eingange dieser 
Untersuchung berührte Frage zurück, ob wir denn — wie 
Overbeck behauptet — von der Tradition wirklich völlig im 
Stiche gelassen sind. So, wie die Sache jetzt liegt, müssen 
wir diese Erage verneinen. Es ist entschieden Lipsius' 
Verdienst, auf eine Keihe von Stellen aus Tertullianas 
aufinerksam gemacht zu haben, in welchen Worte und Wen- 
dungen aus dem Briefe an Diognetos wiederklingen. Over- 
beck gesteht zu (S. 84), dass dies der einzige Weg sei, seine 
Abhandlung zu widerlegen, erklärt aber (S. 85) kein einziges 
der angeführten Beispiele fär schlagend. Auf diese selbst 
geht er nicht ein, sondern wendet sich gegen Lipsius'^ aus 
den von ihm angefiihrten Beispielen geschöpften Zweifel, 
„dass das Original nicht bei dem Plagiator Tertullian, son- 
dern nur im Briefe an Diognet gefunden werden kann,^' fin- 
det eine solche Bezeichnung des Tertullianus „durch alles, 
was wir von seinen literarischen Entlehnungen wissen, durch- 
aus nicht gerechtfertigt'^ und sucht sich der üeberzeugmigs- 
kraft des von Lipsius geführten Beweises durch die gerade 
bei Tertullianus mir wenigstens durchaus unwahrscheinliche 
Annahme zn entziehen, „dass er bei einem plagiatorischen 
Unternehmen einmal der leidende Theü gewesen sein könnte," 
tu welchem Zwecke er, da die Benutzung lateinischer Littera- 
zur durch den Verfasser des Briefes an Diognetos Bedenken 
erwecken könnte, eine „seit dem 4 Jahrhundert, vielleicht 
aber auch schon früher,^' existirende „griechische Uebersetzung 
mindestens des Apologeticus des TertuUian'' aus dem fast 
völligen Dunkel der literarischen Ueberlieferung heraufcitirt 
Mit diesem dunklen Factor zunächst werden wir so lange 
zu rechnen uns "nicht entschliessen können, als Dinge, die 
für die wissenschaftliche Erkenntniss völlig hell und durch- 
sichtig sind, wie das compilatorische oder plagiatorische Ver- 



— 138 — 

iahrea des Tertullianus, uns direct auf den von Lipsius be- 
tretenen Weg zurückweisen. Nachdem Ebert^) überzeugend 
nachgemesen, dass und in welcher Art und Weise Tertullianus 
in seinem Apologeticum den „Octavius^' des Min^cius Felix 
benutzt, femer wichtige Stellen aus Justinus und Irenäos 
entlehnt, und damit den Nimbus der ,,OrigxnaIität/^ dessen 
sich der geistreiche Afrikaner bisher zu erfreuen hatte, zer* 
stört hat; nachdem Bonwetsch^) ausserdem darauf atif^ 



1) A. Ebert, Tertullian's Verhältniss zu Minucius Felix. Leipzig, 
S. Hirzel 1868. In directem Widerspruch mit Ebert's Ansicht steht 
E. Klussmann, der seinen Zweifel an der Richtigkeit des von jenem 
gelieferten Nachweises der Benutzung des Minucius Felix dttrch Ter- 
tullianus b^i Grelegenheit einer Becension von Hauschild's ,,Grund- 
Sätze und Mittel der Wortbildung bei TertuUian^' in der Jenaer Lit.- 
Ztg. 1878, Nr. 4, S. 56 f. ausgesprochen hat. Brieflicher Mittheilung zufolge 
gründet er seine abweichende Ansicht, der übrigens auch U. Rönsch 
zustimmt, auf die massgebende Stelle des „Apologeticum** (Cap. 25. 26), 
die seiner Ueberzeugung nach von Ebert falsch interpretirt ist. Ic^ 
kann dem ebensowenig beipflichten, als den AusfQhrungen Harters, 
welcher früher schon in der Zeitschr. f. d. österr. Gymn. 1869, S. 348—368 
Ebert's Resultat angefochten hat. Bernhard Dombart hat nach 
meinem Dafürhalten auch hierin durchaus das Richtige getroffen, wenn 
er in seiner zuvor schon angeführten vortrefflichen Uebersetzung des 
„Octavius" des Minucius Felix S. 8, Anm. 3 von Hartel sagt: „Es ge- 
lingt diesem an einigen wichtigen Stellen na;chzuw6isen, dass Tertullian 
" den Minucius nicht so flüchtig und ungeschickt benützt hat^ 
als Ebert glaubte; dass er ihn aber überhaupt benützt hat, das wird 
nach der Untersuchung Ebert's trotzdem fest stehen. Auch Hartel 
behauptet übrigens nicht etwa, dass das umgekehrte Verhältniss statt- 
gefunden und Minucius den Tertullian ausgeschrieben habe, sondern 
setzt fiir beide als Original eine verloren gc^gangene ältere Apologie 
in lateinischer Sprache voraus. Ehe man aber zu einer solchen schwer 
zu controlirenden Hypothese seine Zuflucht nimmt, müsste Ebert doch 
vollständiger widerlegt sein." Ebert hat selbstverständlich das Re- 
sultat seiner Abhandlung vom Jahre 1868 in seine gründliche und aus- 
führliehe „Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlsnde^' 
Bd. I („Qeaohidite der christlich-lateinischen Literatur von ihren An- 
fängen bis zum Zeitalter Karl's des Grossen." Leipzig, F. C. W. Vogel. 
1874) S. 25 aufgenommen und demgemäss Minucius FeUx an die Spitze 
der christlich-lateinischen Literatur gestellt. 

2) Bonwetsch, Die Schriften Tertullian's nach der Zeit ihrer Ab- 
fassung untersucht. Bonn, A. Marcus. 1878. S. 47. 



— 134 — 

merksäm gemaclit, dass Tertullianiig wahrscheinlich auch die 
apologetischen Schriften des Apollinaris und Miltiades be- 
nutzt, sowie in seiner Schrift gegen Praxeas des Hippolytos 
Werk gegen Noetos zur Vorlage gehabt hat: kann es auf 
Grund der Vergleichung der folgenden Stellen 
keinem gegründeten Zweifel mehr unterliegen^ 
dass Tertullianus auch den Brief an Diognetos 
gefkannt und benutzt hat. 

Hinsichtlich des vom Verfasser des Briefes im 1. Capitel 
berührten heidnischen Vorwurfs der Neuheit des Christen- 
thums {tc StJ TtOTS xaivov tovto yivog y kjtit^dsvfia elafjl- 
&ev Big xov ßiov vvv xccl ov ngorsQov) verweist Lipsius 
auf Tert. Apol. 37: „hestemi sumus," ein Aufdruck, der ja 
eine starke rhetorische TJebertreibung enthält, aber sehr 
wohl durch jenes vvv xai ov TtQorsQov veranlasst sein kam. 
In' rhetorischer Ausführung und Erweiterung nämlich er- 
scheinen fast alle hier anzuführenden Stellen; oft genügte 
nur ein Wort, um, wie schon Bbert in Bezug auf des 
Tertullianus Verhältniss zu Minucius Felix (a. a. 0. S. 377 
od. 59) nachgewiesen, bei des Afrikaners lebhafter Phantasie 
neue, eigenthümliche Ideenassociationen in ihm zu erwecken. 

So ist es mir wenigstens nicht zweifelhaft, dass die von 
Lipsius nicht erwähnten Stellen des Briefes Cap, 5,4: xai- 
Oixovvreg Sh nolstg 'EXXrjvidag re xai ßctQßuQovq dtg hcaöxo; 
hckTjQci&fj und Cap. 6, 2: 'ianaQxcci xarä navrio^f tm roil 
a(6/jiUTog fieXcjv ij V^vxVß ^(^i Kgianavoi xccvcc rag rov 
xoGiiov noXsig — Tertullianus zu folgendei;i rhetorischeii 
Ausführungen veranlasst haben: Apol. 37 „vestra omnia im- 
plevimus, urbes, insulas, castella, municipia, conciliabnlar 
castra ipsa, tribus, decurias, palatium, senatum, forum," wo- 
mit Apol. 1 verglichen werden kann: „Obsessam vociferantur 
civitatem, in agris, in castellis, in insulis Christianos, onmem 
sexum, aetatem, conditionem, etiam dignitatem transgredi 
ad hoc nomen quasi detrimento moerent": eine Stelle, welche 
Tertullianus feist wörtlich in den Anfang der wahrscheinlici 
nicht lange nach dem Apologeticum, d. h. nach dem Herbst 197, 
geschriebenen Schrift ad nationes (I, 1) hinübergenommen hat. 

Lipsius vergleicht ferner „die Ausführung von der 



— 135 — 

Misshandlung tind G^ringschätzimg der Grötter durch ihre 
eigenen Verehrer Epist. c. 2 mit Tert. Apol. 12 (ad nation. 
I, 10), eine Parallele, welche um so aufifälliger ist, da Tert. 
nur hier auf die Götterbilder (die simulacra ipsa) zu reden 
kommt." ' Der Verfasser redet dort 2, 3 in rhetorischen 
Fragen von den Thätigkeiten des Bildhauers, des Erzgiessers 
und Töpfers bei Herstellung der Götterbilder und fährt fort: 
ov nglv 7j raiQ Ti/vaig rovrcav üg xr^ fjLOQq)^v tovtojv 
hervTtOD&^ai ijv fbcaarov ccvräv ixätnqf üxd^eiv fieTUfiB" 
(ioQq>ovfihfov; ov tu vvv bc rijq avxrjq vXiqg aifvcc axevti 
yivoix^ av, el rii/ot tcov uircov nx^ito^Vj oiioice roiovroig; 
ov rccvTcc nükiv rä vvv vfp ijfi&v ftgotrxvvovfiBvcc 8vvuir 
äv 4m6 äv&Qoincov axevtj ojnoia ytvkG&Ui roig komolg; — 
Diese Stelle offenbar hat Tertullianus vor Augen, wenn er 
Apol. 12 schreibt: „quantum autem de simulacris ipsis, nihil 
alind deprehendo, quam materias sorores esse yasculorum 
instrumentorumque communium, vel ex iisdem vasculis et 
instrumentis quasi fatum consecratione mutantes, licentia 
artis transfigurante, et quidem contumehosissime et in ipso 
opere sacrilege, ut revera nobis maxime, qui propter deos 
ipsos plectimur, solatium poenarum esse possit, quod eadem 
et ipsi patiuntur, ut fiant." Von der Verachtung, welche 
die Heiden den Göttern bezeigen, sagt der Verfasser des 
Briefes an derselben Stelle 2, 7: vfieig yäg ol vvv vofii^ov» 
reg xccl aeßofiBVoi (nämlich ro^ovg &eovg)j ov nokv nXiov 
cc^Twv xcercctpQOveite] ov itok'd fi&XXov avrovg ^Xevä^^e xal 

ißgi^exB (folgen Participia, die Art und Weise naher 

darlegend): worauf gerade TertuUianus Ausdruck ad Scap. 2: 
„Longum est, si retexamus, quibus aliis modis et deri- 
deantur et contemnantur omnes dii ab ipsis cultoribus 
suis" — zurückzuführen sein dürfte. 

Zu dem vom Verfasser des Briefes im 3. Capitel aus- 
gesprochenen „Urtheil über den jüdischen Cultus" bildet 
zwar Tert. Apol. 21 — wie Lipsius anfuhrt — keine Pa- 
rallele; wohl aber scheint mir wenigstens Tertulhanus an 
derselben Stelle aus dem Anfang des 4. Capitels ganz be- 
stimmte, zur Charakteristik der jüdischen BeUgion dienliche 
Einzelheiten wörtUch entlehnt zu haben. Man vergleiche: 



— 136 — 

Epist. ad Diogn. 4, 1. Tert ApoL 21. 

^dlXä fi^v x6 ys nsQi rag neque de victus exceptioni- 
ßficiaeig xpotpoSsig, xal rrjv bus, neque de sollemmtatibus 
ntQi Tcc aäßßtxTU S^vaiSctiiiö' dierum, neque de ipso signa- 
viaVj xccl xi]V rrjg negiro/x^g culo corporis .... cum ludaeis 
dXcc^ovelaVj xat rrjv rrjg vi]' agimus. 
(TTBla^xal vovfAfjvlag bIqü)- 
velav, xarayiXaGra xal ovSi" 
vdg a^va Xoyov ov vofii^co as 

In hervorragender Weise haben die Gedanken und Aus- 
drücke des 5. Capitels unseres Briefes Tertullianus Anlass ge- 
boten, sich ihrer zu bemächtigen und sie in der ihm eigenen 
Weise, in blendender rhetorischer Umhüllung wiederzugeben. 
Hier ist es wohl am Orte an Ebert's gerade auf diesen Punkt 
bezügliches ürtheil in seiner musterhaften Arbeit über ,5Ter- 
tullian's Verhältniss zu Minucius Felix" zu erinnern. Ter- 
tullianus hat, sagt er S. 382 (64), „das von seinen Vorgän- 
gern Entlehnte sich meist in ganz eigenthümlicher Weise 
angeeignet, ihm entweder durch die Art der Verwendung, 
oder durch die formelle Behandlung den Stempel seines 
Genius aufgeprägt Eben darum zweifelte man auch nicht, 
dass es sein Eigenthum sei Das ganze Werk erscheint 
auf den ersten Anblick wie aus einem Gusse , da das origi- 
nelle lebhafte Colorit des Stiles ihtn eine merkwürdige Ein- 
heit der Stimmung verleiht, durch seinen blendenden Glanz 
die Mängel der Composition verdeckt, und das Entlehnte in 
dieselben schimmernden Farben kleidet als das selbständig 
Verfasste.^' Dies muss man sich gegenwärtig halten, um des 
Tertullianus Verhältniss auch zum Briefe anDiognetos riditig 
zu verstehen, zunächst also zum 5. CapiteL 

Schon Keim (Prot. Exchztg. 1872, Nr. 14) und Lipsius 
haben mit Becht auf die frappant verwandte Stelle Tert 
ApoL 42 verwiesen, eine Stelle, welche ich schon im 5. Ab- 
schnitt herangezogen. Die gemeinten Worte umschreiben 
in rhetorischer Erweiterung offenbar nur den Anfang des 
5. Oapitels, wie eine einfache Zusanmienstellung ergiebt 



187 



£pist. ad Diogu. 5, 1 ff. 

Xpicrtiavol yuQ ovn yfj 
ovre (pwv^ ovn t&e(n Sicc' 
xexQvfjLivoi rcov XomtSv bI(tIv 
äv&Qomwv. oin ydq %ov 
noktiq ISiccg xatoixovaiv ovxt 
SiaXixTqa rtvl nctgriXXaYfikvfj 
XQcovtixi ovre ßlov nagdtTt^fiov 
äax&uaiv • . . . xatoixovvteg 
8k noXeig ^EKktjvlSaq rs xai 
ßugßccQovg (og txccarog heXt]- 
Q(i&r]j xai rolg äyx^Q^oig f^&B- 
üiv dxoXov&owreg iSv re kfr- 
ß'^i xccl dioclrp xocl rq5 koi" 
nä ßiwj •&CCVIICCGT7JV xal öfio- 
Xo/ovfjitPfogncc()d8o^ov kySelx- 
wvrctt xfjv xurdataciv rijg 
ittVTWv noXireiag, 



Tert. Apol. 42. 

Sed aKo qnoque miuriarum 
titulo postuiamur, et infruc- 
tuosi in negotiis dicimur. Quo 
pacto homines vobiscum de- 
gentes, eiusdem victus, habi- 
tus, instructus, eiusdem ad 
vitam necessitatis? .... Itaque 
non sine foro, non sine macello, 
non sine balneis, tabemis, of- 
ficinis, stabulis, nundinis vestris, 
ceterisque commerciis cohabi- 
tamus in hoc seculo. Navi- 
gamus et nos vobiscum et 
militamus, et rusticamur et 
mercamur, proinde miscemus 
artes, operas nostras publica- 
mus usui vestro. 



Nicht bemerkt bisher ist die Benutzung eines anderen 
G-edankens desselben Capitels. Von den Christen sagt der 
Verfasser 5, 5: naxQlSag olxovatv iSiag, cciX dg Ttdgoixoi* 
fj^erixovai ndvrmv (bg noürai^ neu ndv& vnoyiAvovaiv dg 
^ivoi*oiä<ra |^t^ nargig iötiv avx&v, xal n&aa nuxQlg ^ivt^ 
...9. hnl y^g Siutgißovaiv, diX k/v oigcof^ noXixtvovxai. 
Tertullianus giebt denselben Apol. 1 so wieder: „Seit se 
peregrinam in terris agere, inter extraneos facile inimicos 
invenire, ceterum genus, sedem, spem^ gratiam, dignitatem 
in coelifi habere.^' 

In derselben Weise ist das auch von Lipsius ange- 
führte (5, 7) TQdn^l^uv xoiv^ nuQUxl&^vxaij dXX ov xoixfjv ^) 



1) Ich leBe mit Overbeck nach des Maranus schöner Conjector 
xoizriv statt des überlieferten xoty^y. Otto 's Versuch (Corp. apolog. 
vol. m. p. 178), aus noiviqv einen Hinweis auf die Sviaieux deinva 
herauszudeuten, scheint mir nicht geglückt zu sein; yiehnehr sehe ich 
gerade des Maranus Vermuthung xoIttjv, »worin, mit anderen Worten, 
eine Beraehung auf die OidmoÖBlov^ fii^eig unverkennbar sein dürfte, 
durch TertuUianus überzeugend best&tigt 



— 138 — 

von Tertullianas benutzt in Apol. 39: „Omnia indiscreta 
sunt apud nos, praeter uxores: in isto loco consortium sol- 
vimus, in quo solo ceteri homines consortium exercent." In 
derselben Weise endlich auch der Schluss des 5. Capitels 
§.17: TTjv alriav t^q 'ix&QctQ ünüv ol fiiaovvveg ovx 'ä^ovaiv 
in Apol. 1: ,,Quid enim iniquius, quam ut oderint honaines, 
quod ignorant, etiamsi res meretur odium? Tunc etenim 
meretur, cum cognoscitur, an mereatur. Vacante autem 
meriti notitia, unde odii iustitia defenditur quae neu de 
eventu, sed de conscientia probanda est? Cum ergo propterea 
oderint homines, quia Ignorant, quäle sit quod oderunt, cur 
non liceat eiusmodi illud esse, quod non debeant odisse?^^ 
(Vgl. ad nation. I, 1). 

Mit der Anfuhrung von 6, 9: X^taviavoi xoXaCofjLWoi 
XCC&' TJiiiQccv nXebvcc^ovai fiälkov, das in Apol. 50: ,,Pli[ies 
efficimur, quoties metimur a vobis, semen est sanguis Chri^ 
stianorum^' — deuthch wiederklingt, haben wir die Eeihe 
derjenigen Stellen erschöpft, von denen es unzweifelhaft ist, 
dass Tertullianus den Brief an Diognetos in der einen oder 
andern ihm eigenthümlichen Weise benutzt hat. 

Nicht hierher zu gehören scheinen mir folgende drei 
von Lipsius angeflihrte Stellen: 

1) Cap. 5, 10: neiß'ovrai roTg (agtafiivoiq vöfioig vgl. 
mit Apol. 37: „legibus obsequentes," denn in der letzteren 
Stelle, die vollständig lautet: „Quoties enim in Christianos 
desaevitis, partim animis propriis, partim legibus obsequen- 
tes?" — bezieht sich das Participium „obsequentes" auf die 
Heiden und nicht auf die Christen. — 2) Die Logoslehre in 
Cap. 7 vgl. mit Apol. 21. Aber die von Tertullianus ge- 
gebene Begründung stützt sich unter Zuhülfenahme stoischer 
Philosopheme auf ganz andere Schriftstellen, als die an jener 
Stelle des Briefes, welche, wie zuvor schon hervorgehoben 
wurde, stark gnostischen Charakter trägt — 3) Cap. 8 (philo- 
sophische Meinungen über Gottes Wesen) wozu zu vergl. 
Apol. 46. Allein dieser Yergleich ist unzutreffend, weil die 
kurze Notiz unseres Verfassers über die Philosophen, 8, 2: 
cjv ol fiiv Tiveg nvQ 'iq>aa€cv elvai rdv &b6v (ov fiiXXov(Fi 
Z(0Q^a6iv avToij rovto xccXov<n &€6p), ol Si vSoag, ol d 



— 139 — 

äXXo ri rcSv tnoixdtov nSv heti(T(Aiv(av imh &60v — von 
Tertollianus in jenem den Epilog seines Werkes beginnen- 
den Capitel auch nicht im entferntesten berührt wird. Ter- 
tollianns zeigt vielmehr Cap. 46 an der verschiedenen Art der 
Behandlmig, welche die doch auch die heidnischen Götter 
bekämpfenden Philosophen und die Christen von den Heiden 
erfahren, dass das Christenthum nicht eine Art von Phüo- 
sophie sei, erörtert sodann den Unterschied zwischen beiden 
und beweist, dass die Philosophen, wie des Thaies Beispiel 
lehre, nichts von Gott wissen und dass es mit ihrer Sittlich- 
keit schlimm bestellt sei, wofür Beispiele angeführt werden. 
Die einzige Erwähnung des Thaies aber, auf den ja sicher- 
lich , ohne ihn zu nennen, auch der Verfasser des Briefes 
an Diognetos blickt, wird [man nicht als Beweis der Benu- 
tzung des Briefes durch Tertullianus anführen können, da 
Ebert (a. a. O. S. 368 oder 50) überzeugend nachgewiesen 
hat, worauf jener offenbare Irrthum bei Tertullianus zurück- 
zuführen ist. 

Doch kommen diese letzten drei Stellen und ihre ver- 
meintliche Benutzung durch Tertullianus auch immerhin in 
Wegfall: soviel, meine ich, ist durch die voraufge- 
henden Erörterungen bewiesen, dass Tertullianus 
thatsächlich den Brief an Diognetos benutzt hat. 
Ob derselbe ausserdem den Brief an Diognetos in seiner 
uns nicht erhaltenen Schrift „contra Apelleiacos" des Wei- 
teren erwähnt und besprochen hat, ist natürlich bei dem der- 
maligen Stande der Dinge nicht mehr zu entscheiden; jedoch 
erscheint es mir aus dem Grunde höchst unwahrscheinlich, 
weil er, der leidenschaftUche Polemiker, der im Verunglim- 
pfen seiner Gegner, besonders auch des Apelles, wie wir 
gesehen, so Starkes leistet, schwerlich genug Objectivität 
und Gerechtigkeitsgefühl besass, um die Schrift eines Geg- 
ners, welche für den wahrhaft christUchen Sinn ihres Ver- 
fassers ein so ehrenvolles Zeugniss ablegt, wie der Brief an 
Diognetos, neidlos anzuerkennen und mit Unbefangenheit zu 
würdigen: ein schriftstellerisches Erfordemiss, das den 
christlichen Wortführern in demselben Masse allmählich 
abhanden gekommen zu sein scheint, als die erstarkende 



— 140 — 

Kirche die häretischen £ilemente ausschied und alle freieren, 
wissenschaftlichen Regungen, welche ja besonders von Origi- 
nes ^) ausgingen, je länger je energischer schonungslos unter- 
drückte, während sie andererseits Schriften gefeierter Män- 
ner in das Dunkel jahrhundertelanger Vergessenheit ver- 
sinken liess , wenn dieselben dem kirchlichen Bufe ihrer 
Verfasser geschadet haben würden.^) Gewonnen ist durch 
diesen Kachweis jenes Zeugniss der äusseren Tra- 
dition, aus dessen vermeintlichem Mangel Overbeck 
zunächst den Muth zu einer Kritik des Schriftwerks ge- 
schöpft hat, welche dasselbe nicht bloss aus dem schon durch 
die handschriftliche Ueberschrift angedeuteten und von allen Ge- 
lehrten bisher festgehaltenen zweiten Jahrhundert hinauswies, 
sondern es sogar für eine Fiction der nachconstaatinischeii 
Zeit in unbestimmter Ausdehnung, ja des ältesten Humams- 
mus erklärte. Damit sind wir zum Anfang dieser Abhand- 
lung zurückgekehrt. Es bliebe vielleicht noch übrig, über den 

3. Ort der Abfassung des Briefes 

wenigstens eine Vermuthung zu äussern. Nach meinem 
Dafürhalten ist die Schrift wahrscheinlich in B,om 



1) Mit welchem fanatischen Hasse die Lehren und Sehrifben des 
Origenes von den alten Ketzerrichtem der griechischen Kirche ver- 
folgt und vernichtet wurden, ist bekannt. Noch in des Patriarchen 
Nikephoros (gest,S28) J[QovoYQag>cx6p avyio/itoy (Niceph. archiepisc. 
Constant' op. bist. ed. De Boor. Leipzig, Teubner. 1880. p. 94), das 
freilich von anonymen Verfassern bis in*s 10. Jahrhundert fortgesetzt 
und überarbeitet wurde, ist Origenes mit dem Epitheton o xax6g>Qwv 
den orthodoxen SjeitgeaoBsen genügend gekennzeichnet. Ebenso ver- 
säumt Zonaras (der bis 1118 schreibt) nicht, in seinem GreschichtB- 
werke Xu, 20 (ed. Dindorf, vol. III. p. 133 ff.) dem Origenes (roJ d&llift 
exelvGi !) ein langes Sündenregister vorzuhalten; ov xotg — sagt er, um nur 
Einiges daraus hervorzuheben — xöv ngo avrov naxiqov iegcSv j/xo- 
Xov&tj(T6 doffiaaiv, dXX' iavrß '&aQQij<rag xaiv&v doffintfay eiaaycjYevg 
iXQtiftouKTBt xal ßXttcrg)ijfjUag atg xb T^y dfitat tgidda »ai slg t^v 
'd'elav evBiV'd'g^Tiffffiv dx tov novrjgov Sijiravgov t^g xug^tag avtov 
i^ijgev^aTO, xal ndarjg cxeddv aCgiaeag ifivezo dg^riYog» 

2) Vgl., was z. B. die literarische Hinterlassenschaft des Gregorios von 
Neocäsarea betrifft, Victor Kyssers gründliche und sehr verdienst- 
liche Schrift über „Gregorius Thaumaturgus*' (Leipzig, Verlag von 
L. Femau. 1880) S. 9. 



— 141 — 

geschrieben. So wie Keim für den I4h^&^s loyog des 
Celsus wegen seiner Kenntniss mancher gnostischer Parteien, 
Marcion, Valentinus, Marcellina, und besonders wegen der 
in der umfangreichen Schrift und bei Berücksichtigung ihres 
nächsten Zweckes naturgemäss zahlreicheren äusseren Be- 
ziehungen, wie „die starke Betonung der römischen Religions- 
gesetze, der Einblick in die Nothstände des Keichs, des 
Kaisers, der patriotische Kummer und die patriotische 
Mahnung an die Christen" (Keim, Celsus S. 274) auf 
Rom schloss: so dürfte auch der stark gnostische Cha- 
rakter des Briefes an Diognetos, besonders wenn, wie 
ich wenigstens in vielfacher Hinsicht wahrscheinlich zu 
machen suchte, der greise Gnostiker Apelles der Ver- 
fasser sein sollte, sowie die Erwähnung des Diogne- 
tos, den wir uns doch am kaiserlichen Hofe zu denken 
haben, auf Kom als höchst wahrscheinlichen Abfassungsort 
iiinweisen. Damit würde stimmen, dass es in der griechi- 
schen Literatur an jeder Spur einer Kunde von dem Briefe 
an Diognetos fehlt, da (vgl. Harnack, de Apellis gnosi 
monarchica p. 91. Anm. 2) des Apelles Schüler vermuthhch 
niemals nach Griechenland und Kleinasien gekommen sind* 
Erklären aber würde sich aus diesem römischen 
Ursprung der Schrift die frühzeitige Benutzung 
durch Tertullianus, der nach Harnack (a. a. O. S. 16) 
in den ersten Jahren des Kaisers Septimius Severus (19S 
bis 211) noch in Bom war und damals nach mehrjährigem 
Aufenthalt die ewige Stadt verliess und nach Carthago zu- 
rückkehrte. In Bom hätte er alsdann wahrscheinlich da- 
mals die wohl von Anfang an anonym umlaufende Schrift 
kennen gelernt, und auf seine Vermittelung würde endlich 
auch die nur noch in der aMkanischen Kirche bei Arno- 
bius, wie ich an einer früheren Stelle dieser Arbeit nach- 
zuweisen mich bemühte, sich findende Kenntniss des Briefes 
an Diognetos zurückzuführen sein. 



Der Brief des Origenes an Gregorios 

von Neocäsarea. 

VictorEyssePs sorgfältige und dankenswerthe Schrift 
über „Grregorius Thaumaturgus" (Leipzig, Verlag von 
KFernau. 1880), in welcher der Verfasser eingehende Unter- 
suchungen über das Leben und die Schriften des Gregoiios 
von Neocäsarea, jenes bekannten begeisterten Schülers des 
grossen Origenes, anstellt und zum ersten Male eine deut- 
sche üebersetzung „zweier bisher unbekannter Schriften^' ^) 
des Gregorios aus dem Syrischen („An Philagrios über die 
Wesensgleichheit" und „An Theopompos über die Leidens- 
unfähigkeit und Leidensfähigkeit Gottes") veröflFentUcht, 
giebt mir Veranlassung, einige der von ßyssel aufgestellten 
chronologischen Bestimmungen, besonders soweit sie mit dem 
uns erhaltenen Briefe des Origenes an Gregorios im Zu- 
sammenhang stehen, noch einmal genauer zu untersuchen. 
Vergegenwärtigen wir uns darum an der Hand der TJeber- 
lieferung kurz die Hauptthatsachen aus dem Leben des Gre- 
gorios bis zur muthmasslichen Abfassungszeit jenes beacli- 
tenswerthen historischen Documentes. Das Wichtigste theilt 
uns Gregorios selbst mit in seinem Elg 'iigiyivf^ nQoa* 
qxüVTiTixdg xccl TtccvfjyvQixdg l6yog,^ von welchem Eusebios 
(Hist. eccl. VI, 30), Sokrates (Hist. eccl. IV, 27) und Hie- 
ronymus (De viris illustribus cap. LXV) in ihren Mit- 
theilungen fast durchweg abhängig sind, während wir des 



1) Inwieweit dieses Wort Ryssel's — es ist dem Titel seiner Schrift 
entnommen — der Einschränkung bedarf, wird in anderem Zusam- 
menhange zu zeigen sein. 

2) Ich citire die Schrift nach dem Texte von Lommatzsch in dessen 
Ausgabe des Origenes vol. XXV, p. 339—381. 



— 143 — 

Gregorios von Nyssa Biog xal iy7(cifi$op ^d'kv dg t&¥ 
äyiop rg^ogiov tov QavfiUTovQydv yepofitvov hniaxonov 
XTJQ NBoxciiaagBiccg mit seinen legendenhaften Ausschmück- 
ungen der einfachsten Thatsachen und seinen Wunderbe* 
richten vorläufig gänzlich unberücksichtigt lassen. 

Gregorios — bevor er Christ ward, Theodoros genannt 
— war in Neocäsarea in Pontus ^) geboren, wo er mit sei- 
nem Bruder Athenodoros in heidnischer Umgebung aufvruchs. 
Im Alter von vierzehn Jahren seines Vaters beraubt, wurde 
er von seiner Mutter, die dem Knaben eine seiner edlen 
Abkunft entsprechende Erziehung zu geben beabsichtigte, 
einem Redner zur Ausbildung überwiesen, während er selbst 
gar bald durch den Einfluss eines seiner Lehrer, der ihn 
in der lateinischen Sprache unterrichtete, zum Studium der 
E«chtswissenschaft sich bestimmen Hess. Zu diesem Zwecke 
begab er sich, von seinem Bruder begleitet, nach Berytus, 
das, wie er selbst sagt (Cap. 5, S. 352), um jene Zeit „in 
dedu Bufe stand, mehr römisches Gepräge zu tragen und 
eine Pflanzschule der Jurisprudenz zu sein." Nun hatte 
gerade damals der Statthalter von Palästina unerwartet des 
Gregorios Schwager, einen tüchtigen Eechtsgelehrten, zu 
seiner persönlichen Unterstützung in der Verwaltung des 
Landes zu sich nach Cäsarea berufen, und dieser wollte 
seine Frau in nicht gar langer Frist sich nachkommen lassen 
und die beiden Brüder zugleich mit ihr zu sich nehmen. Letz- 
tere gingen eben mit dem Plane um, irgend eine Reise an- 
zutreten, als ein Soldat mit der schriftlichen Weisung von 
Cäsarea eintraf, die Frau mittelst angewiesenen Staatsfuhr- 
werks wohlbehalten dorthin zu befördern und die Brüder 
als Reisebegleiter mitzubringen, denen überdies durch den 
rechtsgelehrten Schwager und dessen Verwandte allerlei 
Förderung in ihren Studien in Aussicht gestellt wurde. So 



1) Die Stadt war am Lycus, jetzt Gennilü- oder Kalkyt-Irmak, 
einem Nebenflüsse des in den Pontus Euxinus sich ergiessenden Iris, 
jetzt Jeschil-Irmak, gelegen. Ihr Name lautete früher Cabira, später 
Sebaste, heutzutage heisst sie Niksär, was ersichtlich eine Verstümme- 
lung von Neocäsarea ist. 



— 144 — 

entschlossen sie eiich denn 2ttr Rei^e naoh Cäsarea (Oap. 5^ 
S.-360 — ^353). Hier wurden nun aber Beide durch Origenes, 
den sie zunächst der Merkwürdigkeit wegen zu sehen und 
zu hören wünschten, derartig gefesselt, dass sie den anfäng- 
lich wiederholt gefassten Plan, heimlich von ihm weg nach 
Berytus oder in die Heimath zu entweichen (Cap. 6, S. 354), 
aufgaben und nun in Cäsarea blieben, ganz hingegeben dem 
bewunderten und hochverehrten Lehrer, der sie durch die 
Bande der Freundschaft und die mit tiefer Weisheit gelei- 
teten Studien der Dialektik, der Greometrie und Astronomie 
(Cap. 11, S. 366) für die Beschäftigung mit den heiligen 
Schriften und der christlichen Wissenschaft und damit all- 
mählich für das Christenthum gewann. „Quorum cum egre- 
giam indolem vidisset Origines," — sagt Hieronymus de 
viris illußtr. c. LXV — „cohortatus est eos ad philosophiam^ 
in qua paulatim fidem Christi subintroducens sui quoque 
sectatores reddidit." 

Hier fragt es sich zunächst, in welches Jahr wir die 
Begegnung des Theodoros mit Origenes, jenen entscheiden- 
den Wendepunkt im Leben des jungen Bechtsgelehrten, 
dessen der Christ gewordene Gregorios als seines „ehren- 
vollsten T^ges, an dem für ihn zum ersten Male die Sonne 
der Wahrheit aufzutauchen begann," in seinem Panegyri- 
kos (Cap. 6, S. 364) mit inniger Dankbarkeit sich erinnert, 
zu versetzen haben. 

£in festes Datum, von dem wir ausgehen müssen, ist 
uns aus dem Leben des Origenes bekannt. Eusebios näm- 
lich berichtet (Öist. eccl. VI, 26), Origenes sei iin zehnten 
Jahre des Kaisers Alexander Severus von Alexandria nach 
Cäsarea übergesiedelt {rijv uii !dke§avS^slag (AtTctvaaratnv 
k%l T1JV KccKTägeeav 6 'iigiyipfjg 7toi^(T(ifievog). Da nun He- 
liogabalus, dies Scheusal auf dem Kaiserthrone, im Anfang 
des Monats März des Jahres 222 von den Prätorianern 
ermordet wurde, und der tugendhafte Alexander Severus^ 
seinem Vetter sofort^) folgte, so ist das zehnte Jahr seiner 

1) Gibbon nennt (Gesch. des allm. Sinkens u. endl. Unterganges 
des röm. Weltreiches. Deutsch von J. Sporschü Bd. I, S. 151, Anm. 1) 
als Todestag des Heliogabalos den 10. März 222, Grosse (Comment. 



— 145 — 

Herrschaft; das Jahr 231. An ihm ist als dem durch die älte- 
sten und besten Handschriften des Eusebios (2 codd. Paris, aus 
dem 10. und 13. Jahrhundert und 1 cod. Yenet. aus dem 
10. Jahrhundert) überlieferten festzuhalten, während es auch 
um die äussere Bezeugung der Variante dmdhccctov, die 
in jüngeren Pariser Handschriften des 16. Jahrhunderts und 
in des Nikephoros Kirchengeschichte aus dem 14. Jahrhun- 
dert sich findet, schwach bestellt ist. Schwerer wiegen selbst- 
yerständlich innere Bedenken; das Jahr 233 würde uns in 
die unerträglichsten Widersprüche verwickeln. So würden 
wir, da Gregorios selbst im Eingange seines Panegyrikos 
von 8 Jahren redet, die er bei Origenes oder unter dessen 
EinfiuBS zugebracht, auf das Jahr 241 gerathen, w^ährend 
doch Origenes schon 240 sich auf die Beise nach Athen 
begeben hatte. ^) Wir werden also bei dem Jahre 231 als 
demjenigen stehen . bleiben müssen, mit welchem des Orige- 
nes und des Gregorios längerer Aufenthalt in Cäsarea be- 
ginnt. In diesem Falle nämlich findet auch die von des Grego- 
rios eigoiien Worten abweichende Angabe des Eusebios (Hist. 
eccl. VI, 30) und Hieronymus (De viris illustr. c. LXV), die 
beiden pontischen Brüder hätten einen fünfjährigen Unter- 
richt bei Origenes genossen, die beste Erklärung. Denn als 
nach fünf Jahren 235 Alexander Severus ermordet und der 
rohe Maximinus Thrax sein Nachfolger wurde, begann dieser 
eine Christenverfolgung, hg S^ xccrct x6rov rov ngbg rdv 
'AXs^ccvSgov oixov, ix nkiiovonv niiSx&v cwsarwray SicayfAop 



zu Eutrop. Vm, 22) imd Peter (Zeittafeln der Köm. Gesch., Halle 1854, 

5. 121) den 11. März, während m dem von Lampridius (V. Alex. Sev. 
c. 6.) aus der Staatszeitung (ex actis urbis) mitgetheilten Ausschnitt vom 

6. März (a. d. pridie nonas Martias) die Senatoren dem nach längerem 
Zögern im geweihten Tempel der Concordia erscheinenden Alexander 
Severus jubelnd zurufen: Di te ex manibus inpuri eripuerunt, di te 
perpetuent« inpurum tjrannum et tu perpessus es, inpumm et obscaenum 
et tu yivere doluisti, di illum eradicarunt, di te servarunt. infamis im- 
perator rite damnatus. felices nos imperio tuo, felicem rem publicam. 
infamis imco tractus est ad exemplum timoris. 

1) Vgl. Redepenning, Origenes 11, S. 59, Anm. 1 , an wel- 
chen sich Ryssel, Gregorius Thaumaturgus S. 12 und 13 durchweg 
anschliesst. 

10 



— 146 — 

iysiQccg, — berichtet Eusebios (Hist. eccl. VI, 28) — rtwg rm 
kxxhjamv &Qxovtccq fiovovq (&q alrlovg r^g xcrtä ro evayyi' 
Xiop diSaaxecXiccg dvcctQ€t(T&cci ngoaTarrei, Ob dieselbe, was 
aus des Eusebios Ausdruck (vgl. VI, 28) direct nicht zu 
entnehmen ist, volle drei Jahre, d. h. bis zum Tode des 
Maximinus 288, oder, was mir wenigstens durchaus wahr- 
scheinlich ist, nur bis etwa zum Mai des Jahres 237, einem 
Zeitpunkt, in welchem das Volk in Nordafrika den älteren 
Gordianus sammt seinem Sohne zu Kaisern ausrief, und 
von welchem an, nach kurzer Herrschaft dieser iÖeiden, Ma- 
ximinus bis zu seiner Ermordung vor Aquileja im Frühjahr 
238 an nichts Anderes zu denken Zeit hatte, als die beiden 
vom Senat ernannten Gegenkaiser Maximus und Balbinus, 
denen noch der dritte Gordianus vom Volke als Cäsar bei- 
gesellt war, mit den Waffen wieder zu beseitigen : das ist 
bei der Mangelhaftigkeit der Ueberlieferung jetzt nicht mehr 
mit absoluter Sicherheit zu entscheiden. Wenn aber die 
Verfolgung, wie ich aus der Combination der angeführten 
historischen Thatsachen zu erschliessen suchte, wahrschein- 
lich nur bis zum Mai des Jahres 237 dauerte, so würde es 
uns nicht verwehrt sein anzunehmen, dass des Gregorios Stu- 
dien unter der unmittelbaren Leitung des Origenes nicht 
mehr als zwei Jahre unterbrochen waren. Sie würden dann, 
wenn anders auch Origenes es wagte, schon 237, als des 
Maximinus Macht und Ansehn im ganzen Süden und Osten 
des Reiches total erschüttert und untergraben und, wie 
vielleicht aus einer Notiz über Philippus Arabs, den spä- 
teren Kaiser, bei Zonaras (XII, 19: ^itagxog fjiiv yccQ xa- 
xeivog yevi(T&cci iffrogt^ccc, aXX Alyvmov, xccl ov rov Soqv- 
<poQixov) geschlossen werden darf, der den Christen so ge- 
neigte Philippus muthmasslich damals kaiserlicher Statt- 
halter in Aegypten war, und nicht erst, wie Eedepenning 
(Orig. n, S, 55) und Eyssel (S. 13) annehmen, 238, nach 
Oäsarea zurückzukehren, in jenem Jahre fortgesetzt und zum 
Abschluss gebracht sein. Denn, sei's im folgenden Jahre 238, 
sei's 239, muss Gregorios, da Origenes bereits 240 sich nach 
Athen begab, „convocata grandi frequentia ipso quoque 
praesente Origene" (Hieronym. a. a. 0.) in Cäsarea seine 



— 147 — 

Dank' iiBd Abschiedsrede gehalten und dann mit seinem 
Bruder Athenodoros die Eückreise in die Heimath ange- 
treten haben. Von Beider durch Origenes ihnen iivÄhrend 
ihres palästinensischen Aufenthalts gegebenen theologischen 
Ausbildung rühmt Eusebios (Hist. eccl. VI, 30); rotrccvrfjff 
^nTjvi/xetmo negl tct '9ttu ßAtlmaiv, <&g Itn viovg — „ad- 
modum adulescens'^ sagt Hieronymus von Gregorios, so dass 
dieser damals wenig über dreissig Jahre, das nach altem 
Herkommen erforderliche Alter eines Bischofs, alt sein 
konnte, mithin etwa, um das Jahr 210 geboren sein muss 
— &fAq>w kniaHonrjq tmv xcctcc üoptov kxxkfjcicjv ä^no&^vae. 
„Aber mit dieser Abschiedsrede des Gregor", sagt 
Eyssel (S. 3), „hört auch die streng historische üeberlie- 
ferung über das Wirken dieses bedeutenden Schülers des 
ersten der morgenländischen Kirchenlehrer auf, und nur der 
Brief des Origenes an Gregor macht uns noch mit dem 
weiteren Lebensgang Gregors bekannt." Im Anschluss an 
Eedepenning (Orig.n,S. 59, vgl. Anm. 1), dem wohl schon 
Fabricius (Biblioth. Graeca Vol. VII, p. 230) den Weg 
wies, verlegt Eyssel die Abfassung des Briefes in das 
Jahr 240 und lässt ihn von Nicomedia aus, wo Origenes auf 
der Durchreise sich aufhielt, geschrieben sein. Wenn der- 
selbe nun nichts weiter zu besagen hätte, als dass er, wie Eyssel 
(S. 13) seinen Inhalt ganz im Allgemeinen charakterisirt, 
durchaus dem entsprechend ist, „was wir über die Absichten 
Gregors bei seiner Eückkehr in seine Heimath wissen: er 
hatte die juristische Laufbahn im Auge, aber Origenes er- 
mahnt ihn, „er solle auf den für ihn nicht unerreichbaren 
Ruhm eines grossen Eechtsgelehrten oder Philosophen ver- 
zichten, um sein ganzes Wissen in allen Gebieten der Ge- 
lehrsamkeit der christlichen Wissenschaft zu widmen"": — 
80 würde allerdings die Summe desBen, worüber nur er „uns 
noch mit dem weiteren Lebensgang Gregors bekannt"^ macht, 
eine ziemlich geringfügige sein. Aber ich behaupte, der Brief 
enthält mehr, wenn er uns auch völlig den Dienst versagt bei 
dem Versuche, mittelst seiner den weiteren Lebensgang des 
grossen pontischen Eorchenlehrers mit historischem Lichte 
2u erhellen, um diese meine Behauptung zu beweisen, er- 

10* 



— 148 — 

scheint es mir dringend nothwendig; Origenes selbst zani 
Worte kommen zu lassen. Sein Brief an Gregorios findet 
sich in der von Gregorios von Nazianz im Verein mit seinem 
Freunde Basilios von Cäsarea in ihrer selbstgewählten pon- 
tischen Einsamkeit aus des Origenes Werken veranstalteten, 
exegetischen Chrestomathie, die wir unter dem Namen 'Qqi- 
yivovq <l>iXoxccUu besitzen, im 13. Cap, unter der Ueber- 
Schrift: Iloxexal rlai rä and (pikoao<plag fia&rjfjLava XQV^^t^^ 
slg r^v xmv iegcov yQU(pwv 8i,^yrjaiv fisrä ygatpix^g fiagtih 
giag. Ich gebe den Text so, wie ihn Spencer in seiner mit 
des Origenes Werk Katä KiXaov vierbundenen Specialaus- 
gabe der (l>ikoxccUcc (Cambridge 1658) nach einem Cod.Eeg. 
veröffentlichte, verglichen mit dem von Lommatzsch in 
seiner Gesammtausgabe des Origenes Bd. I und. Bd. XKV, 
mit wenigen sachlichen und sprachlichen Erläuterungen so- 
wie denjenigen Verbesserungen, welche nach den von J. Ta- 
rinus aus zwei der Bibliothek des Thuanus angehörigen Co- 
dices mitgetheilten Lesarten oder aus andern Gründen noth- 
wendig erscheinen. 

XaiQe iv S^eüy xvqv^ fwv OTtovdcuovave xal aideai- 
(lahaTe vii FqriyoqtE, naga 'ÜQtyivovg. 

!H ßlg (Tvveffiv, cSg sv ola&a, Bvtpvla Hgyov tpigsiv Sv- 
vatui aaxriaiv nQoaXaßovaa, äyov kTtl rd xarä ro kvSexo- 
fiei^ov, IV* oiJrcöff ovoiAäaco, riXog ixstvov, oTtag daxeZv rig 
ßovXerai. Jvvccrai ovv fj evtpvia cov PtofAcäov ös vofiixov 
^noutv riXetov, xal 'EXXi^viaeop xivct cpiXoaotpov tcSv vofit^O' 
fiivtav kXXoylfiCQV aigicBOjv. lAiX iyco xy näap r^g evtpviag 
SwüfiEi aov kßovXofjLTiv xaraxQv^^cca&ai as, veXixwg fih elg 
XgiffTiccVLafiov, noirjTixwg 8i biet rovt' &v riv^dfArjv naga- 

1. Sinn: Quae ad intelligentiam comparata est indoles, ut tute nosti, 
si exercitatio aocesserit, opus expromere potest, quod rd. (Tarimis), — 
7. TeXm&g'] tBXix&v utr. cod. Thuan. — 8. noi'qxixßg'] noiT^zixijv 
utr. cod. Thuan.] Spencer und Lo mm atz seh (Orig. opera voL I, 
p. 1 und vol. XXV, p. 66) interpungiren : nottjTixag di. Aw tovt' av. . 
Die im Text gegebene, unbedingt richtige Interpunction schon bei 
TarinusundDe laBue; TtotTjrixassrd itoiovvTa t6 tiXog vgl. noiff- 
TixeSg vYi^slag Aristo! Top. 1, 15. 



— 149 — 

7.a߀Lv ae xai (piXoGOcplag 'ElXfjvwv rä oiovel slg X^i^aria" 
"viofibv Svvd^eva yevia&ai hyxvxXta fia&ijfjLara rj ngo-io 
nceidsvfiara, Tcal rä and yecjfieTQiag tccu davQOVOfiiccg XQV' ' 
<fifia kaofievcc elg ttjv rcov iegcov ygatpcov Si^yrjffiv tv\ 
oTzeg cpacl <piXoa6(f(ov nceiSeg ijtegl yecofASTQiag xai yiovGixrjg 
yoccpLuccTiXTJg t€ xai> Qrjrogixi^g xai äargorofitag, cbg awsQt' 
d-oiv cpiXoöocpi^, Tovd'^ ^fielg elmofisv xai negl air^g tpiXfh 15 
<FO(piccg ngbg Xgiaticcviöfwv. Kai rdxu toiovtö tv alvic- 
<TBxai r6 hv *E^6S(p yeygafifiivov hc ngoacSnov tqv &^ov, 
'Iva ^ex&p Tofig vlolg 'Icrga^X altsZv nagä yuxovmv xai 
<5vaxi]Voov axevi] dgyvgä xai /pvca xai IfjLaTiG^ov* iva gxv- 
Xevaavrsg roig Aiyvnxiovg evgcQGiv vh]v ngög rr^v xaTa'20 
Gxsv^v rcüv nagaXafjißavojtiivcov elg t^v ngog &s6v Xargetav. 
'Ex yüg &v kaxvXBvaav rovg Alyvnriovg ol viol 'lagaijX, 
rä bf xoTg dyiovg xgjv dyiwv xaxBöxevaaxai , rj xißmxog 
jusrd xov kjti&efjLaxog xai xd ;^€(>ot;/SijU xai x6 IXaaxTJgiov 
xai y X&'^^V oxdfivog, iv y dnixuxo xd fjidvva xcov dyyiXa)V2b 
b ägxog. Tavxa fiiv ovv and xov xaXklaxov xäv Alyvn^ 
rlcov slxog yeyovivai ;^()i;<Toi/' and Sk 3evxigov xivog nag* 
ixslvov i] axeged Si oXov xgvG^ Xv^vlay nltjalov xov kacd^ 
xigov xaxanexdöiiiaxog, xai oi kn* avxrjg Xv^voi, xai fj 
Xgvürj xgdne^a, h(f' rjg ^6av ol dgxoi xrjg Ttgo&iGSfog, xal^ 



10. iYxvxXia'] Aristoteles erwähnt an mehreren Stellen (Eth. 
Nicom. I, 3. Bekk. p. 5, 15; de coelo I, 3; de anima I, 4) Xo^oc ifxvxXcoi, 
Xo^ot iv xoiva, die nach Stahr (Aristotelia II, S. 270) identisch sind 
mit den von dem Philosophen wiederholt genannten Xo^oig s^coTeQixotg, 
d. h. Schriften, welche für ein nicht philosophisch gebildetes Publicum 
geschrieben waren. Zu den von Diogenes Laertius V, 26 im Kataloge 
der Aristotelischen Schriften aufgeführten 'Et^xvxXitov «. ß. bemerkt 
Scaliger: t,Hoc est, ut ego iudico, atque ut omnino verum est, Ttjg 
SYXvxXlov natdalag. Si qui aliter interpretantur , plane sunt ndar^g 
SYxvxXlov nacdelag nneiqoi, Unum Thomam Aquinatem excipio, cui 
non tarn attribuenda est eins rei ignoratio, quam infelici eins saecvlo.** 
Für die richtige Bestimmung des Sinnes, in welchem Origenes hier das 
Wort gebraucht, ist besonders lehrreich die aus seines Lehrers Cle- 
mens Alexandrinus I. Buche der J^xgcüfiocTu von Tarinus citirte 
Stellei: cog id eYXVxXta fia&^ficna (rvfißdXXsTai ngog q>iXoiToq)Lav xrjp 
öianoirvaf avTcJ)^* ovtü) xai q)i,Xo(joq)la avtri nqig aoq)iag xxrjixiy 
(TvveQfei. *'£(Tn Y^Q V M'^^ gnXocoqiia inirrjüevaig, ^ aocpLa^ de ini" 
aiijfirj 'd-eiav xai dv-d'q(oniv(ov xai tc5v tovtov aiwitar,' 



— 150 — 

fjLeTcc^v äjiiq>OTiQa)v ro XQ^^ovv &vfjLtaTiJQiov. Ei Si xig f/v 
xqItoq xal tkxagxoq xQ^<^og, k^ ixelvov xaxeaxevdCeTO xä 
(Txevf] XU äyia* xal äno ägyvgov Si Alyvnxiov aUa 
iyivero' hv Alyvnx(p yccQ Tcagoixovvxeg ol vlol 'laga^X xovxo 

^hano XTJq kxei naQoixiaq xenegS^xaci, xd EvnoQtjaai xoccev- 
xfjs vXrjq xifAiccg üg xä XQV^^P^^ ^^S Xaxgeiccg xov d'Eov. 
'Atio di Alyvnxiov lixuxiafiov elxog yeyovivai oacc ideij^ 
iQyoav, wg dvofjLaaev ^ ygcecpi^, gu(piöavxc5vj avQQccnxovxm 
xcjv pa(piSevxc5v fiexä aocpiag d'^ov xä xoiaSs IfAuxia xdig 

40 xoioifrde, ivu yivrjxat xä xaxanBxäcfiaxu xal al ctvlcTm 
ai haoixBQai xal k^cQxsgai. Kai xl f4.6 Sei ccxaigmg nagfx- 
ßaivovxa xaxaaxaväl^Biv, üg o<Ta xQV^^-f^^ ^^^* ^^I^ ^'^'s' 
'laga^X xä änd Alyvnxov TtagaXafißavofieva, olg AljvnTm 
fikv ovx üg Siov hxg&vxo, 'Eßgaloi Si Siä rrjv xov ^vA 

45 aotplav slg &eoaißeiav ^/()^'(yai/ro; OlSe fiivxoi rf &üa ygctffii 
Ttgog xaxov yeyovivai x6 and Tijg yfjg xSv vlcjv 'Icgati^ «1? 
Atyvnxov xaxaßeßr^xivai, alviaaoyLivrj, oxi xial ngbg xaxov 
yivexai xd nagoixrjaai Alyvnxioig, xovxiaxi xoig xov xocfiov 
fia&i^fAaöii fABxä xd hyyga(prjvai x^ vofjiq) xov -d'sov xai v] 

f>0*IagariXixixy üg avxdv &ega7tei^. '^dStg yoyv 6 *ISoviJLttiog, 
060V pLhv hv ry yy xov 'lagarjX ^v, fxrj yevofievog xm Jiyv- 
nxlmv ägxG)v, sYSiaXa ov xaxBaxeva^ev' oxe Si änoSgäg tov 
ao(pov ^oXoficjvxa xaxißti üg Atyvnxov^ (äg unoSgäg i^o 
Xfjg xov &B0V aotplag (rvyyev^g yiyovs tg) 0aga(6, yi^i^a^ 

bbx?)v dSeX(pijv xTJg yvvaixog aixov, xal xexvonoicov xov xq^ 

35. «TT 6] So richtig Lomm. Orig. opera vol. I, p. 2 und vol. XXV, 
p. 67; vno Spencer. — 37. Ütio de'] Lomm. Orig. opera voL I, p. 2 und 
vol. XXV, p. 67; ano y^Q Spencer. — 38. qa(pidBVTcSv, (tv^^o- 
nrovTfav tüv ^a<pid8VTcSv'] ^ag)iÖ6vt(5p, (rvggamcjv, lav gaifi- 
y öevTcjv . . . Spencer und Lommatzsch, corrupt und sinnlos. — 39. Exod. 
31, 3. 6; 36, 1. 2. 8. *— 40. avXalai'] avlai Spencer, offenbare Cor- 
ruptel. — 41. iataiegai xai e^ciTegat'] utr. cod. Thuan. , iamiq^ 
xai i^atigb) Spencer. Vgl. sowohl oben Z. 28: tov eaarSgov xaja- 
TiBtadfiaxog als Ezech. 10, 5: xai qxovri rcSv nxeqvytov roSv Xegovßifi 
^xovsTo Bdg Tfjg avl^g T^g d^catigag, auch Ezech. 40, 20: xai l5oi 
nvlrj ßkinovira ngog ßoggäv Tjj avXfi xfi e^atega. — 50. !^d6g, bei 
d. LXX, Keg. III, 11, 14 (vgl. Gen. 36^ 35. 36) für Hadad, augenschein- 
lich von Origenes mit dem in demselben Capitel V. 26 als Gegner Salo- 
mos auftretenden Jerobeam verwechselt. — 54. lov -d^eov] Lonun., 
•&eov Spencer. 



— 151 — 

incnßüi^Xviß'ev elg r^v y^v ^laQui^X, km x^ diaaxl'(Tcti xöv 
Xaov Tov &60V inaveX^kv&i, xal noi^aai ccvrovg elrniv ItiI 
xfj XQ^^V SctfA^Xw „OvToi eiciv. oi &ioi aov, 'lagutjXj oi 
ccvayayovzeg ae ix yrjg . ÄiyvnrovJ^ Käycb Sh xy nelg^^O 
fA€C&<Dv tinoifi &v aoi, ox.i andifiOQ fAhv 6 xä XQV<^^^^ "^VS 
jilyvnxov Xaßciv^ xal i^ek&dv xavxf^g, xal xaxaaüevaaccg 
XU ngog x^v kccxgeletv xov &eoVj nokvg 3i 6 xov 'Idovfxalov 
^AdiQ äSek<p6g, Ovxoi Si daiv ol dito xivog 'Ellyvtx^g 
kvxpsxsiccg ccigexixayewjjtravxsg voi^ixccxa, xal olovel Safidkeig^^ 
Xgvaäg xaxacrxsvdaavxBg kv Bai&?jX, o igfxrjvevBxai olxog 
&eov. /ioxBi Si fjLOi xal Sid xovtodv 6 Xoyog alviaasa&ai, 
6x1 Toc tSia dvanXdapLuxa dvi&rjxav xalg ygccipalg, iv alg 
olxeZ Xoyog ^eovy xgomxwg Bai&ijk xaXovfiivaig. T6 S* 
aUo dvdakacpLU kv Jdv (pi^aiv 6 Xoyog dvccxe&sZa&cci. '^^ 
Tov Si /idv xd ogiu xAwxatd iaxi xal iyyvg xmv i&vixcov 
dgi(ov' cig S^Xov ix xmv AvayeygafAfAivtov tp x^ xov Nav^ 
'Ij^aov. 'Eyyvg ovv üaiv h&vixwv ögiwv xivd x&v dvanXaC' 
fidrcavy &n%g dvinXccaav ol xov !ASig, mg aTtoSedioxafiev, 
äStXfpol, 1^5 

^i; oiv , xvgie vli, ngotjyovfAiviog ngoa^x^ '^j? ^^^ 
&ela)v ygoctpcjv dvayvcaow dXXd ngcHT^x^- üoXXtjg ydg 
ngoaoxvQ dvayivoiaxovx^g xd &üa 8e6fjie&a, Iva futj ngo- 
Tiexiaxegov ^Xnonfiiv xiva, tj vofiiaonfuv ntgl avx&v. Kccl 
ngoaixmv x^ xcov d'Bivav dvayvmaH uBxd niGxijg xal &e^SO 
dgBoxovarjg TtgoX^emg, xgovB xd xBxXaiapLiva avx'^q, xal 
dvoiyijaexcU aoi inh xov &vgtagoVy mgl oi eiTtBV o'Itjcrovg' 
,yTovx<p 6 &vgo}g6g dvoiyu.^^ Kai ngoaix^iv xy &€i(f dva- 
yvciaety og&wg ^fjxet xal fjtexd ftitrxBcog xijg üg d^töv dxXi- 
vovg x6v xsxgvfjifiävov xoig TioXXoZg .vovv xmv &eia)v ygafi- 85 
pdxiov. M^ dgxov di tgS xgovHV xal ^rjxeiv ' dvayxatordxt] 
ydg xal i] mgl xov voetv xd &üa bvxv' ^9^' V''^ ngoxgi- 



57. inl T$] Spencer, inl to Lomm. Orig. opera vol. I, p. 3 und 
vol. XXV, p. 68, sprachlich Beides möglich. — 58. avxovg einetv^ 
avja ivBineiv utr. cod. Thuan. — 59. Keg. HI, 12, 28. — 65. yevvij' 
(rarieg^ voiyo-ayrg? utr. cod. Thuan. — 70. Reg. III, 12,29. — SI. xqovb'] 
utr. cod. Thuan., xgov6 Spencer. — 88. Joan. 10, 8. — 87. i(p' §y] 
nothwendig; Bq>' iy Spencer, Lommatzsch, d<p* ^g u^. cod. Thuan. 



— 152 — 

mav 6 creoTilJQ ov fiovov eln^ ro y^Kgomity xccl dvotyi}(r€Tcci 
vfilv", xal rö y,ZfjTBir$, xal tvQi^atx%^% äXXä xal ro ,,-41t«*t6, 

90}(ai So-d-fjGBXUi vfilv/^ Tavra änd rtjq ngdg ai fiov ncctQL- 
xfjg aytinrjg TeT6XfA7]Tcc$. El S' ev Hx^i tä rerokfitifiiva 47 
jii^, ^S^edg &v eldBirj xccl 6 Xgtcrog mtov, xal 6 (A^xtxfov 
sTVBVfiarog &bov xal nvevficerog Xqioxov, Msrixoig Si xal 
av xal aü av^oig t'^v fisroxv'^f '^^^ ^^YV^ ^^ uovov ro 

^^ yjMiroxoi Tov Xgiaiov ysyovafisv/^ dXXd xal fiiroxoi vov 

S'BOV. 



88. Matth. 7, 7. — 91. ^ f*»/] Lomm., et fiij Spencer. — 93. xot 
<rv xai de 12 xai dei xai av^oi^ utr. cod. Thaa^. — 95. Hebr. 3, 14. 



Sehen wir uns den Inhalt dieses Briefes etwas genauer 
an. "Wie giebt ihn Ryssel wieder? In seinem Werke 
über Gregoriös S. 63 nach Redepenning (Origenes Bd. 
II, S. 59 f.) also: „Origenes fordert den Grregorius Thau- 
maturgus auf, er soll auf den ihm nicht unerreichbaren 
Buhm eines grossen Rechtsgelehrten oder Philosophen ver- 
zichten, um sein ganzes Wissen in allen Grebieten der Ge- 
lehrsamkeit und Wissenschaft der christlichen Weisheit 
zu widmen. Wie einst die Juden goldene und silberne 
Gefässe von den Aegyptem entlehnten, die sie je nach 
dem Werthe des Metalls in mehr oder oder minder herr- 
liche Tempelgeräthe verwandelt haben, so solle alles welt- 
liche Wissen in die höchste Wahrheit eingefügt und auf- 
genommen werden. Aber geschieht dies nicht mit Vorsicht, 
unter stetem Wachen und Gebet, so kann das weltliche 
Wissen dem ünbehutsamen eben so nachtheilig werden, 
als einem Hadad der Aufenthalt in Aegypten. Viele 
Häresien haben ihren Grund in einem solchen Missbrauche 
der hellenischen Philosophie, und wie Hadad, ein Idumäer, 
nahe den Grenzen des jüdischen Landes ansässig war, so 
bilden sich um die christliche Wahrheit herum mannigfache 
verderbliche Irrlehren. Möchte es dem Gregorius gelingen, 
jeden Irrthum zu vermeiden, und nicht nur Christi, son- 
dern auch Gottes selber theilhaftig zu werden.^' — Nach 



— 153 — 

meinem Dafürhalten wird diese Skizze dem Inlialte des 
Briefes nicht in befriedigender Weise gerecht. Versuchen 
wir eine genauere Darlegung desselben. 

Von der Ueberzeugung durchdrungen, dass es Grego- 
rios bei seiner guten Begabung in Verbindung mit der 
nöthigen üebung durchaus gelingen dürfte, ein tüchtiger 
römischer Rechtsgelehrter und berühmter hellenischer Phi- 
losoph zu werden, spricht Origenes im Eingange seinem 
Schüler den Wunsch aus, seine reichen Gaben in den 
Dienst des Christenthums zu stellen (1 — 8), so zwar, dass 
er aus der hellenischen Philosophie diejenigen Stücke, welche 
gewissermassen allgemeine, Torbereitende Kenntnisse für 
das Christentbum enthalten, und aus der Geometrie und 
Astronomie dasjenige, was für die Erklärung der heiligen 
Schriften von Nutzen ist, sich aneigne, damit den Dienst, 
welchen, nach der Meinung der Philosophen, Geometrie, 
Musik, Grammatik, Rhetorik und Astronomie als Hülfs- 
wissenschaften der Philosophie leisten, die Philosophie selbst 
dem Christentbum leiste (8 — 16). Hierauf deutet vielleicht, 
führt jetzt Origenes aus, der Bericht des Buches Exodos, 
wonach die Kinder Israel in Aegypten von ihren Nachbarn 
goldene und silberne Geräthe und Kleider verlangten, 
um von diesem Baube die Erfordernisse für den heiligen 
Dienst Gottes zu beschaffen (16 — 21). Und in fünffacher 
Stufenfolge — die offenbar den vorher (13. 14) aufgezählten 
Hülfswissenschaften der Philosophie, Geometrie, Musik, 
Grammatik, Rhetorik und Astronomie entspricht — lässt 
nun der geistvolle Exeget aus dem edelsten Golde der 
Aegypter die Bundeslade mit ihrem Deckel, die Cherubim, 
den Versöhnungsdeckel und den goldenen Mannakrug 
(22—27); aus einer zweiten, im Verhältniss zur ersten ge- 
ringeren Sorte Goldes den goldenen Leuchter und die 
Lampen auf ihm, den goldenen Schaubrodtisch und den 
goldenen Bäucheraltar (27 — 31); aus einer dritten und 
vierten Sorte die heiligen Geräthe; aus dem ägyptischen 
Silber Anderes (81 — 36); aus den ägyptischen Gewändern 
dagegen Teppiche und Vorhänge (37 — 41) gefertigt sein. 
Schon fürchtet er, sich zu lange aufgehalten zu haben mit 



— 154 — 

dem Nachweise dessen, was alles die Kinder Israel aus 
dem von den Aegyptern Erhaltenen zu göttlichem Ge- 
brauche herrichteten (41—45). Jedoch weiss die heilige 
Schrift davon zu erzählen, wie umgekehrt das Hinabziehen 
aus dem Lande Israel nach Aegypten zum Unheil gereichte, 
indem sie andeutet, wie einigen das Wohnen bei den 
Aegyptern d. h. bei den weltlichen Wissenschaften, nach- 
dem sie dem göttlichen Gesetz und dem israelitischen 
Gottesdienst angehört, zum Verderben ausschlug. Das 
beweist — sagt Origenes — Hadads, des Edomiters, Bei- 
spiel, der, solange er im Lande Israel war, ohne ägyptisches 
Brot zu gemessen, Götzenbilder nicht errichtete; als er 
aber vor dem weisen Salomo nach Aegypten flüchtete, 
durch Heirath ein naher Verwandter Pharaos wurde (45 
bis 56). Freilich kehrte er zurück von da, ahet nur um 
das Volk zu spalten und zum Dienst des goldenen Kalbes 
zu verleiten (56. — 60). Ich^ durch die Erfahrung belehrt, 
— fährt Origenes fort — möchte Dir zurufen: Gar 
gering ist die Zahl derer, welche die brauchbaren Gaben 
Aegyptens, nachdem sie das Land verlassen, zum Dienste 
Gottes verwendet haben, zahlreich dagegen die Zahl der 
Hadads -Brüder, d. h. derer, die in Folge einer gewissen 
hellenischen Geistesgewandtheit Häresien in's Leben riefen 
und gleichsam goldene Kälber errichteten in Bethel d. h. 
in Gottes Hause (60 — 67). Origenes findet in diesem 
Schriftworte den Sinn, dass jene ihre eigenen Erdichtungen 
auf die sinnbildlich „Bethel" genannten heiligen Schriften 
setzten. Aus der heidnischen Nachbarschaft des an der 
äussersten Grenze des Landes, in Dan errichteten zweiten 
Bildes endlich schliesst er auf die nahe Verwandtschaft 
der Erdichtungen jener Hadads-Brüder mit dem Heiden- 
thum (67 — 75). Den Schluss des Briefes bildet eine drin- 
gende Ermahnung zu fieissigem, aufmerksamem, unter stetem 
Gebet zu Gott um Erschliessung des für Viele so dunklen 
und verborgenen Sinnes, zu treibendem Schriftstudium. 
Ob mit dem Wagniss, eine solche Ermahnung an Grego- 
rios zu richten, Origenes das Hechte getroffen, stellt er 
dem Geiste Gottes und Jesu Christi anheim, der — wie 



— 155 — 

er in den letzten Zeilen seinem Schüler wünscht — auch 
beständig den Gregorios erfüllen möge (76—96). 

Durch diese genaue Darlegung des Inhalts des Briefes 
hoffe ich grössere Klarheit für die historischen Beziehungen, 
die den Hintergrund dieses Schreibens bilden, geschaffen 
zu haben, als dies in der vorangestellten Inhaltsübersicht 
Ryssels resp, Redepennings der Fall ist. Für die Sammler 
jener in der sogenannten OiXoxaXla zusammengestellten 
Sxcerpte aus Origenes, denen wir die Erhaltung des Brie- 
fes verdanken, sind offenbar die historischen Verhältnisse 
und Voraussetzungen, auf denen er ruht, völlig dunkel 
oder wenigstens ohne jedes Interesse gewesen, die exege- 
tischen Partieen darin haben sie gefesselt. Dieselben 
richtig zu deuten oder sie durch die rechte Beleuchtung 
zum Ablegen historischen Zeugnisses zu nöthigen, wird 
die Aufgabe sein. 

Zunächst behaupte ich: Der Brief kann, nicht im 
Jahre 240 geschrieben sein; des Origenes Reden und 
Ermahnungen in demselben stehen mit des Gregorios eige- 
nen Aeusserungen in seinem Panegjrikos vom Jahre 238 
oder 239 im Widerspruch. Origenes hat im Eingange sei- 
nes Schreibens die doppelte Möglichkeit des von Gregorios 
zu wählenden Lebensberufes im Auge, entweder ein tüch- 
tiger Jurist oder ein berühmter Philosoph zu werden: 
Gregorios selbst klagt in seiner Abschiedsrede (Cap. 15, 
S. 378), dass er die schönsten und theuersten Güter in 
des verehrten Lehrers Kreise und Bereiche zurücklasse und 
dafür Dinge von geringerem Werth eintausche. /tiadi^Btai 
yuQ ^fiäg — fährt er fort — axvid-QOJTicc nccvvu, d-ogvßog 
TLoi xaQctxoQ ^1 tlQijvrig, xccl i| ^JtnJjjot; ycal tixüxrov ßlog 
ätaxTog' hc 3i hXev&BQlctg ravrrjg SovXeiu x^Xani], ayogai 
xccl Sixcci xccl ox^oi — womit doch deutlich allein auf 
die juristische Praxis hingewiesen ist. Unmöglich konnte 
femer Origenes den Gregorios noch zum Betreiben der 
Bülfswissenschaften der Philosophie, der Geometrie, Musik, 
Grammatik, Rethorik und Astronomie, und der Philosophie 
selbst als Vorbereitung und Vorhalle zum Christenthum 
(9 — 16), vor Allem aber nicht zum anhaltenden, aufmerk- 



— 156 — 

Samen, mit Gebet verbundenen Studium der heiligen Schrift 
so eindringlich ermahnen (76 — 96) und vor Abfall warnen, 
nachdem dieser in seinem Panegyrikos das Lob der durch 
Origenes ihm vermittelten christlichen Wissenschaft be- 
geistert gesungen; nachdem er seinem Lehrer nachgerühmt 
(Cap. 12, S. 368), dass er durch seine eigene Tugend ihm, 
ausser zu den bekannten Cardinaltugenden, Liebe ein- 
gepflanzt habe zur gegenseitigen Verträglichkeit und vor 
Allem Liebe zur Gottesfurcht, die man mit Recht als 
Mutter aller Tugenden bezeichne {kfinoi^frceg 'ägtora rjj 
avTOV cißarf .... xal dvS^eiag rijg ■d'ccvfiaaifaxATrjq V7to(iov?/g 
xai kTci näaiv Bvoeßelag, rjv fitjriQa (pa&i xwv uQttm, 
oQd-wg Xiyovttg)\^) nachdem er endlich, von der "DeW- 
zeugung erfüllt (Cap. 14, S. 375), ovx &v &xovaav ngotfii- 
Tov, (ß fi^ cjfvrÄ rd nveSjucc tö TtQOtpfjTevaccv xrjv avvBötv 
T(Sv avxov l6y(ov iScogrjaarOj — diese höchste göttliche 
Gabe als Vorzug des gefeierten Lehrers und Schrifter- 
klärers gepriesen, kraft welcher es für den aufmerksam lau- 
schenden Schüler in der Schrift nichts Unbesprechbares, 
weil nichts Verborgenes und Unzugängliches mehr gegeben 
{xoiyuQovv ov8iv ^fitv agQtjroVy ovSi yäg xsxgvfAfih^ov xal 
aßaxov Tjv), — Nach Allem, was wir sonst wissen, hatte 
Gregorios, als er 239 von Cäsarea aus in seine Heimath 
zurückkehrte, seine Studien im Wesentlichen zum Ab- 
schluss gebracht. Des Origenes Bi'ief dagegen zeigt uns 



1) Diesen schönen Gedanken hat der Mönch Antonius mit dem 
Beinamen Melissa seiner Sentenzensammlung einverleibt und demselben 
dort (1. Buch, 1. Cap. negl nitTTBog xai evaeßeiag Big Ssov) folgende 
Fassung gegeben: JEvaeßBlag ini näfri qt^oviKTtSov, ^v firjxiqa g>a<Tl 
tc5v aQBtav, oQ'&cSg XiyovTBg' avTt} f^Q iottv aqx^ xal jakBVTtj twv 
oLQBxöiv, Das ist, wie ein Vergleich zeigt, wörtlich genau citirt, nur 
ist, um dem Satze Allgemeingültigkeit zu geben, das in dem Zusammen- 
ha«ge des Panegj^rikos das letzte, wichtigste Glied der Aufzählung 
einleitende ini näci, in Verbindung mit dem von dem Sammler liin- 
zugefügten (pQovjiariov , dem Worte BvasßBlag nachgestellt: ein Ab- 
hängigkeitsverhältnifls, welches Eyssel S. 52 seiner Schrift, wo er die 
in jener Sanmilung des Antonius vorkommenden Aussprüche des Gre- 
gorios zusammenstellt, entgangen zu sein scheint. Vgl. auch: Literari- 
sches Centralblatt 1880, Nr. 20, S. 642. 



._j 



^ 157 — 

G-regorios noch mitten in den Studien stehend, es werden 
ihm bestimmte Weisungen «betreffs des Betreibens der welt- 
lichen Wissenschaften und des Schriftstudiums und War- 
nungen vor Abfall ertheilt: was Alles mit den eigenen 
Aeusserungen des Gregorios, wie soeben gezeigt ist, im 
Widerspruch steht und schliesslich auch mit den echt 
christlichen Trostesworten, die der von Origenes scheidende 
Jünger sieh selbst zuruft, nicht vereinbar ist (Cap. 16): 
„Doch was breche ich in solche Klagen aus? Es bleibt 
mir ja der Retter für Alle, mögen sie halbtodt oder aus- 
geraubt sein, der Beschützer und Arzt für Alle, das (gött- 
liche) Wort, das über allen Menschen ununterbrochen 
wacht. Es bleiben mir auch die Keime, die du in mich 
gelegt und die ich von dir empfangen habe, die vortreff- 
lichen Lehren, die ich mit auf den Weg nehme. Und so 
weine ich zwar wie Einer, der sich auf die Reise begibt, 
nehme aber doch jene Keime mit mir fort. Vielleicht 
bringt mich der Schutzgeist, der über mir wacht, wohl- 
behalten an's Ziel; vielleicht aber kehre ich wieder zu dir 
zurück und bringe von den Keimen die Frü9hte und Garben 
mit, zwar nicht in vollkommener Reife,. (denn wie wäre 
das möglich?) aber doch so weit, als es mir neben meinen 
amtlichen Geschäften möglich ist."^) 

Das Jahr 240 werden wir also als das Jahr der Ab- 
fassung des Briefes aufgeben müssen. Aber in welcher 
Zeit — das ist die zweite Frage — wird denn derselbe 
unterzubringen sein? Ich meine, er ^ist jedenfalls einige 
Jahre früher anzusetzen. Hier ist es am Orte, sich daran 
zu erinnern, dass unseres Gregorios zuvor schon ge- 
nannter Biograph Gregorios von Nyssa im 5. Capitel 
seiner Schrift von einem Aufenthalte des Pontiers in 
Alexandria berichtet; fraglich ist nur, in welche von den 
durch Gregorios selbst, angegebenen acht Jahren seines 
Weilens bei Origenes in Cäsarea derselbe zu verlegen ist. 
„Wenn die Angabe Gregors von Nyssa", sagt Ryssel 



1) Nach Margrafs Uebersetzung in Thalbofer's ^^ Bibliothek der 
Kirchenväter", Kempten, 1875, S. 104. 



— 158 — 

(S. 13), „der Lebensbeschreibung des Gregorius Thaumä- 
turgus (Cap. 5), wonach dieser luch in Alexandrien studirt 
hat, begründet ist, so hat Gregor sich jedenfalls während 
der Zeit der maximinischen Verfolgung in Alexandrien 
aufgehalten, als Origenes aus Cäsarea hatte flüchten müs- 
sen." „Aber*, fährt derselbe, seine nach meinem Dafür- 
halten durchaus richtige Annahme sofort selbst wieder 
aufhebend, fort, „die Biographie des Nysseners ist nicht 
blos in den Wunderberichten, sondern auch in den übrigen 
Angaben wenig glaubwürdig; die Angabe des „ältesten 
griechischen Menologiums" (zum 15. Dec.) von einer An- 
wesenheit Gregors in Alexandrien ist offenbar nur aus der 
Lebensbeschreibung Gregors von Nyssa geschöpft." Mag 
nun aber auch letzterer in der wunderbaren Ausschmückung 
selbst der einfachsten Thatsachen und in der behaglichen 
Erzählung der staunenswürdigsten Wunder mit des Philo- 
stratos Berichten von seines kappadocischen Landsmannes 
Apollonios von Tyana Wunderthaten oder den Märchen 
der unter dem Namen Evangelium Infantiae oder Thomas- 
Evangelium erhaltenen Schrift zu wetteifern scheinen, so 
sehe ich doch nicht den geringsten Grund ein, warum wir 
daran zweifeln sollen, dass der Nyssener eine so funda- 
mentale Thatsache aus dem Leben des NeocäsarieAsers, 
als welche doch dessen Aufenthalt in Alexandria 
immerhin zu gelten hätte, nicht der Wahrheit gemäss sollte 
überliefert haben, wenn wir auch die üppigen Ranken der 
Legende, die er um die ihm vielleicht zu schlicht und 
einfach dünkende Thatsache lustig bat wuchern lassen, — 
ich meine die bekannte Geschichte von def Dirne, — mit 
scharfem Schnitte einfach beseitigen und die unverkennbare 
Freude daran dem wunderbedürftigen katholischen Ueber- 
setzer des Panegyrikos überlassen, welcher, zu Nutz und 
Frommen seiner gläubigen Leser, in seiner Einleitung 
(a. a. O. S. 9) diesen sie nicht glaubt vorenthalten zu 
dürfen. 

Aber auch Gregorios selbst scheint mir in seiner Ab- 
schiedsrede auf seinen Aufenthalt in Aegypten hin- 
zuweisen. Gleich im Eingange nämlich, wo er sich wegen 



— 159 — 

seiner Ungeübtheit und Unerfahrenheit in schöner, glanz- 
voller Rede entschuldigt, motivirt er diesen Mangel mit 
dem Hinweis auf sein unzureichendes Talent und fährt 
dann fort: ,,Sind es ja wirklich schon acht Jahre, seitdem 
ich weder selbst Etwas vorgetragen oder überhaupt eine 
grosse oder kleine Bede verfasst, noch einen Anderen ge- 
hört habe, der f&r sich Etwas geschrieben oder vorge- 
tragen hätte oder auch öffentlich als Lobredner oder Yer- 
theidiger aufgetreten wäre , jene bewunderungswürdigen 
Männer abgerechnet, welche sich das schöne Studium der 
Weisheit ausersehen haben." Wen haben wir uns unter 
der Zahl T(»y &avii,aalcov rovratv ovSq&v, rmf rrjv xaXrjv 
fpiloaofpiecv äanaaufiivcDv zu denken? Jedenfalls weist 
Gregorios damit nicht auf anwesende Philosophen hin, 
die er etwa gehört und mit jenen Ausdrücken ehrenvoll 
auszeichnet. Denn die wenigen als Lehrer der Philosophie 
sich Ankündigenden, mit welchen Gregorios anfangs in 
Cäsarea, ehe der grosse Origenes ihm seine Seele gefangen 
najim, in Berührung trat, kamen mit ihrer Philosophie 
nicht über leere Redensarten hinaus. Ov&k nksioaiv — 
sagt er Gap. 11, S. 366 — kv^zvxov rd nQcatov, öXlyoig S6 
rtaiy rcÜQ SiSäaxBiv hnayy^XXofiivoiq, aXkä yäg nätri fiixQ^ 
QT^fiäraiv t6 (piXoaotpslv (rrijaccaiv. Ich glaube, wir haben 
jene Philosophen in Alexandria zu suchen, wohin sich 
Gregorios wandte, als die > gefahrdrohende Verfolgung des 
Kaisers Maximinus im Jahre • 285 Origenes zur Flucht 
nach Kappadocien zwang. 

Endlich aber, behaupte ich, zeugt des Origenes 
Brief selbst geradezu für des Gregorios alexandri- 
nischen Aufenthalt. Ich hatte scfion hervorgehoben, 
dass der Eingang des Briefes (1 — 16) die Studien des Gre- 
gorios als noch nicht abgeschlossen deutlich erkennen lässt. 
Die auf jenen Eingang nun folgende und den grössten Theil 
des Schreibens (16 — 75) einnehmende allegorische Schriftexe- 
gese kann doch nicht blos den Zweck haben, den ganz all- 
gemeinen Gedanken, Greogorios „solle auf den für ihn 
nicht unerreichbaren Ruhm eines grossen Eechtsgelehrten 
oder Philosophen verzichten und sein ganzes Wissen in allen 



— 160 — 

Gebieten der Gelehrsamkeit der christlichen Wissenschaft 
zu widmen" — weitläuftig zu iUustriren, sondern sie muss 
— wozu ja schon ihre Länge und Ausdehnung aufgefordert 
haben sollte — irgendwo historisch greifbar sein. Ich 
machte ferner bei der Inhaltsangabe des Briefes darauf auf- 
merksam, dass die fünffache Stufenfolge ägyptischer Kost- 
barkeiten sowie der fünf Klassen der aus ihnen von den 
Israeliten gefertigten heiligen Geräthe offenbar zu den you 
Origenes zuvor genannten fünfHülfswissenschaften der Phi- 
losophie in Beziehung steht. Und wenn unter dem Bilde 
des ägyptischen Goldes und Silbers und der Gewände die 
weltliche Wissenschaft verstanden werden soll, so sind da» 
diejenigen Disciplinen, in denen zumeist Origenes selbst 
Gregorios unterwiesen, und betreffs deren er — gleichwie 
die Hebräer des von den Aegyptern Empfangenen (44) Siä 
Tfjv xov &eov ao(piccv elg ^eocißsiav hxQV^ctvto — seinem 
Schüler auch für die Zukunft wünscht (6 ff.) nuQukaß&v .... 
(piXoGoq)lccq 'EXXfjvtov rä olovel elg XQiaxiuviafi&v ^wdfieva 
yevia&ai iyxvxlicc ficc^iificcrcc ^ ngoTtuiSe^^fictta. Wie Ori- 
genes dazu gekommen, bei seinem Exemplificiren die welt- 
liche Wissenschaft, vor deren ausschliesslichem Studium er 
seinen Schüler warnt, gerade unter dem Bilde der ägyptischen 
Kostbarkeiten zu bezeichnen, ob er es gethan, weil ihm zu- 
fällig kein besseres schriftgemässes Beispiel zur Hand war, 
oder etwa weil er selbst die Kenntniss jener Wissenschaft 
eben von Aegypten nach Cäsarea gebracht und dort mittels 
derselben seinen Schülern die Wege zur christlichen Wissen- 
schaft gewiesen, ist vielleicht schwerer zu beantworten und zu 
erklären, als das Folgende. Denn wenn Origenes (45 ff.) fort- 
fährt: OlSe fiivToi ij &da yQU(pij ngbg xaxov Ytyovivai, 
Toäno T^g yrg r&v vIcjvIctqcc^X üg AXyvnrov xarccßaßi^xivaiy 
uivKTaofAivf^, OTU xial ngog xaxov yivsrai ro nagoixijaav 
rotg Alyvmioigy rovriari roig rov »oafiov (jba&^fAccaiy fievä 
t6 hyyQUip^vai r^ vofim rov &bov xal tp 'laQafjXiTixp elg 
airdv -d-eganeif^ — so erscheint mir di^se Wendung durch- 
aus nicht als eine zufallige, sondern als eine sehr bewusste 
und beziehungsreiche. Das xaxaßaiveiv elg Atyvnxov und 
besonders das Präsens yivexai in der Beziehung auf den 



— 161 - 

auch noch zu des Briefschreibers Zeiten gültigen Schriftsinn, 
oTiTialnffdg xccxovyivBvcci ro nuQoix^aat rotg ^lyvnrioig — 
weist nach meiner Ueberzeugung auf des GregoriosUeber- 
siedelung nach Alexandria und seinen Aufenthalt 
daselbst Konnte, wie zuvor nachgewiesen, Origenes den 
Briefim Jahre 240 oder, um es ganz allgemein zu bezeichnen, 
nach des öregorios Panegyrikos nicht geschrieben haben, 
so wird er ihn im Jahre 235 oder 236, da er höchst 
wahrscheinlich im Jahre 237 wieder nach Cäsarea zurück- 
kehrte, von Kappadocien aus an den nach Aegypten 
hinabgezogenen Gregorios gerichtet haben. Diese 
Annahme hat vor der früheren Datlrung den einen we- 
sentlichen Vorzug voraus, dass sie Alles erklärt. 

Versetzen wir uns in die Zeit des Ausbruchs der Chri- 
stenverfölgung. Friedlich und unangefochten hatte Origenes 
seit 231 in Cäsarea gelehrt und einen Kreis begeisterter 
Schüler um sich gesammelt, begünstigt und in seinem Wir- 
ken gefördert durch die den Christen geneigte Mutter des 
Kaisers Julia Mammäa: da ward Alexander Severus 235 
am Bheine von Soldaten plötzlich sammt seiner Mutter er- 
mordet, und sofort von seinem rohen Nachfolger Maximinus, 
nach des Eusebios oben citirtem Ausdruck, „aus Hass gegen 
das grossentheils aus Christen bestehende Haus Alexanders*^ 
eine Verfolgung verhängt, die hauptsächlich gegen „die Vor- 
steher der Gemeinden, als Urheber der evangelischen Lehre" 
gerichtet war. Mit Schmerz schied Origenes von der durch 
die Nachbarschaft Syriens, woher ja die kaiserliche Familie 
stammte, besonders gefährdeten Stätte seiner Wirksamkeit, 
um Sicherheit in der unbekannten Fremde zu suchen; ver- 
waist liess er seine Schüler, unter ihnen Gregorios, zurück. 
Das Band des freundschaftlichen persönlichen Umganges 
tait diesem war zerrissen, Niemand vermochte zu sagen, ob 
nicht für immer. Die Saat, die er ausgestreut, das Licht 
der christlichen Erkenntniss, das er dem Gregorios ent- 
zündet, war ernstlich bedroht und gefährdet. Wer bürgte 
ihm dafür, dass nicht die ferneren Studien des Gregorios 
in wesentlich heidnischer Umgebung unter der Leitung aus- 
gezeichneter Lehrer, die doch nur in Alexandria zu suchen 

11 



- 162 — 

waren, eine Richtung nehmen würden, die ihn dem Christen- 
thum wieder völlig entfremdete? Warnen den Unerfahre- 
nen, ihn auf die Gefahr aufmerksam machen wollte er we- 
nigstens. Und so schrieb er, von des Schülers Aufenthalt 
sicher in Kenntniss gesetzt, wahrscheinlich von Kappa- 
docien aus, den Brief, dessen allegorische Schriftauslegung 
aus diesen Verhältnissen heraus ihre vollständige Erklärung 
findet. 

Vor Allem ist es die oben bezeichnete Wendung, die 
hier besondere Beachtung verdient, die Erwähnung des 
nach Aegypten vorSalomo aus dem Lande Israel 
flüchtenden Hadad. Warum gerade dieser Vorgang der 
alttestamentlichen 6reschichte, um die Grefahren' der welt- 
lichen Wissenschaft zu veranschaulichen? Ich antworte: 
Dies Beispiel ist eben ganz des Gregorios Fall, der ja gerade 
aus dem Lande Israel von Cäsarea nach Aegypten eilt, und 
letzterer ist Zug für Zug jenem parallel, wie auch ganz be- 
stimmte sprachliche Ausdrücke und Wendungen auf diese 
Deutung als die allein richtige hinweisen. So wie Hadad, 
so lange er im Lande Israel war und noch keine ägyptische 
Kost genossen hatte, keine Götzenbilder errichtete: so war 
auch bei Gregorios, so lange er an der Stätte der reinen 
Erkenntniss in Cäsarea weilte, ein Bückfall in das Heiden- 
thum nicht zu befürchten. Jener aber ging nach Aegypten 
und trat durch Heirath in die engste Beziehung zum herr- 
schenden Pharao des Landes, und Gregorios? NunOrigenes 
fürchtet etwa, dass dieser zu dem Führer der Geister dort in 
Alexandria, dem Meister der weltlichen Wissenschaft, Am- 
monios Sakkas, dessen Schüler er selbst einst, freilich in 
reiferem Alter, gewesen, und von dessen mit den christlichen 
Lehren nicht zu vereinigender Speculation er sich nur müh- 
sam losgerungen, in ein zu nahes, jedenfalls verderbliches 
Verhältniss trete. Freilich kehrte Hadad zurück, aber nur 
um das Volk — er wird ja mit Jerobeam verwechselt — 
in zwei feindliche Heerlager zu spalten und ^m ägyptischen 
Stierdienst in Bethel und Dan zu verleiten. Würde etwa 
Gregorios mit unverletzter, durch das Heidenthum nicht be- 
irrter Seele das Land dereinst wieder verlassen Origenes 



— 168 — 

eigene Erfahrung spricht gegen diese Annahme. Darum die 
warnenden, trotz ihrer AllgBrndingültigkeit gewiss dodi 
aueh durch den speciellen Fall gerade so geffirbten Worte: 
Kdsyca Si t^ lui^if ficc&civ dnoifi av <roi, oxi unuvtoq fihf 
6 ret xQV<^^^ '^VS ^iyvtnov Xccßciv, Ttal i^ik&d^ rccvtfjgj 
xui xceraaxBväaccg xä itgöq r^v Xwcqüov tov ß'^ovy nokvg Si 6 
tov 'ISovfuäov Üdäe^ iS€lg>6g. Und letztere sind ja — das 
ist des Origenes Sorge — gerade ol dm ripog 'Ekktivvieijg 
hvTQ^X^iag aiQvtixä yewi^aavreg voi^fictray xal olavel SccpLU" 
hig XQ^^^Q xarceaKßvdaavTag kv Bai&^l, 6 iQfßo^siisTai 
oJxog ^€oS. Wohnte nicht, wie der Eingang des Briefes 
genugsam bezeugt, jene ivrgix^ia 'EXktjvixij auch dem Q^re- 
gorios bei? Konnte nicht auch er ein Sektenstifter werden, 
wie die vielleicht unwillkürlich vor des Schreibers geistigem 
Auge auftauchenden grossen Grnostiker Basilides, Yalenti- 
nus, Earpokrates^ die alle in Alexandria gelehrt und gewirkt 
hatten, alle rcc iStu dvanKäcfiata cevi&tjxav rciig yga^fcägy 
hv alg olxBi koyog &toVy xQonix&g Bai&tjX xceXovfihfccig? 
Nach diesen Befürchtungen, die in des Origenes geistvoller 
allegorischer Exegese deutlich — wie mir wenigstens scheint 
— zwischen den Zeilen zu lesen sind, hat dann die dringende 
Schlussermahnung, anhaltend, aufmerksam und unter stetem 
Gebet zu Gott um Erleuchtung die Schrift zu studiren, ihren 
guten Sinn und ihre tiefinnerliche Berechtigung. Sicherlich 
aber trägt Bedepenning (a. a. 0. II, S. 60) einen dem Zu- 
sammhange, wie ich ihn wenigstens richtig verstände^ und 
dargelegt zu haben glaube, yölUg fremden Gedanken ein, 
wenn er in des Origenes echt christlichem und gewiss schrift- 
gemässem Wunsch, den er Gregorios in den letzten Zeilen 
zuruft, des Geistes Gt>tte8 und Jesu Christi tiieilhaftig zu 
werden und darin zu erstarken, tva Ifyt^g ov fiovov to 
jyMiroxoi TOV Xqiötov yeyovafiav/^ aXXd xal fiiroxoi rov 
'9'BoVy die Befürchtung zu erkennen glaubt, „Gregorius, in 
dessen Trinitätslehre Christus um vieles höher gestellt 
ist, als in der subordinatianischen , die Origenes theilte, 
könne auf dem vermeintlichen Abwege die Wahrheit ver- 
lieren/* 

Dass Origenes seinen Brief, nachdem Gregorios ihm 

11* 



— 164 — 

jenen glänzenden Panegyrikos gehalten, nicht geschrieben 
haben kann, habe ich durch Zusammenstellung einiger be- 
sonders bezeichnender Stellen aus beiden Werken nachzu- 
weisen gesucht; umgekehrt vielmehr hat, so werden wir jetzt 
sagen müssen, — wenn anders meine Darlegung des Sach- 
verhalts richtig ist, — des Origenes Brief bei Grregorios sei- 
nen Zweck vollkommen erreicht, ja die herrlichsten Früchte 
getragen; das beweist gerade überzeugend der Panegyrikos. 
Gregorios hat seinem Lehrer damit ein Denkmal errichtet, 
das, wenn es auch nicht an die klassische Vollendung jener 
Schriften heranreicht, in denen Xenophon und besonders 
Piaton das Bild ihres grossen Lehrers Sokrates der NsLcb- 
welt hinterlassen haben, um der siegenden Kraft der üeber- 
zeugung und der wahrhaft wohlthuenden Wärme der Em- 
pfindung seines Urhebers willen in der christlichen Litera- 
tur mit Ehren genannt, geschätzt und gelesen werden wird, 
so lange die Christenheit überhaupt ihrer grossen Lehrer 
gedenkt, welche auf dem Gebiete der christlidben Wissen- 
schaft Bahnbrecher und Träger der Entwickelung gewe- 
sen sind. 

Habe ich mit der vorstehenden Interpretation des Brie- 
fes des Origenes an Gregorios einen kleinen, hoffentlich nicht 
unwillkommenen Beitrag zur Chronologie und zur Lebens- 
geschichte der beiden bedeutenden Kirchenlehrer und damit 
einige Correcturen zu den betreffenden Werken von Rede- 
penning und Byssel gegeben, so möge anhangsweise noch 
eine literarische Berichtigung zu des letzteren so verdienst- 
licher Schrift über Gregorios von Neocäsarea, von der ich 
ausgegangen, folgen, die, so unbedeutend sie ist, ich doch 
um der historischen Wahrheit willen, der wir Alle dienen, 
nicht zurückhalten möchte. 

Bei der Beurtheilung der Echtheit der MBvätpgaaig 
Big Tov 'EKxhjaiatnr^v 2olopLävxog von Gregorios von Neo- 
cäsarea nämlich lässt Byssel allein den gelehrten Jaco- 
busBillius von den älteren Elirchenhistorikern und Ken- 
nern der christlichen Literatur abweichen und behauptet 
von ihm (a. a. O. S. 29) : „Nur Billius hat die Metaphrase 
für eine Schrift des Gregor von Nazianz erklärt, weil sie in 



— 165 — 

einem Codex von sehr alterthümlichem Schriftcharakter den 
Schriften dieses gleichnaniigen Kirchenlehrers beigezählt 
wird. Aber dies erklärt sich sehr leicht aus dem gemein- 
samen Namen.^^ Wie der umsichtige Biograph des G-rego- 
rios hierzu gekommen, vermag ich nicht einzusehen. Schon 
Johannes LeuTenklaius sagt in der Vorrede zu seiner 
ausgezeichneten, 1571 in Basel (in officina Heryagiana per 
Eusebium Episcopium) herausgegebenen Uebersetzung des 
Gregorius Nazianzenus von Billius' kritischem Standpunkt 
in dieser Frage: „In hac censura deprehendo, duobus in 
scriptis ante me Billium id animadvertisse, quod res est, 
nimirum ea Nazianzeno t^ibui nequaquam debere: 
in tertio tam ipsum quam ceteros omnes hactenus alucina- 
tos fuisse. Friora duo sunt Metaphrasis in Ecclesia- 
sten, quae Hieronymi testimonio Grregorii Neocaesarien- 
sisest^et Annotatio in Ezechielum vatem, quae tantum 
abest, ut Nazianzeni sit, yix ut homini mediocriter docto 
tribui debeat." Und Billius selbst, dessen Uebersetzung 
der Beden des Nazianzeners, von der 21. an, sowie der Briefe 
und Gedichte Leuvenklaius, wie er selbst sagt (quae qui- 
dem omnia de editione Billiana sumsimus), als zweiten Band 
seiner eigenen Ausgabe erscheinen liess, spricht in der Ein- 
leitung zur Uebersetzung der Msrdtpgaaig des Gregorios 
^on dieser Schrift gerade das Gegentheil von dem aus, was 
Äyssel ihm zuschreibt: „In Beginae tarnen codice, — sagt 
er a. a. O. S. 741 — literis capitalibus scripto ac Gregorii 
i^ostri (Nazianzeni) antiquitatem propemodum aequante, inter 
gennana ipsius opera numeratur. Id quod tanti apud me 
momenti est, ut, quamquam reclamante stilo, vix tamen 
hanc lucubrationem inter 'ifj€v8€myQa(pa numerare anderem: 
i^isi Hieronymus omnem dubitationis ansam nobis eximeret 
atque hunc foetum vero suo parenti assereret." Es folgt nun 
die Berufung auf die auch vonRyssel in der Anmerkung 
auf S. 29 citirte Stelle aus des Hieronymus Commentar zum 
Prediger, mit Bezug auf welche Billius fortfährt: „Haec 
iUe ex Gregorio Ponti episcopo — quem et Neocaesarien- 
sem et ab editione miraculorum OavfjLarovQyiv vocant — 
transtulit. Atqui haec verba habentur 4. c. huius Meta-< 



— 166 — 

phrasis. Non est itaque dubium, quin verus illius 
auctor sitNeocaesariensis. Quod autem huic quo- 
que nostro adscripta fuerit, commune nomen in 
causa fuit. Nee yero hoc cuiquam mirum videri debet 
Frequens est enim in scriptis ecclesiasticis, ut idem über 
duobus atque etiam pluribus attribuatur: sed di versa de 
causa.'^ 



Der kanonische Brief des Gregorios 

von Neocäsarea. 

Die christliche Kirchengeschichte weiss nicht weniger 
als die Greschichte der klassischen Literatur ein Klagelied 
zu singen Ton dem traurigen Geschick, das über der litera- 
rischen Hinterlassenschaft so manches bedeutenden Kirchen- 
lehrers gewaltet. Nicht bloss die allgemeine Vergänglichkeit, 
der alles Irdische rettungslos verfällt, nicht bloss die elemen- 
taren Gewalten des Feuers und Wassers haben den Unter- 
gang einer reichen christlichen Literatur, von deren Umfang 
im vierten Jahrhundert allein schon ein Blick in des Ensebios 
Kirchengeschichte eine Vorstellung zu geben vermag, ver- 
schuldet: nicht minder haben oft Neid, Bosheit und Ver- 
ketzemngssucht an der Verstümmelung oder Vernichtung der 
herrlichsten und interessantesten Werke christlicher Schrift- 
steller gearbeitet, die, wenn erhalten, für uns heutzutage von 
unschätzbarem Werthe sein würden. Ich nenne statt vieler 
nur den grössten, umfassendsten G^ist des christlichen Alter- 
thums, Origenes. Wie elend sind so viele seiner wichtigsten 
Schriften durch die Schuld der nachgeborenen Geschlechter, 
welche zur Höhe seiner wissenschaftlichen Auffassung und 
Behandlung der christlichen Wahrheit sich nicht mehr auf- 
zuschwingen im Stande waren, zu Grunde gegangen, während 
weniger WerihvoUes uns erhalten blieb? Es liegt in der Natur 
der Sache, dass die epistolische Literatur, das Erzeugniss 
des flüchtigen Augenblicks und seiner wechselnden Bedürf- 
nisse, in besonders hohem Grade der Vernichtung anheim- 



168 



gefallen ist Wie überaus dürftig z. B. ist dasjenige, was 
von dem reichen Briefwechsel des Origenes, dessen Eusebios 
erwähnt, auf unsere Tage gekommen ist? Und wie wunder- 
bar hat oft der Zufall gespielt, dass uns dieses und jenes 
Schriftstück erhalten ist? Wegen seines vorwiegend exege- 
tischen Inhalts, dessen tiefere Beziehungen später schwerlich 
noch verstanden wurden, gerieth des Origenes Brief an 
Gregorios von Neocäsarea, über den ich in diesen Jahr- 
büchern (Vn, S. 102 — 126) ausflihrlicher gehandelt, in jene 
durch den Pleiss des Gregorios von Nazianz und seines Freun- 
des Basilios von Cäsarea aus des Origenes Werken zusam- 
mengetragene exegetische Chrestomathie, welche wir unter 
dem Namen 'iigiyivovg Q^iXoxaXia besitzen. Von den zahl- 
reichen Briefen, welche nach des Hieronymus, Suidas, Fre- 
culftis imd Honorius Zeugniss eben dieser Gregorios, Bischof 
zu Neocäsarea in Pontus, geschrieben, ist uns nichts erhalten 
als sein sogenannter kanonischer Brief, der seiae zufällige 
Erhaltung dem Umstände verdankt, dass man .frühzeitig in 
der griechischen Kirche anfing, bischöfliche Sendschreiben ähn- 
lichen, d. L auf die Siegelung und Ordnung kirchlicher Dis- 
oiplin und christlicher Sitte bezüglichen Inhalts zu sammeln^ 
durch Conmientare zu erläutern und praktisch zu verwerthen. 
Der kanonische Brief des Gregorios findet sich 
in der von Gerhard Vossius (Probst zu Tongern, gestorben 
1609 in Lüttich) nach zwei Handschriften (prout Graece in 
Nomocanone Graeco et in antiquo ms. Card. Sirleti reperi- 
mus, sagt Vossius in seinen auch ia die Pariser Ausgabe 
aufgenommenen notae et variae lectiones, p. 118) veranstal- 
teten und im Jahre 1604 zu Mainz erschienenen editio prin- 
ceps dieses Kirchenlehrers (S. Gregorii episcopi Neocaesa- 
riensis, cognomento Thaumaturgi opera omnia) S. 118 — 134. 
Der hier gegebene Text wurde mit geringen Verbesserungen 
in der von Fronto Ducaeus 1622 besorgten Pariser Aus- 
gabe (SS. PP. Gregorii Thaumaturgi, Macarii Aegyptii et 
BasUii Seleuciensis opera omnia Graeco-Latina) wieder ab- 
gedruckt. Fast zwei Jahrhunderte vergingen, ehe für die 
Besserung des Textes — denn auch Gallandi's Ausgabe 
(Bibl. vet. patr. 1766—77. Tom. DI, p. 385—469), desgl. 



— 169 — 

die von Migne (Fatrologiae Graecae tom.X, p. 1019 — 1048), 
ist nichts weiter als eine Wiederholung der Pariser — auch 
nur das geringste geschaL Für den kanonischen Brief be- 
zeichnet einen erfreulichen Fortschritt die Ausgabe von Mar* 
tin Joseph Bouth (in dessen Beliquiae sacrae, sive auc- 
torum fere iam perditorum secundi tertiique saeculi firagmenta 
qnae supersunt. Accedunt epistolae synodicae et canonicae 
Nicaeno concilio antiquiores. 4 yol. Oxonii, 1814 — 1818: 
Vol. n, p. 485 — 460), welche von Victor Kyssel in seinem 
verdienstlichen Werke „Qregorius Thaumaturgus. Sein Leben 
und seine Schriften. Leipzig, L. Femau. 1880" S. 29 
neben kritisch werthlosen Sammelwerken zwar erwähnt, aber 
nicht genauer charakterisirt oder nach ihrer kritischen Be- 
deutung gewürdigt wird. Bouth standen für seine Arbeit 
neun Bodlejanische Codices der kanonischen Briefe zu Ge- 
bote, sämmtlich aus verschiedenen Quellen geflossen, einige 
mindestens aus dem elften Jahrhundert stammend (Bei. sacr. 
vol. n, p. 411), deren werthvoUe Lesarten von ihm mitge- 
theilt werden. Auf diese und die Pariser Ausgabe vom Jahre 
1622 (in den Anmerkungen mit P b^eichnet) gestützt, gebe 
ich im Folgenden eine möglichst correcte Becension des Brie- 
fes, correctauchinderLiterpunGtion, eingedenk der beachtens- 
werthen Mahnung Ephraem's des Syrers: sl xtcttitrai ßißXiov, 

reo etvayMfciaxavTi ^ xal fjL€Taygäq)oVTi. 

Zur ursprünglichen Gestalt des Briefes gehörte 
unzweifelhaft auch der ununterbrochene Zusammenhang 
der Schreibung, welchen ich dem kleinen Schriftstück zu« 
rückgeben zu müssen geglaubt habe. Denn erst als man 
anfing, die einzelnen Weisungen und Vorschriften des Briefes 
zum Zwecke der Handhabung kirchlicher Zucht und christ- 
licher Sitte von einander zu sondern, d. h. ihn zu einem ka- 
nonischen zu machen, entstand die jetzt in. den Handschriften 
sowie in den alten Ausgaben und Oommentaren sieh findende 
Abtheilung in Canones. Die Zahl derselben ist schwan- 
kend. Gewöhnlich werden zehn Canones gezählt, von Jo- 
hannes Zonaras, dem Mönche vom Berge Athos, eins^ 
Grossdrungarius und erstem kaiserlichen Geheimschreiber 



— 170 — 

unter Aleodos Eomiienös (1081*^1118), welcher, ebenso wie 
später (um 1180) der Antiochenische Bischof Theodor os 
Balsame n, des Gregorios Brief nebst den kanonischen Brie- 
fen des Dionysios, Fetros und ' Athanasios Ton Alexandria 
sowie des Basüios von Oäsarea durch einen theologisch werth- 
Yollen Commentar erläuterte, ist derselbe, wie die der Fa* 
riser Ausgabe der Werke des G-regorios angehängte Separat- 
ausgabe dieser seiner 'E^vyrjaig rc^v xcevovtxcav iniaroXm 
rwv dylfDv ncttkQtav zeigt, in zwölf Canones getheüt. Beide 
Zählungen habe ich am Bande yermerkt. 

Was die Vollständigkeit des Briefes betrifft, so wird 
dieselbe Ton dem gelehrten Bouth (a. a. 0. S. 448) bezwei- 
felt; einen Grund jedoch fiir diese Ansicht führt er nicht an. 
Ich wiisste nicht, was dem Schreiben, welches wie kein an- 
deres der Tendenz nach ihm ähnliches aus dem christlichen 
Alterthum locales Gepräge und die Spuren ganz besonderer, 
abnormer geschichtlicher Vorgänge trägt, zu deren Beurthei- 
lung es uns an jeglichem Massstabe gebricht, noch fehlen 
sollte. Bouth, der mit den kanonischen Briefen imd Con- 
cilienbeschlüssen aus der alten Zeit der Kirche sich so ein- 
gehend beschäftigt hat, ist in seinem Urtheil vielleicht von 
ebendenselben Gedanken geleitet worden, welche einen Grie- 
chen des späteren christlichen Alterthums bestimmten, den 
von ihm offenbar aus der vergleichenden Betrachtung der 
anderen kanonischen Briefe erschlossenen Mangel unseres 
Briefes durch einen elften, lediglich aus des BasiUos von Cä- 
sarea kanonischen Briefen zusammengestellten, die Stufen- 
folge der kirchlichen Bussen und deren Terminologie erläu- 
ternden Kanon zu ergänzen. Zonaras erkannte jedenfalls 
dieses Verhältniss, er commentirte jenen elften Kanon nicht, 
während derselbe in der Fariser Ausgabe der Werke des 
Gregorios S. 41 sowie in der Migne'schen Ausgabe S. 1048 
mit abgedruckt ist. 

Gerichtet ist der Brief an irgend einen pontischen Bi- 
schof den Gregorios mit nanag anredet, was selbstverständ- 
lich nur die amtliche Bezeichnung des im Uebrigen uns 
dem Namen nach nicht bekannten Empfängers des Schreibens 
ist. Dass die amtliche Bezeichnung naitaq^ welche Ursprung- 



- 171 — 

lieh eine allen Bischöfen und Patriarchen gemeinsame war^ 
bis sie in der Folge ÜMt allein, den Bischöfen von Rom tmd 
Alexandria verblieb, schon im Zeitalter des Gregorios die 
übliche war, beweist des Bischöfe Dionysios von Alexandria 
Brief an den römischen Presbyter Philemon, in welchem er 
(Euseb. Hisi eccles. VII, 7, 4) von seinem Vorgänger He- 
raklas sagt: tovtov fyci rdv xccvova xai tdv rvnov nagä 
Tov fiaxapiov nana tjuciv 'HgaxXa nuQkXaßov. Des Pros- 
per Aquitanus Schreiben an Augustinus vom Jahre 428 od^r 
429 über die Beste des Pelagianismus in Gallien (Augustin. 
Epist. 225) zeigt den Eingang: „Domino beatissimo papae, 
ineffabiliter mirabili, incomparabiliter honorando, praestantis- 
simo patrono Augustino Prosper. Ignotus quidem tibi facie 
sed iam animo et sermone compertus rell.'^ Dasselbe Epi- 
theton ,,papa'' braucht Hieronymus im Schluss eines Briefes 
an Augustinus (Epist. LXXX): ,,Incolumem et mei memorem 
te Christi domini dementia tueatur, domine venerande et bea- 
tissime papa.'^ Wie vielleicht aus dem häufigeren Gebrauch 
der communicativen Bedeweise, besonders Z. 82 ff., geschlos- 
sen werden darf, schrieb Gregorios den Brief im Auftrage 
mehrerer Bischöfe oder wenigstens mit Zustimmung seines 
eigenen Clerus. Nach Johnson 's Meinung (Bei. sacr. vol. 
H, p. 447) hätten wir überhaupt in demselben eine hniaroXii 
zvxlixri, d. h. ein Schreiben zu sehen, welches Gregorios an 
alle Bischöfe seines Sprengeis richtete und einem nach dem 
andern durch seinen mit einer gewissen Machtbefugniss aus- 
gestatteten (vgl. Z. 88. 84) Abgesandten mittheilen liess. Die 
Annahme hat viel ftbr sich (vgl. Z. 36. 88. 84. 86), sie ge- 
rade würde das völlige Fehlen eines formellen Einganges und 
Schlusses zur Genüge erklären, ^ineareilafiiv ye — sagt er 
von dem Ueberbringer des Schreibens Z. 82 — tdv äSeXfpov 
xal (Tvyyigopta EvfpQoawov diu rccvrec ngog vfiäg. Auch 
das Wort avy/igcov^ welches an das avfiitQBößvregog 
1. Petr. 5, 1 erinnert, dürfte ebenso wie das parallele Wort 
in der Schriftstelle nur von der geistlichen Würde des Mannes 
verstanden werden, denn einen yigoDv konnte sich der etwa 
um daß Jahr 210 geborene (Jahrb. f. prot TheoL VII, S. 107) 
Gregorios zu der Zeit, als er den Brief schrieb, wie die nach- 



— 172 — 

folgende Untersuchung zeigen wird, in keinem Falle nennen. 
Dionysios von Alexandria braucht (£useb. Bist. eccL Vll, 
11, 2 und yn, 20) Yon seinen Alexandrinischen Amtsge- 
nossen dasselbe Wort avfinQBaßvreQog, ein unverwerfliches 
Zeugniss damit ablegend ftlr die ursprüngliche Gleichbe- 
deutung der Ausdrücke Bischof und Presbyter ^), deren er- 
aterer später bekanntlich dem Vorsitzenden im Presbyter- 
collegium, aber nur als dem primus inter pares ausschUessHch 
eignete. 

Ob und was für eine Ueberschrift des G-regorios 
Schreiben ursprünglich getragen, ist nicht mehr zu ermitteln. 
Die in den Handschriften überHeferte rührt jedenfalls von 
den alten Sammlern der kanonischen Briefe her. In den 
ältesten Bodlejanischen Codices sowie in demjenigen , nach 
welchem Gentianus Hervetus seine im Jahre 1561 zu Paris 
erschienene lateinische Uebersetzung der ältesten Canones 
sowie der kanonischen Briefe sammt dem Oommentar des 
Theodoros Balsamen fertigte, lautete die ueberschrift des 
Briefes also: 

*E7iiaToXfj xavovix^ rov ayiov rQtjyoQlov NsoxacaaQeiccg im- 
axojtov rov QavfiaxovQyov tibqI tcjv kv xrj xceraSQOfjLp rcuv 
ßagßdQOiV üSwXod-vxa (payovrtov ^ xccl itegd rivu TtkrififAe" 

XyaävTiov. 

Doch um auf den historischen Hintergrund des Schreibens 
sowie auf die in demselben berührten geschichtUchen Ereig- 
nisse und die aus der richtigen Deutung und textgemässen 
Combination derselben für die Abfassungszeit des Briefes und 
damit für die Chronologie des Lebens des Gregorios sich 
ergebenden Schlussfolgerungen genauer eingehen zu können^ 
erscheint es mir durchaus nothwendig, zunädist den mit 
den oben angeführten kritischen Mitteln gereinigten und auch 
sonst mehrfach verbesserten Text des Schreibens folgen zu 
lassen. 



1) H. Weingarten, Die Umwandlung der ursprünglichen christ- 
lichen Gremeindeorganisation zur katholischen Kirche. Berlin 1880. 
S. 20. 



— 173 — 

1. O'ö TU ßQoifMeta V4^äg ßuQü, l%Qk nüna, u äy>ceyov ol 

alx^uXmtOi rccvrecy uneQ nuQBTi&sacev avtoig oi xQatovv- 
reg avvmf^ ikdkiata knuS^ äq koyog nuQct ndsvTfav, rovq 
xaraö^aiAOVTocQ rä ^lAixtga fu^ ßuQßdgovg BläciXoig p^rj 
re&vxivcci, 6 Si ünoarohog (ptjai' yftce ßgcifipcra rp xoM^, 5 
xal ^ xoiXla xoig ßgoifiacFiv 6 Si &e6g tucI ruvtfjv xal 
ruvTU xc£Tagy^ae$^^, akkcc xai 6 awrfjg 6 navxu xtt&ccgll^cav 
TU ßgcifiatu yyOV to BlanogBvofisvov" , (fifaiy ^yXoivol t6v 

{z.fi] ävid'gainov, d^kä rd kxTtogevofiepov*^* ofioiov xat to rivug 
ywaixag aixfiuXauvovg diu(p&ag^vai ä^vßgi^optap rmv ßag- lo 
ßdgoiv %lg rä acofiura airmv. dlX %l fjtiv xal ng6tBgov 
xaxiyvcDGTo rivog 6 ßiog nog6vof4.ip^g oniao) xmv otp&dk- 
[imv x^v kxnog^vovxfav xaxä xd yaygufifAivov^ S^kov oxi 
ij nogviacff %^ig vnonxog xal hv x<p xccig0 xtjg alxfi^lotxriccg, 
xai ov ngoxsigoag Sei xcCig xoiavxaig xotvcovelv xwv evx^v. 15 

[7j.3]€i fxivxoi xig kv axg^ a(»)(pQoavvy ^^ffaacc xai xa&agov xul 
£|(o TKÜGfjg vnovoiag kTiiSeSeiyfievi] ßiov xov Tigoxegov^ vvv 
negmiTtxoMcav kx ßiag xcci ävdyxfjg üßgei, ix^^'^ nagdSaiyiku 
x6 iv r<p Jevxegovofilo} x6 knl xy vedviSiy tjV kv xä nsSiqf 



1) iege 71a 71a] ta^i alle Codd. Bodl., ed. princ. und der von Gen- 
tianus Hervetos zu seiner lateinischen Uebersetzung benutzte Codex; 
ieQtüiare P. — nana handschriftlich bezeugt, Hanna P. — 5) 1. Cor. 
VI, 13. — 8) Matth. XV, 11. - 9) öfioiop xai to] Conjectur Routh's, 
welche die Härte der Verbindung durch ein blosses xai auf das glück- 
lichste beseitigt, der. Ausfall des öfioiov ist durch das vorangehende 
äxnoQSvofiePotf leicht erklärlich. — jivdg^ ra? P, Bouth. — 12) no- 
gevofiivijg'] 3 Codd. Bodl., noQvevofiivijg P. — onifTta t€5v 6q>- 
^alfiCtvl Artikel nothwendig, vgl. Num. XV, 39; onLccn ogid-akficiv 
Codd. und Ausgaben. Die gemeinte Schriftstelle ist nicht, wie Routh 
citirt, Num. XVI, 39, sondern, wie auch P hat, XV, 39: ov öiacrjQa- 
if>i^frBa&8 oniva läv öiavoiav vficSv xai ttSp oip'd-ftlfimv iv (Cod. Alex. 
xai oniijoi Jt^v ogid-alficSv vfiav eV) olg v/ieig ixno^fVBveje onicra av- 
xbiv. An die von Margraf in seiner Uebersetzung (Kemptener Biblioth. 
d. Kirchenv. S. 77) herangezogene Stelle Ezech. VI, 9 zu denken, wird 
durch den^ besonderen Ausdruck des Gregorios verwehrt. — 13) ö^lov 
oTft] Codd. Bodl., t^i^AoyoTtP. — 14) xai iv tgj xat ^9] Codd. Bodl. 
und am ßande der von Vossius benutzten Codd., xai xat^cS P. — 
15) xo» ov nQoxsiQfag d et] Codd. Bodl., xai ov öai nQOxalQtag F. ~ 
19) y«oj/töt] veavidiF, Bouth, desgl. Z. 21. 



— 174 — 

veäviSi dfJicß^Tfjfia -d^ccvccrov ort dg eY rig dvuatp äv&g&t- 
Ttog hnl xov nki^aiov ccvtov xcci &avuT^(Trj ccirrov rriv 
yjvxvv ovTiag ro ngay^u xovro' ißoijaBV ^ veävig xal 6 
2.ßorj&c^ ovx 9)v avTfj'\ xavra uhftoi xoiavrec. Shvtj 8hh 
fj 7tl€ovB^iaj xal ovx lian di äntatok^g pnag ^aQUÜ'kcd'ai 
rä &ai€C ygccfAfucva, kv olg ov rd kt^anveiv fiovov q>svxtov 
y,ai {pgixd^öeg xccrayyilleTai^ akkä xcc&oXov ro nkiov^etBlv 
xal aU,QTQiov ä(pdme<r&ai iTti altrxQoxegSeifCj xal ;c£$ ö 
roiOVTog ixxijQVXTog hexkr^aiag ^€0v. ro 8i hv xaiQ& r^gso 



21) Die von Gregorios citirte Stdle Deut. XXII, 26. 27 veromeht 
insofern einige Schwierigkeit , als sie von den uns überlieferten Texten 
der LXX mehrfach abweicht. Der älteste, aus dem 4. Jahrhundert stam- 
mende Codex Vaticanus (vgl. Tischendorfs Proleg. in s. Ausgabe S. 
XXrV,Anm.2) bietet folgenden Text: xal xfi psaviöc ovx ^(ttlv dfiagmia 
&avdTOv ' (a$ etiig inütvatrcij dv&qtonog inl xbv nXijalov xal q)ov8vcrTj av 
Tov tpvxijv, ovtu t6 nqäiffiot tovro ' bxi iv tö d^q^ bvqsv avr^v, ißorjffBv 
f) veävig iy fiefAVfiaievfjiivtf xai ovx ifv 6 ßorfd-i^a^v avxfj. Einen ab- 
weichenden Zweig der Ueberlieferung repräsentirt der im 5. Jahrhun- 
dert in dem berühmten Kloster der h. Thekla zu Seleucia in Isanrien, 
woselbst schon der weltflüchtige Gregorios von Nazianz 375 eine stille 
Stätte fand, geschriebene Codex Alexandrinns, der die Worte in fol- 
gender Fassung hat: xfj öe viawöv ov noiijaexai ovd6v ov* 
^axtv x^ vedvidc dfidgxrjfia -d-avdxov 8xt cog et xtg iitava.' 
cxTJ dv&goinog eni xov nXtfO'lov avxov xal (povevo'i] avxov ipv- 
XV^f ovxag xo nqayfia xovxo' oxi iv t« affqu evgev avxrjv, eßoijffBv 
fj veavig rj fiefivijaxevfiivr^ xal 6 ßoij'd'cjv ovx ^(Txlv a\fxfj. Offen- 
bar steht der Text des Gregorios dieser morgenländischen, aus der 
Nachbarschaft der Heimath desselben stammenden Ueberlieferung am 
nächsten. Zumeist aus Berücksichtigung dieses Verhältnisses sind fol- 
gende Textänderungen hervorgegangen: — noiriaexail Cod. Alex. 
LXX, noii^crexB Codd. BodL, P. — 23) ^exfarwori/] (povevajj LXX, 
'd-avaxcjaei P, Codd. Bodl. — 24) ovxcog x6 ngäyfia tovto] Cod, 
Alex. LXX, ovxG) x6 ngäyfia xovxo alle Codd. Bodl., xal nach ovrw 
P. — veävig"] veavlg P, Routh. — 27) q)evxxbv xal fpqixaöeq] 
6 Codd. Bodl., die dem Alexios Aristenos zugeschriebene 2^orf/ig xa- 
vovfov und die beiden von Oecolampadius und Hervetus bei ihren la- 
teinischen Uebersetzungen der Canones benutzten Handschriften; go^tx- 
x6v xal, g)Qix&deg P. — 29) dXloxgiov^ ^ Codd. Bodl., dlXoxgiiav 
P. — nag 6 xoiovxog'] alle Codd. Bodl. mit Ausnahme des Cod. 205, 
näg xoiovTog P. 



— 175 — 

xceradQOfifjg äv roacevtri olpuaytj xal Toaovtoiq &Qfjvoig toi' 
fi^aui tiv€cg rov xaiQov top näaiv 61$&qov (pigovra vofiiacti 
ictUTotg xe^SovQ xuiqAv aivai, ävö'Qmntov karlv daeßmv xcä 
&€O^TvycQv xal vnBQßolajv ironiuq k^ovrcov. o&ev föofc ro^g 
ToiovTOvg ncofrag ixx^gv^aiy fi^nore kq>' okav l^k&p tov kccov 35 
^ ogyij, xal k^' avro'dg Tt^dSrop rovg fCQo%at&rag toifg fi^ 
iTti^rjTO'övrag. q>oßovfiai yceg, cbg ^ ypatp^ kkyei, fiij cwaTV- 
okiffp dceß^/g rov Sixaiov, y^nogvüa yag^^y fpriüij ,yXal nkio- 
vB^ia fjifjSi infopLO^ia&m tv vfßlv St' ä ÜQx^av ^ OQyrj rov 
xf'eov int Tovg vloig tijg unu&üag. fiti ovv yivea&e avik- 40 
fjbitoxoi avTcov. fjTB ydg nots öxotog, vvv Si (pmg kv xvQitp* 
(u^ rixva (pcorog nagmareirs (6 yäg xugnbg rov (poixog hv Ttüap 
äya&oavvy xal dixaioavptj xal äkf^ß-ei^), doxifidCovreg ri hcxvv 
tiugaarov rw xvgica, xal iirj avyxoivcovsire rolg f^gyovg roig 
axugnotg rov axotovgy fjbäkXov Si xal iHy^ars. rä yäg 45 
xgvcprj yivofieva in avtcov aiaxgov kariv xal keyeiv rd Si 
jtdvra kkeyxofASva vno rov qxaxbg tpavegovrcu^^. roiavta fAkv 
6 dnoGTokog. hdv Si äid rrjv ngoxkgav ^keove^iav t^v htf 
rp algi^vt] yavopiivrjv Sixtjv Tivorrsg kv avx^ r« xaigw 

33) iavxoig'] mit P beibehalten trotz Cod. Bodl. 26 und des ehe- 
mals in Hawlinson's Besitz gewesenen, jetzt gleichfalls in der Bibliotl^ 
Bodl. befindlichen Cod. 625, welche avxotg haben. — H^Qdovg xai- 
qov elvai] So mit Kouth nach 8 Codd. Bodl., xat^oi' elvai, xegdovg 
Cod.- Bodl. 205 und P. — 34) xai vneQßok^v dtoniag^ Cod. Bodl. 
195, Hervet, Zonaras, welcher den Ausdrack mit xai naarjg axoniag 
enixeiva umschreibt; ovde vnegßoXijv dxoniag P, während der nach 
Bouth's Urtheil älteste Cod. Bodl. 26 weder xai noch ovde hat, da- 
gegen jener Cod. Eawlins. 625 sowie tue 2vvoy)^g xapovav des Alexios 
Aristenos xai nolXr^v vn^QßoXyv lesen, worauf statt dxoniag in Cod. 
625 dffeßeiag, in Cod. Bodl. 158 daauxiag folgt. — 35) axxijQv^ai'] 
dxxTjQv^ai P, Routh. - ffX&fj^ P, il&ii Routh. — 37) Genes. XVm, 23. 
— 38) Ephes. V, 3. 6 — 13, von Gregorios mit Auswahl, aber in genauer 
Uebereinstimmung mit dem besten uns überlieferten neutestamentUchen 
Texte citirt. Daher auch 39) fii^öe ovofia^itT&ci^ iv vfiiv'] Greg, 
ed. princ, die Worte fehlen in allen Codd. Bodl.; 42) xagnog xov 
q>a)x6g'] P und Routh, statt q>ax6g das von dem vulgaten Text ge- 
botene nvevfiaxog allein Cod. Rawlins. 625; 43) xi iaxiv evdgeffxov'] 
Routh nach 8 Codd. Bodl., xi evdqeirxov P und Cod. Bodl. 205; 46) 
xf^vg>fj2 xQvg>7J P und Routh. — 47) g)aveQ0vxai2 Routh, (pavsQOvaat 
P. — xoiavxa fiev"] BxynÜi, xoiavxa ^dg P- — 49) yevofiSptjw'] 
Zonaras, Routh, Yivofiivrjv P. — xivovxeg2 xivrvvxag Zonaras, P, Routh. 



- 176 — 

TVQ ogy^s Ttäkiv npog zfjv nleovs^icep hcrganwöi tiVBq, 50 
x^SalvovT9Q ä§ oXfAarog xal oki&^v m&Qcinmv ivccard' 
rmv yBPOßiiviov ij alxfMtXcitiav ^ ne(pov8Vf4.iiKov , xi txtgov 
ngoödoxäv XQ^ V ^6 hnceytMnt,OfiivovQ tp nXeovB^i^ kmaw- 
[Z.6] Q^v^cu oQY^v xtu iccvtolg nal navrl rqS hi<p\ oinc iSoif ^x^Q 
6 Tov Zagcc nkf^fAp^ekei^ knkijfifAtiifjaBv ccnd rov ccpa&ifjLcerog 55 
Hctl knl näacev awwyioy^ laga^k iyepij&f^ oqyv] ^ml airog 
üg fiavog i^fiagrev^ [a^ fiovog ani&uvw tfj iavrov uficcgri^. 
i^fjuv Si nav ro fiij TjpLirBQov, aXk' dlXotgtov r^ xaig^ 
TOvr{p xegSog dvä&efia vevofAl<r&ai fcgoaijxsi, xdxBivog yäg 

52) rj 7i8g}0vevfiiv(av'] SomitRouth, obwohl bei Zonaxas usd in 
Bämmtüchen Bodl. Codd. das r} fehlt. Aus des Hervetus Uebersetzong 
plucrifacientes ex sangoine et pernicie eversomm hominum, captivoiam, 
interfectorom^^ geht hervor, dass in seinem Codex auch das erste Ij voi 
aixfJtal<OTCt)v fehlte. — bi)ui/aQ 6 tov Zagd"} A/ag 6 tov ^a^äP, 
/ix dg 6 TOV Zagä Routh. Das in den Codd. des Gregorios sicher 
überlieferte ^/ng stimmt mit der Schreibung des Cod. Vatican. der 
LXX im Buche Josua Cap. VII und XXII, während der Cod. Alexandr. 
jixav hat. Die Bezeichnung der Abstammung Achans ist eine verkürzte) 
oder ganz allgemein gehaltene, denn Jos. VII, 1 heisst erjix^Q ^^^s 
Xagfil viov Zafißgi viov Zagd, VII, 18 dagegen uixag viog Zatfißgi 
vvov Zagd, VII, 24 Tovjixag viov Zagd. Die Stelle, welche Grego- 
rios wörtlich citirt, ist Jos. XXII, 20. — 55) dva&ifiotTog^ So die 
übereinstimmende üeberlieferung und die Ausgaben, desgl. Cod. Vati- 
can. und Cod. Alexandr. der LXX. Das Wort findet sich, von Jako- 
bitz und Seiler als Synonymon von dvd&rjfia aufjgeführt , beiPlut 
Pelop. 25 als Lesart der Vnlgata, Lobeck emendirte dvaS-rifia^ was 
Sintenis an dieser Stelle in s. Ausg. des Plut 11, p. 108, 4 aufgenom- 
men hat. — b%) iffsyri-d-ri 6g fV^ LXX imd P, iyepij&Tj 17 og^ij Routh. 
— xtti ovTOg e^g fiovog ^fAagtav, fiif fiovog dni&avev xij iav 
rov dfiagtin^ Auch diese SteUe zeigt die nächste Verwandtschaft 
mit der Fassung des Cod. Alex., welcher ich Rechnung tragen zu 
müssen glaubte. Hier lautet Jos. XXII, 20 so: xai ovtog etg fiovog ^v' 
firj fiovog ovtog dni-d-avev rij iavxov dfiagrin, während der Cod. Vatic. 
hat: xdi ovtog etg avxdg dniS-avs tjj iavtov dftagtln, P und Routh 
lesen: xai ovtog et? fiovog ijfioigte, firj fiovog dnS^avev iv tjj dfiag- 
tlif. avxovj während der Rand der editio princ. des Gregorios die 
freiere, handschriftlich überlieferte Variante aufweist: dXXd fir/ fiovog 
iv t^ ttfiagtln avtov dnix^avev. Das dv der Üeberlieferung vor t^ 
dfiagil^ , welches einen dem ursprünglichen historischen Bericht frem- 
den Gedanken einträgt, ist am einfachsten als durch Dittographie der 
Endung des voraufgehenden dni&avev entstanden zu denken. — 59) 
xdxeivog- y^qI ndxeivog fiev fdg P, Routh, das (lev wahrscheinlich 



— 177 — 

ö ^/fi^ ix Tfjq nQQVoiA^^ iXc^s' xul avxol vvv kx n^avO" 60 
liijq. xaxüvoq fiiv rä xoiv TiokBfiiiav' ol Si vvv tä nSv 

[Z.6] ccSeltpciVf xBgSaivovveg oli&giov xigdog. f/Ltjdalg h^anatihda 
iccvTov, fi?}T€ cae evQi^v' ovSi yccg evgovrcc xegSaiveiv H^eavi. 
(fT^al t6 JsvregofifopitQV' ^^fii^ lS<Av röv ^oaxovtov d3elg)ov 
aov xai To ngoßarov nXctvoifiavov kv xjj 6S^ TisgiiSpg avrd' 65 
dnoaTQoq>7j dno6XQk\f)ug avju r^ dSakqxp aov, kdv Si ^tj 
kyyi^P i dSsktpog aov ngog ae fiijSi iiti(TTp avrov, avvd^eig 
avrd, xai sarai lAevd aov, ^(og av he^ijr^ap avtd 6 dSak- 
(pog GOVf xccl dnodciaHg ccurd, xul ovtcd noir^aug tov 6vov 
avTov , xal ovrm not^aeig to ifAdriov avvov, xai ovt(o 70 
noi^Gsig xaxu n&accv dntokuuv rov dSekcpov aov, oaa äv 
UTiolr^Tai nag* avvov xai evgi^g avxd^\ xavxa xb ^evxe- 
govofjifi^ov, äv ök xy 'E^odtp, ov fiovov kdv x6 xov dSaXtpov xtg 
cüßj, dU,d xctv kx&gov, „d7toaxgo(p7i" , cprialy „dnoaxgiyjHg 
Big x6v olxov xov xvgiov avxojv^^, el dk kv slg^vp äga gff&v- 75 
fiovVTog xai xgv<pc5vxog xai xa,v iSicJV dfisXovvxog dd^kipov 
V kx^gov, xsgSävai ovx i^eaxi, Ttoaq) fxäklov dvaxvxovvxog 
xai noXefiiovg tpevyovxog xai xaxd dvdyxrjv xd YSia kyxaxa^ 

[^^'^ktinovxog^ al^Xoi 3k iavrovg k^anax&aiv, dvxi r&v ISicDV 
xfov dTtoXofievcov y d eigov dXkoxgia xaxkxovxtg, 'Iv kjteidi} 80 
avxovg BogdSoi xul Foxü'oi xd xov noXifiov elgydaavxo, 
avxol äkXoig BogdSoi xai röx&oi^ yivcovxat. dneaxeiXauBV 
oiv rov dSekipov xai avyykgovxa Ev(pg6(7Vvov Sid xavxa 
ngog ifiäg, iva xaxd röv kv&dSe xvnov xai avxov Soip 



eingeschlichen im Hinblick auf das folgende naxeipos fiev, wo es, da 
Ol de folgt, ganz an seiner Stelle ist — 63) firjis tag evQciv'] Alle 
Codd. Bodl., Hervet.; fiijione cog ev^wv Edit. princ, P. — ovöe] ovts 
P, Routh. — 64) Deut. XXII, 1—3. — 65) neqUörigl TteQildrjg P, Routh. 
— 66) anoo'jQoq)^^ JLXX, Bouth; ailiL' anofrxqoiffj P. — ano' 
«jiqi%lfeig'\ LXX, Bouth; anofTxqixjJBg^» — 67) enlari] aviov^ Greg, 
ed. princ, LXX, 7 Codd. Bodl.; inivtri Bouth; intaxfj avxt^v P; 
ineyvag avxov am Bande . der ed. princ. und P als handschriftlich 
überliefert. — 72) dnöXijxai^ naq' avxov xal evgijg'] LXX, 7 Codd. 
Bodl.; Tischendorf accentuirt dnoXijxai', dnoXijiai naq' avxov xal 
evQijfTfig P. — 74) Exod. XXIII, 4. — xoy] xat P, Routh. — dno- 
cxgoipfj^ dnoaxqafffi P. — 76) d^aXovvxogl dfieXavxog P. — 77) 
xeQÖävai'] xsQÖdvai P, Bouth. — 80) dnoXofiivcüv'] dnoXXvfiivav 
P, Bouth. — 81) avxovg"] P; avxoig Bouth. — xd xov noXi^iov'} 

12 



— 178 — 

ofioiwQy xal mV dei re^g xarfjyoQlttQ ngoGUG&at xai o^q85 
rz 8] ^^^Q^^^^f' '^^ evxcöv. änr/yyiXfj Si ti rjfitv xcci aniCTOV 
hv rij X^Q^ vfiwv yevofji^ov, mivrwg nov imo anlarafv xal 
dasßmv xal iatj bISotcdv fAVidk rö ovofAcc xvgiov, ort &Qa üq 
T06ovt6v Tiveg dnctv&gwniug xecl cufAorrjrog nQOBxdgriöaVj 
S(TTB xiväq tovg Siaqjvyovtag äixy^dXwrovg ßiijt p^ar^/ecf. 90 
ccTtoareiXari rtvag dg rrjv ;fcopav, ff^rj xal axrjjttol niaoaaiv 
rz.9] ^^* rovg rä Toiavra ngdaaovrag. rovg iikv ovv fyxa^ahx- 
ß'kvTag Totg ßagßdgotg xal fier' avTCö«/ hf alxf^cckojai^ km- 
Xa&ofAivovg bxi rjcav üovrixol xai XQiaTiavol, kxßagßaQ&h 
&kvtag Siy G>g xal (povevBiv ro'dg dfjLoy>vkovg ij ^vhp ^95 
dyxo'^fly vTtoSeixvvvai Si ^ oSovg ^ olxiag dyvoovat rölg ßagßa- 
goig, xal rrjg dxgodatmg dneig^ai SbI, fiBxgi^g dv xolv^ nsgi 
avTcov ri So^p öwbX&ovöi totg dyiotg xal Ttgo avrwv t© 
rz.10]^/'^ ;rr€t5^aTf xovg Si oXxoig dXkorgioig knehJ'scv rol|oi^- 

Cod. Bodl. 205, P; ra noXifiov 8 Codd. Bodl. — avTOv'] Edit. princ, 
5 Codd. Bodl.; avTO'd'c 2 Codd. Bodl. und Zonaras; avzog, wie es 
scheint, Cod. Bodl. 196, dessen Schrift stark verwischt ist. — 85) xai 
ovg BxxrjQv^ai'] Alle Codd. Bodl., Zonaras, Hervetus, doch erstere 
mit falscher Accentuation ixxt^gv^ai] xal ovg det dxxrjQv^ai P. — 
86) dnrjfY^^V^ Edit. princ. und alle Codd. Bodl.; dnijYYil&^ P. Am 
Rande einiger Codices findet sich folgende, später ungehörigerweise in 
verschiedene Ausgaben übergegangene Inhaltsangabe: Hegi tcjp ßin 
xatsxovtav tovg ex tc5v ßaqßaqov atxfiaXcjJOvg, — 87) ndvrtog nov 
vno aTi^aTcyy] Routh; xal nivrag nov rtov amerTcoy P. — 88) fi-qbk 
10 ovo^a"] firije xo ovofia P; (ir}ÖB ovofia Cod. Bodl. 205 und 2 an- 
dere Codd. — 89) TT^oe/oi^T/o'ai'] nqofTsxfoqrjdav P. — 90) xivag] 
TLvkg P. — 91) dnoiTTelXaTi Ttyoeg] einhellige Ueberlieferung, ovv 
hinter dnofTTellaTB nur Cod. Bawl. 625. — 92) Am Bande der Codd. 
Bodl. 195 und 3385 steht die folgende, von Sammlern der Canones her- 
rührende Inhaltsangabe: Hsql rav sYxataXeX'^'ivTav jolg ßagßaQOig 
xal OLTOnd Tiva xara rav 6fioq)vXcov toXfiTjadvtcov. — 93) ev at^fia- 
Xcoaii^ snvXa'd'Ofiivovg'] 4 Codd. Bodl., ed. princ; 4 andere Codd. 
Bodl. haben iv alxfiaXcütrin yevofiivovg eniXav&avofiivovg xe, woraus, 
wahrscheinlich veranlasst durch des Zonaras Ausdruck: "Oaoi^fiBv ovv 
aixfiotXcüTKT&ivTeg noie (TVYxaTeidYrjiTav Totg ßaqßdqoig xal fiex* av- 
Tcjv enrjX'd-ov, ßaqßaqO'&ivTeg rd i-ß-rj xai airneQ eniXa&ofievoi xiX., 
die allein in Cod. Bodl. 205 und sodann in P sich findende Lesart ent- 
stand: ßV acxfiaXonain STteX&ovTagy eniXa&ofiivovg. — 96) vnodeix- 
vvvac^ vnodecxvvvai P und Eouth. — 99) Auch hier wieder eine 
ähnliche Randbemerkung wie zuvor: Ueql tav oXxoig dXXotgioig enel- 
S'etv ToXfirjffdvTcov eV t^ Tcijy ßaqßdqfov ini^qofi^. 



— 179 — 

(Tccvrag, ääv ixhv xaT7]yogi]&evTeg hlsyx&cotfi, fitjSi x^gioo 
axQOÜöBCjg ä^iaiaar iäv Si iccvrovg h^eincoai xal änoSSaiv, 
9»kv Tjj teov vnooTQBipovTWv rd^u ijnonlnTtiv^ rovg 8k iv rw 
neSiW B^govrag tivd ^ kv rcclg kavtwv olxiaig xcexaXBKpß'ivrcc 
vn6 Tc5v ßagßÜQfO'P, kav fiiv xcrcT^yoQi^&ivreg kkeyx^^^^^^ 
öfioioig kv Toig inoninrovciv kdv Sk iccvrovg k^Binioai xal 10b 
p_i2]^^o^ö5ö"i, xal r^g bvxvs ä^iöoaai. ro'ög 8k t^v kvroli^v 
nXriQovvTug kxxog alGXQ0XBQ8dccg ndarjg nXtjgovv Sei fii^B 
UTjvvtga fjL^TB amatga tj evgerga fj Srivi ovöfiari xaXovtnv 
otTtccirovvTixg. 



101) eavTOvg"] Routh; aviovgP. — 102) vn on im 8 lvIi P, Routh; 
VTionlnretv avTovg Cod. 3385 und 625 Bawl., überflüssig. — 102) Rand- 
bemerkung (b. o.): Hegt tav iv nsdlta ^ dv toig idioig otxoig svqov- 
TG)v T« vTto j^v ßoQßdiQiay xajaleiip'd'ivTa. — dy x^ Tre^^äi] 8 Godd. 
BodL und Zonaras; iv nedifa P. — 103) rty a ] Nothwendig, da alle Godd. 
Bodl. und Greg. ed. princ. xaiaXeiq)&evTa , nicht xaTal6tq)&ev haben; 
Ti rj Routh, obgleich auch er jcva für wahrscheinlicher hält; evqov- 
tag xi iv jatg P. — 105) iv joig ynonintovaiv'] S(TT(ü(Tav fögen 
8 Godd. unnöthigerweise hinzu, regierendes Verbum ist dBi\ Routh er- 
gänzt etTJttvei öei, vieUeicht ist hinter vnonlnTovaiv das Wort fyety- 
ausgefallen, was leicht möglich war. — 107) ata;^^oxe^de^acr] atV/^o- 
xegöiag P. — 108) evgeiQa'] evgtjiQa ed. princ, alle Godd. Bodl. u. Zona- 
ras inP. Wie aus dem früheren avd&rjfia später ava&e fia entstand, so 
auch gewiss aus svqrjfia Bvqsfia und bvqbtqov aus svqijtqov. — tj anvi 
ovofiati xttXovfTiv'] ^ S ovofiaTi ravTa xoeiloij'O'M' am Rande der ed. 
princ. und im Cod. Bodl. 158, von Gkülandi aufgenommen; rj a ovo- 
fiati ixBq(a javxa xaXovaiv die beiden Godd. Bodl. 195 und 625 RawL 
Letztere Lesart hatte wahrscheinlich Matthäus Blastares vor Augen, 
da er in seinem J^viayfia die Stelle so wiedergiebt: xai fiiJTe fjnjwiQa 
fiiJTe fi^v <TCj(TTQa rj o^g elcod-aaiv inig}i]fii!^eiv eiigoig Tavxa ovofiaai, 
t6 nagdnav BcanQdtTovjsig. Sie sieht nach erklärender Verbesserung 
au8, wahrscheinlich stand ursprünglich, wie schon Routh yermuüiete, 
^Tivc da, welches ich in den Text gesetzt habe. 



Die Bedeutung, welche dieses Schreiben des Grregorios 
für die Handhabung der kirchlichen Zucht und die Gestal- 
tung der christlichen Sitte in der Folgezeit gewann, erhellt 
zunächst aus der eine bestimmte RechtsverbindHchkeit verlei- 
henden Anerkennung, welche die Väter der Trullanischen 

12* 



— 180 — 

Synode (Quimsexta) im Jahre 692 über dasselbe im zweiten 
Kanon aussprachen: ,,Obsignamus reliquos omnes canones, 
qui a sanctis et beatis nostris patribus expositi sunt, id est 
Gregorii Neocaesareae episcopi Thamnaturgi" u. s. w.; erhellt 
ferner aus den zuyor schon erwähnten sorgfältigen theologi- 
schen Commentaren des Johannes Zonaras und Theo- 
doros Balsamon aus dem 12. Jahrhundert, durch welche 
diese Männer der christlichen Kirche ihrer Zeit die bischöf- 
liche Weisheit des grossen Pontiers in das Licht des rechten 
Verständnisses zu rücken und praktisch nutzbar zu machen 
sich bestrebten. Hierauf ausführlicher einzugehen, liegt keine 
Veranlassung vor; wohl aber verlohnt es sich, gestützt auf 
den gereinigten Text des Sendschreibens des Gregorios und 
auf eine auch die scheinbar geringfi^gsten Einzelheiten des- 
selben nicht ausser Acht lassende Interpretation der bisher 
nicht in genügender Weise beantworteten Frage nach der 
Zeit der Abfassung, einer für die Chronologie des Lebens 
dieses bedeutenden Kirchenlehrers doch überaus wichtigen 
Frage, deren Beantwortung mit der queUenmässigen Schil- 
derung der in das Schreiben hineinragenden gewaltigen histori- 
schen Vorgänge zusammenfallen wird, einmal näher zu treten. 
Es ist zu bedauern, dass des Gregorios nächster Zeit- 
genosse, Eusebios, der uns über die Lehr- und Wanderjahre 
der beiden pontischen Brüder Theodoros und Athenodoros 
(Hist. eccL VI, 30) zwar kurze, aber zuverlässige Nachrichten 
giebt, für die spätere Lebenszeit, die Zeit der bischöflichen 
Wirksamkeit des ersteren zu Neocäsarea uns völlig im Stiche 
lässt, über seine Schriften kein Wort sagt. Georgios Syn- 
kellos glaubt den Grund dieses Schweigens- zu kennen: vo- 
fii^m Si — sagt er in seiner 'ExXoyt] XQOvoyQarplccQj p. 376 
D (Bonn. Ausg. S. 706) — rov Evakßiov ro rrjg &€ia$ ags- 
Tijq rov vf'av/xarovQyov xal &60(fqQov rgr^yogiov jiiiye&og 
<Tiw7t^aai Sid ro nawa^ov tcjv Soyfiürcov axigaiov xat 
aXXoTQiov Tciv 'ÜQiyhovg l7]QfjfidT(ov xal x&v ^qüov ßXaa- 
q}7j(iimVy olg Evaißiog kXeXcSßr^ro. Der angeführte Grund 
des seiner B-echtgläubigkeit sich bewussten Mönchs ist schwer- 
lich genügend. Näher liegt vielleicht eine andere Erklärung. 
Ein charakteristischer Zug der byzantinischen Geschieht- 



- 181 -- 

Schreiber ist u. A. der, dass sie je nach Zufall oder Neigung 
ihre Vorgänger ausschrieben. Wo sich ein geeigneter Ge- 
währsmann flir eine gewisse Periode fand, da vertraute man 
sich ihm kritik- und bedingungslos an; fehlte ein solcher zu- 
fällig, so suchte mgn die Lücken wohl oder übel auszufüllen, 
die Nachrichten fliessen dann unzusammenhängend, confiis, 
oft zum Erbarmen dürftig. Eusebios ist noch kein byzan- 
tinischer Geschichtschreiber im engeren Sinne, aber an dem 
ebenerwähnten Oharakterzug der byzantinischen Q^schicht- 
schreibung hat auch er schon bis zu einem gewissen Grade 
AntheiL Sehen wir von anderen Partieen seiner durch die 
Mittheilung wichtiger, uns sonst weiter nicht erfialtener Quel- 
lenschriften, die er mit rühmlichem Weisse gesammelt hat, 
für uns unschätzbar wichtigen Kirchengeschichte ab, so ist 
es ihm beispielsweise im letzten Drittel des sechsten und im 
siebenten Buche unzweifelhaft sehr angenehm gewesen, an 
den Briefen des Dionysios von Alexandria eine Quelle zu 
besitzen, die sich über fast alle wichtigen Ereignisse inner- 
halb* der christlichen Kirche gleichmässig verbreitete. Er 
spricht das selbst im Eingange des siebenten Buches aus, 
indem er sagt: „Das siebente Buch der Kirchengeschichte' 
soll uns wiederum der grosse alexandrinische Bischof Diony- 
sios, welcher alle Begebenheiten seiner Zeit in den Briefen, 
die er ims hinterlassen, stückweise erzählt, mit seinen eigenen 
Ausdrücken verfassen helfen." Da ist für Eusebios die 
Schranke seines Wissens \md seiner B^chterstattung über 
diesen Zeitraum des dritten Jahrhunderts. Nach dem hohen 
Norden, zu den stillen Gestaden des dem grossen Weltge- 
triebe mehr entrückten Pontos Euxeinos, in die äusserste 
Nordostecke des römischen Reiches reichten eben die Ver- 
bindungen des im damaligen Centrum der christlichen Welt, 
in Alexandria, weilenden Bischofs nicht, Briefe dorthin zu 
entsenden lag deshalb wohl keine Veranlassung vor. Eusebios 
begnügte sich mit den spärlichen, von seinem Gewährsmann 
gelegentlich gegebenen politischen Nachrichten. Was hätte 
er auch für eine Veranlassung haben sollen, in einer Zeit, 
welche durch die gewaltigsten politischen Erschütterungen, 
durch blutige Bürgerkriege und furchtbare, fast xmunterbro- 



182 — 

ebene BarbareneiBfalle, durch Erdbeben, Pest und Seuchen^) 
auf das schwerste heimgesucht worden war, unter so vielem 
Leid, welches das ganze Beich betroffen, der Schreckenstage, 
welche durch einen Plünderungs- und Yerwüstungszug nor- 
discher Völkerschaften über die Provinz Pontus, des im Ueb- 
rigen von ihm (VII, 28, 1) unter die ausgezeichnetsten Bischöfe 
der Zeit gerechneten Gregorios von Neocäsarea bischöfliche 
Diöcese, hereinbrachen, besonders zu gedenken? 

Anders steht die Sache bei Zonaras, dem Commen- 
tator des Gregorios. Er fand doch gleich im Eingange des 
Schreibens die Nachricht^ roiig xccTaSgafwvTccg rcc i^fiirspa 
uBQrj ßagßccQOvg alSoiloig lAtj xEß-vxkvaiy fand femer, dass 
den Pontiem »ebendieselben BogaSoi xai Fov&oi tu tov 
noUuov ügydöavxo. Musste er sich nicht fragen: Was ist's 
mit diesem Plünderungszug? Hatte er als Erklärer, der 
auch sonst mit der Historie sich mancherlei zu schaffen 
gemacht, nicht die Pflicht, seinen Lesern die doch gewiss 
berechtigten Fragen zu beantworten: Wer waren jene Bogä- 
Soi xcel FoT&ot? In welcher Zeit und. unter welchen Um- 
ständen kamen dieselben in die. römische Provinz Pontus 
und gaben durch ihren EJriegszug dem Bischof des Landes 
Veranlassung, das uns bekannte Sendschreiben abzufassen? 
Zonaras hat über diese Verpflichtung anders als wir heut- 
zutage gedacht, er hat sich die Sache leicht gemacht, indem 
er die Gothen und Boraden in seinem Oommentar überhaupt 
gar nicht erwähnte, sondern sich mit der allereinfa.chsten 
Umschreibung begnügte, wozu der erste Satz des Gregorios 
ihm hinreichendes Material an die Hand gab: Bagßaganf 
inel&ovTMV x^Q^^S 'PoDfjLccixaiQ xai Xr^icafiivcDv aircag ol 
nag' avrmv alxyLuXoaTiad'ivTtq äyevaavro üSmXo&vrmv tf 
xal akXmv Anr^yogavuiveov ßgcofAdTcav, Was kümmerten ihn 
und alle griechischen Mönche des zwölften Jahrhunderts 
überhaupt solche historische Fragen, zu deren Lösung doch 
immerhin wirkliche historische «Forschung vonnöthen war? 



1) Zosim. Hist. I, 26, 3: ov^ ^ttov 06, tov naviaxodsv imßqi- 
ffavTog nokifiov, xal 6 XoLfiog noXeal ts xai xojfiaic ini/^evofiBvog, 
et XI XeXeififiivop 17 v dv&g^neiov fipog öUq}&eiQBv , ovnia ngotegof 
iif joig qt&afraai xQ^^^''S toifavjijv dvögcinGur nnoileittv iqffafTnfiBvog, 



— 183 — 

Doch wir thun dem biederen , in seiner waldumraoscbten 
Elosterzelle auf des Athos heiliger Höhe emsig schaffenden 
Gelehrten am Ende bitteres Unrecht. Hat er uns nicht ein 
umfangreiches Geschichtswerk hinterlassen, in welchem ihm 
naturgemäss die beste Gelegenheit geboten war, im vollen 
Zusammenhange der historischen Ereignisse dasjenige aus- 
führlicher zu erzählen, was ihm für den theologischen Oommen-* 
tar zu einem kanonischen Briefe vielleicht als völlig über- 
flüssiger Ballast erscheinen mochte? Wir schlagen die be- 
treffenden Partieen des zwölften Buches auf; vergeblich aber 
suchen wir nach Boraden und Gothen und ihrem Einfall in 
Pontus, von welchem doch Gregorios redet. Die Boraden 
werden von Zonaras in seinem ganzen Werke überhaupt 
nicht erwähnt, die Gothen nur einmal im 14. Buche in der 
Gesehichte des Justinianus. Von demjenigen Plünderungs- 
und Yerwüstungszuge, auf welchen es uns hier ankommt, weiss 
Zonaras nichts, eine dunkle Kunde nur ist ihm davon — wer 
weiss aus welcher Quelle -*- zugekommen, und er versäumt 
es nicht, dieselbe, freilich an unrichtiger Stelle, zu registriren. 
Nach Erwähnung der unter Gallus und Yolusianus nämlich 
im Jahre 251 unternommenen Plünderungszüge der von ihm 
nach gewöhnlicher Bezeichnung 2xv&ai genannten Ger- 
manen durch Italien, Macedonien, Thessalien und Griechen- 
land, fährt er im 21. Capitel des 12. Buches (P. 628 B) also 
fort: khyttai 5i tovtcov iaoIqccv ri^va Sicc Boanagov nagek- 
&ov0av xai rtjv MaLcori^Sa kifivi]^ viUQßaaav hnl rav 
Ev^sivov yevic&ai nopxov xccl x^Q^^S nog&^GUi noXkag. 
Das ist AUes, was er weiss. Woher kommt dies? Einfach 
daher, dass Zonaras ein echt byzantinischer Schriftsteller 
ist in derjenigen charakteristischen Art und Weise, von der 
ich zuvor geredet. Dürftig, überaus dürftig muss sein Studir- 
ziinnier mit Büchern ausgestattet gewesen sein, die klöster- 
liche Bibliothek war sicherlich nur an theologischen Werken 
reich. Wir können ihn fast bedauern, wenn er in der Vor- 
rede seines Werkes schmerzlich darüber klagt, dass er, fem 
von dem Treiben der Welt und fem von den reichen Schätzen 
der Bibliotheken, auf wenige Hülfemittel beschränkt, in der 
bittersten Armuth dasitze. Die wenigen Schriftsteller nun, die 



- 184 — 

ihm zu Gebote standen, hat er.denji auch, in den ersten 
zwölf Büchern wenigstens, meist mit üebergehung der Ab- 
weichungen der Autoren, in seinen eigenen Zusätzen sich 
möglichst der jedesmaligen Quelle accommodirend, wörtlich 
ausgeschrieben.^) Für die Partieen des 12. Buches, welche 
uns hier interessiren, d. h. die Zeit von Alexander Severus 
bis auf Maximinus, Licinius und Constantinus, war, abgesehen 
von seinem ausschliesslichen G-ewährsmann in kirchlichen 
Dingen, Eusebios, der auch sonst in jenen Zeiten beliebte 
christliche Continuator Dionis, wie Adolf Sclimidt über- 
zeugend nachgewiesen, höchst wahrscheinlich seine einzige 
Quelle. Die Werke desjenigen Schriftstellers, der als Augen- 
zeuge über die Zeiten des Valerianus und Gallienus und die 
damaligen Germanenkämpfe, an welchen er selbst als Feld- 
herr theilgisnommen (Trebell. Poll.' Gallieni c. 13, 8), über 
die Züge der Boraden und Gothen, auf die uns ja, soweit 
sie die Provinz Pontus betreffen, Gregorios hinweist, die 
genaueste Auskunft hätte geben können, — der Abriss der 
alten Geschichte bis auf Claudius ü. und die vielleicht hoch 
wichtigeren, uns nur in spärlichen Fragmenten in den Con- 
stantinischen Eklogen Hegt TtQeaßeiwv erhaltenen JSxv&ixdy 
eine Geschichte der Kriege Roms mit den Gothen, von 
Dexippos, fehlten in der Bibliothek des Klosters: daher 
bei Zonaras das nun nicht mehr auffällige Schweigen in 
seiner 'En^TOfx^ Iütoqiwv und seiner 'E^tjyritnQ des kano- 
nischen Briefes des Gregorios. 

Wir sind in glücklicherer Lage als der arme Mönch 
vom Berge Athos; die Nachrichten des Dexippos, und zwar 
aus dessen ^vvotpig, sind uns im ersten Buche (Cap. 1 — 40) 
des Zosimos (um 430), eines der formell besten, inhaltlich 
zuverlässigsten Gewährsmänner für die römische Kaiser- 
geschichte erhalten.*) Sie heranzuziehen, um den Brief des 



1) Vgl. die sorgfähige, f^ Zonaras grundlegende Abhandlung 
von Prof. Adolf Schmidt in Jena „Ueber die Quellen des Zonaras"^ 
in L. Dindorfs Ausgabe des Zonaras Vol. VI (Leipzig, Teubner. 
1868—1875), S. ni-LX, besonders S. IV, V und XLIXff. 

2) Vgl. Eeitemeier's „Disquisitio in Zosimum eiusque fidem** in 
seiner Ausgabe des Zosimos, Leipzig 1784, S. XXX. 



— 185 — 

Gregorios zu erläutern und seine Stellung innerhalb der 
Zeitgeschichte genauer als bisher zu fixiren, wird eine um 
80 pflichtgemässere und angenehmere Arbeit sein, als wir in 
der 'EnuTToXy xctvovixij des Gregorios jedenfalls weit unbe- 
strittener, als dies beim Briefe des Apostels Paulus an die 
Galater, imi welche sich Wieseler in seinen beiden Schriften: 
„Die deutsche Nationalität der kleinasiatischen Galater* vom 
Jahre 1877 und „Zur Geschichte der kleinasiatischen Galater 
und des deutschen Volkes in der Urzeit" vom Jahre 1879 
so dankenswerth bemüht hat, zur Zeit noch der Fall ist) 
ein monumentum antiquissimum rerum Germanicarum aus 
der ältesten christlichen Literatur griechischer Zunge er- 
blicken müssen. 

Die Germanengefahr war für das römische Reich seit 
des Kaisers Marcus Aurelius langwierigen Kämpfen an der 
Donau zu einer ständigen geworden, nur die Namen der 
Völkerschaften, welche je dann und wann uns genannt werden, 
wechseln. Im dritten Jahrhundert treffen wir die Gothen, 
welche allmählich aus Skandinavien oder wenigstens aus 
Preussen bis zur Mündung des Borysthenes und von da zur 
Donau hinabgewandert waren und von nun an fast ununter- 
brochen die Provinzen des römischen Reiches durch Einfälle 
heimsuchten. Kaiser Decius war gegen sie sammt seinem 
Sohne in einer furchtbaren Schlacht in Mösien bei Forum 
Terebronü durch den Verrath seines Feldherm Gallus im 
Jahre 251 gefallen, und dieser darauf vom Senat zum Kaiser 
ernannt worden. Von dieser Zeit an, sagt Zosimos,^) nahmen 
die Angelegenheiten der Barbaren einen gewaltigen Auf- 
schwung. Denn Gallus, der sofort seinen Sohn Volusianus 
zum Mitregenten angenommen hatte, liess die Gothen nicht 
bloss mit unermesslicher Beute beladen zu ihren Wohnsitzen 
heimkehren, sondern, was das schimpflichste war, er sah 
ruhig zu, wie sie eine grosse Anzahl Gefangener von hohem 
Range und grossen Verdiensten, welche sie zumeist bei der 
Eroberung von PhiUppopolis in ihre Hände bekommen hatten, 
in die Gefangenschaft schleppten, ja versprach ihnen jährlich 

1) Zosim. 1,24,1: ta trjg BvrjfieQiag tc5v ßaqßdqtdv av^ijv ikdfi- 
ßavev. 



— 186 — 

eine grosse Summe Geldes zu zahlen unter der Bedingung, 
niemals wieder in das römische Gebiet einzufallen. Diess 
Verfahren war verhängnissvoll, das gefahrliche Geheimmss 
des E-eichthums und der Schwäche des Staates war der Welt 
offenbar geworden.^) Neue Schaaren von Germanen, durch 
die früheren Erfolge ihrer Stammesgenossen gelockt, strömten 
über die Donau und ergossen sich plündernd und verwüstend 
durch die illyrischen Provinzen, während gleichzeitig furcht- 
bare Erdbeben und verheerende Seuchen die Bevölkerung 
des Reiches dahiuraffiten (Zosim. I, 26). Die Unfähigkeit und 
Sorglosigkeit der Kaiser ermuthigte die Germanen zu immer 
neuen Kriegsuntemehmungen. 

Zum ersten Male werden uns hier die Gothen und Bo- 
ranen {Bogavoi, eine Schreibung, welche nach allen Stellen 
das meiste für sich hat, während dasselbe Volk bei Grego- 
rios BogdSoi heisst) im Bunde mit Urugunden und Karpem 

genannt, von denen Zosimos (I, 27, 1) sagt, dass sie ccv&ig 

T«^ xarä Tfjv EvQconrjv kXr(i^ovTO Tioksig, et rt Ttegiksisifi' 
paivov ^v, olx6iovf,ievoi: sie müssen also auch schon unter den 
^y.vd'ar) des ersten Zuges (Zosim. I, 26, 1) verstanden 
werden. Ausdrücklich bezeugt Zosimos von diesen vier Völ- 
kerschaften!, 31, 1: yivr^ Si tavTa Tiegl tov'Iötqov olxovvtu. 
Die OvQovyovvdoi^) sind unzweifelhaft identisch mit den von 



1) Vgl. die musterhafte, ergreifende Schilderung dieser Vorgänge 
bei Gribbon, „Geschichte des allmählichen Sinkens und endlichen 
Unterganges des römischen Weltreiches. Deutsch von J. Sporschi 1. 
Leipzig, 0. Wigand. 1:862" (Bd. I, S. 253 ff. und 262—265), dessen 
klassisches Werk in dieser Partie in jeder Beziehung den unbedingten 
Vorzug vor der nüchternen und mehrfach ungenauen Darstellung Jo- 
seph Aschbach's in dessen „Geschichte der Westgothen. Frankfurt 
a. M. Brönner. 1827" (S. 7 ff.) verdient. Kyssel scheint („Gregorius 
Thaumaturgus" S. 16, Anm. 3) entgegengesetzter Ansicht zu sein. 

2) 2!xv&ai ist, wie ich zuvor schon bemerkte, die griechische Gre- 
sammtbezeichnung jener jenseit der Donau wohnenden Nordvölker im 
Allgemeinen, weshalb auch im Brief an die Kolosser 3, 11 ßd^ßaqos 
und ^Kvd^rig dem "ElXrjv xai 'lovdaioc gegenübergestellt werden. 

3) Kaspar Zeuss („Die Gothen imd die Nachbarstämme** S. 695) 
bringt die Urugunden entschieden irrthümlich mit den schon zur Zeit 
des Tiberius von Strabo (VII, p. 306) genannten OvQfoi in Verbindung^ 
die von diesem in den äussersten Osten der Geten jenseit der Jazygen 



— 187 , — 

Ptoleijaäos zur Zeit der Antoniiie in seiner rBcoygaipixrj vqf^* 
yrjavg JH, 5 als auf der Ostseite der Weichsel ia der Nähe 
der Grothen wohnend aufgeführten Q>QovYowälayifBg^), neben 
welchen von dem grossen Geographen die BovXaveg genannt 
werden, welche demnach dieselben sind mit den Boqccvoi des 
Zosimos oder BogäSoi des Gregorios. „Ihre Sitze um diese 
Zeit sind nach demselben von der Weichsel und dem Bug, 
da unter den Sümpfen von Pinsk schon ihrakische Costobo- 
ken und Amadoken sassen, noch über denselben an der Süd- 
seite der vordersten Aisten hinweg gegen Osten zu suchen, wo 
sie sidi yielleicht mit den stammverwandten Alaunen (Alanen) 
und Stavanen berührten."') Beide Völker, Urugunden imd 
Boranen, welche letzteren übrigens nicht weiter erwähnt wer- 
den, sind nach Zeuss mit den Gothen von nördlicheren Ge- 
genden an die Küste des schwarzen Meeres gekommen. 

Mit dem zuletzt erwähnten Zug über die Donau be- 
gnügten sich, die vier germanischen Völker nicht, sie setzten 
über den Hellespont und drangen auf ihren Plünderungsztigen 
bis Ephesus und Pessinus in Eappadocien (Zosim. I, 28, 1) vor, 



versetzt werden. Paulus Cassel liest für Ovqyoi vielmehr, mit ge- 
geringfügiger Transposition OifQoi und identificirt dieselben mit den 
im chazariflchen Königsbrief aus dem 10. Jabihundert, einem für mittel? 
alterliche Cultur- und Völkeigesclüchte sehr wichtigen historischen Denk- 
mal, als Nachkommen von iiTD^^n = Torgoma = Türken in erster Linie 
aufgeführten '^^aifi^, ügri, den Ungarn. Die von Cassel mit Hülfe 
leichter Buchstabenversetzung vollzogene Identificirung bietet nicht die 
geringsten Schwierigkeiten, da auch das biblische n?3^^r) Gen. 10, 3 
oder nv'n^nn Chron. I, 1, 6, Ezech. 27, 14; 38, 6 in Handschriften sich 
naa^n findet, und die LXX dafür Bogfafiüt^ ßeQyafid und SvQfa^d 
haben. Vgl. P. CasseFs Abhandlung: „Der chazarische Königs- 
brief aus dem 10. Jahrhundert. Von neuem übersetzt und 
erklärt" in den von ihm herausgeg. wiss. Blättern „Die Antwort" 
Nr. 3 und 4, 1876. S. 71. 89. 93. 

1) Das ist entweder falsch, oder versehrieben für O, und zu 
lesen 'OQovfowdiui^Bg, wenn anders nicht auch diese Lesart bei einer 
gründlichen philologischen Kecension des besonders in den Eigennamen 
oft ganz unglaublich verunstalteten Textes des Ptolemäos, welche bis 
jetzt immer noch nicht geleistet ist, der von Zosimos überlieferten wird 
weichen müssen. 

2) Kaspar Zeuss, Die Grothen und die Nachbarstämme, S. 695. 



— . 188 — 

bis Aemilianus; der Befehlshaber der Pannoiiischen Legionen 
die Streitkräfte des Reiches sammelte mid durch schnellen 
Ueberfall imd Sieg die Germanen wieder über die Donaa 
zurückscheuchte. Das geschah etwa am Ende des Jahres 
252. Die Erfolge gegen die Germanen brachten den sieg- 
reichen Feldherm auf den Thron. Schnell führte er seine 
Trappen nach Italien dem Gallus entgegen, welcher Vale- 
rianus abgesandt hatte, um die Legionen aus Gallien und 
Germanien zum Schutze der Hauptstadt herbeizuholen. An- 
gesichts dieser schwierigen Lage trugen die italischen Le- 
gionen kein Bedenken, den Kaiser Gallus sammt seinem Sohne 
Yolusianus zu ermorden und zu dem Prätendenten übenm- 
gehen, der von ihnen zum Eniser ausgerufen wurde (Zosim. 
I, 28, 2 --6). Gallus und .Yolusianus hatten nach des Syn- 
kellos (Edit. Bonn. p. 705) unverwerflicher, weil ausdrücklich 
aus Dexippos entnommener Angabe achtzehn Monate den 
Purpur getragen, des Zonaras zwei Jahre und acht Monate 
beruhen entschieden auf Lrthum. Aber Aemilianus ward 
seiner Herrlichkeit nicht lange &oh: schon nach kaum Tier 
Monaten, als Valerianus mit den transalpinischen Streitkräften 
in Italien eingerückt war, ermordete man ihn und ernannte 
unter allgemeiner Zustimmung jenen zum£[aiser im Jahre 253. 
Unverzüglich nahm des Reiches Noth ihn in Anspruch und 
veranlasste ihn, nach des Zosimos Bericht^), seinen Sohn 
Gallienus sofort zum Mitreg'enten anzunehmen. Schon waren 
die Gothen, im Bimde mit den Markomannen, wieder aus 
ihren Sitzen aufgebrochen , hatten die Donau überschritten, 
belagerten, wiewohl vergeblich, Thessalonike und verheerten 
auf das furchtbarste ganz Griechenland (Zosim. I, 29), von 
wo sie jedoch diesmal, ebenso schnell wie sie gekommen, 
wieder verschwanden. Von allen Seiten stürmte es auf das 
morsche Reich ein, Franken, Alemannen, Perser imd Gothen 
schienen zu wetteifern, Rom den Todesstoss zu geben. Uns 
interessiren hier nur die letzteren. 



1) Zosim. I, 30, 1: JajvlÖcov di 6 Balegtavog tbv navTaxo&sv int- 
xelfisvov rfj ^cjfiaicov aqxfi xlvövvov, aigeiTai JTaXXLijvdv tÖv naidn 
TTJg oiQx^g xoLviovov, 



— 189 — 

Die Feindseligkeiten der Gothen lenkten plötzlich in eine 
andere Bahn und nahmen eine andere Bichtung. Sie hatten 
sich schon seit längerer Zeit am Nordufer des schwarzen 
Meeres ausgebreitet und bald auch den Kimmerischen Bos- 
porös erobert und damit eine Seemacht gewonnen, mittelst 
welcher sie nach den mit reichen alten Städten dicht bedeck- 
ten Küsten von Asien überzusetzen im Stande waren. Von 
kundigen Bosporanem geleitet, erschien die Flotte der kühnen 
Nordlandssöhne — Zosimos nennt wieder die vier zuvor schon 
erwähnten Völkerschaften und scheint d«n Boranen die Ini- 
tiative des gewagten Unternehmens zuzuschreiben,^) wie sie 
deim auch in des Gregorios Brief beide Male an erster Stelle 
genannt werden — ini Jahre 253 an der östlichen Küste 
des schwarzen Meeres, da wo von den Ausläufern des Kau^ 
kasus schützend überragt ein Kranz alter einstmals zum Bos* 
poranischen Reiche gehöriger griechischer Oolonien sich aus* 
breitete. Die Bosporaner kehrten mit ihren Schiffen wieder 
heim, während die Gothen mit ihren Verbündeten raubend 
und plündernd die Küste entlang zogen. Die Bewohner der 
kleineren Ortschafben Aüchteten . vor den riesigen Barbaren 
nach Süden in den Schutz fester Städte. So gelangten die 
Germanen vor Pityus, eine durch eine starke Mauer ge- 
schirmte und mit einem bequemen Hafen versehene Stadt. 
Hier stiessen sie plötzlich auf unerwarteten Widerstand. Der 
römische Befehlshaber dieses äussersten Postens des Reiches, 
SuGcessianus, stellte sich ihnen muthig entgegen, schlug sie 
in die Flucht und nöthigte sie, nachdem er ihnen nicht un- 
bedeutende Verluste beigebracht, zur Umkehr. Die Gothen,. 
mit Recht besorgt, durch die allmählich sich sammelnden 
Streitkräfte aus den übrigen Festungen des Landes unter der 
Führung des energischen Successianus aufgerieben zu wer- 
den, brachten an der Küste eine möglichst grosse Anzahl 
Schiffe auf und kehrten unter den grössten Gefahren, wie 
Zosimos (I, 32, 3) berichtet, in ihre Heimath zurück. Der 
Ausdruck des hier von dem zeitgenössischen Darsteller dieser 



1) Zosim. ly 81, 2: SoqupoI öe xal Ttjg eig ttjv Äaiav dtaßdaecjg 
dnßigdivTo, VgL I, 34, 2. 



- 190 — 

Ereignisse, Dexippos, abhängigen Schriftstellers, crvv xivSvvq) 
fieyiCTG) Tcc olxüct xccrikotßov, giebt uns vielleicht einen chro- 
nologischen Halt. Es ist selbstverständlich, dass die der See- 
fahrt völlig unkundigen öothen bei ihrer Rückfahrt die see- 
tüchtige Küstenbevölkerung zum Schififsdienst einfach zwangen, 
und dass deswegen von grossen ausserordentlichen Gefahren 
keine Bede sein konnte. Wohl aber war es höchst gefähr- 
lich, nach dem Eintritt der mit Ende September beginnenden 
nordöstlichen Passatwinde, den den Winter einleitenden Aequi- 
noctialstürmen preisgegeben, quer über das schwarze Meer 
zu segehi, ein Unterfangen, das noch von den heutigen Tür- 
ken ftir den Gipfel der Verwegenheit und Thorheit gehalten 
wird. Etwa im Beginn des Sommers des Jahses 253 werden 
die Gothen, die wir in den vorangehenden Monaten noch aiif 
einem flüchtigen Raubzuge durch Griechenland getroflfen, ihre 
Seefahrt angetreten und den grössten Theil der guten Jahres- 
zeit auf ihrem Küstenzuge hingebracht haben, bis die ein- 
tretende Periode der Seestürme sie überraschte und sie 
nöthigte, eiligst und zwar unter den grössten Gefahren wieder 
heimzukehren. An eine Wiederholung des Zuges in dem- 
selben Jahre war somit nicht zu denken. 

Die durch des Successianus Tapferkeit aus Noth und 
Gefahr geretteten Anwohner des Meeres trugen sich schon 
mit der begründeten Hoffiumg, so lange der wackere Feld- 
herr bei ihnen befehlige, die furchtbaren Güste nicht wieder 
zu sehen: da wurde er Ende des Jahres 253 oder Anfang 
254 von Valerianus abberufen, zum praefectus praetorü er- 
nannt und mit der Ordnung der Antiochenischen Verhältnisse 
betraut. Hiervon in Kenntniss gesetzt, bestiegen die Gothen 
sofort, d. h. frühestens mit Eröfinung der Schiffahrt, im Be- 
ginn des Frühlings 254 wieder die Schiffe der überwundenen 
Bosporaner und isegelten zur Ostküste hinüber, die sie das 
Jahr zuvor so schimpflich hatten verlassen müssen. Diesmal 
Hessen sie ihre bosporanischen Seeleute nicht wie zuvor mit 
den Schiffen heimkehren, sondern behielten sie bei sich und 
steuerten direct auf das sorglose Pityus los. Kein Successianus 
vertheidigte mehr die Mauern des Castells, leicht war dasselbe 
überwältigt, die Besatzung wurde niedergehauen und die Stadt 



— 191 — 

zerstört. Eine grosse Menge Schiffe fiel den Siegern in die 
Hände, die seekundigen Einwohner der Stadt schleppte man 
auf die Ruderbänke, und da man fast den ganzen Sommer 
über bisher gut Wetter gehabt hatte {yukijvtjg nagä ndvta 
(T/eSov Tov Tov &iQovg xaigov yevofievT^g) , ging es unauf- 
haltsam weiter nach dem reichen, volksbelebten Trapezus. 
Die gewöhnliche Besatzung der Stadt war noch bedeutend 
verstärkt worden. Unverzüglich machten sich die Gothen 
an die Belagerung der Stadt, welche durch einen doppel- 
ten Mauerring so stark befestigt war, dass die Belagerer 
fast schon die Hoflfeung aufgegeben hatten, selbst bei Nacht 
die Stadt überwältigen zu können. Bald jedoch bemerkten 
sie,, wie die trägen, meist trunkenen Soldaten der Besatzung 
gar nicht einmal mehr die Mauern bestiegen und es nicht 
der Mühe für werth hielten, um des Wachtdienstes willen 
ihre Gelage zu unterbrechen. Mittelst gefällter Bäume, welche 
an die Mauern gelegt wurden, erstiegen die Gothen in der 
Stille der Nacht die Brüstung und drangen mit dem Schwerte 
in der Faust in die unvertheidigte Stadt, Während die wehr- 
losen, aus dem Schlafe auffahrenden Einwohner niederge- 
metzelt wurden, wusste die feige Besatzung das entgegen- 
gesetzte Thor zu erreichen und flüchtig das Freie zu gewinnen. 
Keines Tempels, keines Kunstwerbes schonte die stürmende 
Hand der Gothen und Boranen. Unermesslich war die Beute, 
welche ihnen in die Hände fiel, denn die Bewohner der 
ganzen umliegenden Gegend hatten ihre Reichthümer in 
Trapezus, als an einem festen Platze, in Sicherheit gebracht; 
und unglaublich war die Zahl der Gefangenen, da die sieg- 
reichen Barbaren, ohne Widerstand zu finden, fast die ganze 
Provinz Pontus raubend, mordend und verwüstend durch- 
streiften (Zosim. I, 33). 

Das siud die Schreckenstage, von welchen des Gre- 
gorios Brief auch heute noch ergreifend zu uns redet. 
Lebendig und anschaulich ziehen bei aufinerksamem Lesen 
die Vorgänge der damaligen gransen Wirklichkeit an unserem 
geistigen Auge vorüber. Wohin sich der Strom der ein- 
brechenden Feiade wälzt, da hallt die Luft wieder von dem 
Wehegeschrei der Misshandelten (31), von den Klagen der 



— 192 — 

geschändeten Weiber (10), von dem Stöhnen der Niederge- 
metzelten und Erwürgten (95. 96). Schaarenweis treiben Go- 
then und Boranen die unglücklichen, von Haus und Hof ver- 
jagten Einwohner (77. 78) in die Gefangenschaft. Vieh wird 
von ihnen geschlachtet und mit dem Fleische die Schaar der 
Gefangenen gesättigt. Manch frommem Christen, der in der 
Noth hat essen müssen, steigen da im Andenken an die Yon 
Paulus geschilderten Vorgänge in Korinth Skrupel auf (1. 2); 
aber es ist kein Opferfleisch {sISooXo^vtu^ die blondgelockten 
Fremdlinge haben — das hebt Gregorios als sicheres, überein- 
stinmiend überliefertes Factum hervor (3 — 5) — den Göttern 
nicht geopfert. Wie tiberall, so hat auch hier in Pontus 
der Krieg die bösen Begierden, die schlechten Elemente des 
Volks, ja des christlichen Volkes entfesselt (31 — 34; 81. 82). 
Hier schhessen sich einige, einmal aufgegriffen, bereitwilligst 
den Plünderern an; im Bausche des Sieges, der ihnen un- 
geahnte Schätze in den Schoss wirft, schnell verwildert, ver- 
gessen sie, uneingedenk dessen, dass sie Einwohner von Pontus 
und Christen sind, sich soweit, dass sie mit den Frenaden 
ihre eigenen Landsleute auf alle mögliche Weise vom Leben 
zum Tode bringen (92 — 96). Dort stellen sich pontische 
Christen den über die zur Zeit Xenophon's von den Mosy- 
nöken undDrilen bewohnten Berge hereinbrechenden Boranen 
und Gothen zur Verfiigung; von schmutziger Gier getrieben, 
zeigen sie in dem gebirgigen Lande den unkundigen Fremden 
die Wege und Stege, führen sie hin zu versteckten Behau- 
sungen (96), um „aus dem Blute und Verderben von ver- 
triebenen oder ermordeten Mitmenschen Gewinn zu ziehen'^ 
(51. 52). Alle Bande der Zucht und Sitte sind gelöst; ver- 
hältnissmässig gering ist noch das Vergehen derer, die Ge- 
fundenes behalten (62. 63); andere meinen gegen ihre eigenen 
unglücklichen Volksgenossen die Rolle der Boranen und Go- 
then spielen (81. 82) und ihr verloren gegangenes Eigenthum 
durch fremdes Gut, das sie geftinden, einfach ersetzen zu 
dürfen (79. 80); noch andere, und das sind die schlimmsten, 
rotten sich in der allgemeinen Verwirrung zu Räuberbanden 
zusammen, und überfallen und erbrechen fremde Häuser (99), 
ja gehen in ihrer Rohheit und Unmenschlichkeit soweit, dass 



— 193 — 

sie einige den Feinjdeii wieder entflohene Gefangene in ihrer 
Gewalt festhalten (89. 90) , offenbar in der Absicht, sie ge-* 
legentlich zu verkaufen und durch den Erlös sich zu bereichem. 
So mehren die unfreiwillig^i nnd freiwilligen Helfer der frem- 
den Eindringlinge in mchloser Weise ihres eigenen Landes 
Elend und Unglück. Durch die lichten, wohlangebauten und 
mit freundlichen Ortschaften geschmückten Thäler des Lykus 
und seiner Nebenflüsse — dort im Lykusp-Thal haben wir 
jedenfalls die freie Ebene, nBSiov, zu suchen, deren Gregorios 
(103) gedenkt — wSllzt sich der Hanptstrom der feindlichen 
Eroberer, die bis Neoc&sarea, wie aus des Gregorios Aus- 
dmcksweise deutlich erhellt (1 — 5; 86. 87), jedenfalls nicht 
gekommen sind. Da plötzlich fiuthet der wilde Strom, wahr«- 
scheinlich wohl weil die Jahreszeit dringend dazu mahnt, in 
derselben Weise, wie er her angebraust, wiederum zurück. 
Reieh beladen mit ihrem Kaub an Kostbarkeiten und Ge- 
fangenen ziehen die Gothen und Boranen schwerfällig dahin, 
die Last ist kaum zu trag^:i. Hin und meder finden sich 
anerwartet noch die grössten Kostbarkeiten, die in der ersten 
Hast übersehen waren; unbedenklich wirft man das Werth-' 
losere in der Ebene von sich oder lässt es unbeachtet in 
den Häusern liegen (103), den pontischen Räubern eine will- 
kommene Beute (99—104).!) — 

Da, wie ich zuvor« nach dem sorgfältigen Bericht des 
Zo»mos herrorgehoben, der Angriff auf Trapezus yon den 
Qt>then am Ende des Sommers 254 unternommen und nach 
schneller Eroberung der Stadt die Expedition in das Innere 
des Landes angetreten wurde, so kann nach demselben zu- 
verlässigen Gewährsmann die Zeit, wann- der Zug ein Ende 
genommen und der Gothen Heimfahrt erfolgte, keinem Zweifel 
unterliegen. Zosimos sagt nämlich I, 33, 8 von ihnen, nach- 
dem sie Trapezus erobert: xai n^oeivi r^ äXh^v xwgev 

■ ■ p ■ Will ' 

1) Zonaras erläutert die von Gregorios berührten Thatsachen 
durchaus angemessen also: (11) Oi ßdqßaqot lerjlazovvieg tijv x^Q^^ 
jJQTial^op ngayfiaTa xal rj xgeittoai fisTa Tocura ivTVYX^^ovTeg rj did 
ßaqog (itj övvdfievoi (piqaiv o&a rjgnaaav, tu fihv iv tcji nadlto ffqqin- 
tov, ra de xae iv oixlaig uwfSp, 4p als IVro)^ xalXiova svqiifxov. 

13 



— 194 — 

kn oYxov. Das kann, nach di^er bündigen Ausdrucksweisey 
nur im Herbste, d. h. yor Eintritt der Aequinoctialstürme 
des Jahres 254 geschehen sein. 

Erst nachdem diese mit dem Briefe des Gregorios im 
engsten Zusammenhange stehenden geschichtlichen Ereignisse 
genau nach den Quellen dargestellt sind; köimen wir hoffen, die 
Frage nach der Abfassungszeit des Briefes mit Aus* 
sieht auf Erfolg und allgemeine Zustimmung zu beantworten. 

Hören wir zunächst, was die früheren Forscher geurtheflt. 
Gallandi äusserte ohne jede Begründung mit Berufung auf 
Tillemont (Mem. tom. IV. pag. 339): „Anno Christi 258 
scripta fiiisse yidetur epistoW; auch Fabricius setzt den 
Brief um 268 an. Bouth lässt die Frage unbeantwortet. 
„Ad tempus" -^ sagt er Bei. sacr. voL IL pag. 447 — „quod 
attinet scriptionis epistolae, etsi Gothorum et Boradorum 
sive, Zosimo Hist. lib. L p. 2>8. ed. Oxon. appellante, Bora- 
norum irruptio imperantibus Yaleriaao et Gallieno facta est, 
tamen illam ad ultimum barbarorum recessum censet Bas- 
nagius retrahendam esse, qui anno demum Christi 262, 
Gallieni autem soliils regnantis tertio^ contigit. Vide eum in 
Annalibus Politico-Eccles. tom. I. ad an. 240. p. 328 et an. 
262. p. 406. Bes in dubio esse mihi videtur, propterea 
quod plures iis temporibus factae sunt earundem gentium in 
Asiam irruptiones, atque ex illa di^essus." Dieser Verzicht 
auf Ermittelung der vollen Wahrheit ist übel angebracht 
Bouth hätte aus Zosimos und Zonaras wissen können, 
dass die Gothen die Provinz Pontus nach jenem oben ge- 
schilderten Zuge nicht wieder betreten haben. Ihre folgenden 
Expeditionen waren sämmtlich nach Südwesten gerichtet 
und erstreckten sich zunächst hauptsächlich auf Vorderasien 
(ZosinL I, 34 --38). Ehe sie die nächste Seefahrt antraten, 
wurden nach den Anweisungen schiffsbaukundiger Kriegs- 
gefangener (Zosim. I, 34,. 1) neue Schiffe gebaut, worüber 
doch mindestens der ganze Sommer des Jahres 255 vergangen 
sein dürfte, und erst nachdem sie den Winter abgewartet 
{ävafieivccvreg 8i rov /Hficova), also fiühestens im Frühjahr 
256, unternahmen sie die neue Expedition, die nach Zosimos' 
ausdrücklicher Angabe, nicht mit langer, schwieriger Seefahrt 



— 195 — 

verbufiden, nicht auf schon von ihnen heimgesuchte Gegenden 
{Siä r6nmv ^Sr^ nmoQ&rifiivoov) sich erstrecken sollte. Wir 
haben kein Interesse, die weiteren Züge der Gothen hier 
zu verfolgen, durch das Gegebene denke ich dasjenige vÖUig 
sichergestellt zu haben, was zur Ennittelung der Abfassungs- 
zeit des Briefes des Gregorios von Wichtigkeit ist. 

Möge an dieser. Stelle, weil inhaltlich hierher gehörig, 
zunächst eine kritisdhe Zwischenbemerkung folgen. 

Erst nachdem ich diese Arbeit vollendet, war es mir 
möglich, meine im Vorstehenden mitgetheüten, selbständig 
gewonnenen Resultate mit den Ausführungien Eduard von 
Wieterheim's in dessen „Geschichte der Völkerwanderung" 
(Zweite vollständig umgearbeitete Auflage, besorgt von Felix 
Bahn. Erster Band. Leipzig, T. 0. Weigel, 1880) zu ver- 
gleichen. Ich habe durch diesen Vergleich mich nicht ver- 
anlasst gesehen, an meiner Darstellung der geschichtlichen 
Ereignisse irgend etwas zu ändern, und zwar aus folgenden 
Gründen: In Ed. v. Wieterheim's Geschichtswerk erschei- 
nen mir in den betreffenden Partieen (I, S. 204^212) die 
chronologischen Bestimmungen in nicht zu recht- 
fertigender Weise verschoben. Es rührt das zum 
Theil daher, dass der Verfasser mehrfach des Zosimbs Chro- 
nologie bemängelt. Er giebt zu (S. 210), dass nach Zosimos 
die Gt)then im Jahre 258 nach Asien übersetzten. Gleich- 
wohl bemerkt er in Bezug auf die Abberufung des Successia- 
nus, welche nach meiner Interpretation des Schriftstellers 
Ende des Jahres 263 oder Anfang 254 erfolgt sein muss, 
*S. 212 Folgendes: „Valerian kann nicht vor Mitte des Jahres 
256 das von Sapor eingenommene und zerstörte Antiochien 
wieder besetzt, also kaum vor dem Herbste dieses Jahres 
den tapfern Vertheidiger von Pithyus nach dem neunzig 
bis hundert Meilen entfernten Antiochien berufen haben. 
Ueberdiess lässt die Gefahr,* welche die Skythen bei der 
Rückfahrt von dem verunglückten B/aubzuge erlitten, auf das 
Einbrechen der Aequinoctialstürme schliessen. Der zweite 
Feldzug fiel, wie Zosimus ausdrücklich anführt, in den 
Sommer. Hieraus ergiebt sich nun für den ersten mit Sicher- 
heit das Jahr 256, anscheinend dessen letztere Hälfte, für 

13* 



— 196 — 

den zweiten aber das Jahr 2$,7". Wota^f qiob die ^her- 
boit dieser ScbiussitolgerungeQ gi^Undet, irt, da andere Qu^en 
als Zosimois ws voUstüuidig darüber im I>i|ii]^Qla laa^c^n, 
einigermasseu schwer zu sagei^ik Was berechtigt, frage ich, 
zu der Amiahme, dass Yalerianus lucht vor Mitte des Jahres 
256 das von Sapor eingenommene und zerstörte Antiochia 
wieder besetzt haben kann? Und wie stimmt diese An- 
nahme mit der Aeusserung des Yer^ssers 8Af S. 206: j^Desto 
schlimmer stand es damals (254 — 256) im Osten vermöge 
der Fortschritte Sapor's. In dieselbe meit fallen die gothiischen 
Baubfahrten nach Eleio&sien'^ — ? Die letztere Ausführung 
JSd. V, Wieterheim's lässt sich mit djes Zosimos Bericht 
ganz wobl vereinigen, nicht aber jene erste Annahme. Denn 
da^ wo der Schriftsteller die Gothen, Boranen^ Urugunden 
und Kaxper zuerst erwähnt {I, 27) und dann (I, 28) von ihrer 
Niederlage durch Aemilianus im Jahre 253 berichtet, fährt 
er (I, 27) unmittelbar in der Schilderung der traurigen Lage 
des Beiches also fort: JUigacci di rijv !A<tIuv kny^aav^ r^v 
TB fi^cifv xaTa<T%^B^6fiivoi x&v noxaykmv^ xal ixi JSvglav 
ngolovTfg^ &Xpt xai !dvTioxUag avr^g' ^oog elXov xal TUVTfiv, 
xfjq iipag ndarig lAi^r^ono^^v ovaav xul roig fAsv xatoo^a* 
lat^Tfg TC^v olx7]T6g(oVf Tovg di cclxßccXcirovg d^iayfiydvvBg, 
äfAcc Mii^g dvagi&fjLiJTtp ni/tjO-ai otxaSa inytauv^ näv intXkvv 
iSiov ij Stjfjkociov Tfjg nökemg olxoSofi^jAa Stucfpß-eigcevTsg, 
ovÖBvög navTanaatv ävjiarüvTog. Durch diese Darstellung 
des Zosimos werden wir auf gleichzeitige Ereignisse 
geführt, d. h. auf das Jahr 253, welches auch Peter 
(Zeittafeln der Böm, Geschichte. HaUe 1854 S. 123, Anm. 29)' 
asigiebt Es steht somit nichts im Wege, des Successiaaus 
Berufung nach dem wüsten, von den Feinden wieder ver- 
lassenen Antiochia, wie ich es gethan, an das Ende des 
Jahres 253 oder in den Anfojig des Jahres 254 zu verlegen. 
Wenn die Chronologie nach Ed. v. Wieterheim's eigenem 
Zeugniss (S. 204, Anm.) in diesen Partieen der römischen 
Geschichte so überaus schwankend ist, und andererseits der- 
selbe in seinem Excurse ,J)ie Einfälle der Gothen und an- 
derer Nordvölker u. s, w." am Schluss des I. Bandes S. 630 ff. 
von des Zosimos Berichte Cap. 29 — 35, welchen ich der 



— 19? — 

gesntim Dftrst^ung ' dieser Eini^Ue zu Oi*a»de gelegt und 
^liäutert b&be^ S. 8S2 anerkeünend herrorhebtt ,>2iosimu» 
ta'cm ftbr liesen klaren, zuBämmeähätigelideti uäd antddhimdeiii 
Hericftit tiber idfe skythiscben Fabtten nach Kieina^en In den 
gedaiMen Jafar^ (d. b. 254 fil) eine sehr gute Special^ 
quelle 7 eiüe «kbeiuäisdie , gehaM haben'^: so sehe ich nicbt 
den ge(ring6teä Grund ein, durch den wir veranlai^t sein 
isoQteny über Zosimos lünaus nöcb so vieles besser wis^n 
zift wollen. PÜiekt di^s For&ebers kann es unter solcben 
Umständen nur sein, jene relativ vortr^iffli<cbe QeschitbtsqueUe, 
in der wir die Kacbri&hten ' dies zeitgenös^scfaen Fel(&^rn 
Dexippos aus Athen sehen müssen, gewiss^önhaft ^ tnter- 
pretiren« Und das meine ich getban eu habtsn. 

Dodb um zur F^age nach der Abfassungszeit des 
Sriefes des Gregorios zurückzukehren, so scheint bei 
der Lösung ders^ben das Jahr 268 in der Art eine Bolle 
zu spielen, dass es , immer an unrechter Stelle AUftauch^end, 
die klarsten geschichtlichen Zttsamimenhänge wiedca* verwirrt. 
Völlig der historischen üeberliefemng ent8pre<äiend> lässt 
Joseph Aschbach (Geschdcbte d^r Wegtgotinen, S. 9) und, 
vmi ihm abhängig, Victor Ryssel tGhregoiius Thaumatur- 
güs> S. 16) die GkHhen und Boranen nebst ihren stammver*- 
^andten Bundesgenossen ihren Se^ug vom Himmerischen 
Sosporos aus an die Ostküste d^es schwarzen Meeres im 
J^bm 25S unternehmen. Aber in directem Widerspruch 
aaiit dem klaren und deutUchen Bericht des Zosimos, der, 
wie idi wiederholt betont, in diesen Partien seines trefflichen 
Geschichtswerkes ton dem durchaus zuverlässigen Dexippos 
abhlDgig ist, lassen beide die Gothen nach der Eroberung 
von Tirapezus, A^ohbach ohne des durch Zoedmos und 
Gregorios berichteten Plünderungszuges derselben durch Pou" 
im auch nur im geringsten Erwähnung zu tiiun^ erst im 
Jahre 25S in ihre Niede3*las3ungen an den See Mäotis (das 
heutige Asowsche Meer) zurückkamen, Aschbach endlich 
fliren zweiten, weit gewaltigeren Kriegszug nach Vorderaaen 
gleich im Jahre 259 antreten und noch in demselben Jahre 
beendigen. Ryssel irrt insbesondere noch darin, dass er, 
nach Erwähnimg der Eroberung von Trapezus und des Streif*- 



— 198 — 

zages in das Innere, den historischen Verlauf so schildert: 
jjAIb sich dann Yalerian 258 selbst gegen sie wandte und 
Massregeln zur Yertheidigung des nördlichen Kleinasiens 
traf, waren die Gothen bereits mit unermesslicher Beute 
beladen in ihre Niederlassungen am See Mäotis zurückge- 
kehrt, von wo sie sich im Jahre 269 nach anderen Gegenden 
wandten, indem sie die Städte der Westküste Kleinasiens, 
sodann die Inseln des Archipels, femer Athen bis Thessalien 
und lUyrien und schlieslicb auch gegen 262 Ephesus ver- 
heerten, wobei bekanntlich der berühmte Dianentempel zu 
Ephesus eine Beute der Flammen ward.^' Hier ist Wahrheit 
und Irrthum gemischt. Als Valerianus, der nach Peter 
(Zeittaf. d. Böm. Glesch., S. 123, Anm. 30) im Jahre 257 
Kom verlassen, von Antiochia aas, etwa 268, eiligst sich nach 
Kappadocien begab und ebenso schnell, die Städte des 
Landes flüchtig durcheilend, wieder zurückkehrte (Zosim. I, 
36, 2: a^oQ and xrig !Mmoxeias &xQi KannaSoxlctg ^x^Q^^y 
xal xy nuQ6ä(p fAovov kmrQiipecg rStg Ttolaig vniavQtipBv üg 
TovTiiacü) : geschah diess, wie Zosimos ausdrücklich berichtet, 
auf die Kunde von den Vorgäoagen in Bithynien, d. h. von 
der Plünderung und Verwüstung der Städte Nicäa, Cius, 
Apamea, Prusa und Nicomedia seitens der Gothen, welche 
Byssel doch erst in das Jahr 269 verlegt, während die 
Gothen von diesem ihrem zweiten Seeraubzüge, auf dessen 
Beginn frühestens etwa im Mai des Jahres 256, und dessen 
grössere Ausdehnung und Dauer ich zuvor schon hingewiesen, 
bereits heimgekehrt waren, als Valerianus jene kurze In- 
spectionsreise nach Kappadocien unternahm. 

Nach Aschbach und Byssel müssten wir einen fünf- 
jährigen Aufenthalt der Gothen in Pontus aimehmen, was, 
wie wir gesehen, mit den Berichten der Alten sich nicht 
vereinigen lässt Auch ein in diesem Falle beachtenswerthes 
testimonium ex silentio möge hier nicht übergangen werden. 
Der Gothe Jordanes, der seines eigenen Volkes Thaten 
beschrieb, berichtet im 20. Capitel seines Werkes von den 
Ereignissen der zweiten und dritten Seefahrt seiner Lands- 
leute, dieselben freilich, wie es scheint, etwas confiis durch- 
einander mengend; voil ihrem ersten Zuge dagegen nach 



— 199 — 

Trapezus und dem Inneren von Pontus weiss er nichts. Isi- 
dorus Hispalensis erwähnt zwar in seiner Gothischen 
Chronik kurz die Verwüstung von Macedonien, Pontus, Asien 
und Ulyrien, zeigt aber keine £unde von einem längeren 
Aufenthalte der Gothen in Pontus, während er in Bezug auf 
zwei der genannten Länder zu bemerken nicht unterlässt: „ex 
quibus Dlyricum et Macedoniam XV ferme annis tenuerunt." 

„Durch diesen Abzug der Gothen" — so schliesst Ryssel 
seine auf den kanonischen Brief des Gregorios bezügliche 
Untersuchung — „wurden seit 258 die nördlichen Gegenden 
des mittleren Kleinasiens, also vor allem Pontus, von ihren 
Drängem befreit, und an die Leiter der Kirche trat nun 
die Aufgabe heran, ihre Gemeinden mit weiser Schonung 
wieder in geordnete Verhältnisse hinüberzuleiten. Der kano- 
nische Brief des Gregor, welcher kirchendisciplinarische Bath- 
schlage zur Beseitigung der durch den Gothenzug hervor^ 
gerufenen Missstände enthält, fällt somit in das Jahr 258." 

Auch ich bin mit meiner Untersuchung zu Ende. Da 
die historischen Voraussetzungen, von denen Byssel aus- 
geht, wie ich gezeigt zu haben glaube, falsch sind, so kann 
auch sein Schlussresultat, die chronologische Bestimmung der 
AbfasBungszeit des Briefes des Gregorios, das Jahr 258, 
auf Richtigkeit keinen Anspruch machen. Ich habe an der 
Hand der Quellen nachgewiesen, dass die Gothen bereits im 
Herbst des Jahres 254 in ihre Niederlassungen am See 
Mäotis zurückkehrten, um niemals wieder in der Provinz 
Pontus zu erscheinen. Bei derErische der Darstellung und der 
lebendigen Sprache, mit weMer Gregorios in seinem Send- 
schreiben auf die oben geschilderten unglücklichen Vorgänge ' 
und schweren sittlichen Vergehen pontischer Christen bei 
Gelegenheit des Einfalls der Gothen imd Boranen als auf 
etwas soeben Geschehenes, fast noch der unmittelbaren Gegen- 
wart Angehörendes hinweist, erscheint mir die Thatsache als 
über allem Zweifel feststehend, dass Gregorios den 
kanonischen Brief kurz nach dem Abzüge der 
furchtbaren Fremdlinge, als man wieder zu geord- 
neten Verhältnissen zurückzukehren begann, d. h. 
im Herbst des Jahres 254 geschrieben hat 



Zu Victor RysseFs „Gregorius Thaumaturgus". 

Obwohl ich mehrere der von Victor Byssel in seinem 
fleissigen Werke über Gregorios von Neocäsarea gebotenen 
fiesxiltate in diesen Jahrbüchern (VII, S. 102 flP. u. S. 724ff.) an- 
zufechten mich genöthigt sah, so hatte ich doch bisher meine 
herzliche Freude an 4en beiden durch den wissenschaMchen 
Eifer der Syrer uns erhaltenen, bisher unbekannten Schriften 
des Gregorios „An Philagrios über die Wesensgleich- 
heit'* und „An Theopompos über die Leidensunfähig- 
keit und Leidensfähigkeit Gottes," welche uns ßyssel, 
der bereits im Jahre 1878 den Wunsch hegte, „die in syri- 
scher Sprache erhaltenen und noch nicht übersetzten Sohrifteii 
des Gregorius Thaumaturgus weiteren Eireisen zugangUcb 
zu machen", in schöner Uebersetzung mit sorgfiütigem Com- 
mentar und zahlreichen, den Lihalt und die Eohtheitsfrage 
betreffenden Nachweisungen vorgelegt hat Besonders impo- 
nirte mir in der gründlichen Untersuchung Über die Echtheit 
der Schrift über die Wesensgleichheit (S. 100—118) der 
Nachweis, dass die Schrift gegen Porphyrios, den 
Neuplatoniker, gerichtet sei, welcher in seinem scharf- 
sinnigen Werke gegen das Ohristenthum in fimfzehn Büchern 
auch das Andenken seines Lehrera Origenes verunglimpft 
hatte^ Nur wenige Stellen mögen hier hervorgehoben werden. 

„Wir halten uns," sagt JRyssel S. 114, „durch den In- 
halt unserer .Schrift für berechtigt anzunehmen, dass der 
Name Philagrius aus Porpbyrius verderbt sei, was um so 
eher als möglich erscheint, da auch sonst in den syrischen 
Schriften griechische Namen bis zur ünkenntlichfceit entstellt 



— 201 — 

rorkominen, -wie z. B. der Name Tatianus in der Uebersdmft 
des SVagmentes der syrischen Uebersetzimg von Gregors 
Schrift über die Seele zu öajanos commipirt ist (Anal. 
Syr. 31, 13). Diese unsere Yermuthung wird aber auch 
uoch durch ein directes Zeugniss best&tigt. Assemanus 
berichtet im dritten Bande seiner Bibliotheca Yaticana (S. 
304 f.) 7 dass sich in einer von dem syrischen Uebersetzer 
Athaaasius Ter£assten Vorrede m der Isagoge des Porphy- 
rius; ifelche eine Lebensbeschreibung dieses Philosophen ent« 
h&lt, folgende Stelle löndet: Hie ab illis, qui ibi (i. e. Tyri) 
degebaht, culpabatar, eo nempe, quod ausus fdisset sacrum 
Erangeliuni impugnare, quod tarnen eins opus a &regorio 
Thaumatutgo oppugnatum eet. Zwar findet «ich eine Notiz 
äihnlichen Inhalts bei keinem der alten Schriftsteller, was 
auch Assemanus ausdrücklich bemerkt, aber andererseits 
ist dieses Zeugniss des Athanasiüs von grosser Wichtigkeit, 
w^ dieser berühmte Uebersetzer griechischer Wei^ke in der 
cfaristhoben Literatur dieser Sprache wohl bewandert gewesen 
sein muss. Bs ist gar nicht unmöglich^ dass Athanashis die 
syrische Uebersetzung unserer Schrift kannte und aus ihrem 
Inhalte sohloss, dass sie gegen Porphyrius gerichtet war, mög* 
lieh auch, dass die Handschrift, in welcher er die Schrift fand, 
noch den Namen Porphyrius in unentstellter Form enthielt; 
vielleicht hatte er sogar das griechische Original noch vor 
Augen.^ ^- ^,So vereinigen sich denn alle inneren und äusseren 
Zeugnisse, um unsere Schrift als das Werk des Mannes, dessen 
Namen jsie an ihrer Spitze trägt, erscheinen zu lassen, — oder 
zum mindesten ist das zu behaupten,' dass der Möglichkeit 
seiner Autorschaft durchaus Nichts entgegensteht." 

Eine abermalige sorgfältige Prüfting der Untersuchung 
Kyssel'sftdirte mich zunächst auf disputable Punkte, von denen 
ich hier kurz Rechenschaft geben will. 

Byssel bespricht im An&ng seiner Untersuchung S. 101 
tmd 102 die Unterschiede der Worte inotnuai^^ ovaia und 
tpvaigy den auch ich in meiner Programm -Abhandlung 
„Quaestionum Nazianzenarum specimen^^ (Wandabeck, Fr. 
Pttvogel. 1876. Progr. Nr. 237) p. IV und V auf Qxund 
4er XXTT. Bede des Qxegorios von Nazianz auseinander- 



— 202 — 

gesetzt habe, und hebt hervor, dass die letzteren beiden in 
der Schrift ^^noch nicht in der scharf begrenzten Bedeu- 
tung verwandt werden, die sie seit dem manischen Streite 
nnd besonders durch die drei grossen Oappadoder als Ter- 
mini der philosophischen Elunstsprache der Dogmatik ha- 
ben.^' Nach seiner Darstellung handelt es sich vielmehr nur 
um die gemeinsame göttliche Substanz, wofür der Aus- 
druck ovcia, daneben aber audi die Bezeichnung (pvatg 
gebraucht werde. Hierfür beruft er sich (S. 102, Anm. 1) 
auf die folgende, seiner Uebersetzung der Schrift S. 66, 
Z. 1 ff. entlehnte Stelle: „Es ist die Frage, wie es sich mit; 
der Natur des Vaters, des Sohnes und des Geistes, mär 
man genauer ovaia oder auch fpvfng sagt, verhält^ — und 
erblickt in dieser Verwendung des Wortes (pv4HQ ebenfalls 
„ein wichtiges Zeugniss für das höhere Alter der Schrift/^ 
Dennoch glaubt JRyssel nicht verschweigen zu dürfen, dass, 
wie ich gleichfalls an dem soeben angegebenen Orte ausge- 
führt habe, noch Grregorios vonNazianz „mit den Aus- 
drücken ovaia und (pvaig abwechselt.'^ 2hmi Beweis dessen 
bezieht er sich auf U lim an n 's treffliches Werk „Ghregorius 
von Nazianz der Theologe^' S. 355 und 366. In der zweiten 
Auflage desselben vom Jahre 1867 finden sich die gemeinten 
Auseinandersetzimgen S. 247. Warum hat Byssel, so darf 
ich mit Recht fragen, an dieser Stelle nicht sorgfältiger auf 
die ebendort citirten Worte geachtet: xal nt^gl rovSe p, 
äg Tiva TQMov 6v üri ituxqog r< tmü viov xal äyiov nf9f&' 
uaroQ ij (ptfaig, rjv äv rtq ogß'&g oviriccv fiäXkov ^ (pvffiv 
xaXoifi — ? Mussten ihn dieselben nicht stutzig und nach- 
denklich machen? 

Doch ich gehe weiter. Seite 104 lese ich in Byssel's 
Werk : „So ist denn S. 45 , Z. 20 f. nicht von einem Ins- 
Leben-Treten des Sohnes, sondern nur von einem durch die 
Sendung bedingten Ans-Licht*Treten des Sohnes und Geistes 
die Eede.^^ Die ebendaselbst Anm. 4 aus seiner Uebersetzung 
aasgehobene Beweisstelle lautet: „So sind auch unser Erloser 
und der heilige Greist Zwillingsstrahlen des Vaters und bis 
zu uns wird das Licht gesandt." Wie des Wanderers Herz 
jnbelt, wenn er in fernem, fremdem Lande Freimde undBe- 



— 203 — 

kannte aus der Heimath findet, und der Heimath Laute süss 
und melodisch an sein Ohr schlagen: so erging es mir beim^ 
Lesen dieser Worte. Alte, theure Freunde sind's ja, jene 
Worte 6 acor^p 6 ifiinpog xcci ro Jtvevfta tä ayioVy ^ SU 
ÖvfioQ Tov natQdg äxTig^ die mich durch ihren kraftvollen 
Tiefsinn schon früher überrascht und gefesselt hatten, und 
die ich in meinem „Quaestionum Nazianzenarum specimen^^ 
S. VII bereits aus des Nazianzeners XLV. Eede (Editio 
Coloniensis vom Jahre 1690, S. 720 = Editio Basüeensis 
vom Jahre 1571, orat XXXVII, S. 579) citirt und be- 
handelt habe. Aber nichts schien mir einfacher zu erklären 
als dies. Werden doch dieselben Bilder und Vergleiche von 
den verschiedensten lürchenlehrem gebraucht, um das Wesen 
der Trinität der menschlichen Auffassung und dem mensch- 
lichen Yerständniss näher zu rücken. Ich betrachtete daher 
die Stelle zunächst als eine werthvolle Stütze flir den Be- 
weis Byssers, dass die Schrift an Philagrios dem dritten 
Jahrhundert angehört und sah in den Worten des Gregorios 
von\Nazianz die ersten deutlichen Spuren der Benutzung der 
Schrift des grossen Pontiers im vierten Jahrhundert. Si- 
cherheits halber schlug ich jedoch noch einmal BysseTs 
Uebersetzung nach. Da heisst es S. 69, am Ende: „Denn 
gleichwie die Strahlen des Lichtes, welche ohne Theilung 
zwischen einander dem Wesen nach Einheit besitzen und 
nicht von der Sonne getrennt sind und nicht von einander 
geschieden und [doch] zu uns die Wohlthat des Lichtes senden, 
so sind auch unser Erlöser und der heilige Geist Zwillings- 
strahlen des Vaters und bis zu uns wird das Licht .gebracht: 
denn „ich bin das Licht und mit dem Vater geeint."" 

Wie wäre es, wenn ich diese schöne Stelle, ^tatt mich 
mit dem Syrischen und der daraus geflossenen, wenn auch 
noch so genauen Uebersetzung RysseFs zu behelfen, griechisch 
so wiedergeben könnte: äantQ yäg ai rov y^wrog dxriveg, 
afiigiarov ixovaai xaxä (pvaiv xijv ngbg äXXt]Xcc <Tx^<nVf 
ovtB tov q^ooTog ;^a)()e^oi/TC]fe ovre aXXijXcüV dnori/nvovrcci 
xal fi'ixQ^S lificov tijv ;^c^(>{if rov <p(or6g dnoctiXkovar rov 
avxov tQonov xccl 6 aajrjQ 6 TJfiiteQog xal rd nvBVficc 
ro äyiovj i] SiSvfjLog rov nargog äxrig^ xccl (lixQ^^ tjfiwv 



— 204 — 



StecxovBittet t^g txlri&Bfccg rö tpmg Tcal t^ ftargl <rw^V(otai 
— ? Doch dies soll keine Probe ein^r Uebersetztmg sein. 
Mäü vergleiche: 



Ryssel, S. 65, Cap. 1 : „Ich 
wundere mich sehr über Dich 
und bin besonders erstaunt über 
die Aufmerksamkeit Deines 
Gheistes, dass Du bei derarti- 
gen Aufstellungen und bei der 
Untersuchung eines solchen 
Meisters durch genaue Fragen 
fftr uns eine Veranlassung bist, 
dass wir uns nothgedrungen da- 
rüber aussprechen, und dass Du 
so einen Wettkampf der Be- 
weisführung zwischen uns her- 
beiführst. Denn indem Du uns 
in einer angemessenen und pas- 
senden Weise I^ragen vorlegst, 
ist es darum gan« nothwendiger 
Weise selbstverständlich, dass 
wir auf Deine Fragen klare 
Antwort geben ; und nun ist auch 
die jetzt von Dir vorgelegte 
Frage ebenso beschaffen und 
zwar handelt sie darüber, in 
welcher Weise es sich mit der 
Natur des Vaters, des Sohnes 
und des heiligen Geistes ver- 
hält; woflir (d. i. für „Natur«) 
man genau ausgedrückt mei- 
stens Wesensheit [ovoria), oder 
auch Natur {(pvmg) sagt." 

Instructiv ist fbrnef auch folgende* Stelle: 

"Ryssel, S. 69, Cap. 4 E. u. Oütco fxoi vohv xal rdv vlov 

6 Anfg.: „So bin ich der An- rov natgbg fi^ x^Q^^^^"^^ 
sieht, dass auch der Sohn durch nconoTBy xccl rovtov Si näXtv 
nichts von dem Vater jemals rö Ttvevficc r6 ayiov, optolwq 



Uav benXrjtxopitti rijg vr^tpa- 
Xwrrjtog, inwg totovtwv 19•^ 
mQTjfictttav xal xfjXixo^rm 
^^^(TBwv ahiog xct&Lcftacmj 
ruig &xQißiciv hgwti^fTBGiv 
%\g dvuyxriv tjfiag rov leysiv 
xal ttyiavluv änoS^l^Bcog ne- 
Qa<nag, kgoonjaeig ccvayxaiag 
xal xQ^^'f^ovg i^julp hnaywv. 
natra S^kov httkoi^dv avuyy^r}, 
xatoniv rcjv kQOJtijfTemv ^fiäq 
^vapyetg noula&ui rag anty- 
xplaetg, xal vvv toivx/v to 
ngoffBVex&iv iQoit-tjfia nagä 
60V toiovSe xal 9t^pl rovSi 
fjVj &g ttra tpoitM &v tU 
natgog re xal vlov xal ayiov 
mrevfiarog ^ tpvmg, rjv h 
rig dg&cog ovtrtav fi&XXov tj 
(pvfTiv xakoiri» 



— 266 — 



yccQ aix IStm fiera^v voS xal 

TOfif/v' ovtwQ ovSi Tov ttyiov 
nvivpLUTo^ Kai to& ccrr^QOQ 
xul tov nargog kv f/^ia^ tO" 
fjLi^v f} Siecigeaiv knivarj^^vid 
TtOTBj SiQTi räv votitäv, (äg 

ri tpxMFtg. 



getrennt ieit. Ab^ fem«r [ist] 
auch, der hoiUge Qteihi in iibx 
nämüebe» Wme [nicht ram 
Yat^r g«treii»t], gleichwie der 
G-edauke ebendassalbe ist, wie 
der Geist. Dens gl^hwie es 
nichts zwischen dem Geiste und 
dem Gedanken und der Seele 
giebt, was eine Theünng und 
Trennung der Seele [bewirken] 
köxxnte, so kann auch zwischen 
dem heiligen Geiste und dem 
Heiland und dem Vater eine 
Theöung oder Trennung nie- 
mals gedadbit werden, weil die 
Natur dieser gedachten und 
göttlichenWesen,wiewirgesagt 
haben, nicht getheilt werden 
kann.'' 

Dass wir hiei; das griechische Original vor uns 
haben, bedarf nach den gegebenen Proben hoffentUch keines 
Seweises. Dasselbe findet sich vollständig in des Gregorios 
^on Nazianz Werken als oratio XLV (Ed. Colon, p. 717 
=5 Ed. Bas. p. 578). Die syrische Uebersetzung der 
Schrift ist somit für uns, abgesehen natürlich von ihrer 
sprachlichen Bedeutung, völlig werthlos geworden, da 
wir den aufs beste überlieferten griechischen Text 
noch besitzen. Unter den gelehrten und scharfsinnigen 
Männern, welche sich mit den Werken des Nazianzeners 
auf das eingehendste beschäftigt haben, haben weder Johan- 
nes Leuvenklaius und JacobuB Billius, noch der auf- 
richtige, in der kritischen Grundlegung seines Werkes so 
sorgfältige XJll.mann, trotz der in den von Henricus Saviliu9 
und nach ihm von Montacutius benutzten Handschriften bei 
dem in Bede stehenden Tractat sich findenden Bandbemer- 
kimg: 'latiov iki xtnä nvceg 6 Idyog oirog afi(pißtiklitcu^ 
mit Ausnahioe der durch directes Zeugniss des Hieronymus 
dem Gregorios von Neocäsarea zugewiesenen Mnü 



— 206 — 

€pQaaig dg röv ^EftHhriautat'nv JSoXoii&vxoq und der elenden 
2tjfjLccaia üg röv 'h^B^iv^j die Autorschaft irgend einer der 
zahlreichen unter des Q-regorios von Nazianz Namen uns 
überlieferten Schriften diesem abzusprechen sich veranlasst 
gesehen. Auch ö. Lechler, der mit dem im Vorstehen- 
den von mir dargelegten literarischen Sachverhalt nicht be- 
kaamte Recensent von Ryssel's Werk über Gregorios im Li- 
terar. Centralbl. (1880. Nr. 20, S. 641—643) weist, freüich 
aus einem anderen als dem soeben angeführten Gnmde die 
Beziehung der Schrift auf Porphyrios zurück. Nach ihm 
setzt der Eingang S. 65 f. „einen so harmlosen Charakter 
der Fragen voraus, die an Gregor gestellt worden, dass der- 
selbe einen so principiellen Gegner des Christenthnins, wie 
Porphyrius unmöglich im Auge haben kann.'^ Nicht minder 
findet derselbe, dass dem Inhalt der Schrift „die nach dem 
Syrischen vorauszusetzende Ueberschrift nsgl t^q blAoovöiag 
nicht genau entspricht." Er erachtet letztere nicht für ur- 
sprünglich. Mit Recht, sage ich, wir kennen sie ja aus dem 
griechischen Original viel zutreffender und genauer, sie lautet: 
nsgl &e6Tr}Tog, „Dass aber der Gedankengehalt" — fährt 
der Recensent fort — „dem dritten Jahrhundert entspreche 
und nicht auf die Zeit der arianischen oder gar der christolo- 
gischen Kämpfe hinweise, dass somit der Abfassung durch 
Gregor nichts im Wege stehe, hat der Verf. überzeugend ge- 
zeigt." Auch H. Holtzmann. sieht in seiner Recension des 
Rysserschen Werkes (Deutsche Litteraturzeitung, herausgeg. 
von Dr. Max Rödiger, 1. Jahrg. Nr. 11, S. 361) die Haupt- 
leistung des Verfassers in der Uebersetzung, Commentirung 
und historisch-kritischen, sowie sprachlichen Untersuchung je- 
ner beiden „nut syrisch vorhandenen imd erst in Paul de 
Lagarde's Anal. syr. (Leipzig 1858) veröffentlichten Schriften 
„an Philagrius über die Wesensgleichheit" und „an Theo- 
pompus über die Leidensunfahigkeit und Leidensfähigkeit 
Gottes"" und erachtet „die Echtheit bdder Schriften, durch 
welche Gregor erst zu einer greifbaren Grösse für die Dog- 
mengeschichte erhoben ist," für „schlagend nachgewiesen." 

Ob RysseFs Resultat aber, dem beide angefiihrte Recen- 
senten zustimmen, nach diesem meinem Hinweis auf das längst 



— 207 — 

bekannte griechische Original der ersteren SchrüPb, deren 
sicher überlieferter Titel lautet: ÜQoq Evdygiov piova^ov 
Ttegl &e6TfjTog loyog, mit ihrer an den Namen des Grego- 
rios von Nazianz geknüpften Ueberlieferung auch ferner 
für so unbedingt zweifellos wird gelten dürfen, darüber wird 
endgültig erst eine nochmaUge genauere Untersuchung der 
Schrift, sowie eine sorgfältige Vergleichung derselben mit an- 
deren Werken ähnlichen Inhalts von Gregorios von Nazianz 
und den uns sonst bekannten Schriften des Gregorios von 
Neocäsarea entscheiden können. 



'^9U% 



Verlag von Joh. Ambr. .Bafth in Leipzig 
. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. 

Im Frühjahr 1882 wird .um ersten Mal erscheinen 

Theologischer Jahresbericht 

herausgegeben 



von 



Pro£ Dr. B. P«m'er. 

Ein Band von etwa 20 Bogen gi-os8 Octav. 



d.. ?rf ! "^t '" ^^^«^«^«"hängenden Abhandlungen über 
dn S^and der Forschungen in den einzehxen theologischen 

Ttr r^ ."'^^"'^ ^^^^^^^^'^"^ ^- ^«*^-«^-den • 

m. ^d ausländischen Literatur des Jal.es 1881 berichten. 

iL ^Tr. ^"'"'""' '" ^t-Testamenthchen Lite- 
ratur Pxof. D. SiEGFEiED-Jena, die Neu-Testamentliche Prof. D. 
HoLxzKA^^.Sta.a8sburg, die Kirchengeschichte (bis zum Nicae- 
num) Prof. Dr. H. LüDEMAKN-Kiel, (bis zur Reformation) Pfairer' 
1^1. PADi BöHEmGEB-Basel, (Reformation bis 1700) Prof. Dr 
BENEATH-Bonn, (neuere Zeit) Pfarrer WEBNEE-Guben, die Dog- 
matdc Kirchenrath Prof. D. LiPsi^s-Jena, die Ethik Prof. D. 
GAss-Heidelberg, die ReHgionsphüosophie und philosophischen 
Hulfswissenschaften Prof. Dr. B. PüNjEB-Jena, die praktische 
Theologie Prof. Lic. BAssEEMAim-Heidelberg, Kirchenrecht und 
Kirchenverfassung Prof. D. Seterlen -Jena, Predigt- und Er- 
bauungsliteratur Pfarrer DnEYER-Gotha. — 

Jedes Frühjahr wird ein Band erscheinen, der die theolog. 
Literatur des vorhergegangenen Jahres zum Gegenstand hat. 



Drack Ton Metzger 8c "W\ttSg io 1'''P''8- 



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Verlag von Joh. Ambr. Barth, iu Leipzig. 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. 

{„"„^;vS^;..tI'''^hHÄo^"'^'*°'*"'" V»*«"8 Testament! 
Apocryphorum Philolog ca ( graeco =■ latina ). 509 pag. 

Lexicon-Fonnat, 18d3. (statt M. 15. •) m 7 50 



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zu schreiben ohne unklar zu werd^f "^^Ste Foimv. *? '^®'' ^^^^ gelun- 
etwas zu wiineoi.o» lihnV. — T„ j "• -Dif» »*_ ^ ' ^u bajineu und iivä>!a 



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